Comic-Zauber I (Mosaik)

Weihnachten 2015.
In der Adventszeit – Geschenkeeinkaufstour wie immer. Im Buchladen in der alten Heimat, unweit vom Kinoabriss, stehe ich plötzlich und unvorbereitet vor dem hier:

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Man kaufts, lässt es eingeschweißt bis Heiligabend, legts mit unter den Baum und dann — nimmt man es in die Hand und noch vor dem aus der Folie schälen, überfallen einen die eigenen Erinnerungen.

Plötzlich bin ich wieder 5 oder 6 Jahre alt und darf im Ehebett einschlafen. Abendstimmung im Gründerzeitbau. Im Wohnzimmer nebenan ist Stille. Mutti arbeitet dort ohne Musik. Wenn Vater aus dem Herrenzimmer zur Toilette stampft, lässt er manchmal die Tür auf und ich höre die Tagesschaufanfare oder die Köpke-Stimme, ohne zu wissen, dass es zweierlei Sender gibt. Aber heute ist alles anders. Es ist Sommer und noch leidlich hell und auf Vaters Nachtisch liegen 4 Hefte: Runkel, Suleika und die Digedags!
Orrrrh!
Es war einmal das MOSAIK.

(Moment! Das gibt’s doch noch monatlich und im Osten verkauft es sich noch immer ganz ordentlich!
Mag sein. Aber das, was da an den Kiosken liegt, sind die Abrafaxe. Seit 1975 unterwegs. Die meine ich nicht. Mir geht es um das RICHTIGE MOSAIK. Es kann nur EINES geben. Das von Hannes Hegen! Mit den Digedags!)

1955-1975. 20 Jahre, in denen eine Legende erschaffen und durchgehalten wurde, die doch die Erzeuger trotz alledem nicht froh werden ließ…

1966, also genau in der Mitte jener Epoche, werde ich in diesen Strudel gezogen. Heft 115 und 116 liegen geraume Zeit im Zeitungsständer und sind mir mal vorgelesen, mal in Kurzversion vorerzählt worden – so oft, dass ich seitenlange Passagen so aufsagen kann, dass der Eindruck entsteht, ich könne lesen. Ich bin aber erst 6.

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Hauptinhalt ist die Rettung der Suleika, vor dem grässlichen Schicksal, wider Willen byzantinische Kaiserin werden zu müssen. Die Digedags ermöglichen stattdessen ihre erfolgreiche Flucht mit ihrem Verlobten Janos. Hoch spannend, weil dabei auch die Teufelsbrüder, eine trottelige Seeräuberbande, eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Sie tragen lustige Namen: Kraken-Zahn, Enterhaken-Ali, Tigerhai und selbstverfreilich führt das Nachfragen meinerseits via Erklärungen der jeweiligen Vorleser zu Wissenserweiterung. Enterhaken kannte ich lange bevor ich den „Tiger der 7 Meere“ im Kino sah.

Comics sind zum Sammeln da. Ich wusste es nicht. Die Eltern hatten andere Zeitschriften abonniert und hingen zu jener Zeit wohl noch dem Verdikt an, Bilderheftchen sind lustig, aber Schund. Wer zuviel davon konsumiert, ist für den geordneten Arbeitsprozess später verloren. Die Phantasie wuchert krankhaft aus. Die Triebe werden überreizt. Das endet im „Knast“, bei Haferflocken und Brennnesselsuppe! Andererseits war das hier „Schund“ aus dem Junge Welt Verlag! Das musste doch der Staat genehmigt haben! Das Vorurteil begann zu wanken.

Nun ja. An der Phantasiebefeuerung war allerhand dran! Wenn ich es mir recht überlege, dann war Suleika tatsächlich meine erste Traumfrau.
Ich hätte mir sogar vorstellen können, mit ihr klaglos Schokolade zu teilen! Mit Connie und Udo geschah das stets unter Protest.

Eines schönen Sommerabends also genieße ich DAS Privileg außer der Reihe: Nach dem Sandmann in den Ehebetten einschlafen zu dürfen und da lagen nun eben jene 4 MOSAIKS auf Vaters Nachtschränkchen! Es waren die Nummern 111-114, also die Vorgeschichte der spannenden Verfolgungsjagd. Ich glotzte mich fest und wurde erwischt: „Du schläfst ja noch nicht!“
„Guck mal hier! Noch mehr Runkel-Geschichten!“
„Die sind nicht uns’re. Die hat Vati nur geborgt.“
„Kannst du mir die schnell vorlesen?“
„Gleich alle 4? Jetzt nicht mehr. Morgen ist auch noch ein Tag. Und jetzt rüber in dein Bett. Nun musst du doch dort einschlafen!“
„Ooooch.“

