Against all odds

Weihnachtsvorphase mal wieder. Früher war das mal schön.

„Sag, was hat mir diese Welt verfitzt, als ich dann erwachsen war?“ (Karussell „Entweder oder“ 1977)

Jahresendstress, Druck an allen Fronten, dazu die Verpflichtung, ne Stunde abzuzwacken, für’nen Kaffee am Adventskranz. Ächz! Und mit jedem Jahr wird’s schlimmer, weil die Haut dünner wird. Oh du Fröhliche!

Die „Immerwiederlieder“ retten’s einmal mehr – „Haaaalt dich! An deiner Liebe fest!“ und die stabilste war immer die zur Musik!

One-two-three-four!

Hier kommt eine Playlist from heaven. Ostrock pur. Keine Experimente mehr!

Garantiert Puhdy- und Karat-freie Zone!

Rausch-Sound heim von der ungeliebten Kleeche bzw. auch was für die A9 in Richtung Heiiiimaaaat!

1. Skorpio, „Ünnepnap“, 1976; ein Bastard aus Santana und Deep Purple, Kenner könnten auch die Band Titanic ins Feld führen; melodisch, rhythmisch, virtuos, krasse Stereotrennung der Instrumente – kein Wort verstehbar, weil ungoooorisch gesungen; aber Tiefenwurzler in der Großhirnrinde – von damals eben.

2. Renft „Es war da eine Zeit“(in der das Gold nichts wog; in der man nicht einmal für Ruhm und Ehre log.) Ja – muss man nicht mehr viel erklären; Spätwerk von 1999; untypischerweise Klaus am Micro; und die Metastasen rollen bereits auf den Stimmbändern – ein klassischer Tom Waits Gurgler. Tragisch, weil bald darauf Schluss war – aber schön!

3. Gerulf Pannach „Sonne wie ein Clown“; die finale Fassung (auf youtube nicht vorhanden) von seiner einzigen Solo-LP „York 17“ (1996) ebenfalls ganz kurz vor dem Ableben; aber DIESER SONG überstand schon einmal widrigste Verhältnisse. Mehr Kult geht nicht. Ostrocksampler ohne „Sonne wie ein Clown“ sind eine Frechheit – ihr Stümper von BMG!

4. Jürgen Kerth „Schwarze Perle“, ein feines Instrumental, das auf die 4. LP gehört hätte, wenn es nach der 3. noch eine gegeben hätte. Man sagt, weil er dort als Titelstück eine 17minütige Ode an die große Glocke des Erfurter Doms „Gloriosa“ platziert hatte, gabs nach 1983 bei Amiga keine Chance mehr. Wichtiger für mich: Schwarze Perlen kenne ich nur – eine; aus dem MOSAIK; deshalb geistern mir die Ritter Runkel Erinnerungen durchs Hirn, solange der Song läuft.

5. Stern Combo Meißen „Gib mir, was du geben kannst“, von ihrer besten (79er) LP „Der weite Weg“; super Stereoeffekte vor allem beim Synthesizer-Duell in der Mitte und ein WUNDERBARER Text; würde jeder Germanisten-Doktorand heute für durchgewunken: summa cum laude; getextet vom Percussionisten und Stern-Urgestein Norbert Jäger.

6. Stern Combo nochmal von derselben LP „Was bleibt“; ähnlich dem Vorgänger, nicht ganz so genial, aber um den Text zuvor noch nachhallen zu lassen, durchaus passend;

7. Omega „Ezüst eso“ (sprich „Edschüßt eschö“); ein elegisches Highlight ihrer „Gammapolis“-Zeiten ’78; Spacerock hieß es; erinnert bissl an Barclay James Harvest – aber Omega, das waren die Ost-Genesis! Giganten, die für ihre spät70er LPs in die Dierks-Studios reisen durften. Eine soll’n se auch in München abgemischt haben. Wurschd. Herrlich jedenfalls, solange sie ungarisch singen. Die englischen Varianten dieser Platten, sind zum Abgewöhnen. Aber ich war live dabei in der Messehalle Leipzig, bei ihrem letzten Auftritt in der Ehemaligen anno’83 – bis YES’99 an Bombast nicht zu übertreffen!

