Wieder dieser Moment…

…wenn Realsatire entsteht.

Eigentlich wollte ich die Frage in den Raum stellen:

Wie lange wird es dauern, bis wir lesen müssen, dass….

https://www.zeit.de/2019/28/eu-kommission-ursula-von-der-leyen-christine-lagarde-europa

… aber da war Krupa schneller. Qualitätsjournalismus eben!

Es darf überlegt werden:

Was will uns dieses rotztutendoofe Dauerargument „Frau“ eigentlich mitteilen?

Wäre die DDR mit Margot an der Spitze eine bessere gewesen?

Ich verkneif mir die Vergleiche mit den Zeiten zuvor.

Schere im Kopf in „jetzig Zeiten“ – wieder.

 

Werbeanzeigen

Querdenker IX

Die DDR erfand, als sie um 1981 herum nicht mehr weiterwusste, den Friedenskampf als Nachweis für Daseinsberechtigung, trotzdem im Inneren bereits alles zusammenbröckelte.

Warum habe ich dieser Tage ein weiteres Mal ein Deja vu?

Die EU betreibt Wahlkampf. Diesmal mit eigenartigen Wahlhelfern und sogar live in der Provinz. In ostdeutschen Gemeindesälen tauchen bisweilen Anzugträger aus Straßburg und/oder Brüssel auf. Adrett, manikürt, frisch gebügelt, parfümiert, sitzen sie dann auf Podien und gewähren nach narkotisierenden Einführungsmonologen dem Volke eine Fragestunde.

Sie können sich sicher sein, dass das provinzielle Bildungsbürgertum sehr devot die ein- oder andere Scheinfrage stellen wird, für die die bewährten Floskeln abgespult werden können. Wie immer wird sich dann irgendein als Ausnahme anwesender, frustrierter Nichtgewinner der Globalisierung wagen, den Phrasenkonsens mit einer derben Frage aufzubrechen; jedoch des Redens vor Publikum nicht trainiert und verblüfft über die eigene Courage, wird er es nicht bei der Frage belassen, sondern gleich weiterabspulen, was er alles dazu selber weiß. Und so wird es ein Leichtes sein für die Boss-Anzüge, die Schrecksekunde zu überwinden und mit dem Hinweis auf Verschwörungstheorien, böse Populisten und gar -ts-ts-ts- all diese Lügenpressevorwürfe den armen Mann in seinen Alltagsfrust zurückzuschicken:

„Der Binnenmarkt ist doch win-win für uns alle, nicht wahr? Oder kaufen Sie nicht bei Amazon?“

Alles will sich nach dem Aufrappler grade wieder zurücklehnen, um der Eröffnung des aufgebauten Schnittchen-Buffets entgegen zu dämmern, da erhebt sich noch einer und entpuppt sich als informierter Besucher:

– Was sagen sie zur Existenzvernichtung für Bauern, Fischer und Textilhersteller in Afrika durch EPA, das von der EU injiziert wurde, um all unsere unverkäuflichen Überschüsse dorthin profitabel entsorgen zu können?

– Warum wurde nicht vor der Krise über die Inhalte des Assoziierungsabkommens mit der Ukraine informiert?

– Wie erklären Sie die scheinheilige Informationspolitik der offiziellen Medien zu CETA und TTIP?

Auf dem Podium gehen die Augenlider und die Mundwinkel für ein-zwei Sekunden auf Halbmast, sofort aber kommt Strategiepunkt 2 zur Anwendung. Mit scheinheilig wohlwollendem Lächeln wendet man sich dem Sprecher zu, um gleich über ihn hinweg zu sehen und ins Publikum zu fragen:

„Danke für diese wichtigen Fragen. Wir sammeln erstmal weiter. Ich sehe da hinten noch eine Wortmeldung.“

Wie zu erwarten folgt Ungefährliches: Wann sorgt die EU für mehr Altenpfleger, oder mehr Rente, oder weniger Bürokratie….

Die in Aussicht gestellte Beantwortung entpuppt sich als die Wiederholung der Einleitungsmonologe, verbunden mit dem Hinweis, dass „wir uns doch alle einig sind, hier im Raum, dass der Frieden in Europa wichtig ist und ein Verdienst des erfolgreichen europäischen Vereinigungsprozesses sei und dass doch niemand mehr beim Reisen an Schlagbäumen aufgehalten werden möchte.“ Amen.

Ein Pflichttermin wurde abgehakt. Alle Beteiligten waren mit den Schnittchen zufrieden.

Augen auf beim „Vertrauen verschenken“ am 26. Mai!

„Würden Wahlen etwas ändern, würden sie verboten.“ (Kurt Tucholsky; berüchtigter Verschwörungstheoretiker der 20er Jahre)

Die Ballade des Harfen-Webers

Frei nach dem Original: „The Ballad of a Harp-Weaver“ by Edna St.Vincent Millay; 1922

Spoken and recorded by Johnny Cash; 1960

Now Bonus-Track on the record „Ride this Train“ from the same year;

Deutsche Version: Bludgeon; 2019

 

Johnny Cash zum dritten:

Es mag verblüffen, wenn im Folgenden etwas Gereimtes zu lesen sein wird, was dem heutigen Leser als kitschig erscheinen mag.

Aber da war vor gut einem Jahr eine Doku über Iggy Pop auf -arte- zu sehen und der alte Iggy ließ die Film-Crew auch in sein jetziges Haus voller Stühle, Sessel und edel bezogener Sofakissen. Somit kam prompt auch die Frage:

„Wozu all die Stühle hier?“

Und die Antwort war:

„Ich sammle sie jetzt. In meiner Jugend hab ich sie vermisst.“

Schlagartig war mir bewusst, was ich früher einmal gehört hatte, dass er im Wohnwagen aufgewachsen war, da seine schlecht verdienenden Eltern sich nichts anderes leisten konnten.

Diese Beispiele bitterster Armut, die du immer wieder vor allem aus Amerika erzählt bekommst, erinnern dich ans europäische 19. Jahrhundert. Als es hier herum genauso elend lief wie heute immernoch in „Gods own Country“. Bald könnten diese Zustände zurückkehren. Unsere globalisierten Zeiten sind danach.

„Tarifvertrag“ ist als Begriff fast heute schon ein vergessener Archaismus. „Mindestlohn“ wird stets offiziell mit dieser Betonung verwendet, als handle es sich um ein unverdientes, überhöhtes, aber huldvoll gewährtes Almosen. Superreiche Oligarchen sind auf dem Vormarsch, nicht nur in Russland. Die Zahl der Boom-Verlierer wächst jedoch allzeit schneller.

DMAX-Sendungen a la „Fast&Loud“ und „Garage Rehab“ usw. lehren uns, dass es Spaß macht, unter Zeitdruck für einen „Burger“ pro Tag zu arbeiten. Ausbildung? Wird überschätzt! Gestern hast du zum ersten Mal einen Auspuff ausgebrannt, morgen baust du deinen ersten Chopper und übermorgen bist du Millionär! So läuft das heute! Sozialabgaben! Du ewig Gestriger! Du bist ja so 70er! Start up, man! Dilettanten an die Macht! In der Politik läuft es doch auch!

Kunst nützt nix. Ich weiß. Warum also hab ich mir die Mühe gemacht und diese alte Ami-Ballade ins Deutsche übertragen? Weil sie mich berührt hat. Wegen Iggy. Wegen Johnny. Wegen all denen die nach uns kommen und dann eventuell auch nur noch ganzjährig im Camper wohnen. Mindestlohn einerseits und 600 Euro (kalt) für eine Hundehütte in Berlin, das geht nun mal nicht auf. Klassenkampf reloaded? Ist leider nicht zu erwarten.

 

Und nun geht’s wirklich los:

Ich war kaum einen Meter,

da sprach sie sorgenvoll aus:

Der Winter kommt und

du wächst aus allem schnell raus.

 

Warme Kleidung musste dringend her

für uns alle beide doch die Not drückte schwer.

Wir besaßen fast nichts, hatten alles versetzt,

Mutter wirkte verhärmt schon, und abgehetzt.

 

Da war noch ihre Harfe aus der Glanzzeit von einst

Als sie jung und schön nicht mit Reizen gegeizt.

Die hätte auch längst zu Geld werden sollen.

Doch hatte sie bisher keiner haben wollen.

 

Für Schränke zu zahlen, war jeder bereit,

Doch ne Harfe oje, die stahl ja nur Zeit.

Und so hatten wir nichts als dieses alte Ding

das rumstand und störte und Spinnweben fing.

 

Der Herbst verrann und mit ihm das Licht

Der Winter kam, aber Auswege nicht.

Da trauten wir beide uns nicht mehr hinaus

Hier drin warn wir sicher, die Welt war ein Graus.

 

So waren wir ganz auf uns alleine gestellt

Draußen vorm Fenster, da feiert die Welt

Mit Vorfreude das Weihnachtsfest;

Die Geburt des Herrn Jesu, der keinen verlässt.

 

Früher feierten auch wir mit Vater so gut!

Nachts, wenn ich schlief, verließ Mutter der Mut.

Sprach sie von Vater, dann war sie froh

Dass der schon tot war, es sei wohl besser so.

 

Dann zerhackten wir die Stühle, nun Brennholz auch sie.

Der Winter da draußen war hart wie noch nie.

Nur ein allerletzter stand stumm an der Wand

wir hackten und rissen, er aber hielt stand.

