Drei Alben

In einem Land vor dieser Zeit heute lebte ich einst dahin. Das Besondere an diesem Land war, dass es keine Schallplatten gab. Also es gab schon welche, aber – das war kompliziert:

Das Land hatte EIN Plattenlabel für Rock/Pop/Schlager und veröffentlichte für stabile 16,10 M landeseigene Volkskunstgesänge.

Zweimal im Monat kam es zur Unter-dem-Ladentisch-Verhökerung einer sogenannten Lizenz-Platte für ebenfalls 16,10 M. Dabei konnte es sich um irgendwen Großkopfertes aus dem Lager des Klassenfeindes handeln; Geräusche, die vom Klassenkampf abhalten, im Sozialismus aber genossen werden können; sagen wir Deep Purple, Who, Stones; aber auch um „so Zeuch halt“ ala Katja Epstein, Udo Jürgens, Roger Whittaker etc.

Da man die Platte seiner Begehr meist nicht im Laden bekam, erwarb man sie „unter der Hand“ für 30.-M oder im Tausch für eine Ungewollte, die man vorsorglich für diesen Fall gekauft hatte, weil es sie eben grade gab, als man im Laden war.

Die „richtigen“ LPs, von A&M, CBS, RCA usw. gab es nur auf dem Flohmarkt oder von jemandem, den ein guter Freund halt so mal eben kennengelernt hatte. Und die kosteten, laut Umtauschkurs 1:6 eben nun mal 120.-M (Ost).

Da Rundfunkempfang von „Feindsendern“ kein Problem und somit Norm war, wusste man immer, wann welches Idol welche Platte herausgebracht hatte; aber man wusste nie, ob man sie eines Tages mal auf dem Flohmarkt erwischen würde.

Flohmärkte blühten in den 80ern mehr und mehr auf. Und du bekamst dort fast alles, was in den Läden Mangelware war – und so einiges mehr!

Und so trug es sich zu, dass auch Merseburg einmalig einen Flohmarktversuch startete.

Sommer’83. Bei bestem Wetter und mit wenig Geld fuhr nun also ein Trabi voller studentischer Plattensüchtlinge die paar Kilometer gen Schlosspark.

Ich für meinen Teil hatte die Barschaft von 250 Mark dabei und wohl wissend, dass ich dann wieder vor einem Vinylstandort stehen würde, bei dem ich gern das Zehnfache gehabt hätte, war ich auf die Idee gekommen, meine Lizenzplattenbestände zu durchforsten, was eventuell entbehrlich wäre, um die Suchtbefriedigung wenigstens in diesem Segment noch ein wenig weiter steigern zu können.

Im Plattenbeutel unter meiner Schulter befanden sich nun also „Leo Kottke“ und „CCR“; damals gerade auf AMIGA erschienen, sodass sie eventuell noch gesucht sein könnten. Kottke gefiel mir in jenen textlastigen NDW-Jahren noch nicht so richtig (das änderte sich später sehr); und die CCR hatte ich mir überhört, sodass der Trennungsschmerz nicht allzu groß sein würde. Sollte sich gar jemand finden, süchtig wie ich, dann würde der eventuell je 40.-M springen lassen – und dann hätte ich bei etwas Verhandlungsgeschick Geld für „aller guten Dinge sinder Dreie“ von den RICHTIGEN!

Wir also rein da, löhnen das bissel Eintritt und ziehen getrennter Wege, denn keiner gönnte dem andern Funde, die ihm selber gefallen hätten und die er so nun wieder „nur“ aufnehmen konnte.

Ich wende mich nach rechts und gleich als zweiter oder dritter Anbieter steht da jemand mit einem Bettvorleger im Gras und darauf liegen 4 Alben. Welche weiß ich nicht mehr, denn ich hatte nur Augen für eins -BÄM! -:

dav

Ich wusste sofort, dass ich das gleich kaufe! Aber ich wusste ebenfalls gleich: Du bist noch keine 10 Schritte gelaufen und deine halbe Barschaft geht jetzt drauf! Du wirst noch vor größeren Kisten stehen! Aber überlegen und wiederkommen is’nich‘! Dann isse schon weg!

