Die Mappe (2)

Noch ein Fund aus „alter Zeit“.

Und was tust du?

Wie der Hase läuft, ist dir ja bekannt

Und viel misszuversteh‘n ist da auch nicht.

Hinterrücks laufen die Mäuler heiß

Während man vor dir „nur aufrichtig“ spricht.

Also pass gut auf und schmier dich an

Denn es gibt auch für dich keine Frist

Oder was will so ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Man hat dich gar viel‘ Ideale gelehrt

Und fleißig, wie du bist,

hast du sie durchdacht und dabei gemerkt mit der Zeit

dass gar vieles nicht so ist.

Auf der Leitungsebene tränkt dir einer ein

Was von allem das Gegenteil ist

Aber was will ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Die Wut bohrt in dir, die Granaten sind scharf

Doch ist keiner da, der sie schmeißt.

Und deine Nachbarn fürchten dich:

„Das is‘ ne Irre, die zuviel weiß.“

Und manchmal brüllt dann dein Ehegespenst

Das sonst nur jammert und frisst.

Sag, was kann ein Mädchen wie duuuu tun

Wenn’s nicht einverstanden ist?

Und nun fragst du mich, ich war drauf gefasst

Und muss niedergeschlagen gesteh’n:

Auch meine Tipps beginnen nur mit

„Man könnte…“, „man müsste…“, „mal seh’n…“

Und so tröstet uns dann der Zimmermannsong

„Die Antwort, die kennt der Wind!“

Oder was können so Leute, wie wiiiiir tun

Die nicht einverstanden sind?

(Herbst 1988, Niederlausitz; ich hatte gerade die „Infidels“ von St. Bob an Land gezogen.)

Ein Hauch von Amerika

Viel ist schon geschrieben worden über diesen Film. Ich hab ihn nun auch gesehen. Hier also mein Senf zum Thema:

Ein schönes Filmmärchen in 6 Teilen a 45 Minuten; arrangiert um einen wahren Kern.

US-Rassismus in einer Pfälzer Garnison 1951-52 herum. Der Name Kaltenstein für den Ort -deucht mir- geschickt gewählt. Schön anzusehende Story von zwei deutschen Freundinnen aus sehr unterschiedlicher Familie, die eben das Leben entdecken.

Eine blonde, arme Goldmarie, die alles kann und deshalb auch einen schwarzen GI liebt, der es ehrlich meint und der nicht nur das schnelle Fraulein-Abenteuer will. Und eine rothaarige, spätpubertierende, „lebenshungrige“ Tochter des Bürgermeisters, die in einer Suffnacht von drei weißen GIs missbraucht wird, woran sich das gefährliche Unterfangen einer illegalen Abtreibung schließt, welches zu lebenslanger Unfruchtbarkeit führt.

Maries Vater, der alte Kastner, gibt den versoffenen, einfachen Bauern. Sein Vollbart in Verbindung mit der Seitenscheitelmähne ist gleich zu Beginn des Films das erste, was Verwunderung auslöst: Wie kommt dieser Typ „trottliger Iwanuschka“ als freier Bauer 1951 in die Pfalz? Da Marias Gretelfrisur entfernt an Frau Timoschenko erinnert, war sofort meine erste Assoziation da. Die klassischen Sowjet-Märchenfilme aus Professor-Flimmrich-Zeiten feierten ein Deja vu, made by ARD:

Wassilissa muss ihren braven Wanja finden, der erst durch einige Gefahren muss, bevor er sie kriegt, weil Väterchen Frost hilft, die Schufte zu bremsen. Nun ja – Wanja ist hier schwarz und heißt George Washington und Väterchen Frost heißt hier Colonel McCoy, aber auch er kann zaubern und macht Unmögliches wahr:

  1. Die pampig auftretende, zerlumpte Maria im ersten Teil, deren langhaariger Vater gerade US-Landvermesser auf seinem Acker verdroschen hat, erwählt er prompt aus Mitleid zur Haushaltshilfe für seine vornehme Frau, die somit mehr Zeit zum Saufen hat. Diese wiederum lässt Maria erstmal duschen und sich neu einkleiden, sodass aus der unscheinbaren Maria eine schöne Wassilissa werden kann.
  2. Der zweite Zauberstreich des großen weißen Wohltäters McCoy betrifft den Mariavater selbst: Wenn du US-Army-Angehörige verdrischt, dann wirst du hinterher gut bezahlter Baustellenleiter der US-Army. Papa Kastner erhält als Ausgleich für enteignetes Ackerland eben diesen Job.
  3. Zauberstreich endlich imTeil 6: McCoy und seine Frau können von Marie glücklich erpresst werden: Damit die McCoys nicht vor den McCarthy Ausschuss müssen. Weil Mrs. McCoy nachweisbare gute Kontakte in die Künstlerszene Ostberlins hat, müssen die McCoys den unter falschem Verdacht inhaftierten George Washington nicht nur laufen lassen, sondern in Colonels Dienstwagen auch noch zum Bahnhof bringen, damit er und Marie ihre Reise „ins Glück“ antreten können. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern  sie noch heute bis an ihr Ende…

Nunja.

Es stimmt, dass das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß in den USA der 40er und 50er Jahre mit Apartheid noch ganz gelinde und zutreffend beschrieben ist. Das schonungslos zu zeigen, ist 2021 nicht mehr neu. „Flucht in Ketten“ setzte da 1958 Maßstäbe und ähnliche Filme gibt es zuhauf.

Die verdienstvolle amerikanische TV-Serie „Roots“ wurde in den späten 70ern ein Straßenfeger in beiden Deutschlands: Sie leitete all die bis heute fortlebenden Verwerfungen historisch her und erweiterte somit Horizonte.

Letzteres tut „Ein Hauch von Amerika“ mMn nicht. Aber „Black lives matter“ is up to date!

Wie bereits gesagt, waren es schön anzusehende 6 Teile, die wenigstens nicht diese schnellen Schnitte hatten, die den ohnehin fragwürdigen Inhalten von „Unsere wunderbaren Jahre“ den Rest gaben.

Der Maria Kastner gelingt es, trotz dramaturgischer Überladenheit, immerhin nicht allzu emanzipert herumzupowern, wie das die jüngste der 3 Schwestern in den „Wunderbaren Jahren“ tat.

Aber pädagogisch überladen bleibt auch ihre „starke Frauen“-Rolle:

Sie muss sich rasant entwickeln, vom dummen Bauernmädchen zur do it yourself english sprechenden Haushilfe bei Colonels. Sie muss für ihren GI Porgy die weiße Bess sein. Sie muss sich von Mrs McCoy für Tschechow und abstrakte Malerei begeistern lassen. Sie muss begreifen, dass ihr in der Pfalz mit ihrem traumatisierten Heimkehrer (mit dem sie verlobt ist) nur ein elendes Hausmütterchenschicksal droht – und dass es deshalb besser ist, mit schwarzem GI nach Ostberlin zu gehen, um Grafikerin werden zu können. Ächz! Und Fahrrad fährt sie auch noch!

Immerhin kein Lastenfahrrad! Also ökologisches Prophetentum bleibt mithin ausgespart!

Ihr Porgy-Wanja-George hingegen bleibt als Figur im Film unterfordert. Das beste ist noch die Namenswahl: George Washington. Somit steht er als Schwarzer für das bessere Amerika und all die Werte, die da 1951 schon rund 200 Jahre in der Verfassung stehen, aber bis heute nicht vollständig Wirklichkeit geworden sind. Im Weiteren jedoch ist er beileibe kein Prä-Martin Luther King oder gar -Malcolm X. laut Drehbuch muss er immer nur brav gucken, Liebesbeteuerungen und Entschuldigungen stammeln und sich von einem weißen „Sardsch“ schikanieren lassen. Er verkörpert das mitleiderregende, arme Negerlein -Onkel Toms Hütte Style- par excellence.

Ich wartete regelrecht darauf, dass ihm im Dialog mit seinem weißen Schinder-Sergeant auch noch „Massa“ herausrutscht.

Somit spielen die Strolch-Figuren echter und besser als die zu eindimensionalen Bilderbuch-Helden George und Maria.

Einfach, weil da für sie mehr Freiraum ist, real sein zu dürfen – mal nett, mal biestig, mal schmierig angepasst.

Familie Strumm:

Vater Nachkriegsbürgermeister: Entnazifizierter Ortsgruppenführer und Arisierungsgewinner von einst, nun neuzeitlich gewendeter mauschelnder Geschäftsmann, der den Amerikanern Kasernen baut.

Mutter: Bigotte Musterkatholikin; passend zur Zeit, dauernd mit dem Pfarrer Kaffee trinkend.

Sohn Siegfried: starren Blickes soeben aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt; traumatisiert.

Erika: Das lebenshungrige Flittchen, wenn man es wohlwollend ausdrücken will.

Hinzu kommt noch die Standort-Hure Martha, die Erika in der Besserungsanstalt bei den Nonnen kennenlernt.

Aber so einiges fehlt eben, um aus den 6 Teilen das TV-Ereignis zu machen, das es sein will:

Vorallem fehlen – ALLE Zwischentöne.

Alle Weißen (außer Maria und ihrer Mutter) sind dumm oder falsch oder rassistisch, bzw. alles das auf einmal.

Alle Schwarzen sind – brave, arme Märtyrer.

