Fehler im System XII

Renft und ich (I)

In Zeiten von Spotify und Playlist-Hamsterei ist das, was ich hier mache, so notwendig wie ein Schuss ins Knie. Das ist mir klar. Die gut 50 Jahre der kulturgeschichtlich-philosophischen Relevanz von Rockmusik sind dahin. Ging zuvor den Malern so; und den Theatern. Bald müssen Rock-Konzerte staatlich subventioniert werden, als Akt der Altenpflege. Wart‘ mal ab!

Im Alle-Augenblicke-Blog neulich hat jemand auf einen schönen Jugenderinnerungspost „Vaters Schuhe“ kommentiert:

„Wir klammern uns an diese alten Erinnerungen, weil unser Prozess des Loslassens begonnen hat.“

„Vaters Schuhe“ dort, Renft-Erinnerungen hier, Jahrmarkt-Episode im Ärmelblog –Old Mens Spring.

Nichts bleibt, wie es war. Der deutsche Schlager kehrt zurück. Helene wird demnächst Kanzlerin, wenn’s Rezo nicht wird. Die Geistlosen wetteifern mit den Eierlosen, wer mehr Gangsta ist, bevor sie konvertieren. Der Rest hält Giesinger und Weiss für Songpoeten. Alle Lichter gehen aus.

Da erzähl‘ ich mir als Akt der Selbstvergewisserung mal meine eigene Renftgeschichte herunter. Ein Selbstgespräch also.Vielleicht merkt aber jemand da draußen, dass es ihm mit Star X oder Y ähnlich erging: Etwas zu spät drauf gekommen, dass das was Wichtiges ist, was der/die so gemacht haben.

1. Der 12jährige

Es begann irgendwann 1972/73 mit „Wünsch dir was“ am Sonntagnachmittag. Irmgard Düren sendete dort „Cäsars Blues (Wie ein Krokodil auf der Regenwiese)“ zweimal in kurzem Zeitabstand. Sie hatte zuvor oder später mal auch Scirocco mit „Sagen meine Tanten“ und die Puhdys mit „Chile! Zerreiß die Ketten! Wirf sie ab!“ im Gepäck. Aber bei Renft hatten fast alle Vollbart und längere Mähnen als die Konkurrenz! Und der eine da – war sogar Brillenträger! Am-Montag-Gedenkkonzert-fuer-Peter-Caesar-Glaeser-in-Leipzig_reference_2_1 (2)

„Brillengeier!“ war eine oft zu schluckende „Hänselei“ der Zeit damals und für die Rache fehlte die Kraft.

Deshalb brachte der Anblick des bebrillten Cäsar da, den 13jährigen Piefke vor der Mattscheibe natürlich in eine völlig neue Umlaufbahn. Zeitgleich wurde den Eltern bewusst, dass diese Mode nun keine Eintagsfliege mehr war – und so war die lausige Fasson-Schnitt-Zeit endlich beerdigt! Renft sei Dank – zum ersten! Wenn ich heute all diese ungedienten Jahrgänge mit ihren „Under-Cuts“ herumrennen seh: Sie wissen nicht, was sie tun! Koppelbreite überm Ohr frei? Gratuliere! Himmler hätte seine Freude dran! (Ironie aus!)

2. Der 15jährige

Zeitchen später, Herbst 1975:  ZDF „Kennzeichen D“ macht publik: Die DDR verbietet ihre erfolgreichste Rock-Band! Da war ich 15. Mit 15 weiß man alles, kann man alles und hasst die Welt; na gut – außer Kerstin und Heidi – aber die wissen nichts davon.

Also war ich bis dahin noch der Meinung, dank meiner angesammelten umfangreichen Lebenserfahrung, dass Ostrock nichts taugen würde. Das sind alles „bestellte Nummern“, Soli-Beat-Gesänge usw. Es ging ja nicht nur mir so. Wir 9.Klässler und die zwei Jahre ältere Patenklasse hörten West-und Ostsender, immer auf der Jagd nach Beute. Aber selbst in der „Notenbude“ oder der „Beatkiste“ auf „Stimme der DDR“ lauerten wir auf die West-Songs. Der eine oder andere von den 11.klässlern lobte Illes und Omega, oder erzählte Heldengeschichten nach, wie den Auftritt der Klosterbrüder mit Sarg, den es vermutlich nie gegeben hat, denn in Keßlers Memoiren findet sich dazu nichts. Aber sowas war noch die Ausnahme. Die Ost-Titel im Radio wurden genutzt, wie Werbepausen heute, für den Toilettengang oder den vorbeugenden Run auf die Küche zu Mutti: „Bitte jetzt kein Brot schneiden! Ich nehme oben auf!“ (Die Brotschneidemaschine war nicht entstört!)