1978 -vor der Fahne- war „Bat out of hell“ erschienen – und nenne mir einen von meiner Generation, der nicht das große Sabbern gekriegt hätte, wenn man ihm die zum Aufnehmen anbot! Ich hatte sie -Prora-Dealer sei Dank- seit 1981 endlich auch auf Band und nun lag hier der zweite Streich des Big American Wahnfried!

Die Hülle war perfekt, beim Rausziehen der Platte glänzte alles, wie es sein soll! Problem: Ich kannte keinen Ton von diesem Album!

Die muss 1980 höllisch eingebrochen sein! Ich hatte das nicht mitbekommen können. 18 Monate „Ehrenhaft“ auf Rügen, da kommste zurück und denkst, es gibt international bloß noch Nik Straker und die Goombay Danceband, saach ich dir! Ostseewelle Rostock, das war seinerzeit auch sowas wie Folter!

Ich hatte zwar alles aufgenommen, was mein Langzeitkumpel Udo in jener Phase zu Hause so an musikalischer Beute machen konnte, aber von Meat Loaf war da nichts dabei!

„Is‘ die wie die Bat out of hell?“, frag ich also ziemlich deppert. Und der Verkäufer muss mich prompt für einen Idioten halten.

„Klar! Die is zwar nich‘ so bekannt – aber, wem die eene jefällt, der mag ooch die annere hier.“

Hab ich zu handeln versucht? Oder widerstandslos gleich die 120 gezückt?

Ich war in Trance!

Gleich nach dem Kauf wurde ich wieder unschlüssig: Was, wenn die verdient gefloppt is‘? Hast du dir jetzt Mist andrehen lassen?

Die Ängste waren unbegründet. Die Platte sollte in meinem Besitz ihre ganz spezielle Geschichte erlangen.

Musikalisch ist sie der „Bat out of hell“ tatsächlich ähnlich. Sie geht gut ab. Mini-Opern wie „Paradiese by the Dashboardlight“ allerdings fehlen. Aber Graupen gibt es keine.

Als ich sie vor Udo aus dem Beutel ziehe, kriegt der glasige Augen: „Ooooor! Und wer malt mir das Cover jetz‘ in Lämsgröße übbers Sofa?“

„I’m gonna love her for both of us“ … „more than you deserve“… lebenskluge Studentenhymnen! Alles wahr! Soundtrack einer Lebensphase!

dav

Anfang’89 verbüßte ich mein viertes „Zusatzabsolventenjahr“ hinter Cottbus als Strohwitwer, während meine Frau weit weg daheim ihre Mutter pflegte und unser erstes Kind windelte – alle Versetzungsanträge und Eingaben abgeschmettert – und kein Bonze hatte ein Einsehen auf Familienzusammenführung! Dementsprechend war ich drauf, als diese letzten Kommunalwahlen abgehalten wurden:

Ich ging hin, nahm den Zettel, legte ihn auf die Urne und begann Namen von der Liste zu streichen.

Die Wahlkabine war – wie üblich – zu weit weg und mit Stühlen verstellt.

(Komme da jetzt, was da wolle! Hat sich was mit braver DDR-Bürger! Ich hörte da so eine Speckbacke im Anzug flüstern: „Wen streicht‘n der?“ Von den andern gabs diese typischen Blicke: Ist Ihnen klar, was Sie da gerade getan haben?!)

Leckt mich! 5 km von der polnischen Grenze! Noch weiter östlich könnter mich nich‘ verbannen. Schlesien is‘ futsch!

Dann stopfte ich den Wisch in den Schlitz und ging -leicht zitternd vor Aufregung- heim. Wird’s noch Theater geben? Oder bin ich eh schon „durch“? Zuhause legte ich die „Deadringer“ auf: Peel out, peel out! I‘m sick and tired of waiting in line! – und fand mich strax wieder gut!

