Die verdrängte Zeit

aufwühlendIn den letzten Tagen hab ich „die verdrängte Zeit“ von Marko Martin gelesen. Es wurde ein vielschichtiges Leseerlebnis, das mich dranbleiben ließ.

Es geht um die Frage: Was bleibt von der DDR-Kultur als empfehlenswertes Erbe übrig?

(Und hier verabschieden sich vermutlich schon alle West-Leser, was verständlich ist, da für sie Garcia Marquez näher läge als Strittmatter & Co.)

Für Ost-Leser wurde es ein sehr interessanter Mischmasch, voller „Ach ja‘s“ und „Och nö‘s“, voller Staunen über ein paar Neuigkeiten, voller Kopfschütteln über doch spürbare Auslassungen – kurz: Ein interessantes Wechselbad der Empfindungen.

Zu Beginn ein paar amüsierte Bemerkungen zur Form: Das Buch ist 2020 erschienen. (Tropen-Verlag; Lizenz von Cotta) Vermutlich war da Lockdown-bedingt Zeitdruck bei der Fertigstellung im Spiel, denn:

Ich habe noch NIE ein Buch mit so vielen Druck- oder Tippfehlern, verstümmelten Sätzen oder Verwechslungen von deren/dessen usw. gelesen.

Was auch nervt, ist diese Fremdworthuberei im Schachtelsatz:

Diese clandestine Eloquenz des Feuilletonisten, in kafkaesker Metaphorik dissidentische Subtexte in lyrischer Hinterlassenschaft diverser ostzonaler Widerstands-Nestoren mit Biermann-Trauma dechiffrieren zu wollen.

Damit bringt er die ersten und ca. vorletzten 50 Seiten hin. (Der eigentliche Schluss ist ein sicher „künstlerisch zugespitztes“ Reiseerlebnis im Heimatdorf eben jenes Garcia Marquez in Kolumbien.) Er wertet also vorweg und nachgestellt; als sei er Theo Sommer von der ZEIT, dazwischen, wenn er über die ostzonalen Kulturhighlights und/oder deren Verhinderung spricht, wird er aber wieder Ossi und die Sätze reinigen sich wie von selbst. Jedenfalls in Bezug auf die Fremdwörter.

So entsteht nach aufkommendem Ärger zu Beginn bald schon ein schadenfrohes Genießen des stolpernden Lesevorgangs, denn ich bekomme einiges unter die Nase gerieben, wogegen ich opponieren möchte, was aber nicht möglich ist; und so ermöglichen mir all diese Stolper ein genüssliches Murmeln in der Art: „Bau du erstmal grade Sätze!“ oder „Kein Wunder! Bei DEM Geschmack!“ Aber das liest sich jetzt schlimmer, als es gemeint ist.

Worum geht es nun im Hauptteil konkret:

Um Film, Musik und Buch, wobei die Literatur gewinnt –  in puncto Qualität und Quantität. Hier gibt es vieles, was mal bei Gelegenheit wirklich lockt.

Nicht so beim Film. Er feiert z.B. „Paul und Paula“ (Gähn) und „Das Kaninchen bin ich“. Letzterer einer der verbotenen Filme von 1965, der 1990 uraufgeführt wurde. Für 1965 wär’s ne Sensation gewesen. Insofern sind wir d’accord. Aber: Für heutige Zuschauer ein eher langatmig erzähltes Etwas, trotz des eigentlich brisanten Konfliktes. Tatsächlich schade drum, zumal hier eine wirklich attraktive Angelika Waller in ihrer ersten Filmrolle zu bewundern gewesen wäre. Aber wie müsste der beschaffen sein, der sich die bräsig erzählte Story heute noch antun würde?

„Coming out“, der Schwulen-Film der DDR, der am 9.11.89 Premiere hatte und deshalb unterging, erfährt ebenfalls allerhand Würdigung und dient als Aufhänger für allerlei Wissenswertes über die Schwulenproblematik in der DDR. Schwulen-§ seit 1968 bereits aufgehoben, aber …

Über Ludwig Renn hab ich in diesem Zusammenhang sehr staunen müssen.

Ein erster Höhepunkt des Buches.

Der zweite ist die Würdigung der Gojko-Filme als sachliche Darstellung des Indianer-Themas ohne ideologische Überfrachtung.

Denn wie oft musste ich anderswo die versuchte Verunglimpfung lesen, dass die Gojko-Filme ja angeblich auch Propagandakram seien und aus jedem Dakota-Häuptling einen Lenin machen würden?! Derlei Mist gibt es bei M. Martin nicht. Danke!

In Bezug auf (Rock-)Musik in der DDR wird es dann ganz finster. Den gesamten Ostrock tut er mit einem Satz ab: Domestiziert und langweilig. Naja ‘70 geboren. Dann erzählt er einige wenige Seiten lang etwas über die erste Generation Ost-Punks, die allesamt Stasi-Opfer wurden. Scheinbar ist Herr Martin jedoch musikalisch eher desinteressiert, denn das was hier erzählt wird, gibt es in besser in Roland Galenzas Standartwerk zum Thema „Wir woll’n immer artig sein“. Geschenkt. In Sachen Musik also – nichts.

Zwischen Musik und gesungener Literatur steht allerdings Bettina Wegner. Die Passage über sie ist eine Hommage an sie und die ist ihm gelungen.

Ähnlich versucht er dann, mit Manfred Krugs musikalischer Seite zu verfahren, und da melde ich starke Zweifel an: Einer der 1970 geboren ist, in seiner Jugend inkognito an den BR schrieb und sich Alphaville „Big in Japan“ wünschte, hört heute zu Westzeiten Manne Krugs So-irgendwie-dazwischen-Jazz-Schlager? Er bezieht sich hier auch auf keine konkreten Songs wie bei Bettina Wegner oder seiner Biermann-Verehrung. Will da eventuell einer nur Komplimente fischen?

