Jersey Boys (III)

 

„Sgt.Pepper“? Brauch ich nicht mehr.

„Her Satanic Majesties Request“? Zurecht vergessen.

„Tommy“? War mir immer schon nüschd. Nur 6 Minuten gute Musik auf einem Doppelalbum.

„Quadrophenia“ War mal ne schöne Konzeptidee, die heute musikalisch nicht mehr kickt.

„The Wall“? Völlig überschätzt. Immerhin 15 gute Minuten.

„Pet Sounds“? Och, naja…muss oooch nich‘ sein.

Welche großen Konzeptalben lasse ich auch heute noch an meine Ohren?

Johnny Cashs „This Train I’m on“.

Johnny Cashs genialen Indianer-Lieder-Zyklus „Bitter Tears“.

Das Konzepttrümmeralbum der Bee Gees „Odessa“.

Pink Floyds „Wish you were here“, DAS war einfach „meine“ Zeit!

Und vor allem „The Genuine Imitation Life Gazette“ von den 4 Seasons. Vor 10 Jahren erst entdeckt!

Ja, die 4 Seasons haben ein Konzeptalbum zu bieten!

Aus dem Jahre ’69!

Es floppte krachend.

Denn es ohrfeigte den Zeitgeist!

Mit 17/18/19 Jahren hätten mir zwar einige der Inhalte auch schon gefallen, aber 1. war das Schulenglisch noch nicht so weit und 2. wäre DIESE Art Musik damals nicht mein Fall gewesen. Es ist progressiv, aber kein Artrock im herkömmlichen Sinne. Kein krummtaktiger Trümmersalat aus Mitsingpassagen und Verdun-Soundtrack, sondern so eine Art Swing-Oratorium, das aber fast ganz ohne Bläser auskommt. Liest sich komisch – issaberso! Gitarrensoli gibt es auch keine.

Und dann wäre da noch die Vorgeschichte, die der Eastwood-Film antippt, ohne das Album und die mit ihm einsetzende Pechsträhne zu erwähnen. Weitere Erklär-Puzzle-Teile stehen in den Booklets diverser CDs.

  1. Las Vegas statt Woodstock

Bis 1968 lief die Hitmaschine der 5 (die den Drummer meist versteckten) wie geschmiert, auch wenn Europa das nicht mehr mitbekam, weil alles auf die britischen Bands starrte. Die 4 Seasons waren die Amerikaner, die daheim den Beatles doch hinundwieder einen Spitzenplatz streitig machen konnten. Manche Medien verpassten ihnen den Stempel „die Beatles Amerikas“ zu sein.

1969 riss der Glücksfaden gleich doppelt, nämlich mit besagtem Steuernachzahlungsproblem UND mit der Idee zum Konzeptalbum.

(Ich weiß nun nicht exakt, ob erst die Steuerfahndung kam, und das große Kunstwerk dieses Problem im Handumdrehen lösen sollte, oder ob das Album zuerst erschien, immense Gelder verschlang, floppte – und die Steuer dann noch einen draufsetzte.)

Auf jeden Fall hatte Bob Gaudio da etwas sehr Kluges im Sinn, nachdem er Jake Holmes kennengelernt hatte. Jake Holmes, machte grade in New York Furore als sarkastischer Kabarettist. Seine Programme in Greenich Village halten den Hippies dort den Spiegel vor: Er watscht sie ab und sie feiern‘s mit Gelächter. Eine frühe Form des Roastens. Gleichzeitig aber schrieb er „Dazed and Confused“ und verkaufte den Text – na wem wohl? Gaudio glaubte, einen Bruder im Geiste gefunden zu haben.

Seine Band war ihm ein mittlerer Graus. Der Pate hatte ihn da reingebracht. Dass Valli ein Braver war und ein Goldkehlchen hatte, das war schnell zu ersehen gewesen und den wollte er auch auf keinen Fall verlieren, aber diese andern Typen –  es nervte, ausgerechnet sowas reich zu machen!

Eastwoods Film illustriert sowohl ihre stümperhafte Kriminalität, als auch ihre eher niedrigen Ansprüche an das eigene musikalische Können. Gaudio aber sah sich – in Las Vegas! Member of Ratpack! Früher oder später. Irgendwann musste er kommen, der Kontakt zu Sinatra!

