ELVIS lebt!

1972 oder 73. Sechste oder siebente Klasse. Mathe-Vertretungsstunde im Musikraum. Herr L. scheint den Raum nicht zu finden und kommt zu spät. Luggy, der musikalische Pastorensohn, ein Jahr zurückgestellt und deshalb „überaltert“ in unserer Klasse, frühreif und durch zwei ältere Hippie-Brüder „verdorben“, mit äußerlich entfernter Ähnlichkeit zu Robert Plant, den wir wiederum noch nicht kennen, entert den Flügel und gibt Rock&Roll vom feinsten: Fantasie-englisches Zeug plus deutschsprachigem „Scheißhausrock“, als Herr L. endlich den Raum gefunden hat und in der Tür steht. Luggy bricht ab, beißt die Zähne zusammen, zieht die Mundwinkel breit und schleicht geduckt zum Platz. Herr L. handhabt die Situation moderat mit kurzem „ts-ts-ts- da bin ich ja gerade noch rechtzeitig gekommen…“ und beginnt mit dem Unterricht. Am Ende ist er 5 Minuten zu früh fertig und sagt doch tatsächlich: „Luggy komm, spiel noch eehn.“ Und zeigt auf den Flügel.

Die Stunde begann mit „wammpampaady und ä kauntydschejl, nizzle inde dizzle inde name of fail““ und sie endete auch so. Den Scheißhausrock traut er sich in Lehrerbeisein nicht ein 2.Mal. Das ist auch nicht nötig. Der Text saß vermutlich bei allen sofort. Nicht nur bei mir. Vier Jahre Flötenunterricht liegen hinter mir und nun, im zweiten Jahr meiner Akkordeon-Qual, saß ich betroffen und geplättet in meiner Bank. Nichts! Aber auch gaaaar nichts hatte mich zuvor so dermaßen umgehauen, wie Luggy am Klavier. Und der benutzte beide Hände! Und es klang! Laut, heiß, fetzte wie nur was – hätte eeeeewig weitergehen sollen – aber da klingelte es. Luggy brach ab, alles tobte zur Pause, scheinbar war nur ich in Trance…

Auf dem Hof noch ein paar Komplimente an den frisch geouteten Pianoman:

„Ey Luggy! Saaach deim Vahdor, er soll dor ne chrößre Ohrmbanduhr schbendiern! Sonnst wärd das nüscht mit dor Alvin Stardust Garrjehre!“

„Luggy dor Dasdnfiggor! Echt ehy! Geil. Gannsd bei Slade einsteichn.“

„Gwadsche keehne Scheihse! Die brauchn kehne Dasdn. Ä Gilbord O’Sallivan würddä.“

Ich hielt mich raus. Mir hatte es die Sprache verschlagen. Dem bringen die Brüder ratzfatz bei, mit 10 Fingern zu spielen und ich mühe mich seit zwei Jahren bei meiner alten Akkordeonlehrerin ebenfalls beidhändig aber erfolglos an Hits der Marke „Bauernmarsch“ oder „Vuchelbeerbaaahm“ ab…

Nunja, das mit dem Abmühen ist relativ. Die Musikauswahl und das uncoole Instrument kotzten mich dermaßen an, dass ich mich eher vor dem Üben drückte und bald schon die offizielle wöchentliche Unterrichtsstunde durch einen mehr oder weniger langen Toilettengang verkürzte. Und so stand eben Luggy im Licht – und Bludgy nicht.

In der 8. Klasse bekamen wir unseren Geschichtslehrer auch in Deutsch und das fand zum mindesten ich sehr gut, weil er mein Lieblingslehrer war. Jung, witzig, konsequent und undiplomatisch gradlinig.
Der gab eine lehrplangetreue Aufgabe auf:

Bis nächste Woche; Hausaufsatz, Thema „Mein Vorbild“, nehmt jemanden, denohr leiden gönnd und schreibt mindestens anderthalb Seiten. Klar!“

Angela meldet sich. Herr M.: „Wassn noch?“

„Kann ich da auch mein Papa nehm?“

Kmmmmm, Vogelzeigen, Kichern, unterdrücktes Gelächter. Eine Geste von Herrn M. genügt.

„Glar. Geht alles. Abor keene Viechor! Nich dassor mir mit Cheeta oder Lassie gommd! Verarschn gann ich mich allehne.“

Ecke singt: „Ich wär so gern ein Huhn. Ich hätt nich viel zu tun…“

Herr M.: „Na dem Ideal bisste schon verdächdsch nahe gegomm.“

Bernd: „Ohr Ecke! Zeich‘m jetze bloß nich deine Eier!“

So schrieben wir also drauflos und gaben pünktlich nach einer Woche ab, außer Kalle, Impfe und Ecke, die – vergeblichen Aufwand sparend – die 5 lieber gleich akzeptierten.