Wenn ich an den Wochenenden das Pflegeelend meiner Schwiegerfamilie erlebte, war ich immer aufs Neue der „Real Deadringer for Love“, auch wenn Olle Ami-Bulette das ursprünglich anders gemeint hatte.

So bekam diese Platte ihre Unverzichtbarkeit! Aber‘83 da im Schlosspark war daran nicht zu denken.

Es ist im Leben prima eingerichtet, dass man nicht vorausschauen kann. Würde man mit 23 sehen, durch welchen Mist man noch zu waten hat, man würde keine 30.

Also lebte ich den Moment: Meine Zweifel an der Richtigkeit jener Kaufentscheidung wuchsen mit jedem Schritt.

 Und die Verunsicherung begann sogar zu sieden, als ich 100 Meter weiter vor zwei Typen stand, die in zwei großen Pappkisten an die 500 begehrte West-Platten feilboten!

Ich kann bis heute nicht erklären, wie solche Anbieter zustande kamen: Zwei Fernseherkisten voll Rockgeschichte im Bestzustand! Ladenneu! Waren das Einbrecher im Rundfunkarchiv? Stasischergen, die die Paketbeschlagnahmungen verhökerten? Oder nur skrupellose Schröpfer von Westverwandtschaft?

Es waren keine Ausländer! Sie sprachen akzentfrei unsern Slang!

Der Stand ist umlagert. Ich drängle mich rein. Erwische gleich die „Who are you“, halte sie erst mal fest, will aber noch an Überblick gewinnen:

Neben mir flippt einer so eine lange Plattenreihe durch. Die gesammelten Werke der Scorpions, so scheint es, Rainbow und Maiden auch dabei, die greift einer von der Seite gleich raus. Egal. Da: Bowie! Aber der Typ flippt drüber weg. Gott sei Dank!

„Warte mal kurz!“ hör ich mich auf Autopilot sprechen, flippe zurück, ziehe die Bowie und schieb die Who an die Stelle rein: Es ist die „Diamond Dogs“! Was für ein Cover! Und „Rebel Rebel“ ist drauf!

dav

Heinz Rudolf Kunze hatte zu der Zeit auf NDR2 gerade eine Sendereihe „Bowie – der Favorit“ laufen – und er besprach dort alle LPs mit reichlich Hörbeispielen! Ich hieperte deshalb auf die „Hunky Dory“, aber die „Diamond Dogs“ erschien mir seinerzeit als die zweitbeste der Vor-Fame-Phase!

Treffer! Bezahl und weg!

Aber – Geld alle. Für den letzten 10er würde es kein Vinyl mehr geben und nach meinem Beutelinhalt war ich noch kein einziges Mal angesprochen worden.

Fluchtartig verließ ich diesem Stand des Überangebotes: Hach, da hatten die sogar die Kiss „Alive!“ und Floyds „the piper at the Gates of dawn“! Von Rainbow wär die „Long live Rock And Roll“ auch verführerisch gewesen! Bloß weg hier!

Erst mal ne Wurschd, um den Adrenalinpegel zu senken.

Die „Diamond Dogs“ gefiel mir jahrelang ganz ausgezeichnet. Sie passte in die 80er, obwohl sie da schon 10 Jahre auf dem Buckel hatte: Aber all die Apocalypse-Anspielungen – das hörte sich extrem aktuell an – in Zeiten von „99 Luftballons“,„Berliiiin! Du kotzt mich an!“ und „Weltsendeschluss“! Viel ist davon nicht übriggeblieben. Höre ich sie heute seltenerweise einmal, dann merke ich, was Kunze seinerzeit schon erzählte: Gesammelte Bruchstücke eines Drogenwracks, das sich künstlerisch gehörig übernommen hatte. Er hatte zu lesen begonnen und wollte nun aus Orwells „1984“, Kubricks „Clockwork Orange“ und Shakespeares „Hamlet“ das eigene große Überwerk erschaffen: Doppelalbum, Buch und Film. Allerdings wurde er Opfer seiner Stimmungsschwankungen und verwarf immerzu seine Vortagsideen. Übrig blieb eine LP mit „Rebel Rebel“, „When you Rock and Roll with me“,„1984“ und allerhand katastrophenschwangeren Füllseln.