Das mit der Borgung war so eine Sache. Vermutlich nur Ausrede oder aber nachträglicher Erwerb. Die Hefte blieben. Die 112 war meine Lieblingsnummer. Die Digedags werden dort aus einer misslichen Gefangenschaft befreit und verwandeln sich in die Prinzen von Makkaronien, die angeblich von einem König Petersilius ausgesandt worden waren, der in Kloßburg wohnte und Nudelonien regierte – gleich an der Grenze zu Brühistan! Da braucht es keine Nachfragen! Das verstehste auch mit 5!
Zudem gab es in der Nummer jenes Bild, worin Dig ein Schaf umarmt. Das fand ich soooo süüüüß, dass es dem Heft zum Verhängnis wurde.DSC02918-011mosaik

Ich hatte mich mal wieder festgeglotzt, aber Mutti wollte mich irgendwo mit hinschleifen und ich sollte aus diesem Grund schnell einen ganz bestimmten „chicen“ Pullover anziehen. Von Oma gestrickt – und kratzig wie Hölle! (Okay, diese Floskel gab’s noch nicht.)
Ich hielt es unbekannterweise mit Gandhi und reagierte nicht. Geistig befand ich mich gerade im mittelalterlichen Konstantinopel inmitten einer Schafherde mit Dig und Dag. Ich war also seeeehr weit fort – als ich zum Opfer elterlicher Willkür wurde. Gegen mütterlichen Absolutismus war kein Kraut gewachsen:
„Jetzt hab ich genug! Her jetz’!“
Das Heft wurde meinen Händen entrissen, zerfetzt und im angeheizten, aber noch nicht „zu gemachten“ Kachelofen Feuerbestattet. Für alle Zeit.

Oder jedenfalls für sehr-sehr lange. Denn:
Obwohl nun die Sammelleidenschaft erweckt worden war; ich in der 2. Klasse noch die 108 und 109 erkaupeln konnte, Zeitchen später gar die seltene 110 – in der Sammlung klaffte eine Lücke: Die 112!

Die Jahre vergingen. Die Sammlung vervollständigte sich wider aller Hoffnung auch ganz beträchtlich nach vorn. Zerlesenste Ruinenexemplare wurden erkauft, erkaupelt, (aus 2 mach 1)restauriert, … unsinnigerweise zuerst mit Klebeband, dessen Leimsäure das Papier durchfaulen ließ. Also Zweitrestauration nötig oder Zweitanschaffung, wenn sich Gelegenheit bot. Die rettende Idee, den geschundenen Heften Dauer zu verleihen war schließlich: Binden lassen!
Die 112 fehlte. Runkel Band 2 konnte somit noch immer nicht gebunden werden!

Mitte der 80er endlich ein Flohmarktfund: Ein lieblos gebundenes Buch eines resignierten Sammlers, der trotz Lücken zusammengepappt hatte, was so eigentlich nicht zusammengehört, fiel mir in die Hände. Kaufen, sauber auseinander schneiden, die 112 der eigenen Sammlung einverleiben, die Jagd schien beendet…
Von nun an fehlten nur noch Heft 1 und 11 – und die hatten ungefähr den Wert der Blauen Mauritius. Falls dir die mal jemand zeigt, will er einen Trabbi dafür – oder gleich einen Genex-Golf.
Ich besaß 88 der ersten 90 Hefte und wollte sie unter dem Titel „Die Digedags in alten Zeiten“ binden lassen. Aber Vater ließ den ersten Band (Heft 1-12) nicht zu. „Man weiß ja nie.“

Und es begab sich zu einer Zeit, als die Mauern von Berlinicho herniederstürzten, die Menschen sich in den Armen lagen und erneut beschlossen, ums goldene Kalb zu tanzen, dass der Satan gleißend Währung unters Volk warf und Bludgeons jüngerer Bruder nach Hannover fuhr.
Dort entdeckte er ein Comicantiquariat in dem in teuflischer Verführungskunst für eben dieses neue Geld, jenes gesuchte alte Comic-Manna zu haben war. Doch – o weh! Zu welch einem Preis! Eine Liste zählte zu den Mitbringseln jener ersten Hannovertour:

Die „11“ in Kioskqualität irgendwo im niederen dreistelligen Bereich.
Qualität 2, „used, aber nicht zerfleddert und vollständig“ für 80.- DM;
die „1“ in Kioskqualität für 1150.-DM, Qualitätsstufe zwo 770.- DM, … endend bei Q-Stufe 5 oder 6 unvollständig, mit zerfledderten Seitenrändern ohne Vorder- und Rückseite für 60.- DM. Adieu Vollständigkeitsträume.