Eine weitere Woche später bekamen wir die Aufsätze bewertet zurück. Ohne Kommentare, einfach so. Die Vorgängerinnen von Herrn M. hatten den – oder die besten immer vorlesen lassen. Also meldete sich Andreas und wies Herrn M. auf diesen Brauch hin.

Die Antwort war: „So? Naja. Wir hatten 6 oder 7 Einsen. Das dauert zu lange. Wer will denn?“

Andreas: „Kann nicht Luggy vorlesen? Der hat über Elvis geschriehm.“

Herr M. „Der hadde doch bloß ne 2, aber von mir aus.“

Gesagt getan. Wir bekamen so einen typischen BRAVO-Schwärmtext vorgelesen: „Wenn Elvis zur Gitarre greift, vergess ich alles um mich her…“

Weiß der Teufel, wo er diesen Schwulst herhatte. Eventuell war seine ältere Schwester die Ghostautorin. Mich plagte beim Zuhören vor allem der Gedanke, dass ich scheinbar der einzige war, der wiedermal nicht wusste, was alle zu wissen schienen: Wer war dieser Elvis?

Also zuhause nach gefragt:

„Vati, kennst du Elvis Presley?“

„Die Heulboje des Kapitalismus? Klar. Das isso ein vernegerter weißer Ami, der so tut, als ob er singen kann.“

Ach klar. Ich hätte die Antwort ahnen können, wenn es um modernere Musik ging. Bekam ich doch bei Fernsehauftritten von Bands aller Art und väterlicher Anwesenheit stets die Kommentare über „Hottentottenmusik“, „ungewaschene Hälse“ und „die sollten was essen, dann hörnse off zu schrein“ gleich mitgeliefert. Aber es kam diesmal noch ein unvermuteter Nachsatz:

„Als ich Mutti kennen lernte, war der im Westen irre berühmt und deshalb hier verboten, wie nur was. Da hamm die den aufm Tanzboden zu später Stunde manchmal doch gespielt und dann ging die Post ab: Hey Barbariba, yesyesyes-no… und so weiter.“

Verboten! Und dieser gesangliche Ansatz „Hey Barbariba“ ließ prompt Bilder von Luggy am Flügel auferstehen. Der musste was sein!

Der Song an sich war, wie sich später herausstellen sollte, eine Fehlinformation: Hey Barbariba hat Elvis nie gesungen. Aber der Zeitraum stimmte und Rock&Roll der 50er Jahre klang so schön alt, nach Bodenkammerfundmusike, nach Holzkastenradio, Frohburger Mansardenwohnung und Omas Schnittchen … es wurde eine Liebe fürs Leben.

Ich hörte seit jener Vertretungsstunde im Musikraum begeistert „Memory-Hits“ vom Deutschlandfunk, hatte aber bisher die Namen einfach vorbeirauschen lassen. Nun begann ich HINzuhören: Wann kommt mal was von Elvis…

Der musikalische Horizont wuchs. Luggy kannte noch Buddy Holly, der mit einem Flugzeug abgestürzt war. Den Akt stellte ich mir nicht als profanen Schlechtwetter-Crash vor, sondern als schief gegangenen Showeffekt: Buddy Holly an den Steuerknüppeln eines Stuka‘s, der in Richtung Bühne sturzflugt und die Kurve nicht kriegt. Detonation und Feuershow statt Rockkonzert. Buddy Holly ist tot, es lebe Buddy Holly! Alice Coopers Bühnenpräsenz lieferte die Denkvorlage (gemixt mit antiquarischem Lesestoff) Little Richard und Jerry Lee Lewis kannte er noch. Bald schon überholte ich ihn:

Doowop fetzt mehr als Rockebilly!

Hä?

Platters, Moonglows, Franky Lymon and the Teenagers… Die Rubettes beklaun die gerade.

Ich war zum Auskenner geworden. Die Fan-tümer wechselten, wie die Hemden.

Im Frühjahr 1977 lief im Radio eine selten schöne Nummer namens „Moody Blue“. Die Anmoderation verriet: „Hier mal wieder was vom King…“ Huch? Den gibt’s ja auch noch?!

Ein paar Wochen später waren große Ferien. Nächtelange Beutezüge im Nachtprogramm der Radiosender. Es wurde August. Dann kam der 16. …

„Way down, such a lovely place, way down I am tired of waste…“

„Der 42jährige King of Rock&Roll wurde heute morgen tot in seinem Badezimmer gefunden…“

„There will be peace in the valley for me-he-he-he … someday.“

Jetzt war someday ran.

