Die Frischluftdusche der 70er

„Couldt be wrong-a, couldt be right …“ PIL sind so eine Combo, die immer mal wieder die Schwelle zum Ernstgenommen werden streift, einen Diamanten kackt und dann wieder nur Durchfall produziert. (Falls dich die Sprache stört, es geht um PUNK, Maaaan!)

By the Way! Üba Punk schreim, da is Pennälersprache Pflicht. Denglish rules! BRAVO-Deutsch. Thats the Gag on the Sack, you know?

„Rise“ ist so ein Diamant im PIL-Schaffen. 1986/87 ein Tröster für alle Punk-Sympathisanten der ersten Stunde, die nach der „Asche“ und Studium im Berufsleben ankamen, um festzustellen: Oh Mann! Und dafür hab ich diese vielen Aufsätze über den „Sinn des Lebens“ schreiben müssen? „ANGER is an Energy! The written word is a lie!“ (You see it like it is, Johnny!)

  1. Flucht ins BLONDIE-Idyll (mal wieder!) mit „In the sun“, einem dieser flüssigen Abgeh-Hopler der Frühphase; kennengelernt aber erst Mitte der 80er und deshalb fälschlicherweise für ein Spätwerk gehalten, zeitgleich war damals jenes schwache „the tide is high“ und „french kissin‘ in the USA“ draußen. „In the sun“ stammt jedoch bereits vom Debut 1976, das ich erst nach der Wende kennenlernen konnte.
  2. dann endlich ein unverzichtbarer Hinweis auf DAS BLONDIE-ALBUM: „Parallel lines“, jedoch nicht „Heart of glass“ oder „Sunday girl“ tragen bei mir das Krönchen, sondern „Will anything happen?“. Welch programmatische Frage, wenn sie dir im Sommer 1980 im Spieß-Ural via Ostrundfunk gestellt wird, abfahrbereit nach Gefechtsalarm, zur Bahnverladung zwecks anschließender Raketensicherstellung bei Lübtheen. Und zeitgleich auch: was für ein schöner Gruß von zu Hause, denn die LP war die letzte, die ich vor der „Aschezeit“ komplett aufgenommen hatte. Das Band kam in jener Zeit gar nicht wieder runter vom Jupiter auf dem Bücherschrank: Vorderseite „Parallel lines“ und Rückseite „Give‘em enough rope“ von Clash. Irgendwie war ich ja momentan gerade „Tooo-mmy Gun….“

4, THE JAM(du-diii-da-dodo-dupmdupmdupm) natürlich mit „in the City“; und der1978 überfälligen Aufforderung zum Gespräch „about the young ideas“, die dir andere Leute permanent zu fears umdeuten, indem sie dich an die Kette legen. Du bist automatisch der junge Hund, der zur Leitmelodie den Kopf schleudert (Pogovorstufe) um das Halsband abzuschütteln… „a wonna sayyyyy! A wonna tell ya!“… aber es findet sich ja eh keiner, der zuhören würde …

Deshalb kommt nun die 5 – die düstere Gewitterwolke, die den zerstörerischen Ausbruch bringt: „Rights! Now! Hahahah… Oi yem thi antikreista, oi yem thi anarkeista…“ natürlich die PISTOLS mit dem Fanal der Zeit. „Anarchy for the UK“. Colkney Inglish rules! Ohne Colkney wär‘ der Punk nur halb so schön! „You get the best? I use the rrrrrest!“ bringen sie in ihrem Parolensalat auf den Punkt, was Punk überhaupt erst möglich werden ließ: Empirezusammenbruch, Bildungsmisere, Jugendarbeitslosigkeit in Inglääänd; miese Jobs und no future – no future als Kammerjäger, Promozettelverteiler und Aquarienputzer in the Pet Shop per Minimumwage! Times were krank, thats why the Punk. Im Osten aus anderen Gründen.