Die beiden Familien Kastner und Strumm sind wie zwei Robinsonfamilien in Kaltenstein angelegt, da außer dem Pfarrer (für insgesamt 7 oder 8 Sätze in 6 Filmteilen) keine weitere Nebenfigur irgend eine Bedeutung erlangt und somit die Möglichkeit einräumt, dass der Ex-Bonze Strumm mal mit ein paar alten Kameraden Sprüche über „den Ami, den Tommi oder den Iwan“ klopfen könnte. Oder dass der traumatisierte Siegfried auf ebenfalls versehrte Klassenkameraden träfe, oder von alten Vorkriegsidolen schwärmt, um irgendwo wieder anknüpfen zu können. Stattdessen weiß der, als erwachsener Sohn, 1951 nicht einmal, dass seine Familie eine enteignete Juden-Villa bewohnt! Hat der erst Erinnerungen ab Einberufung?

Somit wird darauf verzichtet, ein reelles Bild der postfaschistischen Gesellschaft der Adenauerzeit zu erzeugen, wo Russen- und Bimbo-Witze umgehen, einschlägige Büttenreden gehalten werden, alte Liedfetzen im Suff erschallen oder gar ein paar Vertriebene (als Zwangseinweisung irgendwo im Ziegenstall untergebracht) gerade Lastenausgleich empfangen und beneidet werden.

Kaltenstein bleibt leblose Kulisse.

Was aber vor allem fehlt, ist der Aspekt der Besatzerkinder. Hier verschenkt das Drehbuch das meiste Potential.

Erika wird zwar geschwängert, aber a) von Weißen und b) wird das Ergebnis ja „weggemacht“.

Maria wird nicht schwanger, flieht also unbelastet mit „Wanja“-George ins Märchenland/Ost.

Wenigstens Martha hätte ein schwarzes Kind gebären- und Spießruten laufen müssen, wenn da ein bissel auch deutsche Nachkriegsbrisanz einbezogen worden wäre.

Hierin sehe ich die Hauptschwäche des Drehbuchs.

Fassbinders „Ehe der Maria Braun“ (1978) bleibt bis auf weiteres der bessere Film zum Thema „Chasing Frauleins“; und „Roots“ die bessere Serie zum Thema Rassismus.

Als Nachkriegsfilm besser als die „wunderbaren Jahre“, deshalb in Schulnoten eine glatte 3.

Die Leute aus dem Wald – Raabe mal wieder

Uff! Ich hab es durch. Genuss ist anders. 400 Seiten. Aber ich hielt aus. Es war eine Qual. Aber es war auch interessant. Ja phasenweise schön! Anheimelnd. Witzig! Öde Seitenschinderei. Spannende innere Monologe! Holprige Wendungen. Lustlos hingeschlampte Episoden. Herrliche Zitate! Wortspiele! Hochdramatische Ansätze, die sich in Nichts auflösen. Anschauliche Alltagsschilderungen im Mietshaus des Kleinbürgertums der 40er Jahre des 19.Jahrhunderts. Ein zu simpler, löchriger Handlungsfaden. Ein Erzähl-Chaos.

Der Plot taugt nix. Der Aphorismensteinbruch schon!

Meine Rezi hier wird auch einer. Ein Assoziationssteinbruch.

Bisher sagte ich stets: „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier ist das schlechteste Buch, das ich je gut fand.

Aber nu macht Old Raabe ihm den Platz streitig.

Der Portugal-„Nachtzug“ zeichnet sich aus durch einen absolut mies konzipierten Handlungsablauf. Zur Erinnerung: Ein alter gestandener Gymnasiallehrer in der Schweiz rettet einer jungen Selbstmörderin ebenda das Leben, holt sie vom Brückengeländer zurück, weshalb sie sich bedankt und ihm ihre Telefonnummer auf die Stirn schreibt… Daraufhin schmeißt er seinen Job hin; geht nicht mehr zum Dienst, sondern macht sich auf den Trip nach Lissabon. Tja. Nur hat jene Frau und jene Telefonnummer nun keinerlei Bedeutung mehr. Nochmal -tja. Und auch der Nachtzug selber ist nur für ein oder zwei Kapitel gut, denn die übrige Zeit recherchiert er in Lissabon herum, auf den Spuren eines Heftchens, das er beim Antiquar zuhause erstanden hatte. Dickes Zusatz-Tja! Eine seiner Schülerinnen hat Zugang zu seinem Konto und kann ihm Geld schicken – ach hör doch auf!

Da sind also so Sprünge; Schwerpunktverlagerungen; immer wieder glaubt man zu wissen, worum es geht – peng – neuer Aspekt. Immerwieder „och nö!“ Stellen, die einen aufgeben lassen wollen – aber immer wieder auch „Hui!“-Momente, wegen denen man dann doch dranbleibt.

All diese portugiesische Diktaturgrübelei des alten Lehrers hat dann doch jede Menge mit mir als Leser „mit DDR im Blut“ zu tun gehabt, auch wenn ich nun nicht DIESE Probleme hatte, wie dort geschildert. Aber das Buch tippte vieles an, was „noch nicht vergangen“ war.

Ein seltsamer „Genuss“.

Und Raabe?

Es ging mir hier genauso, die Lissabon-Erinnerung stellte sich immer wieder ein.

Der Plot ansich ist doof: Robert Wolf, mittelloser Förstersohn, hat Probleme, findet Helfer, die ihn vor Knast bewahren, weshalb er erst studieren kann und dann nach Kalifornien reist, um reich zu werden, damit er schließlich seine Traumfrau kriegt und sein Heimatdorf kaufen kann.

DAS also ist es nicht, was einen fesselt.

Raabe selbst, der das Seitenkonvolut 1863 für die Westermann-Monatshefte erschuf und es erst 1890 in Buchform erscheinen ließ, gab diesem Frühwerk mit auf den Weg, es sei

„ein Litteratur-Küken, dem die Eierschalen noch am Kopfe kleben“.

Stimmt.

Viel zu oft bricht er den Erzählstrang einfach ab, indem er Sätze passieren lässt, die anspruchsvolle Autoren vermeiden sollten:

„Lassen wir die beiden nun allein und begeben uns in die Kronenstrasse, wo zur selben Zeit…“

„Ein Jahr und ein halbes sind vergangen, seit die Leute dieses Buches uns zum ersten Male vor Augen traten…“

„Während dies geschieht entführt der Autor den geneigten Leser nun nach Hamburg, wo Robert inzwischen…“

„Was nun besprochen wird, tangiert uns nicht, wechseln wir also die Straßenseite ins Haus Nr.17, wo inzwischen…“

Holprige, schlampige Überleitungen so oder so ähnlich zuhauf.

Aber er schildert Alltagsleben in einer nicht genauer namhaft werdenden Hauptstadt im „ach so tollen Deutschen Bunde, in dem so gar nichts zum Besten steht“. Er schildert die Hausgemeinschaft der Mozartgasse Nr.17 mit allen ihren Macken, in all ihrer Dürftigkeit und zusätzlich ist in Hof und Haus „an Mäusen und Ratten kein Mangel“. Klartext eben.

Er ohrfeigt die Titelhuberei und Untertanenschleimigkeit, wenn er eine Abendgesellschaft bei Bankier Wienand beschreibt, in der eine „Exzellenz“ a.D. auftaucht, der man geflissentlich rückgratlos hinterher scharwenzelt.

„Und doch gibt es im Deutschen wohl keinen Titel, der unangenehmer berührte, als das abgeschmackte Wort „Exzellenz“! Es klebt ihm etwas Lächerliches und zugleich Unheimliches an. Ich weiß nicht, ist das Theater oder etwas anderes, „Kabale und Liebe“ oder unsere vorteffliche Diplomatie schuld daran? Selbst Wolfgang Goethes hohe Göttergestalt läuft komisch schillernd an, wenn man auf das Piedestal: Exzellenz! schreibt.“

Feinsinnig sarkastisch geohrfeigt in Arno Schmidt’schem Sinne!

Zeitlos auf dem Punkt. Warst du mal dabei, wenn ein Staatssekretär ein Kleinstadtrathaus „beehrt“? Musst du mal erleben! Alles kriecht, wie zu Kaisers Zeiten! Vor einem Zopfträger im Maßanzug, wie sich zeigt, ohne irgendeine Praxiserfahrung.  Nur Bludgy scheint mitzukriegen, dass diese Nase da nichts zu bieten hat, außer Schülersprecher an seinem West-Gymnasium gewesen zu sein; und der nun nach abgebrochenem PoWi-Studium Aufbauhilfe „in den neuen Ländern“ leistet. Ächz.

„Auch ein wohlgekleideter Dichter war zugehen… wurde aber von der Mehrheit der Herren mit mitleidiger Verachtung gemieden; nicht zuletzt, weil ihm kürzlich ein Preis nicht zuerkannt worden war, was zu beweisen schien, dass es sich bei ihm nicht um einen Shakespeare handelte“.

Eine Salon-Löwen-Watsche in Richtung Heyse, Freytag oder Spielhagen? Eventuell erst bei Bearbeitung für die Buchausgabe um 1890 ergänzt? Gleichzeitig auch die Entblößung der „intellektuellen“ Kreise, die nur goutieren, was zur „Exzellenz“ erhoben wurde.

Was haben wir noch:

Die sprechenden Namen sind zum Schreien: Herr von Poppen! (Denn der Adel hat „das Recht der ersten Nacht“, aber ansonsten keinerlei Aufgabe mehr.) Poppenhagen! (Gewissermaßen örtlich „eingehegtes/begrenztes Poppen“). Baronin Frau von Poppen; geborene von Zieger. Die Gouvernante Mademoiselle Schnubbe, der die Schicksale ihrer Schutzbefohlenen eben dieses sind. Polizei-Kommissar Tröster, der erstaunlich viel Mitgefühl für seine Elends-Deliquenten mitbringt. Gefängniswärter Greiffenberger, Schauspieler Julius Schminkert…

Nur Strittmatter (im 20. Jahrhundert) ahmt das ähnlich unverblümt nach: Operntenor Schreischlund; Parteisekretär Weißgott…

Manchmal ist das echte Leben dann noch härter drauf: Kammersänger Peter Schreier; Ostbeauftragter der Bundesregierung Wanderwitz; Pastor Eppelmann – ja, watt willste machen?