Die Sender überschlugen sich. HR3 reagierte mit einer komletten Rums-Sendung: Karriereüberblick. Nachruf. Hier erst erfuhr ich von seiner Filmmisere, vom Comeback Special, von der Las Vegas Phase. Hier erbeutete ich „in the ghetto“ und „Suspicious minds“. All time fav‘s (neben anderen Nummern auch).DSC03973elvis

Die ARD ließ sich nicht lumpen und sendete kurz hintereinander erst „Alloha from Hawaii via sattelite“von‘73 und dann das 67er „NBC Comeback Special“. Und wir hatten gerade den früh60er Fernseher entsorgt und nun einen mit Diodenbuchse! Elvis live – und länger!

NDR2 sendete 10 Teile „Let me be your Teddybaer“, eine Elvisbiografie in Wort und Musik von Wolf Rüdiger Sommer; und die „Memory Hits“ die 20teilige „Elvis Presley Story“. Wer damals etwas über Elvis wissen wollte – der erfuhr es. Udo und ich wurden Elvis-Junkies.

Ein Jahr verging: Udo hatte begonnen zu rauchen. Nicht wie alle – Karo und alte Juwel, sondern Zigarre. Am 16. August saßen wir beide im Biergarten der Schönburg unter der Linde. Udo legte nicht wie gewohnt Zigarrenpackung und Feuerzeug neben sein Bierglas, sondern eine Schachtel „Memphis“- Zigaretten (für damals 7.- M die teuersten Glimmstengel im Osten). Vom Nebentisch kommt ein neidischer Kommentar.

„Guggse dir an die Hüppor! Keeh eichnes Jeld verdien, obor Memphis roochng!“

Udo, der Lehrlingsgeld bezieht, nimmds gemütlich: „Ruuuhich Meestor, mir ham August! Vorsjoahr um die Zeit is dor Ging gestorm, deshalb muss das jetze ma‘ sein! Wollnse eehne?“ und hält die Schachtel rüber.

Der Wirt bringt gerade Nachschub und hörts.

„Jungs, ihr seid richtich. Was wolltor trinkng.“

Wir sind stilecht drauf: „Kreuz des Südens“. Er bringt den damals beliebten Aprikosen-Rum-Verschnitt und setzt sich ungefragt zu uns: „Elvis-Fans? Alle beide?“

Wir schwärmen ihm ein bisschen die Ohren voll, dann packt er aus:

„Ich komme ja nich‘ von hier. Ich bin von drühm hierher gezong. Von Hessen.“

„Warum denn das?“, staunen wir ihn an.

„Ach, frachd misch nisch. Lange Geschichde. Eigentlich gings mir drühm gut. Ich war Zivilbeschäftischde‘ bei de Army in Friedberg. Gelernde‘ Friseur. Meister a! Ich hab de Elvis de Hoar‘ g‘schnitten. Meh’molls!“

Wir glaubten eine Jesuserscheinung vor uns zu haben!

Er genoss den Eindruck seiner Flunkerei und belohnte uns noch mit dem Turmschlüssel.

„Wolltor hoch? Gebbsch nüch jedn, gell. Nur weil ihrs seid.“

Dann standen wir oben, genossen das Panorama.

Udo: „Gloobst du ihm die Geschichte mit Elvis?“

Ich: „Nö, aber’s fetzt.“

In letzter Zeit trieb ich mich wieder viel auf Burgruinen herum. Sommerwetter. Ausflugslokale, umgeben von halbweggeklauten Mauern.

Und wieder ist es August. Der denkwürdige 16. von Memphis ist nun 40 Jahre her.

DSC03974elvisDer „Rolling stone“ feiert ihn mit einer Elvis-Titel-Story und einer beiliegenden Vinyl-Single. Sie enthält auf der B-Seite „Blue Moon“. Damit nicht genug! Im Artikel wird endlich auch einmal gewürdigt, was für eine unerhörte und sträflich unbeachtete Nummer das ist. Ein Must Have!

Elvis immortalis est.

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13 Gedanken zu “ELVIS lebt!