Wenn so einer nun ein Konzeptalbum angeht, dann ist klar, dass das nicht nach kosmischem Drogennebel oder gar Blues klingen würde.

Die deVito-Band soff und hurte, wie der Film verdeutlicht; ohne Valli und Gaudio, aber sie hielt sich „clean“, was die „Substanzen“ betraf.

Sie haderten mit der Bevorzugung der englischen Musikinvasoren. Plötzlich bekamen die automatisch die Hauptact-Rolle; die erfolgreichste Ami-Band musste sich mit Vorgruppenstatus begnügen, wenn sie überhaupt dabei sein wollte. Bei Auftrittsverhandlungen wurde man gefragt, ob man Beatles-Titel im Repertoire hätte, denn das wollten die Leute. Wenn man dann diese shitty-britty-horse-face-bums reden hörte, waren die entweder halluzinierend weggetreten oder derart arrogant, dass man das Kotzen bekam. Und denen den Vortritt lassen? Niemals!

Guck sie dir an: Tun so, als ob ihre Vorfahren unter Peitschenhieben Baumwolle gepflückt hätten und kommen von Eton! Was soll das? Ganzjahresfasching oder was?

Also blieben die Haare kurz. Bärte kamen nicht in Frage! Die Teppichweste blieb aus!

Die erste Watsche, die sich Gaudio bereits 1964 erlaubt, ist DIESE.(Klick)

Um nicht verklagt zu werden, wird ein Pseudonym auf die Singlecover gedruckt, dann das Beschwichtigungsmärchen in die Welt gesetzt, das sei Jazzgesang im Stil der legendären Rose Murphy, eine doppelte Reminiszenz also. Die Medien greifen das dankbar auf, der Song wird Hit und „His Bobness“ kifft sich stinkig den Frust weg und sinniert über Urheberrechtsabsicherung für die Zukunft.

Ein Jahr später folgt die „Beggars Parade“:

„Your Skin is thin, mine is too,

what’s so special about you?

Make excuses ’cause you just can’t make the grade….

Why you should work, without a rest,

when it’s easier to protest…”

Die naive Wohlstandsentsagung all dieser Elite-Hippies stört nicht nur Gaudio, sondern auch die deVito-Fraktion in der Band. Wenn du ganz von unten kommst, und es nach oben schaffst, dann schwillt dir nun mal der Kamm, wenn da so Typen frisch von der Mutterbrust kommen und „a hard days night“ verkünden oder „can’t buy me love“. Ham die ne Ahnung, ey!

Im „December‘63“ hatte deVito eine Hure zuviel bestellt und sie dem Miesepeter Gaudio, der sich von den Bandorgien ausschloss, in sein Einzelzimmer geschickt. Nicht ohne ihr einen Schein extra zuzustecken, mit dem Auftrag, sich ja nicht abweisen zu lassen. Schlüsselerlebnis. Welthit!

Schlag 3 soll nun das Album werden.

  1. Die astreine Lebenskrücken-Gazette

Als Gaudio und Holmes der Firma das Libretto zeigen, ist die entsetzt. Neun Songs. Unverkäuflich kompliziert. Nirgends ein Ohrwurm wie bisher!  Dazu der Coverentwurf, der prächtig ist und teuer wird. (Noch muss das alles per Hand gesetzt, kombiniert, gelayoutet werden.) Eine 6seitige Zeitung. Zu jedem Song gibt es einen Artikel, Pressefotos oder Karikaturen. Ein künstlerisches Gesamtpaket aus Dichtung, Bild und Ton!Bild (22)

John Lennon feiert das Album und klaut sich die Zeitungsidee später für „Sometimes in New York City“. Jethro Tulls „Thick as a brick“ – noch ein Fake-Blatt.

„The Genuine Imitation Life Gazette“ erscheint im Woodstock-Jahr, verdämmert 6 Wochen auf hinteren 90er Plätzen der „Hot hundred“ und ward dann 40 Jahre nicht mehr gesehen.

Die beiden legen den Finger in alle Wunden, die das Hippietum so mit sich bringt. Eine Sache allerdings sparen sie aus: „Make love not war!“ – die Kritik am Vietnamkrieg – wird nicht durch den Kakao gezogen. Auf dem Plattencover befindet sich unter anderem ein Uncle Sam („the Army needs you!“) vor Börsenkurs-Tabellen. Ein deutlicher Hinweis, dass man diesbezüglich kein Problem mit dem Zeitgeist hat, sondern die „Demokratiebringephrase“ genauso durchschaut, wie ein Dylan oder Donovan.