 

Sie hieß mich immer länger im Bette zu bleiben

Wollt mit Geschichten und Liedern die Zeit mir vertreiben

All die Geschichten lebten im Traume dann fort

aus der Welt wurde so ein besserer Ort.

 

Eines Nachts tief im Schlafe, da träumte ich fest,

wie die Seele der Mutter ihren Körper verlässt

Dann schwebt sie sanft an mein Bettchen heran

Beugt sich nach unten und lächelt mich an.

 

Sie wirkte so jung, erholt und gesund

Ganz so wie früher und küsst mich auf den Mund.

Dann schwebt sie zur Harfe auf den Stuhl hinüber

und streichelt die Saiten, übt endlich wieder.

 

Die himmlischen Töne erfüllen den Raum

Und die Saiten, die webten, es war ja nur Traum.

Als das Musizieren ein Ende dann nahm

Lag da fertige Kleidung, ich probierte sie an.

 

Hose, Hemd, Mantel, Mütze sogar

Wie für einen Prinzen! Äußerst bizarr.

Ich jubelte laut, denn alles passte perfekt!

Wo war das alles nur bisher versteckt?

 

Als ich erwachte, wollt ich ihr berichten

von eben jenen Traumgesichten,

Da sah ich sie sitzen auf dem Stuhl an der Wand

in den Saiten der Harfe noch die eine Hand

 

Die andere hing an ihrer Hüfte herab

Ich ergriff sie, jedoch war sie leblos und schlapp

Sie lächelte tot, seltsam‘ Licht überm Haupt;

Der Frost hatte ihre letzten Kräfte geraubt.

 

Mit einem Schlage wurde mir klar,

Dass der Traum der Moment des Abschiedes war.

Sie hatte die Harfe wirklich gespielt

und sich zum letzten Mal frei und glücklich gefühlt.

 

Doch noch etwas anderes lag da im Raum

Da lagen die Kleider aus meinem Traum

Wie wundersame Wege das Schicksal auch geht

Sie passten – sogar in der Realität.

Zum Junge-Hunde-Kriegen

(Rammsteins neues Video)

Es ist zum Junge-Hunde-Kriegen!

Dieses Sprichwort ist ziemlich aus der Mode gekommen. Rammstein erinnern dieser Tage dran. (siehe Video „Deutschland“ Schlussbild der Band) Das Volk der Dichter und der Denker bewies medial mal wieder, dass es genau das nicht ist. Die Unfähigkeit, Kunst zu interpretieren, feierte anlässlich des „Deutschland-Videos“ fröhliche Urständ. Ach hättense doch einfach bloß die „Moorsoldaten“ gecovert! Lindemann wusste das im Voraus. Welche Reflexe musste füttern, damit es kracht? Hat bestens geklappt.

Rammstein gelten als Provokationsband, die mit den Propagandastilistiken der Systeme spielt wie sonst nur Laibach, ihre nicht erklärten Vorbilder.

„Deutschland“ schießt nun aber den Vogel ab. Einen besseren Abriss deutscher Geschichte in nur 10 Minuten und surreal-perfekten Anspielungen gibt’s nicht. Alles da! Bild und Ton an die jeweils richtige Stelle geschnitten.

Teutoburger Wald. Barbarentum. Kannibalistischer Einstieg. Nun ja: In Gedärm gefangener Römer zu lesen, um Siege vorauszusagen, das gilt bisher noch als erwiesen. Die Seherin im Video aber ist schwarz. Kommt aus dem Busch. Aber eben dem germanischen. Gelungener Hinweis auf „aller Anfang ist primitives Chaos.“

Wenig später: Schlemmende Mönche bei Kerzenschein. Auf dem Tisch die schwarze Germania, die ausgeweidet wird. Treffer: Kirche als Machtfaktor. Dicke Mönche, armes Deutschland, und später auch armes Afrika… Der missionarische Kulturbringer mit der Peitsche und dem Scheiterhaufen.

„Du hast viel geweint; im Geist getrennt, im Herz vereint….“ Treffer! 40 Jahre Mauerzeit, Westsozialisation, Ostsozialisation, aber im Herzen national verbunden geblieben, allen heutigen Nationalstaatsverächtern zum Trotz. Ohne Nationalstaat kein Sozialstaat. Wenn er weg ist, wirst du ihn vermissen.

„Sind schon so lang zusammen, dein Atem kalt, dein Herz in Flammen“ Treffer! 30 Jahre Wiedervereinigung, Wirtschaftserfolge für die kalte Tegernsee-Kamarilla, Wut für die abgeschlagene Provinz.

„Deutschland! Mein Herz in Flammen! Will dich lieben und verdammen!“ Treffer! „Es gibt 100 000 Gründe auf dieses Land stolz zu sein, warum fällt mir auf einmal kein einziger mehr ein?“ Kennste noch? Auf den ersten Blick die Triumpfe: Kulturelle Höchstleistungen, Tüftlergeist, zeitweilige Stärke – auf der anderen Seite Profit durch Verbrechen unverblümt und anschließend Profit durch galoppierende Scheinheiligkeit. Was erst in den Kolonien passierte, geschah später auch und schlimmer noch in den KZs und anschließend im Nadelstreifenzwirn – woanders…. Industrielandschaft plus Rammstein im Kapitalistenzwirn und Feuerkugel (brennende Ölquellen all überall dank Waffenexport und pfeif auf die Umwelt)

Überheblich           (Kaiserzeit, dargestellt durch eine schwarze Germania in Maria Stuart- Outfit a la Schiller; die Klassiker allzeit als Feigenblatt missbraucht)

Überlegen              (Industrie; Kohlekraftwerkeinblendung; Gewinner des Industrialisierungsrennens)

Übernehmen         (KZ-Häftling 1; ohne Schlinge; Machtübernahmeanspielung)

Übergeben             (also Kotzen: KZ-Häftling 2 mit Schlinge um den Hals)

Überraschen          (V1/V2- Raketenanspielung)

Überfallen              (SS-Offizier vor angetretenen Häftlingen, stellvertretend für die Besetzung Europas)

Perfekte Sequenz!

Deutschland, Deutschland über allen.  (Lindemann in zivil und Ketten, nach „Schlag in die Fresse“ also vom (Über-)Leben gezeichnet)

Deutschland, deine Liebe ist Fluch und Segen, meine Liebe kann ich dir nicht geben….

(Germania als Supermodell im Zeitenwandel: Zusammenschnitt Gardeuniform, SS-Uniform (mit Augenklappe links!), als Opfer von RAF-Terroristen mit Sprenggürtel heutiger Attentäter. Getrieben von hehren Idealen neuen Unsinn anrichtend. Der Stein der Weisen wird bis auf weiteres „verschollen bleiben“.

Die „Germania“ wirft junge Hunde. (Deutsche Schäferhunde? Nicht nur in Fachkreisen „überzüchtet krank (im Beckenbereich)“. Lendenlahm. Nunmehr Kuschelwauwis. Deutsche Bestie? Fehlanzeige!

 

Emanzipatorischer Monolog

Der 9. März ist für diesen Blog ein besonderes Datum. Heute vor 4 Jahren wurde er aus der Taufe gehoben. Dieses Jahr nun fällt er in eine besondere Zeit:

In den letzten Tagen hat sich da so einiges angestaut.

Darf man in Zeiten galoppierender Stutenbissigkeit, queerer Raserei, sowie gegenderter Humor- bzw. Fantasie-Inquisition im jungen 21. Jahrhundert, in dem die Demokratie sich plötzlich blitzgealtert gibt, eigentlich als „böser, alter, weißer Mann“ noch über blöde Weiber schreiben?

Okay, okay; ich lynch mich gleich selber. (Aber erst schreib ich das hier als Vermächtnis noch fertig.)

Der westdeutsche Feminismus bringt immer kuriosere Blüten hervor und findet sich gut.

Wir alten Säcke hier im Osten sind emanzipierte Frauen längst gewohnt. Hausfrauenschicksale rangieren für uns kurz vor Marsmensch. Die Ungleichbezahlung berufstätiger Frauen bedauern wir, auch weil wir es einst anders kannten! Deshalb sind uns all diese westdeutschen Nebenkriegsschauplatz-Verhedderungen, von erwünschter Quotenverbossung bei gleichzeitiger Akzeptanz mittelalterlichen Verschleierungsrollbacks geradezu lächerlich peinlich. Gut möglich, dass das bald nicht mehr nur Konvertitinnen betrifft.

Ich sammle schon mal Zuckertüten, falls der Adelaide-von-Möhrenfeld-Look wieder „in“ werden sollte.

Dann wäre da noch das „Thema Doppelname“:

Und hier kommt nun der Karneval ins Spiel. Der hatte es in diesem Jahr besonders schwer. Nicht Salafisten waren die Gefahr, sondern in erster Linie — emanzipatorischer Fanatismus aus dem Lager der anderen Hälfte der Bevölkerung. Beistand fanden sie bei (mehr oder weniger männlichen) no-name-Hinterbänklern der Parlamente, die die Chance wittern, trotz jahrelang praktizierter Fraktionsdisziplin, also Tarnkappenverhalten, EINMAL Schlagzeilen machen zu können mit — NICHTS.