  1. Toll geschrieben…auch wenn ich nie Elvis Fan war…(vielleicht weil meine Eltern seine Platten ständig auf einem riemengetriebenen 25 Mark Schallplattenspieler hörten…da habe ich mir vom ersten selbst verdienten Geld einen Kopfhörer und einen Kassettenrecorder gekauft und brauchte das Elend nicht mehr ertragen 🙂 Und dann besorgte mein Schulmusiklehrer einen richtigen Synthesizer , kam damit nicht klar und ich machte zur Begeisterung meiner Eltern Schulüberstunden…allerdings wussten sie nicht das ich schwer damit beschäftigt war ein zweiter Klaus Schulze zu werden …nun ja , fast zumindestens…ganz habe ich dessen Tricks nie rausbekommen und musste also doch seine Platten kaufen…standesgemäss mit einem Technics Plattenspieler (selbstverdient in den Sommerferien)…und meine Eltern nannten mich einen Oberwichtigtuer mit geldverprasster Attitüde..recht hatten sie und es machte Spass….

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    • Ja so Hottentottenmusikverächter als Väter haben den Vorteil, dass sie während ihrer (nunja) „musikalischen“ Anwandlungen „Lustige Musikanten“ Klänge von Melniker Mädeln/Melniker Knödeln und Preußens Gloria sowie Operetten bevorzugten. Der Nervfaktor für den Nachwuchs dürfte identisch sein. Hätte Vater Elvis gemocht, würde mir heute was fehlen.

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  2. Deshalb muss ich echt aufpassen was für eine Musik bei mir läuft…höre ich zu oft Nirwana …denkt mein Sohn noch er muss die total blöd finden um nicht so zu werden wie sein alter Boss… 🙂 also lege ich Helene die Fischer atemlos auf …aber wohin verkrieche ich mich solange die…äh…singt ?

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    • In der Beziehung lief das mit meinem Sohn echt gut. „Der Alte redet nur vom Musikmachen – ich lern Gitarre spielen!“ Und prompt klampft er lauter gutes Zeug. Wir waren auch gemeinsam im Neil Young- und im Kiss-Konzert ohne dass ich hätte lange betteln müssen. Kann man nicht meckern.

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  3. Großartige Geschichte(n) wieder einmal, der Dialekt wär sicher gut für ’nen Podcast :)). Das Akkordeon hätte ich in dieser Zeit wohl auch für völlig uncool gehalten, aaaaber: ist es nicht! Ganz und gar nicht!

    Frag Horst Krause 😉

    (Elvis kommt bei mir immer nur auf Platz 2 unter den Königen, kann man nix machen. Platz 1 gehört Chuck Berry solang ich denken kann)

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  4. Einerseits … wieder mal so ein wunderbarer Beitragvon Dir … der es so treffend auf den Punkt bringt … nämlich welche elektrisierende Wirkung Musik … nicht nur für kids … haben kann …. Da fällt mir wieder mal der alte Nitzsche ein: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum … Ein ganz, ganz großartiger Beitrag, der neben all den homoristischen Aspekte auch viel feine Zwischentöne hat …

    Andererseits … muss ich meinem Vorredner Zaphod einfach nur recht geben … Die unbestrittene Nummer 1 ist und bleibt CHUCK BERRY … dagegen ist der Elvis ne lahme Ente (mit ein paar Ausnahmen aus der Frühzeit) … Chuck konnte Gitarren pielen wie der Teufel und seine Texte … mit das Beste was die Rock n Roll Lyrik aufzuweisen hat … der war am Puls der damaligen Zeit … mit all den Hoffnungen und Sehnsüchten …

    Buddy Holly war auch nicht schlecht … er verkörperte den Highschool Rock der weißen Mittelschicht am besten …

    Aber natürlich: der King ist noch heute kommerziell gut im Rennen …

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    • Chuck und Buddy mag ich auch sehr; Holly mehr als Berry; wie das so ist mit den Nummer 1en – am meisten Weiterentwicklung nach der Rock&Roll Phase zeigten aber Little Richard (anfang der70er mit 3 epochalen, aber leider erfolglosen Werken) und seltsamerweise eben auch der von mir mittlerweile sehr geschätzte Rick Nelson.
      Dion DiMuchi wäre da auch noch eine wandlungsfähig große Nummer.
      Gene Vincents hippieskes Spätwerk „a million shades of blue“ fällt mir da auch noch ein.
      Chuck hatte intelligente Texte – jau. Spielerisch jedoch erinnere ich mich an jene Hommage von Keith Richards, der schier verzweifeln wollte an der limitierten Spielfähigkeit seines Idols.
      Berry ohne das durchgeknallte Honkytonk Piano der Frühphase klingt schon reichlich gewöhnungsbedürftig.
      Ich hatte da mal ne Amiga Lizenz LP – hm – suboptimal. Geil – ist anders.

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  5. Pingback: The days before Rock & Roll (4) | toka-ihto-tales

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