Die Welt der einen – die Welt der andern

Da war mal ein Film. Echt heiß diskutiert! Nicht nur in den Medien! Auch sonst so:

„Warst du schon drin?“

„Läuft noch im gleen Gino! Musste sehn!“

„Is DEFA, naja – obor…!“(Augen aufreißen)

Oder

„Geht da rein! Die f***en wie die Guppies!“

Oder

„Wüddor so ä Knäd! Sowas macht imbodennd, soach ich dior! Spar dir die Gohle!“

Wir gingen rein. Christian und ich. Sommer’79, kurz nach dem Abi und kurz vor Prora, der Fahne-Pein.

Der Film hieß „Bis dass der Tod euch scheidet…“ und wenn zu Beginn der Vorspann läuft, wird in Karat- oder Stern-Combo-Manier auf Melotron das Thema aus dem 2. Satz der 9.Sinfonie von Dvorak gespielt. Ungefähr für ne Minute. Wenn die um ist, hast du das Beste schon hinter dir.

Der Film ist absolut düster und der erste von mehreren ähnlich gelagerten Assi-Streifen, die in den Folgejahren anstanden. Abgesang auf die sozialistischen Träume? Warnung? Reformwunsch? Oder nur Berufsfrust der Filmschaffenden im Jahr 3 nach Biermann? Man weiß es nicht. Damals war mir das ne Schippe zu viel. Sooooo negativ wollte ich die Welt nu ooch wüddor nich‘ sehn!

Ich hab ihn mir zur Selbstvergewisserung HIER nochmal angetan. Der Eindruck ist so furchtbar wie’79, aber inzwischen kam ein bisschen Hintergrund hinzu, der damals fehlte. Und deshalb kommt der Film letztlich doch ein ganz klein bisschen besser weg als damals.

Sonja und Jens heiraten jung, Verkäuferin und Maurer. Sie macht per Fernstudium ohne sein Wissen Karriere und er säuft, fällt durch die Meisterprüfung, säuft noch mehr und schlägt die Frau. Mehr Klischee geht nicht. Und dann fallen se noch alle Nasen lang nackt und halbnackt übereinander her. Das muss so bei DEFA’ns inne späten 70er! Auch wenn die Akteure nu ziemlich weit weg sind von Jane Fonda oder Raquel Welch, Robert Redford oder Terence Hill. Du sollst dich eben ans reale Leben gewöhnen!

Hinzu kommt, dass es im ganzen Film kein funktionierendes Paar gibt. Alle Schwäger und Kollegen, gehen fremd, liieren sich aussichtslos, müssen ganz viel saufen, um den Kummer zu ertränken…

„Kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein!“

Und das ist der Film zum Spruch!

Sonja und Jens, Katrin Saß und Martin Seifert, beide Debutanten in ihren Rollen, spielen sehr emotional und engagiert, was im Vergleich zu den wiederum sehr altväterlich, steifen Vorgesetzten positiv auffällt.

„Die Prügelszene war echt! Ich war in Rage und da fing er eine und drosch zurück.“ (Kartin Saß/Riverboat-Talk)

Angelika Domröse, als Jens‘ Schwester, soll wohl, da es nach langer Zeit mal wieder ein Carow-Film war, als Paul und Paula Vehikel eine Art Brücke sein: Aufbruch’73 und Abbruch’79, so ungefähr, denn auch sie ist nun nicht mehr die Hippietraumfee „Paula“, sondern die in der Ehe gelangweilte, fremdgehende Fast-Alkoholikerin, die keinen „Paul“ mehr findet. (Ihre letzte DEFA-Rolle vor dem Weggang)

Der Westen jubelt. Kennzeichen D; TTT; Kommentar zum Zeitgeschehen (Deutschlandfunk): Carow zeigt die Verwerfungen in der geschlossenen Gesellschaft schonungslos.

Und im Osten diesmal fast dasselbe: Realistisch werden hier Probleme unserer Gesellschaft angesprochen…

Sonja             Jens

Jens und Sonja stellen also unsere junge Arbeiterklasse dar? Typische „junge Eheleute“, wie sie den Junge-Eheleute-Kredit nehmen, eine Wohnung kriegen, ein Kind erzeugen – und dann Suff und Haue; Haue und Sex! Bis er im Suff zur falschen Flasche greift und Reinigungsmittel säuft… Und sie sieht zu, ohne es zu verhindern.

