RAABE lesen! (1)

Echt jetz‘? Den auch noch?

Klar! Geh mir weg mit all der Tendenzliteratur von heute – im Augenkrebsdesign postmoderner Paperbacks. Darfs noch ne Transe mehr sein? Oder irgend so ein millionstes American-Ghetto-in romantic-light-Ding? Von der Bronx an die Wallstreet und zurück…

Zurzeit lockt mich da gar nichts.

„Erst durch Lesen lernt man, wieviel man ungelesen lassen kann.“ (W.Raabe)

Also zurück ins Nationale Kulturerbe. Finde die Vergessenen, die es wert sind, wiedergelesen zu werden!

In Literaturgeschichtsbänden seit 1949, hier wie drüben, finden sich seitenlange Elogen auf Fontane und Mann. Über Spielhagen und Heyse – anderthalb Sätze. Also sind die die interessanteren! Die hab ich nun weitestgehend abgegrast. Über Storm und Raabe finden sich – halbe Seiten recht unentschiedenen Inhalts. Das macht – unter ferner liefen – auch neugierig. Storm ist in den 80ern/90ern ebenfalls gut in meinen Leselisten vertreten – bleibt also der Raabe.

Die „Chronik der Sperlingsgasse“ fährt in beiden Deutschlands Lob ein, als erster Roman der Moderne, was immer das heißen soll; erdacht von jenen Germanisten, die Bücher wegen „der Sprache lesen“, nicht wegen des Inhalts. Dazu fehlt mir der Film. Nach all den Jahren als Leseratte immer noch.

„Der Hungerpastor“ wird mitunter des Antisemitismusses geziehen.

Also Raabe (tot 1910) als KZ-Wegbereiter, wie Karl May (tot 1912), der in seinen Indianerbüchern die Martermethoden für die SS erfand? Wird derartiger Unsinn jemals aufhören?

Früher oder später werde ich das Rätsel lösen. Dazu muss ich den „Hungerpastor“ erst einmal besorgen und lesen. Selber lesen ist immer besser, als Vorgekäutes nachzuplappern.

Habe aber inzwischen drei andere Raabes durch!

Bevor nun demnächst hier ein paar diesbezügliche Posts folgen werden, ein paar Bemerkungen zum Autor selbst:

Wilhelm Raabe. Der deutsche Rasputin: Hypnotische Augen, vernachlässigte angeklatschte Langhaar-Frisur, imposanter Bart und die Klamotten immer 3 Nummern zu groß. Armer intelligenter Kauz!

Geboren 1831 und gestorben 1910. Also fast identische Lebensdaten wie seine Kollegen Heyse und Spielhagen. Aber er unterschied sich deutlich von diesen, in der Art seines Schreibens, seines Auftretens, seines fehlenden Geschäftssinns, und in der Art der Kontaktvermeidung.

Schulabbruch vor dem Abitur; vier Jahre ergebnislose Buchhändlerlehre, mehrere Jahre richtungsloses Studium in Berlin, viele Novellen bei Westermann in den Monatsheften untergebracht, aber jahrzehntelang nicht für Wert befunden, diese in Buchform erscheinen zu lassen, erst mit 60 erreicht er eine Art später- und begrenzter Kenner-Berühmtheit, da nun doch mehrbändige Editionen ausgewählter/sämtlicher Werke entstehen.

Vermutlich wäre er heute Autist. Für seine historischen Romane recherchiert er penibel in alten Chroniken. Vergräbt sich in diese Forschungen. Lebt sich in jene anderen Zeiten ein. Begeistert sich für bisher unerzählte Details oder altertümliche Wortwahl und Schreibweisen, die er zitiert, da sie doch manche neue Assoziation beim Leser befeuern dürften. Oft aber hemmen diese dann auch den Erzählfluss. Raabe, der Schwierige – der den Leser abschreckt. Ein Arno Schmidt seiner Zeit.

