Im Jenseits

Das Jenseits darf man sich nicht einfallslos als eine Ansammlung von Wolken vorstellen, auf denen die Seelen der Verstorbenen sitzen und auf deren einer der berühmte verstorbene „Trickfilm-Münchner“ pflichtschuldigst „Halleluja – luja soagg i!“ brüllt.

Das Jenseits ist ein virtuelles Nirwana, denn auch die Seelen sind transzendent, quasi durchsichtig. Ihre Erinnerung an Gegenstände und Lieblingsgetränke erschafft diese für den „Hausgebrauch“ in jener Schattenwelt aus Nebel. Den Fortschritt der Zeitläufe nach dem irdischen Ableben nachzuvollziehen ist der jeweiligen Person stets möglich.

Der ein- oder andere hält zu diesem Zwecke ein Tablet in Händen, allerdings gab es diese Apparatur hier schon früher, da sie hier ja, wie alles, aus NICHTS besteht. Auch konnte sich unter deutschen Verstorbenen der Begriff „Fensterle“ durchsetzen, da sich die unverhältnismäßigen medialen Kontakte mit den englischen Muttersprachlern hier oben auf ein natürliches oder notwendiges Minimum beschränken. Außerdem deutet die Endung „-le“ unmissverständlich an, dass hier oben weitergeht, was da unten bereits auffiel: Der Süden Deutschlands ist abseits des Militärs allzeit schöpferischer, trendsetzender gewesen als der Norden.

Das uns ebenfalls umgeisternde Internet ist also auch den Seelen unserer Vorfahren ein 2. Zuhause.

Nichts desto trotz finden sich die Verstorbenen ähnlich einem großen Schulhof in Gesprächs-Trauben zusammen, die den einen anlocken und den anderen abwehren mögen. Je nach Eignung und Sympathie – wie auf Erden so auch im „Himmel“. Musiker stehen somit meist bei eben solchen. Schriftsteller bei Schriftstellern. Manchmal darf ein frisch gestorbener Fan hinzutreten und ihnen seine nun Tatsache gewordene EWIGE Verehrung mitteilen. Ansonsten bleibt man unter Seinesgleichen.

Nähern wir uns ein paar alten Bekannten. Oder soll ich sagen „ehemals sehr Bekannten“? Denn auf der Erde sind sowohl ihre Erscheinung als auch ihr Schaffen von Neuerungen zu Hauf überschüttet- und somit nahezu vergessen worden. Hören wir hinein und lernen wir den Umgang der Seelen miteinander kennen:

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„Glückwunsch Herr Kollega!“, begrüßt Theodor Storm den zu einer Gruppe hinzutretenden Gustav Freytag, „Ihr 200. Geburtstag wurde „unten“ doch nicht ganz vergessen. Ein paar Gazetten   berichteten, wie ich erfensterlt habe.“

„Hab ich gesehen.“ erwiderte der Angesprochene knapp. Seine Statur richtete sich kerzengerade auf. Sein unbebrillter Adlerblick überflog die Runde. Eine Spur von Ärger blitzte kurz im Augenwinkel auf, als er das Grinsen im Mienenspiel Spielhagens wahrnahm.

„Schließe mich an.“ gratulierte Heyse mit Händedruck, gefolgt von Raabe und May, welch letzterer hier oben eine ganz natürliche kollegiale Wertschätzung genoss.

„Durchaus auch von mir ein pflichtschuldigster Händedruck“, grinste nun offensichtlich Spielhagen.

Er hielt die Hand hin, diese blieb jedoch unergriffen. Demonstrativ steckte Freytag seine Daumen in die Achselränder der Weste und gab ablehnenden Bescheid: „Die Ironie in ihren Zügen straft sie Lügen, Verehrtester! Das ausgerechnet wir zwei nun auf EWIG hier kollaborieren sollen, stellt für mich eine leider sehr reale Version des Fegefeuers dar.“

Spielhagen ließ die Hand sinken, verneigte sich weiterhin grinsend und sprach: „An Angeboten meinerseits fehlte es nicht, das alte irdische Kriegsbeil zu begraben.“ „Sie mögen es als arrogant empfinden, dass ich davon keinen Gebrauch zu machen gedenke. Ich reklamiere für MEIN Verhalten den Begriff Aufrichtigkeit.“, konterte Freytag und er verkniff sich keineswegs „Statt Anbiederung!“ noch hinterherzuknurren.