Worum geht’s nun konkret:

Track 1 „American Crucifixion and Ressurection“ ist ein 7Minüter; der Crosby Stills Nash & Young zeigt, was geht. Der Band-Chor singt die eine Songebene (die große Politik) und Valli lamentiert die andere Ebene dazwischen (die Alltäglichkeit).

Amerikanische Kreuzigung und Wiederauferstehung; wer die Überschrift für bare Münze nimmt, glaubt, die Platte liegt im Trend: Amerika erneuert sich gerade via Studentenbewegung. Passt!

Im Text des Songs gibt es zum einen die anschauliche Allegorie, dass die Knechte und die Sklaven, die gesprengten Ketten noch um den Hals, vor dem Palast des Prince of Peace stehen, der ihnen das Licht versprach: Nun realisieren sie, dass der Prinz ein Langschläfer ist – denn nichts passiert. Dylan?

Die Revolte ging führungslos „ins Blaue“ und erzeugte nun – viel Musik, gesellschaftlich aber keinen Wandel. Johnson ging und Nixon kam. Studenten belagerten Weißes Haus und Capitol.

Ein Schelm, wer an das Capitol 2021 denkt! Als die Massen eingedrungen waren – machten sie Selfies!

1969 haben sie immerhin die Wehrpflicht beerdigt und Nixon zu Friedensgesprächen mit Vietnam gedrängt. „Even Richard Nixon has got soul.“ (Neil Young war damals die Michelle Obama) Und für das entgangene Vietnam entschädigte sich die Machtzentrale mit ein paar feschen Juntas im Hinterhof, waydown south; Argentina, Brasil, Chile, Haiti, Dom.Rep.,…

Also wer wird hier gekreuzigt, und wer steht wieder auf?

Valli steuert den upcoming Hellikoptervater bei: Ein Jüngelchen erhält beste Bildung; bekommt Fairness und Gewaltverzicht anerzogen, erfüllt die Anforderungen seiner Lehrer aufs perfekteste. Aber draußen lauert das Leben in Form eines fiesen Chefs, und der nutzt den Träumer nach Strich und Faden aus, bis dieser merkt: Ich muss alles über Bord schmeißen, was sie mir eingebläut haben. Ich erinnere mich meiner Fäuste und meiner Ellbogen – und lerne diese zu gebrauchen: „Platz da! Oder aufs Maul!“ (Seine Lehrer würden ihn nicht wiedererkennen.)

Es folgt „Mrs. Statelys Garden“. Ein Antwortsong auf „Eleonore Rigby“. Wir erinnern uns an jene Mitleids-Ode über die alte vereinsamte Frau und Vater McKenzie, die Paul McCartney schuf.

Was wird aus dem Rentnerthema, wenn ein Roaster wie Holmes sich dessen annimmt?

In „Mrs. Statelys Garden“ trifft sich regelmäßig das Kränzchen alter Witwen, die die Neuigkeiten ihrer Umgebung durchgehen:

Hast du schon gehört? Nachbars Tochter – tot. Soll schwanger gewesen sein. Selbstmord. Armes Ding. Elli, du sitzt auf meinem Hut! Nu isser hin! Armes Ding!

Mitleid mit den Opfern der „freien Liebe“? Fehlanzeige.

In „Look up look over“ beschreibt Valli in einem reimlosen Lamento zu einer seltsamen Nicht-Komposition, dass er seiner Freundin übers Haar streichen kann und sie dann noch ein klein wenig Reaktion zeigt; ansonsten ist sie „gone“, obwohl sie anwesend ist. Syd Barett fällt mir ein. Ein Drogenopfer, dass sich das Hirn zerschoss. Und nun muss jemand die Reste pflegen. Nicht tot und nicht lebendig. Nicht weg und auch nicht da.

Bei Track 4 fällt mir „Singing in the rain ein“, die Nummer geht am deutlichsten in Richtung alter Tanz-Hollywoodstreifen: da schwärmt einer, wie toll das ist, dass er die Liebe in den Augen seiner Freundin sieht – bis in der letzten Strophe deutlich wird, dass er sich fürchtet, dass ihr Mann das auch sehen könnte. Ein Ehe-Crasher also auf frischer Tat.