Fast alle Figuren des Romans haben Auftritte, in denen sie längere philosophische Betrachtungen zu ihrer Herkunft, zu ihrer Zeit abgeben. Das stoppt seitenlang die Handlung, erzeugt aber einige der besten Charaktere in Raabes Schaffen: Polizeischreiber Fiebiger, Sterngucker Ulex und die alte verstoßene Juliane von Poppen; drei Kindheitsgefährten, die sich ein Leben lang die Treue halten. Besonders letztere sticht heraus:

Eine alte, hinkende Adlige, die sich ihren guten Werken hingibt, auf den schlechten Ruf in ihrer Kaste pfeift, weil sie dafür die Achtung sovieler anderer erwirbt. Die von Poppen sterben einsam, bösartig verkracht mit der Welt. Niemand geht hinter ihrem Sarg.

„…du dagegen musst dir keine Sorgen machen, dass es dir genauso ergehen könnte. An deinem Grabe werden alle die stehen, die in ihrem Leben deine helfende Hand verspüren durften.“ (Fiebiger zu Juliane)

Kennst du sowas? So „alte Jungfern“, die der gute Geist (im Wortsinn) von Familien wurden, die sonst auseinanderzubrechen drohten? Die sich einbrachten mit Lebenserfahrung, Trost zur rechten Zeit, wenn’s Not tat auch mit einem reinigenden „Donnerwetter“, das man ihren leisen Stimmchen niemals zugetraut hätte? Vor deren 1,50m gebeugter Körpergröße Zweimetermänner stramm standen?!

Ich hätte da aus eigener Anschauung gleich vier zu bieten!

Darüber hinaus: Das Bild des schnellen Wandels im 19. Jahrhundert rundet sich.

Das Halseisen am Pfahl auf dem Gutshof; Ausdruck der Landgerichtsbarkeit des bösen alten Gotthilf von Poppen, findet seine drastische Erwähnung, ebenso das Kopfschütteln des menschenklugen Idealisten Fiebinger über den aufkommenden Schopenhauer.

Der geräuschlos fallende Schnee, der sein Leichentuch über all das arme-Schlucker- Elend decken will, wird beschrieben; aber auch, dass der aktive Fabrikschornstein ihn im Handumdrehen in eine dreckige Masse verwandelt, auf dem Giebel- und Dächermeer – über das der Sterngucker Ulex den Überblick hat.

Sah ich aus dem Fenster meiner Flöten- und Akkordeon-Lehrerin in der Altstadt, dann hatte ich diesen Spitzwegausblick auch. Auch die großen Fenster meiner POS gaben dieses Altstadtgiebelwirrwarrpanorama frei. Blumenkästen und Wäscheleinen vor Gaubenfenstern, rotes Bettzeug wie Stones-Zungen aus Wohnhöhlen bleckend; umringt von einen Wald windschiefer Fernsehantennen.

Amerika kann er nicht.

Die Kalifornienkapitel sind so langweilig wie bei Gerstäcker. Sein Roman „Gold“ erschien in den frühen 70ern in der Ehemaligen in der Jugendbuchreihe „Spannend erzählt“. Glatt gelogen. Mit Müh und Not kam ich mit 11 oder 12 Jahren bis Seite 70. Im Raabe-Nachwort ist vermerkt, dass er sehr wahrscheinlich DIESEN Gerstäcker aus dem Jahre 1854 zu Rate zog. Ebenso Dickens‘ „David Copperfield“ und Goethes „Wilhelm Meister“.

Raabes Amerika schwankt zwischen Realismus und Märchenland. Er hat sich von Gerstäcker die armselige Beschreibung der Zelt-und Bretterbudenstadt San Francisco „geborgt“, beschreibt das Völkergemisch und das Faustrecht, das zum Waffentragen zwingt; erfindet jedoch einen genialen Weltenbummler Hauptmann Faber, quasi bereits einen Prä-Shatterhand, als Begleitung für den unerfahrenen Robert Wolf hinzu und eine todkranke Verwandte, allein dahinsiechend in einem Blockhaus im Nirgendwo irgendeines Canons, wo Robert dann nur mit der Schaufel zu graben braucht, um prompt Nuggets zu finden.

Mir scheint zusätzlich, dass das Buch ein Anti-„Soll und Haben“ sein will. Robert Wolf kann als ein Anton Wohlfahrt gelesen werden, der mehr Ecken und Kanten hat, als sein reibungsloser Vorreiter.

Es ploppen beim Lesen also viele kleine „Blitzlichter“ auf.

Aber:

Die Lebendigen wandeln in Unruhe – der Tod schaut in das Buch.

Das ist eine seiner lapidaren Kapitelüberschriften. Er meint vermutlich wirklich nur DAS Buch hier, weil er in diesem Kapitel einen alten Sargtischler sterben lässt. Mir aber gab die Zeile so eine ganz eigentümliche Umdrehung:

Meine Kollegen, viele in meiner überalterten Branche nicht viel jünger als ich, „wandeln (weiter) in (der) Unruhe“ des Alltags. Ich „schaue ins Buch“ … Wie lange mag ich noch haben?

Falls du bis hierher durchgehalten hast:

Lesenswert ist dieser Raabesche Gedankensteinbruch auf alle Fälle!

Bilanz 2021

So Jemeinde. Wieda eehn Jah‘ rum. Macht eusch n Gläsken ßureschd, der Rückblick lässt a’bleichn.

„Wenn die Mächtigen nicht Vernunft annehmen, hat die Vanunft keene Macht.“ (Jurij Brezan; sorbischer DDR-Autor)

Ha’ick vom Steimle den Spruch. Wees nich, wann olle Brezan det von sich jab. Aba et passt volle Kanne of det Jah‘ hier inne letztn Zuckung. Wat bleibt häng?

Ick musste reeneweg erst guhgeln, watt wa, weil det Covid-Dauafeua ja allet platt macht im Schäddl.

Impfpflicht – der Horror! Komischaweise och für allahand Ossis nune. Da kannste ma sehn wie weit det Niveau schon runta is. Inne DDR wärnse alle anjetretn, bei‘n Betriebsarzt und inne Schulä: chroße Pause, gommste nua offm Hof, wennde ehn Obaarm frei machst – peng. Impfausweis her! Stempl. Peng. Drei Wochen. Denne wär det Ding durch. Mit Sputnik. Nu heuln se alle: Impfzwang Diktatur!

Nee Wahlbeschiss! Kiek dir det Deppmkonglomerat an, wat sich da bietet als Entscheida für de nächste ßeit! Keen Hoffnungsträja nürjends! Saarland ohne jrüne Liste, weil DIE det Jemauschle nu och noch off de Spitze jetriem ham. Naja Saarland. Honecker, Maaß, Karrenbauer, Cindy und Bert – also irgendwatt is da inne Gene!

„Et muss Nacht sein! Et muss Nacht sein! Denn det kommta allet Spanisch so vor!“

Und wie die Kanzlakandidatn erzeucht wurdn! Bildabuch! Saachick! Bil.da.buch! Voll det Tackatuckalandverfah’n! Olle Laschet als kommenda Adenaua! Hat süchaheitshalba nua den Voastand jefracht, obba soll. Lachsta doot. Det ehnzische Männeken, dem nichema ne Flut wat nützt! Janze Ortsvabände schämtn süsch, sein Konterfei anne Laterne ßuhäng, wejen Wahlkampf. Kommt of Betroffenheitstournee anne Wuppa und lachd sich eehn.

Und da Bundespräsi Minuten späta ooch!

Da weeste watt looft!

Selbstendlarvend!

Keehn Rücktritt, keen nüschd. Weita, weita! Da jroße Voasitzende hat halt Humoa bewiesn, hieß et.

Da Patei wa et ejal: Oach, wie ham eh keen Bessaren!

Siehste ja jetze: Aneuarunk mit voll die alten Tools! Kandidaten da Freude und da Hoffnunk! Det wüad da Ejon Krenz Törn der ßeDeUh, saach ick dia. Hintahea hat damals olle Gysi die Resterampe vawaltet. So kommt det jetze och. Wüaste sehn. Stramm in Rüchtung Einstellischkeit. Kuban, biste bereit? Kannst schon ma Hungastreik trainier’n, wenn’se euch an‘s Pateivamöjen woll’n.

Obwohl, wenn die Traumtänza von de Lastenfahrradconnection jenuch Fehla machen, denne passiat mit Merzi-Herzi det selbe wie mit Olafm jetze: miese Presse, totjesacht, einijet offm Kerbholz, aba plötzli -2025- Siega im Fotofinish!

Ja det wahn Akt! Die Kanzlarin da Herzn wa anjekündigt! Annalena die Chroße. Boing Rückschlach. Latürnich füas erste Nazi-Kampannje. Klaro. Wie ümma. Und fraunfeindlüsch! Erst füllefülle Taache späta Einsicht, det det kee Scheniestreich wa mittet Buch. Wo doch olle Habeck so dschentlmenmäßi‘ den Maso-Macker jejehm hat! „Die kann det!“, sachda – und duckt süsch weg.

Ick frach mia schon die janzen letztn Jahre, wo bei die Jrün die janzn Hobby-Freuds abjebliehm sinn: Kiek doch ma of die Körpasprache von olle Habeck und of die weichseiande Sprechmanier – wie kann sowatt Hoffnungsträja wern? Der will doch ja’nüsch! Jejen den wa doch olle Scharping hyperaktiv!