Song Nr.6 is comin‘ deireckt, (if you know, what I mean) from the  formerly famous TV-Show „Szene‘78“: Hier sind die STRANGLERS mit „nice and sleazy! Does it, does it, does it ev’ry time!“  (‘nuff said).

Number seväääääään: Hit me with your rhythmstick! Masterpiece auf 3:44 Minuten. Listen to the Sax-Solo in the middle (dok-dok-dok-doooook-dokdok) welcome on the farm! Get it together with the lyrics and smiiiiiiiile! IAN DURY überhaupt entwickelte sich dank seines musikalischen Masterminds CHAS JANKEL zur anspruchsvollen grauen Eminenz des Punk. Kaum war der Jankel ausgestiegen, gings auch mit Dury bergab. Jankel verschwand ebenfalls in der Versenkung. Drum: Never change a winning team!

  1. „Into the valley“ von den SKIDS lässt an spätpubertäre Moped-Raserei denken, the road is yours! Das zumindest sollte auch im Osten gegangen sein, denkt man. — Aber der Song ist nur aus ironischen Gründen auf der Liste: Have you ever been riding a Mokick S 50 N? You don’t come out of the Knick! Bergrunter ging ja noch – aber bergauf? Schafftses oder fängt se an zu husten … die Karre. Und oben warten TS-Christian und Sperber-Tommy auf den abgestiegenen, schiebenden Esfuffzich-Bludgy… „got my Moto’cyclejackett but I’m walking all the ti-ime“ (Clash; aber ihren Song „This is England“ gab es ja 78/79 noch nicht)
  2. THE JAM zum Zweiten: „Going Underground“, yeah so war’s: Wir hielten uns dafür. Wir waren anno’78 nur 3 bis 4, die Punk mochten; die Bands kannten, die keiner kannte; die der Lyrics-Conterbande wegen rasante Fortschritte in Sachen Englisch-Wortschatz machten; die schon wieder kurze Haare trugen, kaum dass Langhaar Mainstream wurde, was in der DDR ja länger brauchte als im Westen. Aber wenn der Kreistierarzt oder die verhassten Chemie- und Bio-Lehrer (Ende40/Angang50) beginnendes Grauhaar übers halbe Ohr sprießen lassen, dann isses Zeit für —- IGEL!
  3. XTC „Generals and Majors“ von 1980, „sehnen sich nach Krieg“; schade, dass ich DEN Song erst nach der Wende kennen lernte! Bei Westernhagen lässt sich auf seiner 85er LP „Lausige Zeiten“ der Song „Tanz mit mir“ mit tollen Lyrics finden: „Für jeden echten General ist jeder Friede Frust“: DER HAT XTC GEHÖRT! Aber im XTC-Original wird zusätzlich musikalisch geohrfeigt mit dieser herrlichen Marschmusikpersiflage. Zapfenstreiiiiiich!
  4. Nochmal die SEX PISTOLS mit „Holidays in the sun-a“, was eigentlich nochmal Jams „in the city“ Riffing ist; John Lydon gibt’s inzwischen zu, aber bei Jam findet sich eben nicht die für Ossis geniale Zeile: „Now I gatta reason nau ei gatta riesn to be weird! The Berlin Wall!“
  5. IAN DURY again: Fussball ismirjawurscht, aber gegen schiefe Massenchöre bin ich machtlos: Listen to the refrain of „Fu-ckin‘ Ayda“!
  6. JOY DIVISION next! „Atmosphere“. Ihr bester Track. 1988/98 hatte ich mein erstes Punkrevival. Wie man heute weiß, war die Stagnation der DDR auf dem Höhepunkt. Niemand wusste, wie lange es noch geht. Jeder redete beim Maracujasaufen von erlebten Unzulänglichkeiten und behördlichen Zumutungen. Und von Gorbatschow dem Hoffnungsträger! Da entdeckte ich das „Parockticum“ auf DT64 Jugendradio für mich und Lutz Schramm spielte dort außer immer besserwerdendem Ost-Punk (vielleicht demnächst mal ein Thema hier) Joy Division, Pixies und Nick Cave rauf und runter. Eigentlich gehören Joy Division ja auch in die Phase um 1980 herum, aber: „Don’t walk away – in silence“ schien 1988 zu sagen: „Hau nicht einfach bloß ab!“ Passend in depressiver Stimmlage vorgetragen und gerichtet an all die Ausreiseantragsteller um einen rum. Sehr feines Stück.