Song 5 schildert die Folgen von sowas: Scheidung – und die vorhandenen Kinder müssen pendeln. Der „Saturday-Father“ holt seine Tochter von der Ex, macht ihr einen schönen Tag und erträgt es nicht, wenn sie bei der abendlichen Rückkehr weint. „Wer zweimal mit der gleichen pennt, gehört schon zum Establishment!“ „Make love not war!“ (und scheiß auf die Folgen!) Die Sexuelle „Befreiung“ ist in den Augen katholisch aufgewachsener Italiener die absolute Pest. Valli hat sein erstes Groupie, eine 10 Jahre ältere Musikjournalistin, geheiratet; es ging 5-6 Jahre gut. Dann traf es die ebenso alte Tochter, als es aus war. Sie wird Song 3 durchleben und durchleiden. Ihr blieben noch 10 Jahre. Gaudio hatte sich den Orgien entzogen. Die Dame, die ihm deVito im „December’63“ auf die Bude schickte, blieb eine „Lady“ für ihn.

Song 6 beschreibt, indem 2x dieselbe lange Strophe gesungen wird, die sich nur durch 2 Auswechslungen unterscheiden, wie der Lauf der Welt allweil derselbe bleibt: Die Uptown People sehnen sich nach dem „Ausstieg“ ins Village, die Künstlerkolonie. Sie ahnen nicht, was auf sie zukäme, würden sie es tun. Die Downtown People sehnen sich nach der Wallstreet und den teuren Läden da: Jeder idealisiert, was ihm fehlt. „Nenn es wie du willst, es ist immer dasselbe“. Hier geht der Text über die „Beggars parade“ vier Jahre zuvor hinaus: Es gibt nicht nur die Banker’s son’s, die sich ins utopische Armutsparadies träumen. Die Bovary bums. Es geht allen so.

Es folgt, sowas wie der Title-Track „Die wahrhaftige Lebensimitation“

Die in der Strophe gipfelt:

Old friends get together
But it’s solitaire they play
Everybody’s rainbows
Dressed in different shades of gray
It’s a lovely place to visit
But I wouldn’t want to stay

La-la-lalalala-hey Jude…

Wo alles auf „Solitaire“ (Ichbezogenheit/Selbstverwirklichung) gepolt ist, gehen die Ehen in die Brüche und die „Scheidungskids“ müssen getröstet werden, wenn sich denn ein Tröster findet.

„Idaho“ wurde auf Wunsch der Plattenfirma eingeschoben. Ein „Hit“ in bewährter Form sollte in dieses schwer verdauliche Oratorium einfließen. Gaudio und Holmes parierten. Die Nummer klingt wie früher, aber der Text erinnert an NDW-Nonsens der Marke „Prima Klima (fahr ich sofort nach Lima)“ Idaho, das macht mich so froh, ja das reimt sich so, Kinder suchen, Apfelkuchen, Idaho, weit und breit kein Klo…“ so in der Art. Idaho wurde eine Single und – verfehlte die Charts.

In „Wundern, was aus dir werden wird“ lamentiert der kopfschüttelnde Vater nochmal, ganz ähnlich der „Beggars Parade“, dass sich wegen der „Revolution“ die Studienzeiten des Kindes unabsehbar in die Länge zieh‘n, dass die weltrevolutionären Ausreden, warum kein Abschluss erfolgt, den Geldgeber nerven wie Hölle – zumal in Amerika, wo die Familie die Altersabsicherung ist. Was, wenn der Filius stur bleibt und ein Leben lang nur kifft und Blumen sät?

Die „Seele der Frau“ solls retten. Finde eine, heirate eine, mach ein Kind oder zwei, dann keimt hoffentlich Verantwortungsgefühl. Ihre Seele wird den Laden zusammenhalten. Seid nett zueinander. Was du gibst, soll später auch zurückkommen. (Nun – das gelingt in sehr vielen Fällen nicht. Der Neoliberalismus und die Verelendung der Fly-over-States zwangen zum flexiblen Herumvagabundieren auf immer größeren Distanzen zum Elternhaus. Auch das hat die „Revolution“ von damals nicht hinbekommen.

