Jersey Boys (II)

My Eyes adored you … down the hall…

oder

Die 4 Seasons und ich (Teil 2)

Wir schreiben 1975. Herbst. Erster Schultag an der EOS. Endlich nicht mehr im Machtbereich meiner bisherigen Klassenlehrerin. Alles neu. Es wird ein Einschüchterungsprogramm gefahren. Wir sollen uns des Platzes an dieser Einrichtung würdig erweisen! Wir seien die Kader von morgen! Warum wollen nur 3 der 8 Jungs dieser Klasse Offizier werden? Da hat die Bewusstseinsentwicklung noch Reserven nach oben! Usw.

Christian und ich treten die Flucht nach vorn an: Als jemand für die Milchgeld- und Essengeldkassierung gesucht wird, melden wir uns. Wir kriegen den Job und haben nun eine Funktion. Eine kleine Engagement-Ausrede, wenn wir nach „Länger dienen“ gefragt werden sollten; dachten wir jedenfalls.

Von nun an brülle ich jeden Montag „Mühhlchgäääld!“ in einer der kleinen Pausen und so 8 bis 10 Hanseln treten dann vor meine Bank und bestellen Fruchtmilch oder Kakao für die nächste Woche.

Beim ersten Kassieren passierte es: Ich sitze. Sie steht. Sie war die kleinste in der Klasse. Unsere Köpfe sind also auf gleicher Höhe. Ich schaue von der Liste auf und bin mit eins geblendet: DIESER Blick! Die leibhaftigen Marianne-Rosenberg-Strahler! Die Elektrizität geht mir sofort bis in die Fußsohlen. Von dort schleuderts alles Blut nach oben – ich kriege eine feuerrote Birne und bin heilfroh, dass ich den Blick gleich wieder senken kann, um den Namen aufzuschreiben und das K für Kakao dahinter.

Die Schockwirkung hielt vor: Ich bin 15, später 16. Am Selbstbewusstsein fehlt‘s gewaltig. Kein Mut – kein Mädchen.

Und um es noch verzwickter zu machen, ist da auch noch diese andere in der Klasse, mit der es sich prima reden lässt. Immer. Nicht nur albernes Genecke, sondern fordernde Gespräche. Sie packt mitunter härteste Kritik in supernetten Frageton, wie hier:

„Eigentlich hast du vernünftige Ansichten, wenn’s um Bücher und Malerei geht. Du liest das gute alte Zeug. Warum stehst du musikalisch auf solchen Mist?“

Ja, da stehste dann eben so da und – aus die Maus!

„Äh…mpf…ja….ä….Pink Floyd und Yes sind doch kein Mist. Das ist die Klassik von morgen.“

„Meinst du wirklich, dass das uns‘re Kinder später noch hören?“, stellte sie einfach so, ganz versonnen wirkend, in den Raum.

Sie war eine aus gutbürgerlichem Hause, verheimlichte ihre Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde, um ihren EOS-Platz nicht zu gefährden und mochte klassische Instrumentalmusik. Ich meinte mit meinen Adaptions-Kenntnissen punkten zu können: Stern Combo, Nice, Ekseption …

Sie: „Naja, besser als nichts. Die halten wenigstens die Erinnerung an die richtigen Werke wach.“

Die eher stumme Kakaotrinkerin war die hübschere. Aber mit ihr hier würde es nie langweilig werden. Wir kannten beide Freytag und Schreckenbach. Wahrscheinlich sie damals schon den Heyse.

Die eine hatte, was der anderen fehlte – und mir fehlte die Entschlusskraft.

„I was born with a plastic spoon in my mouth….“ (das gewann gerade im „Musikladen“ als Beatclub-Oldie.) Ja, „my life was ragged“! The Who sangen, wie’s war. Spoon hab ich damals mit „Spund“, also Schnuller, übersetzt, der dich am Sprechen hindert. Mir fehlten die richtigen Worte zur richtigen Zeit. Ein Casanova steckte also nicht in mir.