Hätte mich um 74 oder 75 jemand gefragt: „Welche Ostrocktitel kennst du denn?“, hätte ich nur ein paar Zufallskuriositäten nennen können: „Krokodil Theophil lebte damals noch am Nil“, „Du Kathrin! Tochter Courage! Du Mädchen! Ein Kind mit Mu-hut!“, „Uuuuuu-nser Sommär gett zu Ä-händäääää und der Cherbbst kommt auch ßuruck“, „Geh zu ihr und lass deinen Drachen steigen!“ Das war doch alles weniger als nix!

Wo war da das Aufbegehren von „Baaaanging man“, die Wut von „Teenage rampage“, die Romantik von „Far,far away“ oder gar die abgebrühte Arroganz von „Fame“?

Nun aber dieses Verbot! Und dann da die Beweise! Die Sendung spielte sie in voller Länge. Zum ersten Mal erklang die „Otto-Ballade“ – 1975 – im West-TV voll ausgespielt mit Untertiteln, damit auch ja niemandem die Botschaft entgeht:

„…nach dem Tüten kleben/wollt er nicht mehr leben/er fuhr nach Wittenberge rauf!

Und ging in die Elbe/die Stelle war dieselbe/Vielleicht taucht er in Hamburg wieder auf!

Hol mich nach Norden, Hol mich nach Norden!

Hol mich oder ich flieh!“

Vermutlich stand mir tatsächlich der Mund offen! Sowas singen die? Wow! Un-fass-bar!

Aber auch klar, dass die damit hier nicht durchkamen. Warum machen die sowas? Das ist doch 3 Nummern zu dicke! Die sind doch soviel älter als ich! Da müssen die doch wissen, was geht! Die sind doch erwachsen! Wieso laufen die ins Messer? Mit 15 blickst du da nicht durch. Und so entsteht der gelebte Widerspruch: „Das ist irre!“ Aber auch: „Das sind Helden!“

1975Noch am selben Tag war ich in der Stadt, weil ich wusste, dass die 2.LP von Renft noch im Plattenladen herumlag. Ich kannte mich dort bereits aus. Denn erstens war der klein, die Auswahl mager, aber ich hatte dort immerhin schon mal ne „Donny Osmond“-Kassette gekauft. Heimlich. Die Osmonds mögen – als Kerl?! Von denen ging nur ein Song durch die Geschmackskontrolle der Allgemeinheit: „Crazy Horses“! Und der war da nichtmal drauf!

Ich also schnur strax zum Amiga-Regal: Horst-Krüger-Septett; (allein der Name schon abschreckend!), No to Go, (was immer das is‘; vermutlich ne Polentruppe, so „schüchtzschi pod wüschczli“), Frank Schöbel, Hauf und Henkler, Peter Albert (da lohnt sich nicht mal Spott!) – hier: Renft!

Ich las die Titel, aber die sagten mir nichts; oder eben genau das falsche:

„Ich bau euch ein Lied“; liest sich schon wie Singeclub.

Renft 74„Nach der Schlacht“; bestimmt so’n „Befreiungs-Opus“; 30 Jahre Kriegsende wurden ja gerade mit propagandistischer Überdosis begangen;

„Als ich wie ein Vogel war“; ein vertontes Lesebuchgedicht?

„Gelbe Straßenbahnballade“, ach hör auf! Fetzt alles nicht!

Auf’ner erlaubten Platte haben die, wie alle andern auch, doch nur harmloses Zeug singen dürfen! Im ZDF hatten sie ja zum Besten gegeben, dass da „ganz oft“ der Pannach was geschrieben hatte und dann musste Demmler kommen und die Sache entschärfen.

Nee, die 16,10 M sparste dir. Was „Otto-Balladen“-Ähnliches ist hier nicht zu erwarten.