Eigentlich bin ich bekennender Karneval-Muffel. Ich mag ihn nicht, seit meine Klassenlehrerin mich in der 11. Klasse für den Schul-11er-Rat vorschlug. An einer EOS, die ansonsten gern alles Mögliche verbot, sollte ich mithelfen, dass alle am 11.11. um 11.11 Uhr eine Polonaise durchs Schulhaus starten und „lustig“ sind…

„Helau, alaaf und abgelacht – wird immer wieder gerne auf Befehl gemacht!“ (Joachim Witt)

Da brauchste Galgen-Humor, du!

ABER: Dies‘ Jahr taten mir diese rheinländischen Karnevalisten plötzlich richtig leid:

  1. Steltergate! Allein schon der Begriff! In Zeiten, in denen es noch kritischen Journalismus gab, brachte Watergate zwei hochrangige Polit-Strolche zu Fall. Nun aber meint der neuere Begriff die „Abstrafung“ eines harmlosen Büttenwitzlers durch eine sich selbst entlarvende humorlose Rechthaberin. Die Presse jedoch springt ihr bei, um jene verlogene Emanzipationsdiskussion aufrecht erhalten zu helfen, die den Pöbel sich nu wieder zerfleischen lässt, während dahinter in überkommenen Wirtschaftsstrukturen alles beim Alten bleiben kann: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit kommt so keinen Schritt weiter.
  2. Der Toilettenwitz der Weltgeschichte: Frau AKK wagt sich ein Bonmot über Berlin und Sitzpinkler, worauf kurioserweise nicht diese selbst, sondern die Grünen und der Schwulen-und Lesbenverein getroffen aufjaulen, weil deren Fetisch, die dritte Toilettentür, im Gag involviert war. Ähnlich wie beim Steltergate schaltet die Presse sofort auf Sturm! Alle Volkserzieher und Prinzipienreiter treten an und liefern ein weiteres Glanzstück in Sachen ideological fanatism. Komisch, dass der Begriff von der „Links-grün-Versifftheit“ so sehr Karriere macht! Erstaunlicherweise geht die Sache diesmal nach hinten los. Frau AKK, die Kalaschnikow der CDU, knickt nicht wie erwartet ein, sondern schießt zurück – und trifft! „Verkrampftestes Volk der Welt“.Yepp! Gesundes Urteilsvermögen! What comes next?!

    der Baum der Zeit

    Der Zeitgeistbaum

  3. Die Kita-Verordnung von Hamburg-Ottensen. Da rebellierte der kleine Dakota in mir dann doch nochmal richtig heftig! Gott sei Dank wohn ich da nicht! Immerhin gab es diesmal sogar Presseschelte aus allen Lagern. Von links bis rechts. Beruhigt hat mich die Mitte.

Noch! Wer weiß, wie lange. Denn auch hier gilt: What comes next? Leider.

Derweil hat derartiges in Ostdeutschland (abgesehen von Berlin) gottlob NOCH keine Chance. Es gibt Momente, da freut man sich, weiter Ossi sein zu können und Hobby-Dakota: Der-mit-dem-Gojko-tanzt-aber-wie-der-Hanjo-heißt.

Also: What comes next?

Das 5. Jahr Toka-ihto-tales! Hough!

Fehler im System IV

oder Pankow-Saga IV (Ende)

 

„Ich bin rumgerannt, einfach rumgerannt, zu viel rumgerannt und es ist doch nichts passiert!“

Die letzte Vorwende-LP von Pankow „Aufruhr in den Augen“ lag anfang 89 in den Läden. Ein Vierteljahr zuvor war mit „I.L.D.“ von Rockhaus, die letzte große Ostrocküberraschung, passiert. Niemand hatte ernsthaft mehr mit Rockhaus gerechnet. Die hatten 1983 ein typisches NDW-Debut erlaubt bekommen: „Bonbons und Schokolade“; das war Prima Klima oder UKW auf DDRisch. Dann wurden sie geschlossen zur NVA einberufen, aber bekamen zuvor 1984 schnelle-mache-fix ein zweites Album, nun mit Rap-Anleihen, bissl schielen nach Spandau Ballet und späten Stones genehmigt und verschwanden von der Bildfläche.

le choc

le choc

„I.L.D.“ war ein deftig-dreckiges „Die Zensur schläft“- Straßenköteralbum. Noch ahnte niemand den kommenden Hype um Guns’n’Roses, da waren Rockhaus was Outfit und Attitude betraf schon auf eben diesem Level!

„Betty ist eine schöne Frau. Dass nicht nur ich sie liebe, weiß ich ganz genau, und doch: Es geht in Ornung!“

„100 000 Weiber! Das macht Spaß!“

„Mit 12 hab ich im Stadtpark – Bänke angesägt! Habe Autos aufgebrochen und mich mit Bull’n angelegt. (…) Meine Eltern bangen um ihren hohen Job – was für ein Skandaaaaaal….“

„Bleib cool bleib cool! Und fall nicht vom Stuhl! Lehn dich zurück und genieß dein Glück!“

„Immer wieder bis du mich holst! Immer wieder bis du mich holst! Wir machen ein Geschäft mit deiner Seele!“

Gemessen daran war Pankows „Aufruhr in den Augen“ höchstens noch lauwarmer Durchschnitt.

Textlich hatten Silly Pankow längst entthront; nun ging auch noch das Stones-Flair auf Rockhaus über.

Pankows letzter Clou war die Tournee mit der Big Band der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland durch eben dieses. Naja, die östliche Hälfte. Anfang’89. Ausgerechnet jetzt! Im November zuvor war der „Sputnik“ verboten worden. Die „Alten Männer“ von Wandlitz ruderten auf Abstand vom ungeliebten Kreml-Mutterschiff. Sie ahnten den Sog bevorstehenden Untergangs. Ach, könnte man doch nur -in dieser peinlichen Gorbatschow-Zeit- jenen alten 50er Jahre-Spruch „Von der Sowjetunion lernen – heißt siegen lernen!“ vergessen machen! Auf ausgerechnet den berief sich nun plötzlich alles, was vor ’85 nicht ums Verrecken mit Russen hätte zu tun haben wollen!

Nun rissen sich alle um russische Veröffentlichungen. Die Nachfrage nach dem „Sputnik“ war explodiert, seit dort Artikel zu lesen waren, wie „Die Wahrheit über Katyn“ oder die „geheime Seite des Hitler-Stalin-Paktes“; lauter „verbotenes“ Wissen, das vor 1985 den Tatbestand der „Antisowjethetze“ erfüllt hätte. In Moskau war die Zensur im Schwinden. Ostberlin in Zugzwang geraten. Als gar die „Rolle Wilhelm Piecks bei den stalinistischen Säuberungen im Hotel Lux von 1937“ thematisiert wurde, war’s aus. Das nunmehrige Dissidentenblatt wurde „von der Liste zu importierender Zeitschriften gestrichen“. Ab da lief der Countdown: Noch 12 Monate bis zum Mauerfall! Heute weiß niemand mehr mit dem Namen Wilhelm Pieck etwas anzufangen.

aufruhr

aufruhr

Zehn Songs bieten Pankow auf „Aufruhr in den Augen“. Drei starke, zwei halbe und fünf verzichtbare.

Die Platte beginnt mit dem zuvor bereits gesendeten Titelsong: Der geht zwar stramm-, aber bemüht los. Man hatte sich vom Westen die Mode abgesehen, ob notwendig oder nicht, Promiunterstützung dazu zunehmen: Bläsersektion, Backing-Choir inclusive der damals zurecht sehr gelobten Ines Paulke, und Slide-Guitar by Heiner Witte von Engerling. Lockere Flockigkeit kommt so aber nicht zustande!

Der Aufruhr-Song geht als „gut“ in Ordnung, danach folgt die erste Graupe in Gestalt eines (Anti-)NVA-Songs namens „Einsam“; ein NVA-Soldat nimmt hier „fuck yourself“ ein bissl zu wörtlich…

Bloß gut, dass gleich darauf mit „Langeweile“ der beste Song des Albums folgt.

»Dasselbe Land zu lange gesehn‘ / dieselbe Sprache zu lange gehört.
zu lange gewartet, zu lange gehofft / zu lange die alten Männer verehrt.“

Wobei die „Alten Männer“ vom Silly-Texter Werner Karma erfunden wurden für deren LP „Liebeswalzer“:

„Die alten Männer tanzen nicht mehr, mit müden Augen sehen sie her…“

Mit „Straßenlärm“ und „Marilyn“ folgen dann sechs Minuten Unerheblichkeit. Der eine hätte von jeder anderen Truppe stammen können und Marilyn ist nur ein „Doris“-Aufguss von der LP zuvor, der dem dortigen Text nichts mehr draufsetzen kann

Mit „gib mir’n Zeichen“ wird die sich bereits breitmachende Enttäuschung wieder etwas aufgefangen: Zwar ist es ein weiterer Ermutigungssong, wie im Ostrock bereits zahlreich vertreten, man denke nur an „Ermutigung“ von Renft, „Halte durch“ von Karussell, „Raus aus der Spur“ und „Großer Träumer“ von Silly, aber immerhin ein guter.

Dumm nur, dass man die bessere Hälfte der Platte damit schon hinter sich hat. Die B-Seite geht mit „Ich bin ich“ ähnlich los wie die A-Seite mit „Aufruhr“; dann folgen wiederum zwei Aussetzer, bevor es mit „Ich bin bei dir“ leiser und textlich besser wird; das abschließende „wieder auf der Straße“ ist ein Rohrkrepierer: Angelehnt an den frühen Marius Müller Westernhagen und Keks, die 1985 verbotene erste offizielle Punk Band. Bei denen hieß es:

Im Kreiskulturhaus ist heut viehisch was los, da spielt seitm Jahr ne Band

Ansonsten läuft hier nur Konservenmusik und Disco-Publikum. Die sind ganz chic!