Nun verschwand auch in Friedrich Spielhagens Gesicht das Lächeln: „Anbiedern? Ich? Sie überschätzen sich wie gewohnt, Herr Kollege. Das hatte ich zu keiner Zeit nötig.“

„Nach dem sie mich plagierten und verhöhnten? Ich danke.“

„Plagiert – stimmt nicht. Das wissen Sie so gut wie ich und behaupten es trotz alledem immer wieder. Und dass ich über ihren thüringischen Hofrath in kleinem Kreis mir hier und da mal eine Bemerkung erlaubte – das nennt man Humor. Über ihren Pour le Mérite witzelte ich nie.“

„Geben Sie sich keine Mühe. Ich bleibe dabei: Ihre „problematischen Naturen“ verraten mehr über den Autor als einem lieb sein kann.“ Er wendete sich erklärend zu den anderen: „Ein ins widerwärtig Geile gewendetes „Soll und Haben“. Oswalt Stein ist ein Anton Wohlfahrt, die von Grenwitze sind meine von Rothsattels und sogar mein Veitel Itzig taucht bei ihnen in Gestalt des Landvermessers Timm wieder auf….“

„…der schon mal gar nicht jüdisch ist und auch nur in 3 Kapiteln Erwähnung findet.“

„Nun, nun! Lassts doch amoal des oalde Gehakel,“ schaltete sich Heyse ein. „Ihr habts beide zwoa hervorragende Erstlinge verzapft. Du woarst eher droa!“, wandte er sich zu Freytag. „Du hast‘n g‘lesn und dich inspirier‘n loassn.“, zu Spielhagen gerichtet. „Des is‘ sauber. Absolut! Wo kommoar denn doa hi, wenn a jedar aufrechnen wollt‘, wo di Musnküss hersann.“

„Eggsaggd! Da gebch Herrn Heyse recht. Briedor im Geiste, dies’ch behargng undn Dreck undorn Fingernächln missgönn – fetzn nich.“ pflichtete ihm May bei.

Seine Wortwahl hatte die Runde zusammenzucken lassen, da er einen dieser neuzeitlichen Jargonismen verwandte, was sich in DIESEN illustren Germanisten-Kreisen nun und ein- für allemal nicht schickt.

Ein militärisches „Ach-tung!“ ließ jedoch die Herren gleich ein zweites Mal zucken und die Hände an die Hosennaht legen. Frau von Suttner trat hinzu.

„Aber liiieber Fontane! Die militärischen Ehren spoarnsich bittschön!“, rügte sie charmant den schmächtigen Theodor, um dann wohlüberlegt die Herren nach ihrer eigenen Rangfolge zu begrüßen: „Mein liiiiebes Karlchen!“ und ein freundschaftlicher Klaps mit dem Fächer auf Mays Oberarm.

„Herr Heyse!“ begleitet von einem Kopfnicken.

„Die andern.“ verbunden mit einer angedeuteten, eher formalen Verbeugung.

„Ich habe heutmoargn gefensterlt“, erklärte sie den Grund ihres Kommens. „Und nun verlangds mi noa a bisserl Zerstreuung. Wemmar da hinunterschaut, wird’s am schleeecht.“

Allgemeine Zustimmung.

„Willkommen im Kreis der Erfolglosen.“ Das war Storm, der Zyniker der Runde.

„Das musst du grade sagen!“ empörte sich Freytag, „grad erst ist wieder dein Schimmelreiter verlegt worden.“

„Oje. Gustl, du mergst nüscht.“ funkte May dazwischen, aber es war bereits zu spät:

Ein weiterer Monolog der Verzweiflung, wie ihn die Runde passagenweise bereits mitsprechen konnte, war fällig – und der große weißhaarige Noardmann legte los:

„Schimmelreiter verlegt… Mögen sie ihn niemals wiederfinden! Ich kanns nicht mehr hören und schon gar nicht sehen, was die da mit meiner besten Novelle veranstalten. Das ist MEIN finales Kunstwerk! Das hat mich die letzte Lebenskraft gekostet – und die – !!!“, wütend zeigte er nach unten, „werfen es 14jährigen Halbfertigen vor! Unbelesen, unbeleckt von jeglicher Lebenserfahrung! Erklärt, NEIN! ZERklärt von Fatzkes und Laffen, die sich dabei fühlen wie Geheimrat Größenwahn da drüben bei den Perückengockeln!“ hierbei wies er abfällig hinüber auf den Gesprächskreis der Klassiker, wo einträchtig Goethe, Schiller, Lessing & Co. beieinander standen. „Und dieses Volk, das wenig liest und nichts begreift, erregiert (entsetztes „Iiiii, na-na-na!“ der Umstehenden) sich an der 3fachen Rahmung und an den eigenen nichtigen Klischeevorstellungen, die sie meinen, in meinem Hauke Hein erkannt zu haben! In meinem neuen Neuzeit-Wotan, dem Schöpfungsschützer!“