Hat halt so jedes seine Halbwertzeit. In den 80ern machte mich die Platte glücklich!

Ein paar Parkrundenspäter steh ich wieder vor einem, der so ein Allerlei aus Ost-Platten und Kram auf einer Decke anbietet.

Und da lag dann noch – SIE!

dav

AMIGA’77. In den 70ern verpasst, dann kurz vor der Fahne immerhin noch aufgenommen. LP mit Überlänge! Herrlicher Sound! Prägemelodaien am Fließband! Keine Graupen! „Bring back my yesterday“ war das zentrale Langwerk darauf, inclusive dem gesprochenen Intro, das auf späteren „Best ofs“ immer fehlt!

Ich weiß, ich weiß! Barry White! Das ist nicht der Name, der unter Althippies, Bluesern und Punks der ersten Stunde Anerkennung genießt – aber – fuck it! Zu MEINEN Göttern gehört er! ICH MUSSTE diese Platte haben!

„Willst’n für die?“

„Dreißch Morg.“

Ich ziehe aus meinem Plattenbeutel Kottke und CCR.

„Und wenn de dir eehne davon aussuchst?“

„Oi!“

Natürlich nimmt er die CCR.

Barry White wollte nie jemand von mir aufnehmen. Aber durchsichtig gespielt hab ich die! Und wie!

Nach der Wende kaufte ich „Barrys Gold“ auf CD mit sehr ähnlicher Zusammenstellung – aber o weh! Der Yesterday-Monolog fehlte! Also gingen die Barry-Käufe „notgedrungen“ weiter. Bis zur „Rhapsody in White“ – DIE ist die Beste! MEIN Sound der Pubertät! Da ziehen sie alle im Geiste noch mal vorbei, die damals Rang und Namen hatten:

Carrell, Elefantenboy, Eddies Vater, Otto-Show, Butler Parker, Margret Thursday, Belle und Sebastian, Daniel Boone – und eben auch so Alltagsbilder einer anderen Zeit: Die Bierbüchsen-Pyramide! Das Kohlebunkern, wenn uns der Wintervorrat in die Einfahrt gekippt wurde! Vaters Kofferheule plärrt Deutschlandfunk dazu. Der bringt Wortbeiträge ohne Ende und zwischendurch plötzlich mal: Standing in the shadow of love-love-love- waiting for the heartache above….“

Exactly my point of view‘73/74!

Oh yeahr!

One ticket please. She’s at home. Yeahr, she’s at home…

dav

 

18 Gedanken zu “Drei Alben

  1. „Diamond Dogs“ ist ein gutes Album, die Kompositionen sind durchwegs brillant und auch Bowies Gesang ist phänomenal, aber mir klingt das heute zu düster. Es ist, als wäre die Erde eine Art postnukleare, technologisch unzivilisierte Hölle in der Horden von Ur-Punks plündernd durch die Strassen ziehen.