Apropos SPD-Kader: Heiko! Neuli habbich jeträumt, det Heiko Maaß mit ehm T-Shirt rumlooft. Vorne droff süsch selba als Konterfei und drüber fett: …ich nicht! Und denne jehta an mia vobei, ick kiek ihm hintahea und er hat offm Rücken den Kopp vom Scholl-Latour und drüber: Er hats gewusst…

Tja nu issa im jehen! Würd det bessa mit Fräulein Schlau-schlau? Lernt die jetze schon alte Joschka-Redn auswendi‘?

Also meaxte selba: Polütüsch simmer down. De Juchnd wählt soja schon FDP!

Wat hatma noch:

Fußball EM 2020 nachjeholt. Du, die wa schnella vajessn, als se jedauat hat! Wa och mea Rejenbogenpalava als Jekicke.

Manuel Neuer, det Flagschiff der LBSdingBums-Bewejung! Der Mann mit der Binde! Halbet Jah vorher noch beim Absing des falschn Liedjuts in Kroatien ertappt, aba nu plötzli Rosa von Praunheims Adoptivsohn, oda so.

Deutsche Bürjameista aziehn den ungarischen Präsidenten! Alle Stadien in Faschingsbestrahlung! Wah det peinli‘! Am deutschen Wesen soll die Welt jenesen, wa? Die Ungarn ham’89 den Zaun offjemacht. Und anno’15 ehn neuen jebaut, sonst hättma heuer schon die Bathpartei mit offm ßettel jehabt! Da simmer doch ma lieba janz leise!

Wea jetze Europameista is, müsstick guhgeln. Is mia Banane. Die fress ick och nüsch.

Hinta die Ballgladiatoren wa glei noch Olympia. In Japan. Ooch die vaschobene von 2020. Det selbe Elend. Det Einzüsche, watt in A’inarunk bleibt, is die Heulsuse of dem Ferd und die keifende Trainerin am Rande. Do! Tiawohl und so! Und Frauen machen allet bessa als wie Kerle?! Da kiek ma hin, wat abjeht, wenn die Ponyhofweltbilda platzn! Wär ick n Landlord, hätt ick dat Ferd jekooft, damittet nich in de Hundefuttabüchse offwacht. Aba jab tatsächli ne Rettarin, so’ne Hollywood-Tante, die hats jekooft! Det wa schone det besta am Jah‘! Do!

Watt wa noch? Ach so. Ein’n habbich noch:

Kmmmh! In Balin hat nüschema mehr die Wahl jeklappt! Völlije Erjebnissvazerrung! Aba keene Anfechtung! Weita, weita!

Stell dia ma vor, olle Putin hätte UN Wahlbeobachta anjeheuat! Det Jeweese! DIE Presse!

Prost und auf ein Neuet. ßwei-zwozwo is coming!

Allet weita wie bisher plus Inflation.

Die Freudn nehm eben keen Ende.

Nachdenken über einen seltsamen ZEIT-Artikel

Peter Tauber ist Hesse, Ex-Offizier der BW und Ex-Generalsekretär der CDU (unter Merkel gewesen)

Der Hesse Tauber weiß nicht, dass sein Landesverband traditionell der konservativste (manche sagen „reaktionärste“) abgesehen von Straußns CSU war. Viele der alten Eisenbeißer kamen aus Hessen: Dregger, Hohmann, Koch, Gauland…

Der Ex-Offizier Tauber kennt nicht die zweifelhafte Praxis der Kasernennamensverleihung aus der Adenauerzeit und der „umstrittenen“ Traditionskabinette dort vor Ort (Mölders, Manstein, Rommel, …)

Der Ex-Generalsekretär Tauber kennt nicht die Werdegänge einiger Vorgänger, vor allem Biedenkopfs und Geislers.

So jedenfalls mein Eindruck nach dem ich heute „Wir bleiben Mitte!“ las.

Sein Essay (Zeit-Online, 4.10.2021) über den anstehenden Wandel der CDU bietet allerhand Wunderliches.

Er enthält Aussagen wie:

  1. Wenn die Union die starke Kraft der bürgerlichen Mitte bleiben will, dann braucht sie diese Ehrlichkeit mit sich selbst.

Stimmt, aber dann:

  1. Die Debatte, man müsse die Union nach rechts verschieben, war falsch. (…) Denn nur die politische Linke in Deutschland kann ein Interesse daran haben, wenn die CDU die politische Mitte preisgibt. Der Ruf, die CDU müsse Wähler am rechten Rand des demokratischen Spektrums binden, ist also vergiftet.

Nein. Im Gegenteil. Diese Auffassung ist das bisherige Erfolgsrezept der Vor-Merkel-CDU gewesen.

Früher gab es da mal eine clevere Aufteilung von Gesinnung: Konservativ – reaktionär- faschistoid.

Konservative Kräfte mit Angst vor allzu abrupter Veränderung sind immer Mehrheit gewesen. Dieser Konservativismus wandelt sich auf dem rechten Rand ins Reaktionäre. Möchte also nicht nur „konservieren“ sondern das Rad ein Stück zurückdrehen, weil frühere Verhältnisse irgendwann und in diffuser Verklärung mal als besser angesehen werden. Und DAHINTER erst kommen die Faschisten/Nationalsozialisten als rabiater Rest. Vor Merkel waren die Reaktionären der rechte Flügel der CDU. Der rabiate Rest blieb allein und splitterte sich auf in NPD, DVU, Wehrsportgruppen usw.

Somit blieb diesem rechten Rand nicht viel. Reaktionäre Anwälte, Richter, Studienräte, Polizisten waren in die CDU eingebunden, denn niemand strafte sie für ihre Reden. Bei Abstimmungen unterlagen sie meist rein demokratisch und akzeptierten das. Manchmal fuhren sie auch Erfolge ein, wie beispielsweise beim Thema §218, oder der Erschwerung der Wehrdienstverweigerung.

Rückblende: Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP)der Weimarer Zeit war reaktionär; sie konnte mit der NSDAP überhaupt nicht. Sie sah sich als Elite und den Hitlertrupp als Plebs. Zur Harzburger Front kam es 1931 auf dem Papier zwar trotzdem, aber siehe Hugenbergs Unmut über Hitlers erste Koaltionsregierung am 30.Januar 1933, deren Teil er mürrisch wurde – sind dokumentierte Fakten, die zeigen, dass es normalerweise ein tiefes Mistrauen zwischen gebildeten Reaktionären und eher instinktgesteuerten „Haudraufs“ gibt. Die Angst des Bürgers vor dem Assi, auf dem Schulhof wie im Parlament. Hat aber jener Plebs erst die Macht errungen und zeigt er weiterhin Härte, so kann er sich plötzlich vor zu Kreuze kriechenden Schnellbekehrten nicht retten. Peinliche Selbstauflösung aller bürgerlichen Parteien nach dem Ermächtigungsgesetz.

Adenauers CDU, hervorgegangen aus der Zentrumspartei, zog nun nach 45 alles an, was sich durch Engagement von mehr oder weniger großer Mitläuferschuld reinwaschen wollte. Das waren nicht so sehr die dumpfen SA-Schläger, sondern der bürokratisch erfahrene Mittelbau des NS-Staates. Also akademisch gebildete Kader. Globke, Filbinger, Kiesinger, Oberländer, Gehlen, … die Politik sah demnach aus: Schlussstrichdiskussion über NS-Verbrechen; Reaktivierung von Wehrmachtsveteranen für die Bundeswehr… Verbreitung des Märchens von der im Kriege „saubergebliebenen“ Wehrmacht… Vergabe seltsamer Namen an Kasernen… sie recyclten die Goebbels-Idee der letzten Kriegsphase, die „Warnung vor der Roten Flut“ …

Kurz: Die CDU ist Adenauers „braunes Wasser“ gewesen, mit dem er das Land wusch.

„Man wirft mir vor, ich wüsche mit braunem Wasser. Ja, aber wenn ich doch kein anderes habe!“ (Adenauer)

  1. Bei den Wählerinnen und Wählern der AfD ist für die CDU nichts zu holen. Versuche wie in Thüringen mit Hans-Georg Maaßen als Kandidaten sind gescheitert. Und zwar kläglich.

Quatsch. Nur eine Volksfront aus SPD, Grünen und in letzter Minute auch Linken führte zur Bündelung „strategischer“ Wählerstimmen für den SPD-Kandidaten. Ohne all diese Propagandatrommeln, bei normalem Wahlvorgang, wäre sicher ein anderes Ergebnis entstanden.

Bei der AfD befindet sich der gesamte verprellte rechte Wähler-Flügel der alten CDU.

  1. Seit ihrer Gründung war die CDU die Partei der deutschen Einheit und der europäischen Einigung. Beides waren Visionen, politische Ziele. Heute sind sie Wirklichkeit.

Und weil die heute Wirklichkeit ist, verschweigen wir mal klammheimlich, dass im Herbst ’89 eigentlich auch in der CDU niemand mehr an eine WV gedacht hat. Lediglich Kohl hielt daran fest. War es seine Prägung in den Nachkriegsjahren? Oder die Biografie seiner Frau? Sein 10 Punkteplan überraschte die eigene Partei im Winter 89 wie später der merkelsche Schlag gegen die Kernkraftnutzung. Die Paladine waren geschockt und mundtot.

Zuvor war der 17. Juni immer weniger gefeiert worden. Der Kommunistenfresser Strauß bereicherte sich 1983 lieber an der Provision für jenen Milliardenkredit an Honeckers angeblich gar nicht existierenden Zonen-Staat. Biedenkopf und Geisler wollten modernisieren und „neue Themen setzen“ – wurden allerdings von Kohl seinerzeit kaltgestellt. Dass Biedenkopf dann König von Sachsen wurde, ist ein Paradebeispiel politischer – na – nennen wir es Flexibilität.