  1. Fazit

Wer hätte das kaufen sollen? Die Hippie-Generation inclusive aller Mitläufer fiel aus. Die bisherigen 4 Seasons-Single-Buyers ebenfalls: Hausfrauen und Redneckerinen brauchten Sound zum Geschirrabtrocknen und zum Tanzen. Und wenn es schon um Scheidungen und dergleichen Alptraumszenarien gehen muss, dann bitte mit Country-Untermalung. Die konservative junge Landbevölkerung? Typen, die die „Easy Rider“ erschossen und an der weißen Kapuze nähen ? Die störte schon, dass der Kram von Ostküsten-Ithakern stammte! Kurz vor „Nigger“ gewissermaßen. Es gab also gar keine Zielgruppe.

Somit grenzt es schon an ein Wunder, dass das Album 6 Wochen around Platz 96 in den Charts verbrachte. Aber vielleicht waren das die Rückkäufe der Firma, wie das so üblich ist, im Business, dann und wann.

John Lennon soll begeistert gewesen sein. Man weiß jedoch nicht weshalb. War‘s die  Anti-Eleonore Rigby? Die McCartney-Watsche? 1969 – da mochten sich die Fab Four nicht mehr. 1971 entstand „How did you sleep?“

Neil Young, Robbie Robertson, Ian Gillan schreiben heute, am Ende ihres Lebens, Texte, wie Gaudio 1969.

Und ein gewisser Frank Sinatra meldete sich bei Gaudio: Er will auch so ein Album. Holmes und Gaudio konzipieren „Watertown“ für den „anderen Frank“. Es floppt 1971 genauso. Und gilt heute Kennern als ein ebenso gesuchtes Kleinod wie die

Einzig wahre Lebenskrücken-Gazette.

Und was hat das nun mit mir zu tun?

Als ein 78er lebe ich einer vormundschaftlichen Generation hinterher. Es geht nicht anders. Es hat sich biologisch so ergeben. Meine Generation hat keine Trends gesetzt. Sie verdämmerte in Nischen. Hielt sich „still zurück für ein ganz privates Glück“ oder erlitt großmäulig Schiffbruch beim Anbiedern an „die Großen“ oder als Punk-Exot für „die Kleeen“.

Dazwischen ich – nun relativ schachmatt. (bissel Niedecken-Klau; sorry)

Ich wollte die Mähne, ich verehrte Hendrix & Co, ich wollte Jeans, Hippieketten und breite Ledergürtel. Eine Art Vorturner in all diesen Dingen war mein Cousin väterlicherseits in Bitterfeld.

Das familiäre Pflichttreffen der Großmutter zuliebe, war Gesetz. Da er ein Jahr älter war als ich, war er immer einen Schritt voraus und bekam das 68er Feeling früher ab. Was hab ich sein Black Sabbath Poster bestaunt mit 13 – und sein großes Spulentonband!

Auf den Heimfahrten begann ich dann für gewöhnlich zu nerven, um erlaubt zu bekommen, was ihm gestattet war.

Während des Pfingstbesuches 1975, wurde ich Ohrenzeuge, wie er am Kaffeetisch seine Eltern mit Vornamen anredete. „Toni, gib ma‘ Schlagsahne rüber.“ „N Hund zu haben, wär nich‘ schlecht, aber die Margot würde‘n nich‘ in de Wohnung lassen.“  Als wir heimfuhren, fragte mich meine Mutter, wie ich das gefunden hätte, und ob ich das nun auch so machen wolle.

„Um Gottes Willen!“, entfuhr es mir.

Vorn im Auto sackten meine Eltern erleichtert zusammen. Von Vatern erntete ich ein seltenes Lob: „Na Gott sei Dank! Ich hab enn vornümftchn Sohn!“ Mir war an dem Tag bewusst geworden, dass da etwas nicht stimmt an diesen Hippiemoden. Anfang ’78 trug ich wieder Igel. Punk ist, wenn man trotzdem lacht.

Sometimes Flowers ain’t enough. (Ian Hunter)

6 Gedanken zu “Jersey Boys (III)

  1. Ich frage mich, ob Deine Helden wirklich so mies waren, wie Du sie machst. Neidhammel, die „abwatschen“, „Anti-“ irgendwas schreiben, Vorurteile hegen („Eaton“, Du meinst sicher Eton College – aber kein Beatle war auf einer Privatschule-) usw….