Wir lassen uns nicht schocken! Wir wolln rollen und rocken!

Zuschnäääälll kriegt man uns nicht klein!

Wir hauen weiter in die Vollen rrrrein!

 

Und nun bei Pankow deutlich müder:

Diese Rock&Roll Höhle heißt Kulturhaus (…)

Auf dem Plakat steht – keine Stars.
Doch fünf nach sieben geht im Saal das Licht aus.
Und das Kribbeln im Bauch heißt
jetzt geht `s los.

Nee, die Platte war kein großer Wurf. Rockt zwar gut ab, aber fünfmal weghören auf ner Pankow LP? Das hatte es zuvor nicht gegeben!

Ich sah die Band zum zehnten und letzten Mal live im Sommer’89; open air am Haus Auensee in Leipzig. Am Bass Ingo Giese, ehemals Rockhaus, der Ersatzmann für Resniczek, der nun bei Silly zupfte. Herzberg widmete „Ich bin bei dir“ all denen „die hier noch was verändern wollen; ansonsten verabschieden wir uns von immer mehr Freunden, die ihr Leben heute genießen wollen und nicht in tausend Jahr’n erst, wenn die bessern Zeiten losgeh’n; und die dann plötzlich woanders wohnen, wo man so schnell nicht hinkommt.“ Also eigentlich an Frank Hille.

Sie tourten, sie inizierten die Resolution der Unterhaltungskünstler, die den Gorby-Kurs einforderte, als erstes Blut geflossen war, weil der Staat anlässlich seines 40. Geburtstages meinte, noch einmal die alten Methoden „gegen Rowdys“ anwenden zu können. Flux unterschrieben von allem was Rang und Namen hatte auf den Ostrockbühnen des Ländchens. Rückzieher wie weiland bei der Biermann-Resolution von Manfred Krug 1976 gab es’89 keine mehr. Als letzte Nationalpreise der DDR vergeben wurden, schämten sich die Prämierten. Gerhard Schöne stiftete das Preisgeld den Opfern der Auseinandersetzungen des 7.Oktobers am Palast der Republik. Der Staat knickte ein. Der 4.November wurde möglich. Eine Massen-Demo der Unzufriedenen auf dem Alex. Von Wiedervereinigung war noch nicht die Rede. Fünf Tage noch…

Als die Mauer fiel verabschiedete sich Andre Herzberg in eine Solokarriere, die ihn vorübergehend untergehen ließ. Als zweiter ging Giese. Vielversprechend zu den Sisters of Mercy, dann nach Amerika. Aber auch er wurde kein Weltstar, sondern schließlich Bassist der Ulla Meinecke Band. Als dritter ging Kirchmann. Ehle fand jedes Mal Ersatz. Zwei LPs erschienen in Übergangsbesetzung. Weder gut noch schlecht. Die Konstante war die Keith Richard Guitar in Ehles Händen. Die Texte waren der Schwachpunkt. Bemüht oder banal, sie fanden den Stachel nicht mehr, gegen den es zu locken lohnt. Mit der Zensur war auch der Gegner abhandengekommen. Ausnahmen bestätigen die Regel, wie dieser seeeeehr gute Song von der CD „Viererpack“ beweist:

Und du wärst gar nicht da (klick it!)

Wie alle Ost-Bands mussten sie das lange Nachfrageloch der frühen 90er überstehen. Treulos entsorgten viele, viele Merkenichtse ihre Amiga-Vergangenheit in Kartons am Straßenrand:

„Von nun an nur noch Schdons un’Udooo!“

So das übliche Gossengeplärr. Kuriose und tragische Geschichten über Schlagerfuzzies und Rockstars mehrten sich via „Riverboat“ und „Super-Illu“: Keine Einkünfte, keine Tantiemennachzahlungen aus alten Amiga-Umsätzen, kein Airplay in den Ost-Sendern – da verzweifelte so mancher, während seine Frau eine Imbiss-Bude eröffnete, in der er mit aushalf; oder eine Strip-Schule, weil auch all die jungen arbeitslosen Näherinnen der Textilkombinate eine neue Existenz suchten. „Fensterputzer stürzt sich aus dem 10 Stock!“ Das der vormals Sänger in „Klock 8, achtern Strom“ gewesen ist, erfährt man erst weiter hinten im Artikel. Bimbo Rasym, der Stanley Clarke der DDR, verkaufte Autoputzmittel auf der Straße, als er den Puhdy-Job angeboten bekam. Dass der dafür viel zu gut ist, hört man auf der „Stundenschlag“ LP von Stern Meissen (1983). Aber vermutlich verdient er seither besser.

Bei Pankow zerfleischten sich derweil Herzberg und Ehle medial, weil Herzberg seine Stasi-Akte gelesen hatte… das heißt: Ehle schwieg; Herzberg lamentierte herum… dann Funkstille… jahrelang… dann Versöhnung. Denn wie zu erwarten war, musste Herzberg zugeben, dass Ehle zwar mit „der Firma“ über ihn gesprochen hatte, jedoch ohne ihn in die Pfanne zu haun. Es waren eher Rettungsaktionen a la „Der meint das nicht so. Der ist nur ungeduldig, der ist doch einer von uns!“

Es war zuvor schon ein offenes Geheimnis, dass jede Band, die ins NSW gelassen wurde, einen IM haben musste! Als das große Verblüffungsgesinge losging, so um 1992 herum, lösten die Puhdys das Problem am elegantesten: Sie gaben der Super-Illu ein Interview, indem zugegeben wurde, dass Peter Meyer derjenige war, der mit der Stasi sprach, dass aber alle intern davon wussten und ihm vertrauten, da sie anders nicht auf Westtournee gekommen wären. Also keine schmutzige Wäsche zu waschen — und aus. Da wünschte ich, Pankow wären die Puhdys!

So rauften sie sich Anfang der Nullerjahre erst wieder zusammen und versuchten es nochmal mit dem Plattenmachen in beinahe Originalbesetzung. Aber zunächst ohne allzu große Lust: „Nur aus Spaß“ klingt wie sie heißt. Unausgegoren. Nicht ernst gemeint.

Das bisher letzte Lebenszeichen „Neuer Tag in Pankow“ kommt deutlich besser rüber. Ein melancholischer Soundtrack zum Altwerden.

Ich wachte auf und war ein alter Mann!
und ich sah—- die Gefahr!
Ich war allein! Das war nicht neu!
Doch ich wusste von nun an wird’s für immer sein! Das war mir neu!

Fehler im System III

oder: Pankow-Saga III

Steh ich vorm Schreibtisch sagt da einer zu mia: Eure Pankow-Musik passt überhaupt nicht hier her! Muss es denn immer so was Böses sein? Fällt euch denn nich’mal was Netteres ein? (…)

Ich sag! Ich sag!

Babe, Babe! Sei bitte still; achte mal drauf, was ich dir sagen will:

Das Zauberwort heißt Rock&Roll! Vom Blablabla hab ich die Schnauze voll!“  (Pankow 1986)

Bäm!

Zeitlos. Ist es noch immer so – oder schon wieder?!

Vielleicht liegts am bevorstehenden 30. Jubiläum in diesem Herbst; vielleicht an der Vielzahl Deja vus, die mich heimsuchen, dass ich derzeit so bei Pankow hängen bleibe: Will the circle be unbroken? Ich spüre die gleiche Lethargie der Verhältnisse wie 86/87; möchte laufend auffahren: Das stimmt doch nicht! Und das auch nicht! Was schreiben die da? Was erzählen die da? In wessen Auftrag? … und sehe dann immer so (auf verständnisvoll geschaltete) Bonzengesichter, schräg über mir; spüre ihren Griff an meine Schulter und höre ihre freundliche Mahnung:

„Es ist schon so, wie Sie sagen. Aber lassen Sie mal. Darum kümmern sich berufenere Kader als Sie. Beschränken Sie sich auf Ihren Wirkungsbereich. Helfen Sie so der guten Sache zum Sieg. Wir haben doch seit 1949 so viel erreicht, oder?“

„Mein Wirkungsbereich? Ja aber auch da stinkts doch an allen Ecken zum Himmel! Zum Beispiel…“

Nun wird der väterliche Blick des Allesverstehers kälter, der Griff fester:

„So? Kollege! Da muss ich mich doch sehr wundern! Das will ich mal nicht gehört haben!“

Ich erwache. Stehe auf. Und geh zur Arbeit.

keine stars

keine stars

Zeitsprung: Mitte 1986 lag die dritte LP in den Läden. „Keine Stars“ verblüffte allein schon mit dem Coverfoto: Hille ist weg und dafür dieser „Jemand“ mit dem Schnäuzer. Dohanetz heißt der. Wo ist der Hille hin? 1986 fiel die Antwort nicht schwer: Im Westen! Wenn öffentlich vorab in keiner Radiosendung was zu solchen Umbesetzungsgeschichten gesagt wurde, dann konnte das nur heißen: Ausreiseantrag oder „Drühm jebliehm“ nach ner Tournee. Letzteres traf zu.