Dann kam Weihnachten 1990. Das Jahr der Aufholkäufe ging zu Ende. Da waren plötzlich Platten da, von deren Besitz man nie zu träumen wagte, Bessyhefte in Reminiszenz an alte Gier von gestern (nur ein paar), Karl May Lücken geschlossen – und: Ich glaubte den absoluten Kohutek der Wunscherfüllung beisteuern zu können! Vater hatte sich ein Videogerät geleistet und früher mal von verschollenen Filmen seiner Jugendzeit geschwärmt. Ich hatte mir einige Titel davon gemerkt und nun einen solchen auf VHS aufgetrieben! Die Bescherung kommt und Vater wickelt aus – und reißt die Augen auf und strahlt mich an: „Von dir?! Danke. — Dass ich DEN noch mal zu sehen kriege! Den müssmer nachher gleich gucken!“

Aber er hat ein Ass im Ärmel, denn auch ich wickle nun was aus und halte in Händen: „Die Digedags in alten Zeiten“ Band 1!
„Ui! Habtter zusamm’gelegt für die 11?“ strahle ich Vater und Bruder an.
„Guck erstma’ rein“, grinst Bruderherz zurück.
Und ich schlags auf und mich trifft der Schlag: Heft 1 !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

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„Seit ihr noch zu retten?“
„Vorne leicht kaputt und hinten sind 2 Seiten nur Farbkopie. War preiswert.“

Die Preisliste wurde mir nie wieder gezeigt. Ich kann nur raten.
Aber Happyend.

Für mich.

Erst ab 1994 kam stückweise ans Licht, an wie vielen Fronten Monat für Monat in der Redaktion gekämpft werden musste, damit 20 Jahre lang das erzeugt werden konnte, was das Beste an der DDR sein und bleiben wird: Das MOSAIK von Hannes Hegen!

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8 Gedanken zu “Comic-Zauber I (Mosaik)

  1. Ich sags ja immer – Sammler….tststs (und ich weiss wovon ich rede. Allerdings bin ich auf den Zeitraum gesehen eher Jäger).
    Das kostbarste Stück in der Sammlung ist immer das, was noch fehlt….
    Und wenn wir schon beim Thema sind, ich suche gerade noch die ~~~ ach

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  2. Also erstens bin ich jetzt empört, daß ich heulen muß und zwotens so sehr angerührt, daß das irgendwie auch Freudentränen sind…

    Der Duft der kleinen Schreibwarenhandlung in der Kreisstadt, die kleinen beschrifteten Holzfächer, die aus irgendwelchen Gründen ständig anders hießen, die eilige Suche, wenn der Herr Vater mich mal mitnahm zum Abholen und die abgrundtiefe Enttäuschung, wenn das nach ihm benamste Fach leer war. Die unfassbar gleichgültige Antwort der Schreibwarenfachverkäuferin (Ha!): „Nu, kummse halt murgen, de Diggedachse…“

    Selbst gelesen habe ich später erst die Abrafaxe und dann mir lückenhaftig die Vorgänger einpupilliert. Danke für diesen Sammlereinblick, ich bin echt angerührt, denn mein Vater hatte die alle abonniert und dann teilweise, nunja, er war kein Sammler…
    Das Hegenbuch, da werde ich gleichmal suchen, auch dafür meinen Dank, werter Bludgeon. Sie sind ein Erinnerungsschubladenaufreißer der ganz eigenen Art. Ich erwäge eine eigene Bezeichnung: „Verzeihen Sie bitte meine Abwesenheit, ich wurde gerade bludgeonisiert!“

    Augenwischende Grüße, Ihre Frau Knobloch, erinnerungsbeseelt noch etwas beichtend: Ich dachte als Jugendliche eine Zeitlang, ein Digestif wäre aus irgendwelchen Gründen nach einem Comic benannt…

    Gefällt 1 Person

  3. „Ich hätte mir sogar vorstellen können, mit ihr klaglos Schokolade zu teilen!“ Was man für Traumfrauen nicht alles tut *g*
    Dolle Geschichte mal wieder. Einiges kann ich sogar nachvollziehen, auch bei mir wurde „Schundliteratur“ manchmal ungefragt entsorgt, sonst hätte ich heute noch die deutsche Superman Erstausgabe. Oder auch nicht, weils mir irgendwann selber peinlich gewesen wäre. Wer hat denn damals ahnen können dass der Kram mal hoch gehandelt wird, nu isses auf einmal eine Graphic Novel und kostet viel Geld.
    Und es gibt nix schlimmeres als eine unvollständige Geschichte, daher war ich auch einmal gezwungen so ein Comic Antiquariat aufzusuchen und für Band 1 eines dreiteiligen französischen Comics eine horrende Summe auszugeben, wenn auch nicht ganz so irre, es war „nur“ ein hoher zweistelliger Betrag. Ich bin da auch nie wieder reingegangen, viel zu gefährlich..

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  4. Pingback: The days before Rock & Roll (2) | toka-ihto-tales

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