„Is ja gut. Theo. Komm runter.“, schaltete sich hier ein seltenes Mal Wilhelm Raabe ein, ihm eine Zigarre anbietend, „von meiner Sperlingsgasse geistern auch noch Fragmente durch die Schulbücher. Ich weiß, wie dir zumute ist. Von meiner Reichskrone spricht keiner mehr.“

„Was soll i do erscht soang!“, pflichtete Heyse bei, „I dürft‘ der vergessenste Nobel-Preis-Träger aller Zeiten sann.“ Aber er lächelte immerhin. „Wenn I oaber seh, woasse aus Storm und Fontane moachn, binni wieda happy! Do vergessts mi liaber.““

„Ja, seien Sie mal lieber froh, dass jenes Zerklärungsschicksal nicht ihr Aquis submersus oder ihren Pole Poppenspähler ereilt hat.“, versuchte sich nun auch Spielhagen einzubringen. „Mit Verlaub halte ich die beiden für ihre besseren Werke.“

Raabe lenkte geschickter ab: „Frau von Suttners Buch hätte spätestens nach diesem zweiten Gemetzel da im 20. Jahrhundert die neue deutsche Bibel werden müssen, aber neh. Stattdessen, lieber Theodor! Blasen se deinen alten Komtessen-Langweiler (Fontane zuckte schmerzhaft zusammen) geradezu zum zweiten oder dritten Faust auf. Als gebe es für moderne Übelstände keine wichtigeren Bücher. Auch Lessings Nathan war als Medizin ja bereits vor der Krankheit da – aber trotzdem konnte dieser missratene Österreicher da machen, was er wollte.“

„Nana, Herr Kollege“, rettete Spielhagen die Situation, „nichts gegen die Effi – ein gutes Buch. Zurecht verehrt. Mit dem Nathan geb‘ ich Ihnen jedoch vollumfänglich recht.“ Fontane bedankte sich durch ein kurzes Kopfnicken in Richtung seines Freundes.

„Die Waffen nieder – geht heuer nimmer, weils die Kriege längst vergessn hoam, die i da beschreib. Venezien-Verlust, Reichseinigung, die eine ÖsterreichimStichLassung war, Pariser Kommune. Jessas-Maria! Spanische Dörfa seins heut oalle mitei’nand.“

„Geschichtslosigkeit triffts eher.“, knurrte Storm.

„Wer seine Jeschichde nich gennd, musse widderholn.“ rezitierte May.

„Sie zitieren Engels?“ Freytags süffisante Miene zog die Blicke wieder auf sich. „ich dächte die Kommunisten hätten doch wirklich genug Unfug verzapft mit ihrer plebejisch-billigen Auffassung Ihres geschätzten Anliegens der Völkerverständigung; Sie „Erfinder der KZ-Methoden“ Sie!“

May grinste ironisch zurück: „Hörich da n vergabbtn Andisemiddn raus? Da hindn spieln groade Deddy Bendorgräss und Jimi Hendrix. Ä Neechergonzert is für unsorehn jetze genau richtich.“

Beide lachen, haken sich unter und ziehen sich in den Hintergrund zurück.

Die Zurückbleibenden sehen ihnen nach.

„Beneidenswert, dies Pfeifenkönnen auf den Nachweltruhm…“, murmelt Spielhagen in seinen Bart.

Von fern hört man „The whole town is laughing at me“ mit den Wah-wah-Solis aus „all along the watchtower“ verziert…

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8 Gedanken zu “Im Jenseits

  1. Klasse geschrieben und unterhaltsam. Vielen Dank dafür.
    Mir fallen spontan die Dichergespräche im Elysium ein. Und natürlich der Kiosk in der Inselstrasse 42. Daneben steht noch heute die Litfasssäule: Tina, oder über die Unsterblichkeit.

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  2. Ein gemeinschaftliches Dankeschön den obenstehenden: Klasse statt Masse! Solange hier regelmäßig ermutigende Kommentare auftauchen bzw. weiterführende Denkanstöße verewigt werden – ist wenigstens diese kleine virtuelle Weltnische in Ordnung.

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