Pankow hatten zuvor ihre erste West-Tour genehmigt bekommen: Ehle und Hille waren schon als Mitglieder der Vroni-Fischer-Band im Westen gewesen, also bereits „bestätigte NSW-Reisekader“, aber die beiden „Jungspunde“ Kirchmann und Herzberg, die waren die nicht erprobten Westreisenden.

Seit die Puhdys im Klassenfeindgebiet anfingen „abzuräumen“, seit Karat diese Überraschungserfolgsserie einfuhren mit dem Maffay-Ansinnen die „7 Brücken“ zu covern und dann noch ner Goldenen Schallplatte für den „Blauen Planeten“ waren die Devisenbeschaffer auf den Trichter gekommen: Fahren lassen, 90% der Gagen abnehmen; lohnt sich für beide Seiten. Personalverluste mussten halt verschmerzt werden. Solange nicht komplette Bands „abhauten“, schienen die Schlagzeilen beherrschbar.

Und es erfasste wirklich alle:

Uwe Schikora, der Bandleader der Schöbel-Band war weg,

Vroni Fischer war weg,

Holger Biege war weg,

Neumi vom gleichnamigen Rockzirkus ebenfalls,

Regine Dobberschütz, die Stimme von „Solo Sunny“,

Biebl hatte man die Ausreise genehmigt.

Karussell hatten 2 Bandmitglieder per Westtournee verloren,

Ute Freudenberg & Elefant nur eins, und zwar die Ute selbst.

Es läpperte sich…. Aber den Oberen war es seltsam egal. Immer mehr Bands und Schlagerfuzzis bekamen die Erlaubnis zur musikalischen Devisenbeschaffung.

Vor Pankows Tour wurde der „Ensemble-Chef“ Ehle mit Sicherheit verwarnt, dass er jaaaa auf diesen unzuverlässig-provokanten Herzberg aufzupassen habe, dass der keine DDR-herabwürdigenden Ansagen macht und vor allem wieder mit nach Hause kommt. Und der andere da an den Tasten ist ein seltsam unbeschriebenes Blatt und „stille Wasser sind tief….“ und eventuell auch plötzlich weg, also Obacht auf die beiden! Beim Heimreisetreff am Tour-Bus in Westdeutschland nach individueller Einkaufstour waren beide zur Stelle, nur der „Reisekader Hille“ fehlte.

Der war zu seiner Mutter nach Westberlin gereist und hatte beschlossen zu bleiben. Die Band handhabte den Vorfall anders, als ihre Vorgänger. Sie überschritten gemeinsam die Aufenthaltsgenehmigung und reisten nach Westberlin, um ihren Trommler umzustimmen. Vergebens. Sie mussten ohne ihn heim. Ärger. Aussprachen. Sperre bis auf weiteres für weitere Touren ins NSW. Was sollte nun aus der halbfertigen Platte werden, die in ihrer Abwesenheit die Zensurinstanzen durchlaufen hatte. Keine Ahnung, ob die Schlagzeugparts neuaufgenommen werden mussten, oder ob dies nur behauptet wurde – Hilles Tantiemen-Anteile mussten ja irgendwie vermieden werden, andernfalls wären sie in „West“ nach „drüben“ zu überweisen gewesen.

Jedenfalls drang nichts von dieser Querele an die Öffentlichkeit, sondern wurde erst nachwendlich in Interviews enthüllt.

Das Flucht-Phänomen der DDR-Künstler, vor allem der Musiker, ist das, dass sie alle keine abwägenden Philosophen waren, die zur sachlichen Einschätzung ihrer Möglichkeiten im Westen in der Lage gewesen wären. Von Frank Hille kursiert heute das Bonmot im Netz: „DDR-Stars gehen im Osten auf und im Westen unter“. Man weiß nur nicht, wann er zu dieser Weisheit gelangte. Vor- oder nach seinem Absprung. Dass soviele gingen, zeigte den Grad an Verdruss über die Verhältnisse:

„Ja um die Texte gab es dauernd Gezanke“, geben zahlreiche Ostrocker ihre Erfahrungen heute preis, ohne näher auszuführen, um welche Stellen konkret es ging. Sie wissen keine mehr oder wollen sich nicht erinnern. Für sie war das ein lästiger Nebenkriegsschauplatz. Sie wollten rocken und „ran an die Mädchen“. Was die Berufslyriker ihren Sängern da in den Mund legten, war dem bandeigenen Basser oder Drummer sowas von wurschd, aber die Vorladungen aller, die bandinternen Palaver zum Thema „Text ändern oder Song weglassen“ blieben lästiger Alltag. Selbst bei Renft und Silly waren es immer nur 2 oder 3 von 6 Bandmitgliedern, die hinter der Botschaft standen.

Das war bei Pankow anders. Die Band machte am ehesten den Eindruck einer funktionierenden Familie, wie auch jener Überredungsversuch im Fall Hille bewies. Die LP überrascht mit einem Feuerwerk an Spitzen. Gut, Pankow eben. Da erwartet man kein Allerlei. Aber ihr Erstling „Kille kille“ klang damals zwar im Sound sehr extrabreit-westlich, textlich jedoch braver als die beiden Rockspektakel „Paule Panke“ und „Hans im Glück“. Nun wiederum Einzelsongs, von denen der Rundfunk zuvor nur „wetten du willst“ und „Isolde“ bekannt gemacht hatte. Für beide gab es auch eine Art von Video im Fernsehen, wobei besonders „Isolde“ durch so ein nachgemachtes „Stray Cats“ Feeling bestach: Nacht, Nebenstraße, Mülltonne, Ehle mit Gitarre auf dem Bordstein, Herzberg kommt vorbei ….

„Endlich ein Telefon das — funktioniert. Ich steckn Groschen rein, mal sehn, was passiert….“

Wie jeder weiß, der alt genug ist, sich an Telefonzellen zu erinnern: Meistens waren die Apparate kaputt. Im Osten musste man mindestens 20 Pfennig zum Starten einwerfen. Aber gang und gäbe war (bei jungen Leuten): Einen Groschen rein. Faustschlag von oben auf den Kasten. Überraschen lassen: Entweder die Verbindung gelingt oder der Eisenklunker rattert kurz auf und lässt unten Münzen rausfallen, die du oben wieder einfüllen kannst, um für lau zu telefonieren. Und nu singen die da diese bekannte kleinkriminelle Andeutung schon seit einiger Zeit im Rundfunk und Adlershof spendiert auch noch nächtliche Videokulisse!

„Wetten du willst“ ist dagegen eher unauffällig. „Ich fass dich auch da an, wenn du willst.“ Naja. Inge Pawelzik (light) sozusagen. In Sachen Sex kommt es auf der Platte mit „Doris“ wesentlich konkreter:

„Meine sollte blond sein und große Brüste haben und sollte mich trotzdem verstehn….“

„Doriiiis! Ich hatte es noch nie gemacht! Du hast es mir – beigebracht!“

Aber der eigentliche Wert der Platte erschließt sich durch die Dreifaltigkeit „Lied vom Anderssein“; „Nebel“ und „Trübsal“ – exakt das Twen-Lebensgefühl 25+; von all den jungen Besen, die im Berufsleben angekommen waren, kehren wollten, aber nicht gelassen wurden. Was haste dir nicht alles erzählen lassen über den gesetzmäßig siegenden Sozialismus – und nun? Haste geglaubt, die Welt hat ausgerechnet auf dich gewartet? Träumer du! Dich umgab lähmendes „weiter so“ – „das haben wir bisher so gemacht“ – „das bleibt so“… Und irgendwann machste halt mit. Ankunft im Leben.

„Die Jungen wollen fliegen und machen dabei Wind, da stören sie die Alten, die schon gelandet sind.“ (Ed Stuhler/Arno Schmidt 1988)

Gorbatschow-Reden im „Neuen Deutschland“ wurden gelesen, seziert, zur provokanten Argumentation genutzt … und verpufften.

„Wir blasen, wir blasen, aus Augen, Mund und Nasen – Trübsal.“

Her mit Konterbande! Egal woher! Wann würde jener lähmende Erkenntnisnebel sich endlich lichten?

„Wann gehst du endlich wäääg? Wann komm ich endlich wieder aus’m Dräääck!“

Die Platte war vor der Tour eingespielt worden. Nun, nach Maßreglung wegen des personellen Abgangs Hille, nicht nur nicht mit Veröffentlichungsverbot, sondern mit Gewährung all dieser unbiederen Aussagen sogar scheinbar noch belohnt zu werden, mag auf den ersten Blick seltsam erscheinen. Jedoch ist 1986 eben auch das erste Gorbatschow-Jahr rum. Der scheint durchzuhalten da in Moskau; tadelt „reaktionär erstarrte Kader der Partei“ und zwangspensioniert sie, um Platz zu schaffen für neue Leute im ZK. Dort wehte also bereits ein Wind der Veränderung. Wie lange würde da das „Alte Männer Gremium“ in Berlin noch verharren können? Wann und wie würden sie abtreten? Danach würden auch hier neue Wege ausprobiert werden und dann will man nicht als der letzte Stalinist gelten! DESHALB gab sich die Zensur zeitweilig (aber immer öfter), als ob sie schliefe. Man wollte beim hereindräuenden „Neuen Kurs“ eben Bönzchen bleiben oder im Ruhestand wenigstens nicht laufend lesen müssen, dass man nun zum Aushängeschild des Poststalinismus avanciert sei.