Die Platte lag noch so manche Woche. Die Sendung schienen nicht viele gesehen zu haben. Sogar in Leipzig, dem Ort des Geschehens, lag sie noch Monate lang in der „Blechbüchse“ und im „Alten Warenhaus“ aus. Und da gabs massenweise Studenten!

„Deutsche Sprache ist keine Rocksprache!“ war damals so ein Spruch, der wohl nicht nur auf unserem Schulhof Dogma war.

Auch die Pausengespräche mit der Patenklasse ergaben nichts, was Lust auf den Kauf gemacht hätte.  Es wurden lediglich ein paar Konzert-Kuriositäten erzählt, so in der Preislage:

„Als die neulich im chrosn Gino gespielt ham, musste dor Drummer solange ä Solo kloppn, bis die annern ausm „Jakobs-Tor“ gächnübor vom Saufm zurück warn.“

Nun ja. Kaufentscheidungsfördernd war das nicht. Mir wurde nur bewusst, dass ich die Plakate für das Konzert in der Stadt hatte hängen sehn. Heute weiß ich, dass es das vorletzte vor dem Verbot gewesen sein muss. Danach spielten sie noch in Zeitz. Danach fuhren sie nach Leipzig heim zum Vorspiel, auf dem das Verbot geschah.

Eine historische Stunde verpasst. Es war knapp.

3. Der 17jährige

Kaum waren die Renft-LPs verschwunden, begann ich eben doch auf Ostrockplatten zu hiepern. Die Stern Combo Meißen hatte live und im Radio einen Siegeslauf zur Supergroup hingelegt, der die Erwartungen an ihr Debut-Album in die Höhe trieb. Wann würden die Bonzen denen eine LP erlauben? „Der Kampf um den Südpol“ war die Übernummer der Zeit, die die Vorfreude auf das erste Live-Album der DDR schürte. Da das Album jedoch nicht zum angekündigten Zeitpunkt erschien, waren dann eben doch „Die großen Erfolge“ der Puhdys und die „Idorablö/Timerobber“ von Omega die ersten Ostrockscheiben, die sich auf dem Familienplattenteller drehten. Dann kamen Bayon und Lift heraus. Letztere DIE Überraschung schlechthin! Die stießen in meinem Freundeskreis die Stern Combo vom Thron!  Zumal deren Live-Album dann die Erwartungen nur so la-la erfüllte. Dann Kerth-Konzert und wenig später LP Kauf auch seiner Platte.:

„Aufgebahrt auf des Hotels Leinentuch liege ich und warte auf den Schlafvollzug….“

Yeahr!

Schlafvollzug/Strafvollzug. Botschaft erkannt! Denn wir hörten hin! Wir fanden Konterbande auch in Texten anderer Bands. Es entstand sogar eine Art von Wettbewerb auf langen Klassenfahrt-Zugreisen: Was ließ sich wie gegen den Strich bürsten! Ostrock hatte sich durchgesetzt. Der Spruch von der „nichtseienden Rocksprache“ wurde nie wieder gehört. Renft sei Dank – zum Zweiten!

Und 1978 in der Jugendherberge Dessau lag sie dann: die „Renft“ von’74! Verknistert und verknastert. Sie rotierte während unseres 3tägigen Aufenthaltes dort very heavy.

„Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut! Irgendwann denkt er dann, wenn auch nicht laut!“

Das war eben doch durch die Zensur gerutscht! Und nicht nur mir ging es so:

„Hättch die doch bloß jekooft! Damals! Die lag noch rum nach der ZDF-Sendung! Hättch doch nur!“

©Bludgeon

3 Gedanken zu “Fehler im System XII

  1. Nun, bis zu deinem Blog kannte ich Renft nicht. Nun habe ich sogar eine Scheibe von ihm, „Wer die Rose ehrt“, ich glaube eine Compilation ist das. Und deine Texterläuterungen waren auch nicht so schlecht. Schon erstaunlich, mit welchem Image die Musik aus der Zone bis heute behaftet ist… Wenn man mal schaut, was da hier lief, ohne Worte.
    Naja, bin dieser Tage ohnehin auf dem Marillion-Trip (Script for… / Super Deluxe Edition mit Autogrammkarte, feeling like 15…)
    Grüße.

    Gefällt 1 Person

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