Damals war’s

In alter Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, bekamen wir Kassettenrekorder zur Jugendweihe geschenkt. Und sehr bald reichte uns deren Klang nicht aus. Da Taschengeld für richtige „Anlagen“ nun mal nicht reicht, sammelten wir allerhand Erfahrungen mit Draht und Fernseh-Litze und verstöpselten unsere Anetts/Minetts/Sonetts mit großen, frisch aus dem Wohnzimmer enteigneten, Holzkastenradioapparaten. Die waren vom Fernseher dort entmachtet worden und staubten vor sich hin – bis sie einen mehr oder weniger schnellen Röhrentod starben, wegen jugendlicher Überlastung im Kinderzimmer durch endloses Wiedergeben der „Hottentottenmusike“ der Anfangszeit.

…. teenage-rampage- now-now-now!

Voluminöser dumpfer Mono-Sound. Mancher stöpselte noch extra Lautsprecher, geplündert aus zerlegten Holzkastenradios von Oma oder Tante, samt Rekorder in dieselbe Buchse – knirschel, kraxelkrächz- Totalausfall. Aber manchmal klappte es eben auch – und dann klang es fast wie Stereo.

Cum’on feel the noise!

Wir feierten unsere Entdeckungen, träumten uns in die Royal Albert Hall bei „White Bird“ von It’s a beautiful day, oder ins Dingsbums-Lyceum Los Angelas bei „bye bye love“ in Simon und Garfunkelfassung.

Wie geil muss das sein, wennde selber als Mitglied von Fricture Pink – (Jaja, ich schrieb die so! Wo hätt‘ ich lesen können sollen, wie die sich schreiben, damals hinter der Mauer?)  – im chroßn Gino auf der Bühne „house of the rising sun“ rockst und die Gitarre brennt?!!!!!

Oder wennde dir Mähne und Vollbart heranzüchtest und den Text so herrlich herausröhrst wie die:

„….not to dooooooo, what IIIIIIIIIIIII have doneeee….“

Yeahr!

Ja, damals war Musik der tägliche heilige Gral, der alle Wunden heilt.

Die Hauptkunst! Ersatzreligion!

Als wir das Geld hatten, bauten wir ihr Hausaltäre! Oben auf dem Bücherschrank.

Links und rechts die Boxen, die nie groß genug sein konnten, in der Mitte das einzige wichtige Möbelstück des ganzen Hauses: Das Spulentonband, dem wir kalt den Platz der Bierbüchsen-Pyramide opferten. Das Anett hatte ausgedient.

Und dann der Tag der ersten Westplattenaufnahme, zwar vom Spenderband noch, aber in Superqualität:

„looking for someone! I gueeeeesss, I’m doin‘ thaaaaaat….. YEA-HEAR!“

Der Kirchensound der „Trespass“ lässt die „Sauerkrautplatten“ der Wärmedämmung in der Kinderzimmermansarde vibrieren.

Bludgy allein zu haus. Niemand nervts. „Visions of angels all around! Dance in the sky!“

Da die LP-Spielzeit recht kurz war, hatte der Bandspender auf dem Bandrest hintendran noch „Stairway to heaven“, was die Platte wunderbar ergänzt, weil sie somit nicht mit dem rumplig-rammligen „The Knife“ endete, sondern mit eben  dieser unsterblichen Led-Zep-Zugabe.

„And she’s buyin‘ a stairway to“ ch-ch-ch – drehen sich die Spulen plötzlich gegeneinander. Die eine voll, die andere leer. Für den letzten „heaven“ hat das Band nicht gereicht. Also singste das Wörtchen immer selber beim Aufstehen und Tonband ausschalten.

Rockin’a rollin‘! Wir erlebten eine Zeit, in der die Rockmusikentwicklung ihren Höhepunkt erreicht – und leider auch überschritten hat.

So wie die Fotoapparate einst die vielen Maler der Gründerzeit um Aufträge und Einkommen brachten, wie die Filmkamera dem Theater den Garaus blies, das Fernsehen das Radio aus dem Wohnzimmer vertrieb – starb die Rockmusik an Hodenkrebs. Einseitig zu Tode designed, marktkonform zugrunde analysiert, dudeln die verlässlichen Lieferanten immer gleicher Tonschablonen sich selbst in den Orkus der Klänge – im Dudelfunk.

Es gibt noch widerständige gallische Dörfer, die die alte Rezeptur des Zaubertrankes pflegen. Aber er bleibt Nischengenuss für Altgläubige in a pale moon’s shadow…

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