Die Dosis erlaubter Kunst-Fre(i)chheit wurde somit ständig erhöht, wenn auch die Übertragung in den Alltag weiterhin ausgebremst blieb:

„Hier sitzen die, die immer hier sind. Und meinen, dass er meistens spinnt. Er will anders sein! Will ganz anders sein!“

Call it stagnäjschn, Bäybä! Wir glaubten, die gleichen Platten zu hören, glaubten, die gleichen Bücher zu lesen. Glaubten, die gleiche Vision zu haben. Aber taten wir das wirklich? Schon der erste wirkliche Wahlkampf 1990 brachte an den Tag, wie vielfältig die politischen Vorlieben tatsächlich waren, wie unüberbrückbar plötzlich kleinste Nuancierungen zu Klüften wurden.

Noch aber wussten wir all das nicht. Noch war 1986. Am Horizont schien die Glasnostch-Sonne aufzugehen. Also wagten wir uns mal vor beim allmontäglichen Rotlichtnachmittag, bekamen eins drüber, hörten abends dann Pankow, Silly oder (wer hatte) Danzers „Traurig aber wahr“ und am nächsten Morgen stand man auf und ging zur Arbeit. Weitere 3 Jahre lang.

„Guck nich‘ so komisch! Ich bin doch kein Star!“(Pankow)

„Geh! Mein großer Träumer! Geh! Wenn du meinst, dass deine Sehnsucht dich wieder trägt.“ (Silly)

Das Silly-Pankow-Ping-Pong hielt uns auf Trab. Damals.

soundtrack eines untergangs

Untergangsgeräusche

Fehler im System II

oder: Pankow-Saga II

Pankow waren in den 80ern eine Bank für Provokation und gute Musik. Ein paar zu spät Geborene, die erst in den 80ern anfingen, sahen das anders: Für die waren Pankow schon sowas wie Puhdys oder Karat, weil sie nur noch die Independent-Bands gelten ließen: Feeling B & Co. – Ignoranten! Never talked about Milchbarts.

Zeitchen zurück: Ich hatte 4x „Paule Panke“ live gesehn, da stand das 5.Mal bevor: Live at the BaHu Leipzig! – sozusagen. Bauhochschule. Keine Punk-Hochburg. Ich bekam den Tipp, dass dort was sein sollte und fand mich hin, alleine diesmal, im annähernden Elvis Costello Outfit der Zeit: Hindenburgbürste, Sakko des Hochzeitsanzuges meines Vaters (1958); Uhrkette im Parteiabzeichen-Knopfloch; Lenin-Pionierabzeichen, 950 Jahre-Nbg-Medaille; lange Lederhose, Turnschuhe – und ich kam unter die „Gestrigen“: 08/15 Kunden-Outfit: Jeans, Hemd, Vokuhila oder Günter-Netzer-Gedächtnisscheitel. Aber Großstadt sei Dank. Null Aufsehen.

davdie besten 3

die besten 3

Pankow hatten inzwischen (muss annähernd Frühjahr‘83 gewesen sein; noch immer war keine Platte erschienen) einen Merchandising-Stand mit Aufklebern von sich und Mona Lise; somit erfuhr ich von der ersten Mädchenband der DDDDR.

Die Frau vom Basser (Liese Resniczek) war dort die Chefin. Naja, später stellte sich heraus, die hatten zwar ‘ne hübsche Antje an der Gitarre, aber textlich/musikalisch war das — Schwamm drüber, honey.

Ich deckte mich mit Pankow-Aufklebern ein und ärgerte mich, dass die immer noch nicht auf den Trichter gekommen waren, Sticker (sagten wir damals; meinten aber Badges) machen zu lassen.

Dann setzte ich mich im dunklen Saal irgendwo hin und der Typ neben mir sah mich meine Einkäufe ins Portemonnaie verstauen:

„Du bist woll Fan von dänn?“

„Jou!“

„Un? Spiel‘n die nur Scheise?“

„Warum bisdn dann hier?“

„Weil sonst nüschd is.“

Oh! So sahen diese DDR-Dauer-Blueser das also. Das kann ja was werden!

„Wart‘s halt ab.“ prophezeite ich mutig drauf los. Und seit diesem Abend halte ich mich für a kind of Moses und ließ mir einen Vollbart stehen, denn:

Die Band spielte gegen einen Saal voll Skepsis an und drehte die Stimmung innerhalb der ersten halben Stunde um 180 Grad.

Spätestens bei „Sitz!Ung!“ johlte und applaudierte alles und bei „Komm ausm Arsch“ erhoben sich die ersten für jenen historischen Alki-Mitklatsch-Boogie-Pogo. Ich vermutete nun gleich das Ende – wie bisher; aber der Abend hatte noch eine Überraschung! Als erste Zugabe spielten sie nicht Honky Tonk Woman, sondern gleich alle Songs der nun bald in den Läden liegenden ersten LP: See(h)nsucht, Gabi, Ilsebilse, Stadtpark, ich bin lieb… Ich weiß nicht, wieviele jener zukünftigen Betonplattendompteure da wussten, was ich wusste:

„Ich bin lieb“ wurde anlässlich von „Rock für den Frieden“ im Palast der Republik uraufgeführt. Die Kulturoberen wünschten sich zur Unterstützung der Friedenspolitik ihres Generalsekretärs und Staatslenkers Erich I. von ihren Protegés ein Friedenslied pro Band, was einem Befehl gleichkam. Gegen Frieden hat niemand was, aber gegen Staatsnähe schon. Die Bands und Berufstexter saßen in der Zwickmühle und erschufen mehrheitlich platt Peinliches. Pankow jedoch brachten eben diese gesungene Befehlserfüllung des typischen Mitläufers – und André der Freche, sang sie in NVA-Uniform, der die Hoheitsabzeichen fehlten. Welche Art von Army war also gemeint? GENIAL!

Beim Gehen fragte ich meinen Nebenmann grinsend:

„Na? Voll Scheiße?“

Er strahlte völlig euphorisiert zurück: „Hattest recht! Affengeil!“

Es war ein Konzerthighlight. Eine selbstsichere Band dreht eine Saal-Atmosphäre zu ihren Gunsten – sowas erlebt man nicht oft. Und Erlebnisse wie diese sind es, die dann LPs in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen:

„Pankow sind eine Live-Band, die nebenbei auch Platten macht und Silly sind eine Studioband, die nebenher auch Konzerte geben muss“.

So fasste es mal jemand ende der 80er in der „Melodie und Rhythmus“ zusammen. Dem schließe ich mich an.

eine fehlt

eine fehlt

Dass „Kille kille Pankow“ 1983 als gute LP empfunden wurde, hat mit den eigenen Live-Erlebnissen und den NDW-Hörgewohnheiten der Zeit zu tun. Heute hör ich die eher nicht mehr. Auch „Hans im Glück“, ihr zweites Rockspektakel, kam auf der Bühne fast noch perfekter rüber als „Paule Panke“, durfte auch als LP rechtzeitig erscheinen, ja musste sogar erkämpft werden, wie die letzte Strophe des letzten Tracks andeutet, aber auf dem Plattenteller wirkte das irgendwie steif.

Kult

diese hier

Erst „Keine Stars“ von 1986 (Including „Anders sein“ und „Zauberwort“) geriet zeitloser und wurde mein Plattenfavorit von ihnen. Die „Aufruhr in den Augen“ erschien anfang 1989. Sie ist okay. Textlich aber zuwenig originell, um gegen Sillys „Februar“ (including „SOS“) oder  Engerlings „So oder so“ (including „die 48“) punkten zu können, die zeitgleich erschienen.

Und dann waren da ja noch die „anderen“ Bands und ihre gewagten Messages: Immortality , born in the GDR, stille Invasion, gelbe Worte, pogo im VPKA, …

Musikalisch war das meiste zwar zwischen Westberliner Zatopek (So scheiße können Bläser klingen) und besoffenen Madness angesiedelt. Sie hatten fast alle so ein Faible für durchgeknalltes Saxophon; jedoch:

Lass das Hirn dir amputieren

Leg es ein in Wodka pur

Ballast nur wir balancieren

Auf straff gespannter dünner Schnur

Auf den Straßen geht ein Mann

Der alles weiß und alles kann

Schreibt gelbe Worte an die Tür

Und liegt am Abend neben dir….  (aus „gelbe worte“/die anderen; 1988)

 

Textlich war das schon eine andere Hausnummer. Aber Pankow öffneten die Tür:

Trinkerheilanstalt (aus „Hans im Glück“; Rockspektakel 1984)

Hans Negativ (ebenda; 1984)

Vorbei.

7 zeitg (2)Weihnacht ’41. Das zweite Weihnachten ohne Vater. Das erste ohne großen Bruder. Der Vater starb 51jährig überraschend im Jahr zuvor. Zivil, an Herzinfarkt. Der Bruder, 20jährig, steht auf „Deutschlands Wacht“ irgendwo vor Moskau. Er hat bereits im Herbst ein paar Frontausgaben Karl May für den Kleinen geschickt. Passenderweise ist „Zobeljäger und Kosak“ dabei. Seit 3 Wochen schon wieder keine Feldpost.