  1. Viele Mitglieder wissen wenig über das historische Werden der Union und ihren Gründungsimpuls als Sammlungsbewegung und Kraft des Neuen. Die CDU war in einer so zerrissenen Gesellschaft, wie es die deutsche nach dem Krieg war, 1945 ein Versprechen und etwas Unerhörtes. Die CDU war die Partei der ausgestreckten Hand und nicht der geballten Faust.

Und weil so viele tatsächlich nichts wissen, über die Werdegänge in den ersten 20 Nachkriegsjahren, da lassen wir das mal so aussehen, als wäre Adenauers „ausgestreckte Hand“ so eine Art ständiger Kirchentag gewesen: Alle haben sich lieb und grenzen sich „mit äußerster Trennschärfe“ nach rechts ab. Beate Klarsfeld lacht sich tot.

  1. Was bedeutet das programmatisch? Die Idee eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres für alle in der jungen Generation ist Ausdruck dieses bürgerlichen Staatsverständnisses, das Verantwortung und einen praktischen Patriotismus zur Grundlage einer freien Gesellschaft macht. Darauf kann die CDU sich besinnen oder daran wieder anknüpfen.

Praktischer Patriotismus entsteht also durch ein soziales Pflichtjahr. Superidee. Ironie sollte man kennzeichnen! Wer Patriotismus will, muss Gründe schaffen, weshalb man patriotisch sein soll. Worauf darf man noch stolz sein? Ist nicht alles von früher – NS, Rassismus, Holocaust? Das liegt im Argen! Die Wurzeln demokratischer Tradition werden nirgends gründlich vermittelt. Geh auf die Straße und frage die Leute, wer Erzberger, Blum, Haecker, Müntzer war! Wo kommt die Regenbogenfahne eigentlich her und wofür stand sie ursprünglich? Warum waren die Befreiungskriege eben nicht der präfaschistoide Alptraum, der deutsch-französische Freundschaft verhinderte, sondern eine durchaus demokratische Volkserhebung?!

Weiß sowas heute jemand? Ach wozu denn! …

(In Berlin Kreuzberg will man dieser Tage gerade alle Namen dieser Heldenzeit von den Straßenschildern tilgen. Yorck-, Blücher-, Tauentzien-…; weg damit! Klar, Kreuzberg; die brauchen orientalische Namenspatrone nun.)

  1. An der Parteibasis sind die Diskussionen ähnlich: Wenn Stadtverbände erklären, sie würden das Plakat mit dem Kanzlerkandidaten nicht aufhängen, dann haben die Funktionäre vor Ort ja leider genug schlechte Vorbilder in Land und Bund. Ihr Verhalten ist falsch und auf Dauer tödlich.

Nö. Wenn sie keine Ausreden haben, warum nun gerade DER mit dem wenigsten feedback an der Basis Kandidat wurde, und warum nur der Vorstand gefragt wurde, und was der Vorstand eigentlich von Demokratie und Dienst am Wähler hält…dann ist das richtig, die Reizfigur aus der Schusslinie zu nehmen. Einer, der vor der Flut, alle Katastrophenhilfen abschafft, dann drei Wochen die Bundeswehr helfen lässt, sie aber baldigst wieder abberuft – und der dann beim Ortstermin blöde Witze reißt – während die Toten noch nicht einmal unter der Erde sind, der ist nicht mehr vermittelbar!

  1. Die Erneuerung der Partei kann nicht aus dem Konrad-Adenauer-Haus kommen. Sie muss in den Kommunen beginnen. Dazu müssen gesellschaftliche Gruppen anders eingebunden und angesprochen werden. Die Ressourcen der Partei und ihres Umfeldes müssen darauf ausgerichtet werden. Die ehrenamtlichen Mitglieder haben auch den Anspruch, mehr Gehör zu finden.

Soso. Also Basisdemokratie? Keine Anweisungen von oben? Ein frommer Wunsch. Wie stehen die Chancen, korrupte Abgeordnete loszuwerden? (Rezo-Video 3) lehrt, dass der Verbonzung nun jahrzehntelang Tür und Tor offenstanden – und dass es an „jungen Wilden“ fehlt, die per Parteirevolte daran etwas ändern könnten.

  1. Es hilft nichts, wenn die Parteibasis über die Funktionäre schimpft, wenn die Funktionäre die Schuld beim Vorsitzenden suchen und der Vorsitzende sich über mangelnden Rückhalt beklagt.

Sagen wir es konkreter: Die SPD-Regierung hat unter Schröder ihr Wählerklientel verraten und eine lupenreine FDP/CDU-Politik gefahren. Merkel hat die CDU sozialdemokratisiert bzw. (leicht) begrünt. So entstand Verwirrung und massive Enttäuschung hüben wie drüben in allen Lagern.

Also wäre der Laden dringend aufzuräumen, indem wieder jeder Verein das tut, wozu er irgendwann einmal gegründet wurde und somit wären auch die klassischen Wählerschichten zurückholbar.

Aber auch das wird frommer Wunsch bleiben. Ich weiß. Früher verschwanden bei Wahlen unterlegene CDU-Potentaten schnell in der zweiten Reihe. Selbst diese Form der Selbstreinigung gibt es heute nicht mehr.

Der Pflichtfilm zum 60. Jahrestag

August’61. Mauerbau. 60 Jahre her.

Ja, da musste der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk mal wieder Wahrnehmung des Erziehungsauftrages beweisen. Wie immer bei Ossi-Themen wurde es eine übellaunig abgedrehte Schnellschnell-Klischee-Parade. Sparsamer Aufwand, schneller Dreh und schnelle Schnitte, senden, abhaken. Eventuell jedes Jahr anfang August wiederholen.

„3einhalb Stunden“

„Es fährt ein Zug nach nirgendwo“… am 13. August 1961. Und die Passagiere dieses Interzonenzuges von München nach Ostberlin haben dreieinhalb Stunden Zeit zu überlegen, ob sie spätestens in Bamberg aussteigen, um „ihre Träume leben zu können“. Im Adenauerland. In den USA von Küste zu Küste reisend. Oder auf dem Eifelturm. Oder weiterfahren, um schmählich im Osten zu verenden!

Du musst wissen: Alle Ossis träumten permanent von Flucht und von Amerika! Für Wessis gilt das als erwiesen.

Der Abspann des Filmes sorgt für den eigentlichen Lacher: Historische Beratung: „Max Musterfrau“.

Ich will den armen Mann nicht bloßstellen, schaut selber nach, wenn euch der richtige Name interessiert. Vielleicht hat er ja richtig beraten, aber man hat der Crew das Budget gekürzt, sodass zeittypische Kledage eben nur für ein Drittel der Akteure gereicht hat. Vielleicht aber ist er einer dieser jungen Leute, die mittels massiver Nachteilsausgleiche ein Abi herbeigeschenkt bekamen und die nicht bestandenen Testate im Studium machte dann die Zeter- und Mordio schreiende Helikopter-Mutter auf den Fluren der Sektionsleitung wett, während die eingeschüchterten Profs hinter ihren Schreibtischen in Deckung gingen. Kein Aufsehen! Wegloben! Ab zum Fernsehen!

Welche Bären kriegen wir hier nun aufgebunden:

Da gibt es eine junge Lokführerin in der DDR, über die ein Dok-Film gedreht werden soll. Aber die junge Dame verhält sich wie die von D-MAX hergebeamte abgespeckte ARD-Version der Checker-Lina abzüglich ihrer Tatoos, wie sie da in Männerunterhemd und Latzhose an der Lok schraubt.

Dann gibt es einen Flugzeugkonstrukteur, der mit Frau und zwei Kindern in München den Zug besteigt. Beide Kinder annähernd gleich alt. So zwischen 11 und 13. Die Tochter Papas Liebling, technisch interessiert und schlauer als der Vater, weil sie spontan ein Transistorradio reparieren kann, welches dann prompt Willy Brandts Mauerbauprotest sendet. Sie nervt zuvor die Leute auf dem Bahnsteig mit einem großen Flugzeugmodell, mit dem sie herumfliegt und immer so „beinahe“ aneckt, während der fasst gleichalte Bruder brav neben Mutti hertrabt.

Also das kann ich aus meiner 60er Jahre Kindheit bestätigen: Was haben wir Jungs gelangweilt und ideenlos in der Sandkiste herumgesessen, bis die spielmachenden gleichaltrigen Kumpelinen kamen und uns via Sandkuchen backen und Gummi-Hopse einen interessanten Tag bescherten! Und später hat mir meine Sandkastengefährtin Conny mit meinem Stabilbaukasten etwas vorgeschraubt und ich habs nachgebaut.

Glaubste nich‘? War bei dir genau andersrum?

Na siehste!

Ironie aus!

Der lustlose Bockie der Familie übrigens hat kurz vor Schluss dann seinen großen Auftritt, als Vater im Westen bleiben will, weil er ein Jobangebot in München bekam. Mutter aber will den verdienstvollen Opa im Osten nicht alleinlassen. Tochter heult und will schon aufs Pilotinwerden verzichten, da kommt Kleinpubi altväterlich kraft seiner 13 Jahre Lebenserfahrung aus dem Muspott und spricht: „Du bleibst mit Papa im Westen und wirst Pilotin. Ich geh mit Mama zurück nach Berlin. Und im Urlaub treffen wir uns in Prag.“ Gesagt getan. Alle zufrieden.

So easy kann das Leben sein!

Dazu dann noch eine Ostberliner Band im Zug (sic! Warum auch immer!), die prima 90er Jahre Existenzialisten-Pop klampft, (Warum nicht gleich Punks mit Iro?) aber seltsamerweise niemanden nervt. Alt und jung kriegen feuchte Augen. Niemand tönt etwas von „Hottentottenmusike“ und „Vernegerung“. Eben alles typisch 1961. Kmmh! Abwink.