Wirklich?

Okay, wir sind die Creme mit Abi, die „Kader von morgen“. Das ham’se uns nu oft erzählt. Aber was ist mit unseren POS-Kumpels, zu denen immer noch Kontakt besteht? Trinkfreudig sind da einige! Die Feten mit ihnen machen Spaß! Aber wer von denen verdrischt „seine Kirsche“? Wir trauen‘s keinem zu.

Einen in unserm Alter kennen wir, auf den das passt. Aber der ist doch Ausnahme und nicht die Regel oder? Der ist dank Beziehungen knapp am Jugendwerkhof vorbei geschrammt – und solche Fälle, die sind doch eh ähx! Um die macht man’nen Bogen!

Als der Film aus ist, geht das Licht an. Christian patscht mir die Hand aufs Bein:

„Heirat’mer noch?“

„Nach dem Ding nich’mehr!“

„Ich musste immer an Klinkmart Steffen denken, wegen der schwarzen Mäcke. Aber rumgeningelt hattor wie Kumske.“

„Und sie hattes Gesicht und‘n Toppschnitt wie de Schilkern.“

Die drei genannten waren Klassenkameraden von uns, mithin auch keine Prolls.

Christian weiter: „Der Jensi-Boy sah nich nach Baubude aus. Der war wirklich eher so a GOL-Fuzzi, der Assi spielt.“

Ich: „Gloobst du, dass das der Trend is? Fremdvöcheln und Suff und sonst nüschd?“

„Was willst sonst machen, hinter der Mauer?“

Es gibt so Momente,da merkst du, dass einer Freundschaft langsam der Atem ausgeht.

Ich konnte mir keine Langeweile vorstellen! Bücher, Antiquariatspilgerei, Musik, Burgen-und Waldromantik, Wohnung oder Haus designen, Konzerte …

Der Jens sah nicht nur nicht wie‘ Maurer aus, er hatte zusätzlich auch so abgespaced unpassende Ansichten:

Seine Sonja präsentiert ihm ihren Abschluss zur Verkaufsstellenleiterin; denkt, er wird erstaunt, erfreut gratulieren. Er aber reagiert wie ein West-Mann: „Hinter meinem Rücken? Hab ich das erlaubt?“ (Patsch, Patsch – fängt sie ihre ersten Ohrfeigen!)

Hä?

Wir hatten’79; die beiden da spielen junge Leute, die höchstens 2 Jahre älter sind als wir und dann so’ne Reaktion? Das ist so 60er! Frühe 60er! Ganz frühe! 1979 gab es praktisch keine Hausfrauen mehr. Jeder um uns her war froh, wenn der Ehepartner/die Ehepartnerin mehr Geld heimbrachte, weil da auf Haus, auf Auto, auf Ostblockreisen, auf teure Farbfernseher, auf Westplatten gespart wurde – und der Dödel da spielt den Märchenlandpascha?

Haben die Regisseure noch das Ohr an der Masse? Oder lag das Drehbuch 2 Jahrzehnte im Safe?

Noch Tage später, wenn ich an’ner Kasse stand, studierte ich die Gesichter der Verkäuferinnen: Kriegt die Dresche zu Hause? Oder die? Oder die?

Ein Vierteljahr später war ich Soldat – unter lauter solchen Typen wie Jens. Die gabs wirklich! MSR 29. Willkommen beim Schrutz! Die soffen Rasierwasser, wenn kein „Schluck“ in der Nähe war. Und die einen kriegen dann das große Winseln und die andern suchen Streit und beide Sorten pissen in die Bude. Und der Glatte muss wischen. Der Winsler entschuldigt sich hinterher wenigstens, so wie Jens im Film. Der Streithammel kriegt 5 Tage „Bau“ und wenn die um sind, hat er’s eh vergessen. Über ihre Frauen lallen sie dummes Zeug, schlimmer als im Film.DVD

Aber wozu braucht’s diese Gossendarstellung im Kino?

Die Assis, die die Thematik betreffen würde, feiern, dass da „gef***t“ wird!

„Orrrr, der war hackedicht und hats noch jebracht!“

Und unsereiner wendet sich angeekelt ab.

„So sehen unsere Menschen nicht aus!“ dachte damals sogar ich.

Hm. Aber die Fahne lehrte mich: Doch!

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