Der HR 3 macht Oldie-Wochenende; jede Stunde ein anderes Jahr; beginnend Samstagnachmittag mit 1955; das Abendprogramm aber blieb bestehen. Deshalb ging es Sonntagmorgen um 9 oder 10 erst weiter.  Als am Sonntag 1963 dran ist, wird zum Mittagessen gerufen. Mehrfach. Geht aber nicht; denn gerade spielen sie die 4-Seasons-Hitkette: „Sherry, Walk like a Man, big girls don’t cry“. Da können doch Musikarchäologen nicht weg vom Gerät! Entdeckungen am Fließband! Und sooo viel wichtiger als Teilchenbewegung in der Spule, russische Parizipien, Licht-oder Schattenpflanzen – und erst recht – Sauerbraten mit oder ohne Knödel!

Außerdem gelingt Dank „Walk like a man“ die Tröstung. Der alberne Kopfstimmengesang konterkariert die Botschaft. Ich kann über mich selbst lachen; die Sache mit K. und H. irgendwie überspielen. Aber es bleibt dieser Restschmerz.

„I will follow him! Where ever he may gooooo!“ Little Peggy March. Auch‘63. Wenn’s doch bloß so einfach wäre! Wie herrlich sehnsüchtig sich das anhört! Und das ist echt die Schlagertante aus dem „Blauen Bock“ als Teenie?

1964 wirft dann noch „Rag Doll“ ab. Und ’65 schließlich „Help me Rhonda – yeahr – getting out off my heart.“ Die Beach Boys fiepen ganz ähnlich und liefern den passenden Song zur Blamage-Prophylaxe.

Die 4 Seasons-Pop-Hymnen haben also ganz entscheidend mit meinen Irrungen und Wirrungen zu tun, die durchgestanden werden müssen, bevor man von sich behaupten kann, erwachsen zu sein.

Es sind die Songs des „Wenn was gewesen wär“ – und immer, wenn ich sie heute höre, dann stellen sich da so Gesichter ein; unkaputtbar frisch – ganz anders, als sich auf diversen Abi-Jubiläen überprüfen lässt.

Auf „oh what a night“ folgte „down the hall“ im „Musikladen“ von Radio Bremen, der 1977 die „Helicon“ als LP-Tipp einer amerikanischen Super-Group anpries. In derselben Sendung gewinnt auch noch „Rag Doll“ als Telefon-Oldie. Hier war nun nicht zu übersehen, dass „Down the Hall“ ohne Frankie Valli auskam, er aber bei der „Rag Doll“ Performance wieder dabei war.

Erst Eastwoods Film liefert die Hintergründe: Es war die Zeit von Vallis Stimmproblemen. Die Steuerschuldfrage war nun erledigt, aber Frankies Stimme auch. Zeitgleich starb seine ca. 16jährige Tochter an Heroin. Papakind. Von der Scheidung der Eltern aus der Bahn geworfen, hatte sie den Weg der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ gewählt. Irgendwo in Amerika. Er war fertig. Deshalb also sang er bereits auf der „Who loves you“ ausgerechnet den Hit nicht. Auch waren die Musiker da im Fernsehen nicht mehr die deVito-Boys, sondern kalifornische Session-Cracks mit italienischem Stammbaum.

Nach der gefloppten „Half and half“ war es ‘71 doch zum Bruch gekommen, seither waren Valli und Gaudio die 4 Seasons, die Musiker heuerten und feuerten. Aber die Entscheidung, an die Westküste zu gehen und bei Motown/West zu unterschreiben, erwies sich als Fehler. Niemand kümmerte sich um sie. Zwei gute Alben floppten unverdient. Also flohen sie zu Warner Bros. Und charteten prompt mit der 1975er „Who loves you“.

Beim Vergleich der Flopp-Alben von Motown mit den gepushten Warner-Sachen zeigte sich:

Gaudios Erfindungsreichtum war down.  Die Motown-Alben haben keine Aussetzer. Das Songmaterial auf „Who loves you“ und mehr noch auf „Helicon“ schwächelt leider gewaltig. Hat die erstere mit dem Welt-Hit „December‘63“, dem US-Hit „Who loves you“ sowie „Rhapsody“ immerhin noch 3 gute Nummern; findet sich auf „Helicon“ außer „down the hall“ nichts Bleibendes. Hinzu kommt der höhenlastige, gänzlich basslose Scheußlichmix, der die anderen Songs gegenüber dem scheinbar einzig zuendegemasterten „Down the hall“ so ärmlich aussehen lässt. Hit wurde „Down the hall“ nirgends. Nur auf Bludgeons 70s Samplern darf der Song nicht fehlen! Weil er allzeit verlässlich H und K an die Windschutzscheibe zaubert. Das süße Weh, das bleibt. Die Band wurde wieder auf „Rag Doll“ zurückgeworfen – und Sendungen wie „Oldies for youngsters“.