Muss ich noch mehr sagen?

Es gibt ein paar Sporenelemente „neuer“ Akzente. Aber die musst du mit der Lupe suchen, wie in Gegenwartsfilmen der DEFA in den 70ern:

Die Frau des Konstrukteurs verteidigt ihren Vater und die Ideale der DDR ohne Schaum vor dem Mund und gar nicht doof wirkend. (Geradezu revolutionär anders!) Aber sie spricht nicht wie eine Mutter, die die Familie zusammen halten will, mittels alltäglicher Argumente; sondern sie doziert die anderthalb Seiten, die der Cornelsenverlag 10.Klässlern beim Thema DDR halt so zugesteht.

Die 4 Leute jener Combo, die kein einziges Mal so genannt wird, sind dagegen unerträglich holzschnitterne Klischeeträger, dass es einen graust. Und vor allem die Dame in gänzlich falschem Outfit!

Immerhin ist hier ein Lob für die DDR versteckt, nur leider ungenügend recherchiert.

Drummer und Basser sind ein schwules Paar. Der Wessi-Historiker hat nu irgendwo gelesen, dass die DDR 1961 keinen §175 mehr hatte, also lässt er das Paar sich gerade so geben und offen reden, wie das heute möglich ist: Was für ein Irrtum! Wie sah es mit der Schwulenakzeptanz in der DDR aus? Der DEFA-Film „Coming out“ von 1989 verrät es! Nix da von regenbogenbuntem Herumgewusel!

Dann fällt ein Satz über die rückständige Schwulengesetzgebung im Westen. Hui! Ein Minuspunkt für den „goldenen“ Westen! Hört, hört! Aber das schwule Musikerpaar entscheidet sich dann doch für genau den, wegen dem Eifelturm und Miles Davis. (Frag mich nich‘!)

„Dreieinhalb Stunden“ reiht sich ein in jenen unsäglichen Reigen aus „Honigfrauen“, „Unsere besten Jahre“, „Ballonflucht“… Klischeefernsehen at it‘s schlimmst.

Weil sich Wessis halt ihr Ossibild so angelesen haben -in IHREN Quellen- und ohne mit ihnen zu reden.

Es lebe das GEZ-Qualitätsfernsehen, das völlig verlernt hat, in seinen vielen, vielen C-Filmen zu Themen der jüngeren Geschichte, zeittypische Atmosphären zu erschaffen.

Filme wie „Gundermann“ und „Wunder von Bern“ beweisen, dass da eigentlich mehr gehen würde, wenn man nur wollte.

Drei Alben

In einem Land vor dieser Zeit heute lebte ich einst dahin. Das Besondere an diesem Land war, dass es keine Schallplatten gab. Also es gab schon welche, aber – das war kompliziert:

Das Land hatte EIN Plattenlabel für Rock/Pop/Schlager und veröffentlichte für stabile 16,10 M landeseigene Volkskunstgesänge.

Zweimal im Monat kam es zur Unter-dem-Ladentisch-Verhökerung einer sogenannten Lizenz-Platte für ebenfalls 16,10 M. Dabei konnte es sich um irgendwen Großkopfertes aus dem Lager des Klassenfeindes handeln; Geräusche, die vom Klassenkampf abhalten, im Sozialismus aber genossen werden können; sagen wir Deep Purple, Who, Stones; aber auch um „so Zeuch halt“ ala Katja Epstein, Udo Jürgens, Roger Whittaker etc.

Da man die Platte seiner Begehr meist nicht im Laden bekam, erwarb man sie „unter der Hand“ für 30.-M oder im Tausch für eine Ungewollte, die man vorsorglich für diesen Fall gekauft hatte, weil es sie eben grade gab, als man im Laden war.

Die „richtigen“ LPs, von A&M, CBS, RCA usw. gab es nur auf dem Flohmarkt oder von jemandem, den ein guter Freund halt so mal eben kennengelernt hatte. Und die kosteten, laut Umtauschkurs 1:6 eben nun mal 120.-M (Ost).

Da Rundfunkempfang von „Feindsendern“ kein Problem und somit Norm war, wusste man immer, wann welches Idol welche Platte herausgebracht hatte; aber man wusste nie, ob man sie eines Tages mal auf dem Flohmarkt erwischen würde.

Flohmärkte blühten in den 80ern mehr und mehr auf. Und du bekamst dort fast alles, was in den Läden Mangelware war – und so einiges mehr!

Und so trug es sich zu, dass auch Merseburg einmalig einen Flohmarktversuch startete.

Sommer’83. Bei bestem Wetter und mit wenig Geld fuhr nun also ein Trabi voller studentischer Plattensüchtlinge die paar Kilometer gen Schlosspark.

Ich für meinen Teil hatte die Barschaft von 250 Mark dabei und wohl wissend, dass ich dann wieder vor einem Vinylstandort stehen würde, bei dem ich gern das Zehnfache gehabt hätte, war ich auf die Idee gekommen, meine Lizenzplattenbestände zu durchforsten, was eventuell entbehrlich wäre, um die Suchtbefriedigung wenigstens in diesem Segment noch ein wenig weiter steigern zu können.

Im Plattenbeutel unter meiner Schulter befanden sich nun also „Leo Kottke“ und „CCR“; damals gerade auf AMIGA erschienen, sodass sie eventuell noch gesucht sein könnten. Kottke gefiel mir in jenen textlastigen NDW-Jahren noch nicht so richtig (das änderte sich später sehr); und die CCR hatte ich mir überhört, sodass der Trennungsschmerz nicht allzu groß sein würde. Sollte sich gar jemand finden, süchtig wie ich, dann würde der eventuell je 40.-M springen lassen – und dann hätte ich bei etwas Verhandlungsgeschick Geld für „aller guten Dinge sinder Dreie“ von den RICHTIGEN!

Wir also rein da, löhnen das bissel Eintritt und ziehen getrennter Wege, denn keiner gönnte dem andern Funde, die ihm selber gefallen hätten und die er so nun wieder „nur“ aufnehmen konnte.

Ich wende mich nach rechts und gleich als zweiter oder dritter Anbieter steht da jemand mit einem Bettvorleger im Gras und darauf liegen 4 Alben. Welche weiß ich nicht mehr, denn ich hatte nur Augen für eins -BÄM! -:

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Ich wusste sofort, dass ich das gleich kaufe! Aber ich wusste ebenfalls gleich: Du bist noch keine 10 Schritte gelaufen und deine halbe Barschaft geht jetzt drauf! Du wirst noch vor größeren Kisten stehen! Aber überlegen und wiederkommen is’nich‘! Dann isse schon weg!

1978 -vor der Fahne- war „Bat out of hell“ erschienen – und nenne mir einen von meiner Generation, der nicht das große Sabbern gekriegt hätte, wenn man ihm die zum Aufnehmen anbot! Ich hatte sie -Prora-Dealer sei Dank- seit 1981 endlich auch auf Band und nun lag hier der zweite Streich des Big American Wahnfried!

Die Hülle war perfekt, beim Rausziehen der Platte glänzte alles, wie es sein soll! Problem: Ich kannte keinen Ton von diesem Album!

Die muss 1980 höllisch eingebrochen sein! Ich hatte das nicht mitbekommen können. 18 Monate „Ehrenhaft“ auf Rügen, da kommste zurück und denkst, es gibt international bloß noch Nik Straker und die Goombay Danceband, saach ich dir! Ostseewelle Rostock, das war seinerzeit auch sowas wie Folter!

Ich hatte zwar alles aufgenommen, was mein Langzeitkumpel Udo in jener Phase zu Hause so an musikalischer Beute machen konnte, aber von Meat Loaf war da nichts dabei!

„Is‘ die wie die Bat out of hell?“, frag ich also ziemlich deppert. Und der Verkäufer muss mich prompt für einen Idioten halten.

„Klar! Die is zwar nich‘ so bekannt – aber, wem die eene jefällt, der mag ooch die annere hier.“

Hab ich zu handeln versucht? Oder widerstandslos gleich die 120 gezückt?

Ich war in Trance!

Gleich nach dem Kauf wurde ich wieder unschlüssig: Was, wenn die verdient gefloppt is‘? Hast du dir jetzt Mist andrehen lassen?

Die Ängste waren unbegründet. Die Platte sollte in meinem Besitz ihre ganz spezielle Geschichte erlangen.

Musikalisch ist sie der „Bat out of hell“ tatsächlich ähnlich. Sie geht gut ab. Mini-Opern wie „Paradiese by the Dashboardlight“ allerdings fehlen. Aber Graupen gibt es keine.

Als ich sie vor Udo aus dem Beutel ziehe, kriegt der glasige Augen: „Ooooor! Und wer malt mir das Cover jetz‘ in Lämsgröße übbers Sofa?“

„I’m gonna love her for both of us“ … „more than you deserve“… lebenskluge Studentenhymnen! Alles wahr! Soundtrack einer Lebensphase!

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Anfang’89 verbüßte ich mein viertes „Zusatzabsolventenjahr“ hinter Cottbus als Strohwitwer, während meine Frau weit weg daheim ihre Mutter pflegte und unser erstes Kind windelte – alle Versetzungsanträge und Eingaben abgeschmettert – und kein Bonze hatte ein Einsehen auf Familienzusammenführung! Dementsprechend war ich drauf, als diese letzten Kommunalwahlen abgehalten wurden:

Ich ging hin, nahm den Zettel, legte ihn auf die Urne und begann Namen von der Liste zu streichen.

Die Wahlkabine war – wie üblich – zu weit weg und mit Stühlen verstellt.