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    • Die Höllenvision hat er sicher so gemeint.
      Das Aufweichen aller Gewissheiten, die drohende Katastrophe … eigentlich ja so eine typische Phantasie von Jungmännern, denen ihre Gegenwart zu langweilig erscheint. Und irgendwie führt der Weg aller Zivilisation ja genau dahin.
      Durchweg brilliante Kompositionen? Nö. Seh ich nicht(mehr) so. Bowie stürzte seit „Man who sold the earth“ und steigendem Drogenkonsum nach kurzen Schreibschüben von einer Blockade in die andere. Vertrödelte viel Studiozeit oder erschien gar nicht erst. Visconti soll bei diesem Projekt den Schlusstrich gezogen haben: Schluss jetzt! Wir hauen raus, was wir haben! (Siehe Kunzes Sendung und Angie Bowies Buch)
      „Sweet thing“ und „Big Brother“ dauern einfach nur lange, wären auf CD Skipkandidaten; „diamond dogs“ und „we are the dead“ sind so eher mittelfeld-Bowies.Bleiben die Stonesüberraschung mit dem T.Rexmäßigen Text „Rebel Rebel“ und der Barry White Orchester Overkill von „1984“ als Dauerbrenner und der „Rock and Roll(with me)“ als Ballade.

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      • Die apokalyptischen Themen sind halt von George Orwell („1984“) und William S. Burroughs („Naked Lunch“) beeinflusst und die Musik ist vollgepackt mit Piano, Streichern, Saxophon, Synthesizern und Gitarre, die auf einiges Stücken gut miteinander verschmelzen. Richtig enttäuscht war ich erst von Bowies nächstem Album „David Live“, wo der Mann als cooler Entertainer daherkommt, zwar noch mit der bleichen Schminke von „Diamond Dogs“ im Gesicht, aber ansonsten lässt er sozusagen den Sinatra raus.

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      • Yep. Die „Live“ enttäuschte sogar doppelt. In den 70ern als umsortiertes Konzert mit ein paar Auslassungen elend steif und langweilig, in den Nullern repariert in authentischer Songreihenfolge – aber ooch nich besser.
        Ich fand live-Kram von ihm immer enttäuschend. gaaaanz schlimm die späten Liveversionen von „Heroes“.
        Da gehts mir so wie mit Lou Reed. Live wirken die beide, als ob sie ihr eigenes Zeug nicht hinbekommen. Deshalb hab ich um derlei Platten fast immer einen Bogen gemacht.
        (Bis auf „Lou Reed live“ – aber die bin ich auch wieder losgeworden.)

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  2. Ich lese immer wieder gerne, wie die Menschen zu „ihren Musiken bzw. ihren Musikern“ fanden. Oft sind ziemlich illustre Bandbreiten entstanden. So offensichtlich auch bei Dir.

    Auch heute noch würde ich für die Platte von Bowie die beiden anderen links liegen lassen. Bei aller Kritik an den Diamond Dogs. Für mich war sie ein Abstieg nach „The Man Who Sold the World“, „Hunky Dory“ und „Aladdin Sane“. Aber Bowie lotete Zeit seines Künstlerlebens Grenzen aus. Und in den 80er Jahren stieg er musikalisch noch tiefer in den dunklen Keller.

    Wie es Musikliebhabern „hier in diesem Land, das es ebenfalls nicht mehr gibt“ erging mit schmalem Salär und dem Riesenangebot in gut sortierten Plattenläden, daran erinnere ich mich noch gut.
    Was mich beim Lesen erstaunte, Wie kamen Studenten an die hohen Summen für ihre Plattenkäufe? Vatis, die zu den Eliten zählten? Oder gab es Studentenjobs, die recht einträglich gewesen sind?
    Den offiziellen 1:4 Wechselkurs kenne ich noch. Wer legte den 1:6er für importierte (West-)platten fest?

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    • Kann ich mir vorstellen, dass du einen Bogen um den White geschlagen hättest. Ich hätte „Burdon declares war“ liegen lassen. Die Geschmäker eben. Was spricht denn gegen Meat Loaf, außer deinem fortgeschrittenen Alter?
      Auch am Bowie-gut-finden scheiden sich die Geister. Die „man who sold…“ find ich mau. Der Titelsong ist okay, aber der Rest? Die Aladdin Sane ist okay (gewesen), jedoch zu schrill gesungen, zuwenig einprägsame Hooklines, die fiel hinter der „Diamond Dogs“ und erst recht hinter „station to station“ und „Heroes“ derb ab.