1979 machte „Grease“ in Westdeutschland Furore. Da John Travolta schon zuvor mit „Saturdays Nightfever“ medial überstrapaziert worden war, konnte „You‘re the one that I want“ nun echt keiner ertragen! Der Film lief im Osten nicht; was uns blieb, waren ein oder zwei TV-Trailer und diese Fremdschäm-Persiflage von Hallervorden/Feddersen – abwink! So fiel mir auch erst in Oldies-Sendungen der frühen 80er auf, dass den Titelsong „Grease“ Frankie Valli sang. Jedoch im Zustand frischer Verlobung schien der bisherige Valli-Magnetismus seine Wirkung verloren zu haben.

1988 oder 89 war ich Betreuer in einem E&A-Lager für 9.Klässler; wie es sie überall in der Republik damals gab. Eines Tages hieß es: Die LPG nebenan hat‘ne Leinwand aufgespannt und einen Filmvorfüher besorgt: Alle sollen ins Freilichtkino kommen!

„Welcher Film?“

„Wissmor niche!“

Kurz vor Filmbeginn wird bekannt: Es ist „Dirty Dancing“.

Ich bin bedient. Tanzfilm ächz! Ich denke an das, was ich von „Grease“ und „Saturday Nightfever“ weiß, ohne diese je gesehen zu haben, auch hatte „What a feelin‘!“ im Ost-/ und Westradio genug genervt. Schließlich noch das alberne „Footloose, footloose!“ inmitten der 80er Jahre Radio-Ödnis. Ich erwarte also eine Schnulze mit Scheißmusik.

Es beginnt mit jenem griesligen, aber den Filmtitel deutlich illustrierenden Foto und „be my, be my Baby“. Da waren sie wieder – die Rock over Rias Nächte, die Werner-Voss-Lehrstunden… Huch?!

Dann fährt die Kaufmäääänn-Family mit „Baby“ vor und es ertönt „Big girls don’t cry“ im Hintergrund. Wenn das SO anfängt, kann nichts mehr schief gehen! Der Film fetzt! Auf dem Heimweg schwärme ich mit den Schülern um die Wette. Meinen Kollegen amüsierts: er spielt den Stinkstiefel, dem’s nicht gefallen zu haben scheint. Er lästert.

Eine von den Mädels fragt mich:

„Darf man Lehrer töten?“

„Solche ja.“

Aber wir ziehen ungefährdet unser Abendprogramm durch. „Übersehen“ das Kreisen diverser Weinflaschen, verhindern Exzesse durch das Beschlagnahmen und Auskippen von „Schnaps-Rohren“, jagen diverse Jungs aus Mädchenbarracken, wobei ich stillschweigend staune, „wie weit“ diese Generation mit 15 ist.

Das schien es gewesen zu sein – in Sachen Frankie and the Boys. Die Wende kam. Unter den Nachholkäufen waren zwanghaft „Who loves you“ und „Helicon“ und enttäuschten.

Naja ...

naja…

„Oh what a night“ und „Down the hall“ wurden heruntergesampled für Kassetten/Brutzel-CDs der nunmehrigen Westautos mit SOUND; „Jugendhits Part 1 – 985“ oder „70s Gold; Part 2013/2014/2015… 2021“. Wat mutt, dat mutt.

Im Zuge des Erfolges von „Jersey Boys“ (Musical und Film) in den späten Nullerjahren, kam es zu einer 4 Seasons Renaissance des Musikmarktes: Alle Alben waren plötzlich als Twofer zu haben; auch die gefloppten, unbekannt gebliebenen.

Als ich das bemerkte, aktivierte sich wie von selbst mein Bodenkammer-Schatzsucher-Instinkt – und bescherte mir einen Fund, der’s in sich hat:

Da gibt es einen Meilenstein des „Anders Seins“ aus dem Jahre’69!

Fortsetzung folgt.

4 Gedanken zu “Jersey Boys (II)

  1. Ja, jetzt geht’s weiter mit den Jersey Boys! Die Four Seasons haben manchmal eine schöne Ästhetik und beachtenswerte Kompositionen und Frankie Valli sollte man weder als Sänger noch als Produzenten unterschätzen, aber für mich würde da eine Compilation mit den Gold Hits reichen.

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