  7. TALKING HEADS „I zimbra!“ von der „Fear of music“;
  8. TALKING HEADS „Live during wartimes“ vom selben Album; für mich ein siamesischer Zwilling, da ich beide Songs einst so zusammenhängend aus dem Radio erbeutete. Rätselhaft und mitreißend. Umso enttäuschender – als ich dann die Patte hatte – war der Rest. Waren Pistols, Scham 69 oder Dead Kennedys zu schabloniert für LPs waren diese irgendwie zu – äh, tja, verschroben triffts am ehesten. Auf jeder Platte ein oder zwei geniale Momente, der Rest fällt unter — Geräusch.
  9. muss nach all dem Gezucke was Beruhigendes her: TANYA TUCKERs Ausbruchsalbum „TNT“ muss herhalten mit einer gänzlich unpunkigen, unrockigen Besänftigungsballade mit der Story von zwei Freunden, die sich nach Jahren der Gemeinsamkeiten aus den Augen verlieren, „like the river and the wind“. Sehr guter Text, voller schöner Bilder und perfekt angemessenes Streicherarrangement. Dass ich dieses Album hier wieder (wie bereits in Playlistrausch) erwähne, mag zu spät geborene verblüffen, jedoch andere Tracks von dieser Scheibe wurden Ende der 70er gern zwischen Blondie-Nummern, Patti Smith Hymnen und Siouxie and the Banshees gestreut. Sie passte scharf rockend ausgesprochen gut dazu.
  10. Der erzieherische Abschluss diesmal: Thema Schul-Amok: „the siliconchip inside her head is switched to overload…“ BOOMTOWN RATS. At their Gipfel. „I don’t like Mondays“. Vor dem Abstieg. Und dem Abschied. Vom Punk.
  11. Nach soviel musikalischer Aggression zum Abschluss noch ein Wohlfühl-Schmankerl: SNIFF’N‘ THE TEARS mit „driver seat“. Das ist doch kein Punk! Richtig. Aber es ist das vielleicht schönste One-Hit-Wonder jener Tage. Es hätte auch noch the Knack mit „My Sherona“ gegeben, aber das wurde äthermäßig derart zu Tode geritten, vor allem während meiner NVA Grundausbildung im Ostrundfunk, dass es für mich ein „verbrannter“ Song ist. „Driver seat“ blieb dieses Schicksal erspart. Es hat diesen Dire Straits Touch. „Lady writer on the TV“ klingt so ähnlich und die Dire Straits hatten sich in ihren Anfängen mal zum Hope&Anchor Festival verlaufen; das Doppelalbum wiederum verlief sich zu Mauerzeiten ins Saaletal zu Bludgeon aufs Band: The Pleasers, the Pirates, X-ray-Specks, Wayne County and the electric Chairs und eben auch die Dire Straits… Und deshalb passen die weggeschnieften Tränen als Zugabe eben doch ganz gut als Abgesang auf meine Rückschau auf Times, die damals einfach nicht tschajndschen wollten. So schien es.

Im Nachhinein war’s immer besser – als es je war.

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2 Gedanken zu “Die Frischluftdusche der 70er

  1. Oh, danke für Rise, hatte ich ja schwer verdrängt. Ach was liebte ich diesen Song, und wartete ungeduldig die Sendetermine um ihn auch MC aufzunehmen. Ich hatte sogar eine Ein- und Ausblendtaste!
    Und er ist immer noch zeitlos.
    Hach…

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