      Zu den Fragen:

      Du hattest kein Geld für Platten, aber viele Autos/Motorräder im Laufe der Zeit. Das unterscheidet den Ost- vom Weststudenten. Der Trabi nach Merseburg, war der geborgte Trabi meines Vaters.

      Die Eltern-Gehälter waren generell niedrig und sehr angeglichen. Ausreißer nach oben(Chef-Ärzte, Dirigenten, DEFA-Schauspieler, schwarzarbeitende Handwerker) und nach unten(Kellner, Briefträger) gab es natürlich auch, aber nicht in meinem Bekanntenkreis. Unterstützung von zu Hause war die Regel, Seminargruppenweit betrachtet. Dieses große „Ich breche mit meinen Eltern und hungere mich durch Ding“ gabs eher nicht.

      Wechselkurs 1:4? Wann sollte das gewesen sein? Irgendwann in den frühen 70ern? Oder in deiner Eichsfeldverwandtschaft? Grenznähe und „sehr anders als der Rest“ der Republik. Da gabs eventuell Überangebot? Ach nee: Vllt der moderate Kurs für Westreisende beim Zwangsumtausch an der Grenze! Ich schreibe über 80er Jahre und Ossi zu Ossi Schwarzmarkt-Kurs:
      In Ostberlin mit Glück mal 1:5; in der Provinz war 1:6 normal und manchmal gar 1:7.

      2. Woher das „viele Ostgeld für Platten“. In erster Linie eine Frage der Prioritätensetzung. Wer sich als junger Eheleut gleich mit Schrankwand und Farbfernseher ausstaffieren wollte, hatte für so ein Plattenhobby natürlich nichts übrig. Wer auf große Ostblock-Reisen ging auch nicht. Einige Kumpels gaben sich mit dem Besitz von 4 oder 5 solcher Platten zufrieden als Equivalent zum Aufnehmen der Platten anderer Leute. Meine Raumteiler und ich,wir waren genügsame Zeitgenossen. verwahrlostes Erscheinungsbild in „chic“ war „in“. Studentenklaps. Existenzialisten. 🙂 Ein alter Trenchcoat aus dem An-und Verkauf, Vaters Ledermantel aus den 50ern; das alte Jackett des Hochzeitsanzugs meines Vaters mit aufgekrempelten Ärmeln, die dann das gestreifte Innenfutter zeigten; (die beiden andern auch im „Kunden-Look“: Fleischerhemd, Jeans, Jesuslatschen) … sehr einseitige Ernährung in der Woche… Gute Ernährung bei Muttern am Wochenende…. Wir waren keine Verschwender auf Papis Kosten.
      Ich handelte im Laufe der Zeit immer schwunghafter mit Platten. Verkaufte also ab und an „Bekäufe“.
      Mancher hatte 3 Jahre NVA hinter sich und als Uffz monatlich 615.- M verdient. Wenn Ultn auf Zeit sogar 860.- M. Die hatten also einen „Kohlesockel“. In den 80ern gab es schon Grund-Stipendium 120.-M, (davon weg die Wohnheimmiete monatlich 18.- M. Es war nicht alles schlecht!) Blieb ein Hunderter. Wenn Leistungsstip wegen sehr guter Testate, dann 150.-M (oder waren das gar 200.-M? (Weiß ich nicht mehr.))
      Jobben ging natürlich auch.

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      • Danke für die ausführlichen Erläuterungen. Zu einigen Angaben habe ich ein wenig recherchiert. Man lernt nie aus.

        Interessant sind die unterschiedlichen Wechselkurse. 1:4 war der offizielle sogenannte Zwangsumtausch, den jeder ausländische Besucher der Republik zu leisten hatte. Eigene Erfahrungen zwischen Mitte der 70er bis Ende der 80er Jahre. Nach Deinen Ausführungen verstehe ich, warum man mir in Berlin einen noch besseren (1:5 manchmal sogar noch höher) Kurs angeboten hatte. Aber ich war hyänenhaft feige für solche Geschäfte.
        Übrigens hatte und habe ich nie verwandschaftliche Beziehungen ins Eichsfeld gehabt. Auch sonst gabs keine Verwandten „drüben“.