(Komme da jetzt, was da wolle! Hat sich was mit braver DDR-Bürger! Ich hörte da so eine Speckbacke im Anzug flüstern: „Wen streicht‘n der?“ Von den andern gabs diese typischen Blicke: Ist Ihnen klar, was Sie da gerade getan haben?!)

Leckt mich! 5 km von der polnischen Grenze! Noch weiter östlich könnter mich nich‘ verbannen. Schlesien is‘ futsch!

Dann stopfte ich den Wisch in den Schlitz und ging -leicht zitternd vor Aufregung- heim. Wird’s noch Theater geben? Oder bin ich eh schon „durch“? Zuhause legte ich die „Deadringer“ auf: Peel out, peel out! I‘m sick and tired of waiting in line! – und fand mich strax wieder gut!

Wenn ich an den Wochenenden das Pflegeelend meiner Schwiegerfamilie erlebte, war ich immer aufs Neue der „Real Deadringer for Love“, auch wenn Olle Ami-Bulette das ursprünglich anders gemeint hatte.

So bekam diese Platte ihre Unverzichtbarkeit! Aber‘83 da im Schlosspark war daran nicht zu denken.

Es ist im Leben prima eingerichtet, dass man nicht vorausschauen kann. Würde man mit 23 sehen, durch welchen Mist man noch zu waten hat, man würde keine 30.

Also lebte ich den Moment: Meine Zweifel an der Richtigkeit jener Kaufentscheidung wuchsen mit jedem Schritt.

 Und die Verunsicherung begann sogar zu sieden, als ich 100 Meter weiter vor zwei Typen stand, die in zwei großen Pappkisten an die 500 begehrte West-Platten feilboten!

Ich kann bis heute nicht erklären, wie solche Anbieter zustande kamen: Zwei Fernseherkisten voll Rockgeschichte im Bestzustand! Ladenneu! Waren das Einbrecher im Rundfunkarchiv? Stasischergen, die die Paketbeschlagnahmungen verhökerten? Oder nur skrupellose Schröpfer von Westverwandtschaft?

Es waren keine Ausländer! Sie sprachen akzentfrei unsern Slang!

Der Stand ist umlagert. Ich drängle mich rein. Erwische gleich die „Who are you“, halte sie erst mal fest, will aber noch an Überblick gewinnen:

Neben mir flippt einer so eine lange Plattenreihe durch. Die gesammelten Werke der Scorpions, so scheint es, Rainbow und Maiden auch dabei, die greift einer von der Seite gleich raus. Egal. Da: Bowie! Aber der Typ flippt drüber weg. Gott sei Dank!

„Warte mal kurz!“ hör ich mich auf Autopilot sprechen, flippe zurück, ziehe die Bowie und schieb die Who an die Stelle rein: Es ist die „Diamond Dogs“! Was für ein Cover! Und „Rebel Rebel“ ist drauf!

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Heinz Rudolf Kunze hatte zu der Zeit auf NDR2 gerade eine Sendereihe „Bowie – der Favorit“ laufen – und er besprach dort alle LPs mit reichlich Hörbeispielen! Ich hieperte deshalb auf die „Hunky Dory“, aber die „Diamond Dogs“ erschien mir seinerzeit als die zweitbeste der Vor-Fame-Phase!

Treffer! Bezahl und weg!

Aber – Geld alle. Für den letzten 10er würde es kein Vinyl mehr geben und nach meinem Beutelinhalt war ich noch kein einziges Mal angesprochen worden.

Fluchtartig verließ ich diesem Stand des Überangebotes: Hach, da hatten die sogar die Kiss „Alive!“ und Floyds „the piper at the Gates of dawn“! Von Rainbow wär die „Long live Rock And Roll“ auch verführerisch gewesen! Bloß weg hier!

Erst mal ne Wurschd, um den Adrenalinpegel zu senken.

Die „Diamond Dogs“ gefiel mir jahrelang ganz ausgezeichnet. Sie passte in die 80er, obwohl sie da schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte: Aber all die Apocalypse-Anspielungen – das hörte sich extrem aktuell an – in Zeiten von „99 Luftballons“,„Berliiiin! Du kotzt mich an!“ und „Weltsendeschluss“! Viel ist davon nicht übriggeblieben. Höre ich sie heute seltenerweise einmal, dann merke ich, was Kunze seinerzeit schon erzählte: Gesammelte Bruchstücke eines Drogenwracks, das sich künstlerisch gehörig übernommen hatte. Er hatte zu lesen begonnen und wollte nun aus Orwells „1984“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Shakespeares „Hamlet“ das eigene große Überwerk erschaffen: Doppelalbum, Buch und Film. Allerdings wurde er Opfer seiner Stimmungsschwankungen und verwarf immerzu seine Vortagsideen. Übrig blieb eine LP mit „Rebel Rebel“, „When you Rock and Roll with me“,„1984“ und allerhand katastrophenschwangeren Füllseln.

Hat halt so jedes seine Halbwertzeit. In den 80ern machte mich die Platte glücklich!

Ein paar Parkrundenspäter steh ich wieder vor einem, der so ein Allerlei aus Ost-Platten und Kram auf einer Decke anbietet.

Und da lag dann noch – SIE!

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AMIGA’77. In den 70ern verpasst, dann kurz vor der Fahne immerhin noch aufgenommen. LP mit Überlänge! Herrlicher Sound! Prägemelodaien am Fließband! Keine Graupen! „Bring back my yesterday“ war das zentrale Langwerk darauf, inclusive dem gesprochenen Intro, das auf späteren „Best ofs“ immer fehlt!

Ich weiß, ich weiß! Barry White! Das ist nicht der Name, der unter Althippies, Bluesern und Punks der ersten Stunde Anerkennung genießt – aber – fuck it! Zu MEINEN Göttern gehört er! ICH MUSSTE diese Platte haben!

„Willst’n für die?“

„Dreißch Morg.“

Ich ziehe aus meinem Plattenbeutel Kottke und CCR.

„Und wenn de dir eehne davon aussuchst?“

„Oi!“

Natürlich nimmt er die CCR.

Barry White wollte nie jemand von mir aufnehmen. Aber durchsichtig gespielt hab ich die! Und wie!

Nach der Wende kaufte ich „Barrys Gold“ auf CD mit sehr ähnlicher Zusammenstellung – aber o weh! Der Yesterday-Monolog fehlte! Also gingen die Barry-Käufe „notgedrungen“ weiter. Bis zur „Rhapsody in White“ – DIE ist die Beste! MEIN Sound der Pubertät! Da ziehen sie alle im Geiste noch mal vorbei, die damals Rang und Namen hatten:

Carrell, Elefantenboy, Eddies Vater, Otto-Show, Butler Parker, Margret Thursday, Belle und Sebastian, Daniel Boone – und eben auch so Alltagsbilder einer anderen Zeit: Die Bierbüchsen-Pyramide! Das Kohlebunkern, wenn uns der Wintervorrat in die Einfahrt gekippt wurde! Vaters Kofferheule plärrt Deutschlandfunk dazu. Der bringt Wortbeiträge ohne Ende und zwischendurch plötzlich mal: Standing in the shadow of love-love-love- waiting for the heartache above….“

Exactly my point of view‘73/74!

Oh yeahr!

One ticket please. She’s at home. Yeahr, she’s at home…

dav

Heyses Venus

dav

Heyses Schlussstein

Ist!

Das!

Stark!

Da wollte einer den Buchmarkt nochmal so richtig rocken, aber keiner hat’s gehört. Die zeitgenössischen Literaturgeschichten schweigen das Werk tot, wie zuvor schon „gegen den Strom“.

Heyse schrieb 1910 mit  -für DIE Zeit- sensationellen 80 Jahren seinen letzten Roman – und es ist ein toller Schlussakkord geworden! Auch wenn „gegen den Strom“ sein eigentliches „Vermächtnis-Album“ bleibt – aber da war noch was offen!

„Für wie moralisch integer haltet ihr unsere Zeit, liebe Leute?!“, fragt er und liefert die Antwort mit: Nicht mehr meine Zeit; aber eure eigentlich auch nicht! Ihr seid nicht in der Lage, das ins Bessere zu drehen! Das 20.Jahrhundert wird kein leichtes!

Der Titel mag manchen abstoßen.

Er gemahnt zunächst an das berühmte Botticelli-Gemälde, meint aber die Entstehung einer der vielen Coverversionen, die um 1900 entstanden und heute alle ein bisschen wie die Schlafzimmerbilder vom Trödler nebenan wirken. Die Maler alter Schule waren in der Bredouille. Heyse springt ihnen bei. Der Liebhaber von Zentauren und Illias-Bebilderung bleibt vom Impressionismus unbeeindruckt.

Etwas ähnliches hat Heyse mit seiner Novelle von der „Irdischen und himmlischen Liebe“ schon mal geboten. Damals stand ein alter Tizian als Namensgeber Pate. Auch dieser Titel las sich gewöhnungsbedürftig, doch auch diese Novelle gehört unbestreitbar zu seinen Hits.

In der „Geburt der Venus“ erhältst du eine hauchzart erzählte, anheimelnd tolle Liebesgeschichte. Hier kriegt er dich genauso wie mit „dem verlorenen Sohn“ und den „Moralischen Unmöglichkeiten“.

„Es gibt moralische Unmöglichkeiten, die einer solchen Eheschließung nun mal im Wege stehen.“, sagt der sympathische Vater des träumerischen Malers. Zufall? Berechneter Wiedererkennungseffekt?

Das Vater-Sohn-Gespräch, aus dem der Satz stammt, ist eins der vielen kleinen Highlights des Werkes. Wenn der Sohn die dem Vater entgangene Karriere lebt, dann ist das Topverhältnis sattelfest. Beide verachten elitär die spießbürgerliche Meute. Und trotzdem bedrohen die Spielregeln des „blöden Haufens“ das Familienglück.