Die Bescherung ist gelaufen. Der 11jährige ist zufrieden mit den Geschenken. Weil Großvater ihm ein „wie echt aussehendes“ Spielzeuggewehr geschenkt hat, setzt er seinen Stahlhelm auf und will das „Fest des Friedens“ prompt umfunktionieren, da greift die Mutter hart zu:

„Haltog inne! Jetz tummer erschd betn fürn Toni, dassor heil wiederkommt! Und dann wird g’essn. Heute schisste nee!“7 zeitg (3)

Maulend gehorcht der Wildfang und setzt den Helm wieder ab.

Nach dem Essen blättert der Kleine in den neuen Büchern. Großvater raucht das Wohnzimmer blau und liest erst Zeitung, dann schaut er zur stickenden Schwiegertochter: War ne gute Wahl seine Sohnes damals; nach’m erschd Kriege. Hatte sich in der schweren Zeit 19/20 die Mitgift vom geizigen Bruder ertrotzt, später den Neubau der Fleischerei vorangetrieben, die Gaststube dazugenommen, Mittagstisch-Abonnenten gewonnen, zwei Söhne geboren, war Witwe geworden und hatte nun als Chefin den Laden immernoch voll im Griff, den er einst ärmlich gegründet hatte. Sie hattamol a Lob verdient:1 alte post

„Grübblock nee asu Annl! Er würd scho‘ wiederkomm! Denkok 14-18: Drei Söhne hattich im Felde und alle dreie kamse hemm. Toni kommt auch hemm. Und dann wirda heiraten grad wie a du domols.“

Sie wischt sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Ei Gottes Ohr! Aber heerok auf darvo‘! Mir hamm kee Glicke mit unser Lahms-Uhr. Immer wüdder Krieg!“

– – – –

Szenenwechsel. Ostfront.

Vier Tage vorher:

Ein vom Schneesturm blankgewehtes Plateau soweit das Auge reicht. Kein Baum, kein Hügel. Irgendwo zwischen Rschew und Moskau.

„Leutnant Siebert! Batterie – 4 km südlich. Da muss ne Mulde sein. Stellung beziehen, eh der Iwan sich dort verschanzt.“

„Wir hatten Sturm. Die werd sein zugeweht.“

„Papperlapapp. Marsch!“

„Findeisen! Grumlow! Pfitzer! Rohrbeck! Rechtsschwenk Marsch! 4 km. Muni 1, Muni 2 hinterher. Sobald die Mären tunn versacken, sammer doa!“

6 Gespanne scheren aus der Kolonne aus. 4 Panzerabwehrkanonen und 2 Munitions-Wagen suchen eine Mulde im Nichts. Die Kanonen 4spännig, die Muni-Wagen mit nur 2 Pferden jeweils; gezogen also von 20 Schimären, die seit Tagen von abgekauten Strohdächern lebten. Um das Personal der Batterie steht es nicht besser: 20 Grad minus. Unterkühlt. Hustend. Kette rauchend. Bekleidet, wie fast alle im Winter 41, mit dem, was man dem Feinde abnahm. Denn die „Pferdedecken“ (Schimpfwort für die langen Wehrmachtsmäntel, durch deren Knopfleiste der Wind pfiff) waren mehr und mehr gegen Wattejacken toter Russen ausgetauscht worden. Die Einschusslöcher notdürftig gestopft.

Es dämmert. Die 4 km müssen längst vorbei sein, aber da ist keine Mulde. Plötzlich Motorengeräusch am Himmel.

„Unse? Oder Bolschewiken?“

Taktaktaktaktak….beginnt schon der Beschuss.

Der Befehl „Absitzen! Volle Deckung!“ kommt zu spät und geht in einer Detonation unter. Die Jagdmaschinen müssen einen der Munitionswagen erwischt haben. Seine Einzelteile und abgerissene Pferdegliedmaßen treffen die Soldaten der anderen Gespanne.

Die Flieger kommen zurück. Ziehen Einschussspuren durch den Schnee. Hier und da liegt einer auf dem Rücken und schießt mit der MPi nach oben, trifft aber keine wichtigen Teile der Angreifer. Dritter Anflug. Sie schießen nun gezielt auf die letzten stehenden Pferde, die nicht weg können, an der Kanone zerren, sich aufbäumen, jenen durch Mark und Bein gehenden Todesschrei von sich geben, der nichts mit einem normalen Wiehern zu tun hat, getroffen einbrechen, sich wieder aufrichten, wieder zusammen fallen, zuckend verenden.

Vierter Anflug. Treffer zweiter Muni-Wagen: Rummmms! Nocheinmal regnet es Holz, Hufeisen und Fleischfetzen.

Einen 5. Anflug gibt es nicht. Die Flieger verschwinden.

Anton Findeisen saß auf der letzten Kanone vor dem Muni-Wagen, der als erster detonierte. Der Luftdruck hob die Pak an und schleuderte die Besatzung in die Gegend. Toni flog und bekam einen Schlag unterhalb der rechten Hüfte. Irgendetwas ratschte an ihm vorbei und spritzte sein Blut in den Schnee. Er landete ca. 3 Meter vom Gespann hart auf Eis. Klaus Briese war von der Protze ins Gespann geschleudert worden. Die um sich schlagenden, getroffen Tiere strampelten und trafen ihn mehrfach. Er kam nicht frei und schrie. Toni hörte es nicht. Das Gehör hatte sich mit der Detonation verabschiedet, aber er sah ihn ringen. Mechanisch griff er ans Koppel, bastelte die Pistolentasche auf, zog die 08 und erschoss das zappelnde Pferd, hinter dem immer wieder Klaus‘ Gesicht aufgetaucht war mit 3 Schüssen. Dann sank er zurück.

Ihm wurde bewusst, dass er die Schüsse nicht gehört hatte.  Was hatte er noch abbekommen? Aufstehen gelang auch nicht. Er lag auf dem Rücken. Rechts fehlte ein Stück Hose. Blut – das schon gefror. Also die Schlagader kann es nicht sein. Das linke Bein sah unverletzt aus. Er winkelte es an, um aufzustehen. Ahhhhhhu! Irgendwas war mit dem Fuß! Vermutlich das Gelenk gebrochen. Der Stiefel noch heil. Scheiße verfluchte! Immerhin funktionieren beide Kniee. Er stemmte sich auf die Ellbogen und sah sich um: Das Mondlicht erlaubte klare Nachtsicht: Die Konturen der Kanonen, die dunklen Haufen der Pferdekadaver, über das Schneefeld verteilt die Kameraden. Keiner rührte sich.6 zeitg

„Grumlow?!“

„Briese?! Klaus! Klaus altes Haus?!“

Ach ja, er hörte ja nichts mehr. Wenn da nu irgendwo einer lag und antwortete…

„Zappelt mal! Ich hör nix mehr!“

Nichts.

Er sank zurück. Scheiiiiße. Nun liegste hier herum. Nicht einschlafen! Dann erfrierste! Die wern uns doch suchn komm! Unse?! Hoffentlich nich‘ der Iwan! Wo liegt die Pistole? Drei Schuss fehlen. Reicht noch für mich selber. Oder ob‘s vielleicht gar nicht so schlimm wird ei russ‘scher Gefangenschaft? Aber nee. Die schleppm doch kenn verletztn Feind vom Platze! Die erschloang mich; so malade, wie ich bin.

Der Wundschock lässt nach, der Oberschenkel schmerzt. Die Kräfte schwinden.

Er muss geschlafen haben. Oder war das Bewusstsein weg? Er will die Knie bewegen. Es geht schon bedeutend schlechter. Die Zehen funktionieren überhaupt nicht. Die Arme sind dank der dicken Wattejacke kein Problem. Motorengeräusch. Geräusch? Er kann wieder hören! Links extremer Tinnitus zwar, aber er sieht die beiden Kübelwagen nicht nur kommen, sondern er hört sie auch. Die Wagen halten. Die Motoren bleiben an, könnten sonst einfrieren. Vier Schatten springen ab, leuchten mit blauer Signallampenfunzel von Haufen zu Haufen.

„Da sinnse. Ha’ick doch jesaachd.“

„Alles hinübor. Hat der Iwan schön Schlachtefest jehaltn.“

Einer versuchts mit geflüstertem Rufen: „Auf! Marschmarsch!?!“

Dann etwas lauter: „Hey Kam’raden! Keene Lust mehr offm Endsieg?!“

„Schulz, du bis’bekloppt.“

„Schnauze jetz. Schulz und Giese! Ihr macht Fleisch klar. Hier liegt jetz ja genug Schaschlyk rum.“

„Schinski und ick sammeln die Soldbücher ein.“

„Uscha kiek ma: Dort drüben der Haufen lebt noch.“

2 Signallampen leuchten blau in die angegebene Richtung. Die vier sehen Findeisens Arm winken.

Einer begibt sich zu ihm, zwei zu den Pferdekadavern, der Vierte beugt sich über die erste Leiche und durchsucht die Wattejacke nach dem Soldbuch und der „Hundemarke“.

Der sich Toni zuwendet, stellt sich als Unterscharführer Klinglbiel vor, beauftragt ne verschollene Panzerabwehr-Batterie des Heeres zu suchen, da keine Funkverbindung mehr besteht.

„Und wen haben wir hier?“

„Unteroffizier Findeisen; 3.Pak-Batterie; Ari-Re’ment 54.“

„Wo hats dich erwischt?“ Er leuchtet den Körper entlang. „Ah, seh schon. Düchtche Fleischwunde. Heimatschuss vermutlich. Kannste die Füße noch bewejen?“

Toni versucht den Kopf zu schütteln.