Auch dass er nun nochmal die gesamte Heldengeschichte von der Biermannresolution 1976 erzählt, so wie sie bis zur Wende geglaubt wurde, nervt. Bei all den anderen Biografien entdeckt er kleinste Stasiverstrickungen und hier entgeht ihm das, was das ganze Puzzle erst stimmig macht? Es fehlt jeder Hinweis auf die Andert/Stuhler-Nachwendeenthüllungen zum Thema Wolf und Margot H. Da wird also weggelassen, damit etwas passt, was passen soll. Nicht zu viele Westleserglaubenskulte erschüttern?

Ähnliches gilt auch für die Abfeier der Integrität von Monika Maron und Günter de Bruyn. Unangepasste Schreiberlinge im Kalten Krieg, harte Kritiker plumper Ostalgie in den 90ern, stimmt. Aber auch heute wieder tapfere Steller unbequemer Fragen in ihren Alterswerken, für die man sie plump in die rechte Ecke rückt – darauf kein hinweisender Nebensatz. An denen ja sonst kein Mangel herrscht.

Was haben wir sonst noch?

Die Hommage an Wolfgang Schreyer und seine Lateinamerika-Thriller. „Der Adjutant“! War das ein gelungener Straßenfeger als Film! Da konnte Peter Ustinow in „Die Stunde der Komödianten“ glatt einpacken!

Das gekonnte Entgegensetzen der teilweise ebenso spannenden Südostasienromane von Harry Thürk, der sich jedoch mit dem „Gaukler“ in belesenen Kreisen der Republik unmöglich machte. „Das fasst man nicht an!“ (O-Ton mein Vater, mit mir im Buchladen) Eine plumpe Propaganda-Schmonzette, die Solschenyzin als Idioten darstellen wollte, dem das FBI seine Romane redigiert. (Wieso eigentlich nicht die CIA? Wenn schon, denn schon. Aber einem wie Thürk war das vermutlich ebenso egal, wie unsereinem der Unterschied zwischen Politbüro und ZK.)

Dann haben wir noch eine lobende Erinnerung an Eduard Klein. Jawoll! „Den Weg der Toten“ muss ich mir für die Rente nochmal raussuchen!

Das Aufdecken der Tatsache, dass praktisch jeder namhafte Autor der DDR eine Exilvergangenheit vor‘45 hat. Was meinen Eindruck schon zu Studenten-Zeiten bestätigt: In diesen Klüngel Boheme-Bonzokratie kämst du ohnehin nicht hinein.

Kurios unterhaltsam die Erinnerung an Max Walter Schulz als zweimaligen One-Night-Stand von Brigitte Reimann. Den hatte ich komplett vergessen. War das ein Buhei um seine Novelle(?) Roman(?) „Der Soldat und die Frau“. Ächz! Was wir da alles hineininterpretieren sollten! Gone with the wind!

Aber um auf die Ausgangsmotivation zurückzukommen: Was wird davon bleiben?

Nichts.

Und das weiß auch der Autor dieses Buches im Stillen.

Aber selbst wenn er in vorbelasteter Familie aufwuchs, deshalb frühzeitig Ausreiseantrag stellte, und im Mai’89 endlich „aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen“ wurde; niemand entkommt seiner Prägung.

Auch wenn er heute woanders wohnt und die Heimatregion meidet, weil sie ihn in erster Linie an Gängelung und Vorladungen erinnert; „angekommen“ in der Westwelt isser eben auch nicht.

Auch wenn er sich alle Mühe gibt, dieselbe zu preisen.

Seite 216 zeigt das deutlich. MEIN Höhepunkt des Buches!

Da steht er nun also weitgereist und welterfahren mit seiner Gießkanne und hat keine Wurzel, die er gießen könnte.

Deshalb schrieb er sich halt von der Seele, was ihn die ersten 20 Jahre kulturell prägte und was er inzwischen an Hintergründen zu Werk und Autoren erfuhr.

Gut so.

4 Gedanken zu “Die verdrängte Zeit

  1. Warum ist Spielhagen vergessen? Weil der Preußische Verfassungskonflikt von 1862 oder der Gründerkrach niemanden mehr interessieren. Nachruhm hat nichts mit Qualität zu tun.

    Die ganze Dissidentenliteratur ist vergessen, trotzdem man sie als Propaganda gegen Linke und Alternative benutzt.

    Aber die Liebesgeschichte zwischen einen Manager und einer Zirkusprinzessin könnte auch heute spielen. Oder die Geschichte der Sängerin, die immer neue Anläufe nimmt. (Ich stelle mir gerade Solo Sunny im Lockdown vor.) Oder die des Waisenkindes, das durch Berlin irrt, nachdem ihre Erzieherin in einer anderen Stadt ihr Liebesglück fand und kündigte.

    DDR- Filme haben eine besondere Intimität. (Die Darstellung versuchter Suizide in Solo Sunny und Coming Out!) Aufgrund geringerer sozialer Unterschiede – und weil Egoismus und Selbstverwirklichung auf Kosten anderer weniger angesagt war. Es gab weniger Distanz zwischen den Menschen.
    — Nein. Das ist Ostalgie. DDR -Filme, -Bücher, -Musik waren besser, weil sie nicht Kasse machen mussten.

    „Empfehlenswertes Erbe“ ist die Hoffnung auf eine Alternative, die sicher nicht sehr viele, aber einige besondere Menschen lange mit der DDR verbanden. Das Menschenbild, das uns nicht als geldgeile Ratten sieht.

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