        Und bitte nichts verwechseln was mich betrifft.
        Ich hatte natürlich Geld für LPs. Aber selbstredend nie genug um die Lüste zu stillen bei den verführerischen Angeboten. Schließlich habe ich ab 14 gearbeitet. Wöchentlich mehrmals nachmittags im Supermarkt. Und in den Ferien auf dem Bau. Das ging hier wesentlich einfacher als in der DDR. Billige Hilfskräfte waren immer gesucht.

        Autos (Enten, R4, Käfer etc.) hatte ich bereits als Oberstufenschüler. Die kriegte man ab ca. 250DM mit einem Jahr TÜV. Wer ein wenig schrauben konnte war stets gut motorisiert. In der 12. Klasse hatte ich drei alte Daimler vor dem Haus stehen. Was Du „Bekauf“ nennst, nannte (oder nennt) man hier schrotteln. Billig einkaufen was man schnappen kann, und bei Gelegenheit als Tauschgut oder zum Verkauf einsetzen.
        Autos im Sinn von tauglichen Kraftfahrzeugen hatte ich viel später als Chef meiner eigenen Firma.
        Dass Eltern ihren Kindern ihre Autos liehen, kam in meiner jungen Erwachsenenzeit nicht vor. Und ich bin immerhin in einem unternehmerischen Umfeld groß geworden, da standen in jedem Haushalt mindestens zwei Autos zur Verfügung. Das ist erst seit der Zeit meiner Kinder Mode. Wobei ich selbst das nie praktiziert habe.

        „Dieses große „Ich breche mit meinen Eltern und hungere mich durch Ding“ gabs eher nicht.“ Das würde ich zwar anders beschreiben, aber diesen Prozess gab es auch in der DDR garnicht so selten. Es war eher riskanter, seinen erwachsenen Lebensweg auf diese Weise anzutreten. Aber vielleicht kam das in Deinem Umfeld ohnehin nicht vor.

        Zu dem Geld für das Hobby – das dachte ich mir, dass es da in beiden Staaten ähnlich lief. Es war schlicht eine Frage der Prioritäten von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und die Stilfindung durch gebrauchte Kleidung gehör(t)e logischerweise hier wie dort auch dazu.

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      • Seufz. Wenn halt ältere Wessis recherchieren.
        Umsonst feilte ich meine Worte:
        “Dieses ich breche mit meinen Eltern….Ding gab es EHER nicht.“
        (Sollte einschließen, dass es das sehr wohl gab, auch in meiner Nähe. Aber die Norm wars nicht. Somit Ausnahme. Aber danke, dass ichs nun nochmal von drühm erklärt bekam.)

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  3. Die letzte Musik, die ich hörte, war Sonntag die auf dem Mediaplayer „nachgebaute“ AMIGA Rolling Stones- LP. Die einzige Platte, für die ich über hundert Ostmark ausgab, war Beggars Banquet, weil sie in Open Air von Wolfgang Tilgner (einem DDR-Buch) und bei DT64 (dem besten Radiosender, den es je gab), gefeiert wurde.

    Ich lebe heute in einem Land, nein in einer Welt, wo es keine Schallplatten mehr gibt. Auch keine CDs, Bücher, Filme… außer nostalgischen Sechzigjährigen interessiert sich niemand mehr für Musik, Literatur, Filme. Es gibt auch keine Fernseh- und Radio- PROGRAMME mehr, nur noch Dudelstationen.

    Es gibt keine Programme mehr, die an Kunst heranführen, Vermitteln, dabei auch zu Widerspruch-, ja Protest herausfordern. Es gibt nur noch Grabbeltische der Beliebigkeit, und Lehrer, Lektoren, Intendanten die ihr eigenes Zeug hassen.

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