Heyse thematisiert die völlig überholte Heiratsetikette seiner Zeit, die uns heutigen Lesern eigenartig kurdisch/arabisch vorkommt. Und die Duelle waren unsere Spielart von Ehrenmord. Wobei eher die Männer zu schaden kamen.

Das erbärmliche Schicksal der Hanna illustriert zeittypische Umstände und führt somit dem Leser vor Augen wie prüde und somit folgerichtig frivol verdorben ein Zeitgeist ist, der die Erschaffung erotischer Kunst sofort in den Dreck zieht. Wenn Heyse hier 1910 mit Moralkriegern seiner Zeit abrechnet, dann hinterlässt das so einen überraschend aktuellen Nachhall.

Herrlich beschrieben, wie Trude, die Pastorentochter, den Fanatismus ihres Vaters unterläuft und damit zeigt, wo Heuchelei für den gesunden Menschenverstand überlebensnotwendig ist: Im Pfarrhaus.

Ja, wieder ein böser Pastor, wie in „Crone Stäudlin“, wie in „Moralische Unmöglichkeiten“.

Ja, wieder so ein aristokratisches Aschenputtel wie die Traud in „Irdische und himmlische Liebe“.

Ja, wieder so ein verpeilter Professor Chlodwig, wie dort, diesmal als aussichtsreicher Maler.

Und wieder so ein Dr. Berndt, als zynischer Kommentator und helfender Freund, der wiederum mehr Durchblick hat, als die Hauptfigur.

Heyse variiert die „Irdische und himmlische Liebe“ hier zum Roman. Er zeigt, dass ihm zum Ende hin bewusstwurde, dass das sein bester Plot war.

Der Zweitaufguss alter Ideen kann schief gehen. Ihm gelingt er! Jedenfalls bei mir trifft er ins Schwarze. Wie Yes mit „Yes-Album“ und „Fragile“, wie Pink Floyd mit „Dark Side…“ und „Wish you…“, wie Nazareth mit ihrem Debut und der „expect no mercy“.

Und das Sahnehäubchen an der ganzen Geschichte ist, dass dieser Schlusspunkt einer großen Laufbahn mit Spielhagens „Opfer“ von 1901 zu korrespondieren scheint, was ja auch in dessen Fall fast ein Schlusspunkt war.

Heyse, mit einer Kunstauffassung von gestern und Moralvorstellungen von morgen, Kind seiner Zeit, präsentiert die Themen jener Ära zeittypisch: Allweil realistisch, aber umhüllt mit Schmauchspuren vergehender Romantik, die sich „klassisch“ gibt und somit Gefahr läuft, nur als kitschig verlacht zu werden. Der notwendige Gegenpol zu Fontane und Mann.

In Zeiten, wo dir Historiensurrogate in Form von Fernsehfilm und -serie vorgaukeln, dass unsere Altvorderen einst unsere heutigen Zustände herbeigesehnt hätten, sind Heyse, Spielhagen & Co. notwendige Kronzeugen, dass dem nie so war.

Sicher ließe sich auch im Falle der „Venus“ das eine oder andere missglückte Detail aufrechnen. Es ist wiederum ein „Thüringen“, das eigentlich eher München und sein Umland ist. Für die Inspiration zum Titelgebenden Kunstwerk via Kletterpartie auf einsamer griechischer Insel hätte sich sicher was Besseres finden lassen, als ein angeblich reales Erweckungserlebnis. Aber geschenkt. Nach 10 Seiten kippligen Einstiegs, der kurz die Gefahr einer zweiten „Crone Stäudlin“ am Horizont erscheinen lässt, erzählt sich hier ein mitreißender Erzähler seine Lebenserfahrungen im „blöden Haufen“ vom Hals und schmeißt die Türe zu.

Ein kolossaler Abgang!

Ol‘ Frankie’s Watertown

Irgendwann schlägt jedem die Sinatra-Stunde.

Eine Platte für die Frühjahrsmüdigkeit.

Du legst sie auf, es umarmt dich eine einschmeichelnde Musik, die an früh70er Vorabendserien der Marke „Elefantenboy“ erinnert, oder „Margreth Thursday“ und du dämmerst weg, um erst bei den letzten Takten wieder aufzuwachen, „I’m sure, I’d recognized her face“… und die Musik entfernt sich, wie ein Personenzug, der in der Ferne immer leiser wird.

Du hast eine wunderbare Story verschlafen. Frank Sinatra erzählt sie dir auf seinem Watertown- Album von 1970, wann immer du willst.

Sehr viele werden es nicht sein, die das wollen. 30 000 Exemplare nur gingen damals über den Ladentisch. Ein blamables Nichts für „Ol’blue Eyes“. Es heißt, er mag deshalb das Album nicht.

Schade eigentlich. Es ist ein gutes!

Er wollte es ja selbst auch, als er von der „The Imitation of Life Gazette“ begeistert war.

Gaudio und Holmes machten sich also ran und schrieben ihm ein Konzeptalbum der sehr melancholischen Art.

Die Schilderungen all dieser Slacker-Schicksale in der Ami-Provinz zwischen Frau verdreschen-Auto schrotten-Drogen dealen-Army&Knast sind Legion. Hier stattdessen die leise sich anschleichende, völlig unaufdringliche Variante eines Saubermannschicksals, die dich im Nachhinein deutlich mehr berührt, weil der beschriebene Lebensstil viel mehr mit deinem Eigenen zu tun hat:

Ein verlassener Mann in den besten Jahren in einer amerikanischen Kleinstadt erzählt, wie ihn seine Frau verließ, weil die großen Erfolge in der großen Metropole lockten und wie er mit den Kindern zurückblieb.

Er erzählt, dass da kein großer Krach und kein Bleib-doch-Gebettel war. Dass sie sich lieb verabschiedete und versprach zu schreiben.

Wie er sich immer wieder damit plagt, die Gründe für sein Scheitern zu finden; weshalb der Magnetismus der ersten Ehejahre verflog; wie er sich einen Neuanfang herbeisehnt, wenn sie doch wiederkäme…

Wie in guten Hollywood-Streifen, wo Lachen und Weinen psychologisch meisterhaft kombiniert eng beieinanderliegen, entdeckst du in den simpel gehaltenen Lyrics hier ebenfalls die Gänsehautmomente und schmunzelst doch wenig später über Alt-Männer-Humor a la

„The kitchen looked like World War III, what a funny girl you used to be…“,

weil du diese Sprüche kennst. Weil das das Leben ist. Das Leben der Anderen. Solche Scheidungsgeschichten blieben gottlob outside of the family, aber nahe genug, um bei diesem und jenem Schicksal mitzuleiden.

Sie schreibt, dass sie an Gewicht verlor, mehr Auftritte hat, die Karriere läuft… die Stadt schön aber fremd bleibt. Er schöpft daraus Hoffnung.

Die Platte enthält keinen Las Vegas Swing mit Bügelfalten-Lackschuh-Tritt in den Bläsereinsatz, wohl aber diese sich anschleichenden Klarinetten-Soli a la Benny Goodman (Chamber Version). Violingestreichelt.

Der Schwachpunkt der Platte ist die Abwesenheit von einprägsamen Hooklines.; womit also keine Trompeten von Jericho-Chorusse gemeint sind. Aber so was „Heart of Goldhaftes“, leise Eindringliches, wie es eben Onkel Neil mit links kann, das wäre hier das Tüpfelchen gewesen. „I‘m sayin‘ something stupid, like: I love you“ – Old Frankie hat das ja zuvor bereits geschafft, aber eben leider nicht hier. Weil das nun nicht zu haben ist, kommt es dir phasenweise vor, wie ein Versuch, Brechts Episches Theater musik-minimalistisch untermalen zu wollen. Sinatra goes Minetti.

Aber wenn man sich drauf einlässt, dann geht man trotzdem mit, wenn die zunächst einschläfernde Musi‘, die den bescheidenen Alltagsablauf des Erzählers untermalt, lebendiger wird, da er einem Brief zu entnehmen glaubt, „Sie“ käme bald auf Besuch. Prompt steht er am Bahnhof. Es gießt. Das ist egal!

Sie kommt – sicher – die Schranken gehen zu – der Zug fährt ein – Leute steigen aus – und verlaufen sich. Der Zug fährt an –

„Ich war sicher, ihr Gesicht gesehen zu haben …“ – tudumm-tudumm-tudumm – und verschwindet am Horizont.

Der Songzyklus korrespondiert mit „Saturdays father“ auf der „IoLG“ der 4 Seasons. Der Begriff „Watertown“ wird auch dort erwähnt.

Und er korrespondiert mit „Delta Dawn“ von 1972. Hier steht SIE jeden Tag abreisebereit am Bahnhof, aber ER kommt nicht, um sie wegzuholen. In Watertown dagegen warten ER und die kleinen Söhne, aber SIE kehrt nicht zurück.

Feine Puzzleteile im Musik-Kosmos.

sinatra

Thierse

 

Thierse warnte auch davor, die Begriff (!) und Realität von Nation als erledigt zu betrachten. „Schaut Euch um in der Welt! Nation ist eine Realität. Wir erfahren sie gerade wieder in der Pandemie. Der nationale Sozialstaat rettet uns. Es ist elitäre Dummheit, das nicht sehen zu wollen.“

FAZ von heute.

Recht hat er.

Aber – was nützt’s?

Erinnert euch! Sie waren 12e, den Dreizehnten den haben sie eiskalt verhökert und verraten an die Wölfe. Man merke: Im Verein wird keiner alt. (Na? Von wem?)