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    • Nö, aber das Schnöslig-britische Verhalten erweckte den Eindruck auf die Rock&Roll Survivors von der Strasse. Guck den Film. Oder hör dir „Gardenparty“ von Rick Nelson an,der bass erstaunt war, als keiner aus den Ricky Nelson Zeiten mehr was mit ihm zu tun haben wollte, als er sich die Haare wachsen ließ.
      Und zumindest auf Jagger trifft das ja auch zu.
      Und einige andere, Stones, Kinks, Who, usw. abgesehen von den Beatles, waren ja eingetragene students of arts für irgendwas. Das mag manchmal nur annähernd Fachschule gewesen sein, aber mithin immerhin „Studenten“, bis auf Burdon, der deshalb „das Leben studieren wollte“ (Wie interessanterweise auch Gorki „meine Universitäten“)
      Auch blieben die engeren Freundschaften untereinander eher „inner britisch“ oder „inner-amerikanisch“.
      Eine Ausnahme ist da der Hendrix, der als Ami eher britische Freunde hatte, wohl weil seine karriere und somit die Begegnungen eher aus England stammten.

      Im Übrigen nehm ich mal für mich in Anspruch, dass ich die kritischen Bemerkungen den Seasons in den Mund lege, um erklärbar zu machen, weshalb die immun blieben. Nicht, weil ich diese bands nicht mögen würde. Ich kann immer noch sehr gut Small Faces, Who, Bowie abfeiern und ebenso die Seasons. Allesamt mit Einschränkungen zwar, weil ich aus dem Fan-Alter nunmal raus bin, aber Big Names bleiben sie schon.
      MEIN Kritikpunkt bleibt diese apologetische Verherrlichungsmasche gegenüber all dem Beiwerk, was da so mitgeliefert wurde.

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  2. In Cadilac Records wird (zuletzt) die wunderbare Geschichte erzählt, wie die Rolling Stones sich um ihre alten Blues- Helden kümmerten und ihnen auch wieder Einnahmen verschafften… Ich hatte (AMIGA!) eine Schallplatte, wo die halben Stones ehrfürchtig Howlin’ Wolf begleiten. Von wegen „Schnöslig-britisch“!
    Jemanden verehren macht groß, ihn „abwatschen“ klein…

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    • Der letzte Satz ist Quatsch. Er öffnet Personenkult Tür und Tor. Wenn ich meinem Studium irgend etwas verdanke, dann der Tatsache, dass mir mein Literatur-Professor einen Weg gewiesen hat, wie man seine Idole feiern kann, ohne ihre Schwächen zu übersehen oder vertuschen zu wollen. Spielhagen, Freytag, Heyse – sie pfuschen alle irgendwo. Darüber kann man schreiben, na und? Platz 1 in meinem Bücherschrank bleibt ihnen sicher.

      Mit der Musik ist das ähnlich: Ich spöttle über miese Platten von Yes, Benson, Elvis, usw. – na und? Aber ungefähr 10 von jedem bleiben im heiligen Schrein.

      Britisch-Schnöselig
      http://www.youtube.com/watch?v=N7-7HJCXx10
      Die Sprechweise, „very british“ ist nu ma nich „american slang“.

      Das die Briten die alten Blueser ausgruben, hat nichts damit zu tun, dass sie von den weißen amerikanischen Gruppen als Konkurrenz und bubis angesehen wurden.

      Dieses „Stones begleiten irgendeinen von ihnen Ding“ hat einen bitteren Beigeschmack. Es ist nichts weiter als Charity nachdem man mit den geklauten Songs und Einfällen selber reich wurde. Der Stones-Blues chartete allzeit verlässlich. Die schwarzen Blueser nie. (Die konnten im Laufe der Zeit zwar Millionäre werden, aber vor überwiegend schwarzem Publikum.)

      Es gehört auch zu diesen Heuchlernummern des 70er Jahre Radios, dass die Moderatoren inflationär lamentierten, man möge doch die echte schwarze Blues- und Soul-Musik hören und nicht dieses Blue-eyed-Soulding! Sprachs, spielt eine Nummer von James Brown und stellt hinterher das neue Bee Gees Album vor, von dem 4 oder 5 Nummern gesendet werden. Noch Fragen?
      (Da ich nicht ebenfalls scheinheilig sein will, gebe ich aber zu, dass mir das allweil recht war. Die Bee Gees zwischen „Maincourse“ und „Saturday night fever“ waren nunmal besser als James Brown. Grins.)

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  3. Pingback: Ol‘ Frankie’s Watertown | toka-ihto-tales

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