Nebenbei hat er sich nach dem Überraschungserfolg seiner „Sperlingsgasse“ wohl für unbesiegbar gehalten und den Weg des Nur-Schriftstellers gewählt, ganz ohne Mäzen (wie Heyse) und ohne journalistische Nebentätigkeit (wie Spielhagen). Sogar geheiratet hat er, auf  kommende Honorare setzend und 4 Töchter erzeugt. Und dann blieben die durchschlagenden weiteren Erfolge aus. Zank, Frust, Armut, bibliophile Neigungen, die die knappe Haushaltskasse zusätzlich schmälern, erzeugen eine Elendstretmühle, wie sie der geneigte Leser von Karl Marx oder wiederum Arno Schmidt kennt.

Letzterer ist in Bezug auf Raabe einen zweiten Blick durchaus wert. Raabe und er – hätten Vater und Sohn sein können.

Er teilt dessen lakonischen Humor, die Art der Stoffwahl – allzeit so „neben der Spur des Erwartbaren“, die Lust am eigenwilligen Stil. Grade Sätze a la Alltagsgeschwätz oder Lakaienpathos kann jeder, das sollen die anderen Schreiberlinge machen!

Schmidt wollte immer das bisher Ungesagte erzählen, den Leser überraschen, mit bisher nirgendwo beschriebenen Zusammenhängen. Ja, er ging schließlich soweit, die Mehrgleisigkeit des Denkens beim Lesen mitzubeschreiben:

Der jugendliche Winnetou-Leser liest und ahnt voraus, was gleich kommen wird (Gefangennahme, Schießerei, Schatzfund etc); zugleich aber ist er selbst Winnetou und durchlebt die gelesene Situation in eigenem Handeln in der Phantasie (er schießt-reitet-gräbt selber mit) und als drittes träumt er sich den Winnetou oder den Shatterhand hier neben sich als Gehilfen zur Lösung seiner Alltagsprobleme fernab der Prärie: Komm und erschieß mir den dicken Bernd!

Raabe geht nicht ganz soweit ins Gehirn seiner Leser hinein, aber er liefert die Vorstufe:

Er betreibt Parallelverschiebung von Gegenwartsproblemen in andere Epochen. (Meisterhaft in „Unser Herrgotts Kanzlei“).

Während Spielhagen und Heyse ihren Lesern den Spiegel recht unverblümt vorhalten, historische Stoffe meiden, wie der Teufel das Weihwasser; wählt Raabe (nicht immer, aber hin und wieder) eine Art Kostümspiegel:

Nimm und lies!

Hast geglaubt, das wird ein harmloser Historienschmöker? Reingefallen! Erkennst du dich wieder? In wem? Warum? Merkste was? Die Menschheit war vor 300 Jahren schon so bekloppt wie heute! Nur heute fährt se eben Straßenbahn!

Da er bei historischen Stoffen auf alte authentische Quellen zurückgreift, diese zitiert und ins Geschehen einbaut, zwingt ihn das zu historisierender Erzählweise voller Dehnungs E’s, Titelhuberei und Namens-Moulinetten:

„Folget mir!“, „Enttäuschet mich nicht!“, „Gebet Raum!“, Jungfer Regina ist Regina Lotter oder Jungfer Lotterin. Moritz von Sachsen, Maurice von Sachsen; es lebe Fürst Maurice!

Die Generation „Wanderhure“ streicht hier die Segel.

Auch weil bei Raabe der Sex fehlt. In dem Punkt ist Heyse deutlich vorn!

Was bleibt nach Raabe-Lesegenuss?

Für mich sind es gallige Zeitkommentare, die Gegenwartsprobleme der Raabezeit aufgreifen, welche wiederum Entsprechungen im 21. Jahrhundert haben.

Veraltet ist da – höchstens der Erzählstil.

Mein Dank geht an Lena Riess für’s anstiften.

2 Gedanken zu “RAABE lesen! (1)

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