„Schinski! Zu mir!“

„Ick eile.“ kommt die laxe Antwort.

„Wir legen ihn hinten in meinen Wagen. Fass an.“

Schinski greift die Fußgelenke.

„Aaaaah!“

„Jelobt sei, watt hart macht, Kolleje!“, aber er lässt los, stellt sich zwischen Tonis Beine und greift etwas weiter oben zu.

Da fällt Findeisen noch was ein: „Klaus! Klaus Briese zwischen den Pferden. Viertes Gespann.  Obergefreiter Briese.“, kann er noch lallen.

„Kieken wir nach.“

Schinski kommt nach einer Weile zurück. „Willste sein Soldbuch? Dein Briese is hinüber.“

Der Fußraum im Fond der beiden Kübelwagen ist mit gefrorenen Pferdeteilen voll.

Findeisen liegt auf der Rückbank und rutscht auf der holprig schnellen Fahrt immerwieder auf die Fleischteile. Er verliert das Bewusstsein und erwacht erst im Lazarett.

——————-

Lazarett im Bereitstellungsgelände

„Na, Sie wachn ja doch noch auf. Starke Unterkühlung. Pneumonie; wie alle, die wir aufsammeln. Trotzdem Tisch fertig machen. Die Füße müssen gemacht werden.“

Dann schwinden Tonis Sinne wieder.

Als er erwacht sind beide Unterschenkel dick verbunden. Die Oberschenkelwunde ebenfalls. Das rechte Bein ist hochgelegt. Er fühlt nichts. Die Betäubung wirkt noch nach. Aber er hat 1936 oder 37, kurz vor dem Anschluss, im Kino „Im Westen nichts Neues“ gesehen. Und diese berühmte Lazarettszene im Kopf: Er wartet auf den Phantomschmerz: Die Beine sind noch dran, aber was ist mit den Füßen? Bewegen kann er sie nicht. Den Inhalt der dicken Verbandsklumpen an den Beinenden kann er nicht beurteilen. Beide Klumpen sind von ähnlicher Größe! Was bedeutet das? Beide ab?

Dann kommt er – der Schmerz. Schleicht sich langsam an. Die Füße puckern. Die Oberschenkelwunde scheint gar nicht ins Gewicht zu fallen. Aber die Füße! Beide!

Er muss sich bemerkbar machen: „Sani!“ …. „Sani!“

Der kommt nach einer ganzen Weile erst. Hat alle Hände voll zu tun.

„Issn? Willste trinken?“

„Ja, darf ich denn? Haste Schmerzmittel? Die Füße.“

„Hast Glück jehabt. Die sind noch dran. Fußnägel brauchste aber keene mehr schneidn.“

Findeisen erschrickt. „Klumpfüße?“

„Keene Panik. Is Mode jetz. Echte Deutsche brauchn keene Zeh’n. Lofm viele inzwischen so rum.“

„Aber es wird scheiße aussehen. So kriegt man doch keene Frau mehr ab!“

„Hähä. Denk an den Bock von Babelsberg. Der hat die geilsten Weiber im Bett.“, der Sani zückt eine Tablette. „Is fast wie Morphium. Hilft bloß nich. Du giltst als leichter Fall. Wirst mitm nächsten Zug zurückverlegt, nach Grodno oder Kaunas. Genesungsurlaub wartet, Junge! Fei‘re deinen Heimatschuss. Das tröstet doch, oder?!“

—————–

März’42. Bahnhof Reichenberg.

4 zeitgTonis Heimkehr: Unterarmkrücke in der einen, Fluppe in der andern Hand, in weiten ausgelatschten Halbschuhen und in viel zu großer Uniform. Sein kleiner Bruder ist enttäuscht. Er hatte einen Kriegshelden erwartet:

„Keene Stübbl? Keene Bügelfalte? Der Bannführer würde dich rundmachen.“, konstatiert der 11jährige vorlaut.

Toni guckt ihn mit halbgeschlossen Lidern an: „Wie der Führer mich anzieht, so lauf ich rimm.“

Jetzt entdeckt der Kleine aber die Banderole am Knopfloch: „Hey! Du hast das EK II! Was hastn dafür tun müssen?“ Er spannt die Ohren auf in Erwartung von Heldentaten a la „Ein Mann gegen 14 Panzer!“

„Mir de Fieße erfriern lassen ei Russland und meiner Batterie beim Verrecken zusehn.“

Die Enttäuschung ist dem Kleinen anzusehn.

Die Mutter hatte sich bisher zurückgehalten. Auch sie musste erst den Anblick ihres Lieblingssohnes verkraften. Der hoch aufgeschossene 18jährige, der an die U-Schule einberufen war, kam hier nun zurück als klapperdürres krummes Männchen. Tränen schossen in ihre Augenwinkel.

5 zeitgEr umarmte sie, so gut das halt geht mit Krücke in der einen und Kippe in der andern Hand.

„Und Zähne haste och kenne mi?“, war ihr erster Satz.

Er ließ sie los und grinste nun beide Abholer an: „Na ich bin woll für alle ne Enttäuschung? Skorbut. In Grodno. Vierteljahr. Fast nüschd zu fressen.“

„Na da gemmoer glei morgen zu Doktor Völz für ne Protese.“, stellte sie sich resolut zusammenreißend klar. „So a junger Lakl kann doch ne so rimlaufm.“

—-

Abends dann Familienrunde mit Großvater:  Toni zieht Schuh und Strümpfe aus, legt die leichten Verbände ab: Großvater und Bruder gucken interessiert zu; Mutter guckt als erste weg: Links fehlt die Hälfte des Vorderfusses; das Fußgelenk war mehrfach gebrochen und ist fast steif; rechts ist die große Zehe übrig geblieben, die anderen haben nicht mal Stümpfe hinterlassen. Er gilt vorerst für ausgemustert.  Kann nach 3 Wochen Rekonvaleszenz sein Veterinärstudium aufnehmen. Nach den schweren Verlusten von Stalingrad jedoch wird er ende 1943 „nachgemustert“ und zu den Besatzungstruppen in Frankreich abkommandiert.

Der Nachkrieg

Rückzug bis Flensburg. Die letzte entwaffnete Truppe. Englische Kriegsgefangenschaft bis 1947; wiederfinden der Familie in Weißenfels 1948, seine 3 Semester Studium und die Dienstzeit als fleichbeschauender Tierarzt im Hafen von San Malo werden ihm in der SBZ als Berufserfahrung angerechnet; er darf als Landtierarzt praktizieren, bekommt erst ein Dienstfahrrad, dann eine RT 125 für die Dienstgeschäfte, aber auch die Auflage, das Studium parallel zu vollenden. Sein kleiner Bruder studiert inzwischen dasselbe.

Toni Findeisen heiratet und wird 1958 Vater. Sein Sohn Edgar, zwei Jahre vor Cousin Anselm in N. geboren, wird dessen Vorbild in Sachen Frisur, Musikgeschmack und Westplattengier.

Als Edgar 18 ist und Berufsausbildung mit Abitur macht, soll er für 25 Jahre oder wenigstens 3 Jahre NVA „geworben“ werden. Er ist GST-Mitglied und bester LKW-Fahrer in der vormilitärischen Ausbildung; Kreismeister im Schwimmen und Mathe-Olympiaden-Gewinner. Er will aber nur die 18 Pflichtmonate über sich ergehen lassen. Mehrfache „persönliche Gespräche“ im Beisein von Wehrkreiskommando-Vertretern und Schulleitung führen zu keinem Ergebnis.

Schließlich reicht es Vater Toni und er begleitet seinen Sohn zum Direktor, als es wiedermal soweit ist.

„Ja, Herr Findeisen. Schön, dass sie mitgekommen sind. Ihr Sohn erkennt die Vorteile nicht, die es hätte, wenn er 3 Jahre Unteroffizierslaufbahn einschlagen würde. 600.- M monatlich. Und bei der Armee braucht man ja kein Geld. Da hätte er einen schönen Sockel für’s Studentenleben. Seine Leistungen dementsprechend stehen ja außer Frage.“

„Ja, ich war seinerzeit auch so blöde, Unteroffizier sein zu wollen. Das Geld hat auch damals gelockt. Und was hatsmer gebracht?“ Er schlüpft fix mit dem kurzen linken Fuß aus dem Halbschuh und legt den bestrumpften Stumpf für 2-3 Sekunden auf den Schreibtisch. „Mein Andenken an meinen Freundschaftsbesuch in der Sowjetunion 1941.“

Betretenes Schweigen auf der anderen Schreibtischseite. Edgar grinst.

Er wurde nie wieder vorgeladen.

(Nachbemerkung: Bevor hier jemand beanstandet, dass die 54er eventuell keine bespannte Artillerie-Einheit waren, oder nicht im Osten verwendet wurden: Dies ist die Geschichte meines Onkels, wie ich sie mir aus unzähligen erzählten Bruchstücken zusammengeklaubt habe; nachfragen geht aus biologischen Gründen nicht mehr; die Namen und Nummerierungen der Einheiten sind von mir frei erfunden. Die Hauptfabel stimmt. Das Bild- und Annoncenmaterial ist antiquarischen Ursprungs bzw. einer weihnachtlichen Sondernummer „Zeitungszeugen“ (Nachdrucke mit – seriösen! – Expertenkommentaren) aus dem Jahre 2012 entnommen. Wer diesen Text als Kriegsverherrlichung absichtlich missdeuten will – ist doof!)