Omega Gammapolis

Omega „Gammapolis“ Innenhülle

8. Silly „Großer Träumer“; von der „Liebeswalzer“-Stagnationszeitplatte; weil man anders Omega nicht toppen kann. Auch so ein uneinholbarer Text: Ewig aktuell, melancholisch zuerst und dann aufrüttelnd! „Geh! Mein großer Träumer! Geh, wenn deine Sehnsucht dich wieder trägt! (…) Geh! Damit am Ende sich wenig bewegt!“ Cheers, all den Verstummten in dieser eindimensionalen Zeit! Erich hat uns wieder. Er is jetz‘ weiblich.

9. Renft, one more time; nochmal Klaus beim Textaufsagen „Ist das etwa nichts?“, das Lied zur Zeit, in der die Träume kleiner werden, und die Träumer seltener.

10. Panta rhei „Blues“, der gleichzeitig ein Choral ist; hätte auf jede frühe Chicago- oder Colosseum LP gepasst. Der Text liefert allerfeinste Bilder für eine absterbende Beziehung und es singt eine damals noch nicht so Preisverwöhnte Veronika Fischer. Später war’s oft hart am Schlager, aber hör mal, wie sie hier bei 3:30 „Hände“ herausfaucht! „Ist das etwa nichts?“ möchte man Klaus im Song zuvor zitieren!

11. Was nun folgt könnte verblüffen; aber nicht die, die hier Stammleser sind: Frank Schöbel „Tokei-ihto“ (1977), da war der Gojko-Rummel im Abklingen, deshalb wurde das kein Hit; für Frankie-Boy aber ein hinhörenswerter Text, der 1973 anlässlich der Wounded Knee Besetzung durch Dakota-AIM-Bürgerrechtler sicher positiver aufgefallen wäre. Auf‘ ner Kinderplatte verramscht.

12. Rundfunk-Orchester Berlin „Die Söhne der großen Bärin“(Suite nr.1; OST 1966); perfekte Kopplung mit Schöbel zuvor und Lakomy danach;

13. Reinhard Lakomy „Damals als ich 13 war“, ergänzend zur Indianermacke ein treffender Fred Gertz Text mit all den anderen Sorgen, die die Pubertät so mit sich bringt. Das gleene und das chroße Gino zieht vorbei; das nächtelange Lesen, die von der Nachttischlampe angesengte Gardine; das Lauschen auf die Geräusche im Wohnzimmer: Schießts? Gucken die einen Western? Lohnt sichs zu nerven, ob man mitgucken darf? …

14. Stern Meißen „In derselben Bahn“; 1982; das „Combo“ fehlte schon im Namen, aber noch war die Musik gut: „Es waren 2 Königskinder, aber die Bahn war immer zu voll“ – kennste; wenn de groß wirst und dich nich‘ traust…

15. Rockhaus „Träne“; von der „Positiv“ lange nach der Wende; dich nach vorn peitschend, wenn die Kräfte schwinden; der Text naja, ähnlich verkorxte Liebesgeschichte wie in ihrem I.L.D.-Hit Jahre zuvor; aber da ist dieses Video! Ein Song, der für mich vor allem deshalb lebt! Ja SOOOO SPIELT MAN ALS KIND! Fuck Lego!

16. Wind Sand und Sterne „In meiner Spur“; ohne Jahresangabe, weil in den 70ern irgendwann entstanden, in den 90ern erst auf Platte; Mundart-Rock, die Band war Erzgebirg-Kult, wie einige andere Folkrocker auch; alle irgendwie nahe an Neil Young und nie bei einer Einstufung; deshalb auch nie auf Platte – aber immer Bude voll around Plauen und Zwickau auf den Dörfern. Die Stimme ist gewöhnungsbedürftig, aber die melancholische Rückschau der ganzen Platte zieht dich rein.

17. Skorpio; „Kelj fel joember!“; nachfolge LP der „Ünnepnap“; noch melodischer; hart treibend; nach dem 3.Mal grölst du die Windschutzscheibe an, dein innerer Ungar meldet sich irgendwie: Keyfell! Majuwaju ember! Mama mama-mama-ma! Soll laut englischer Übersetzung soviel wie „Wake up man!“ heißen, was nicht zum nächsten Song passt, der Orgel wegen aber doch:

18. Lift als krönender Abschluss „Abendstunde, stille Stunde“ – und wie immer, wenn ein Fetzchen Lift erklingt, sitz ich in Schkölen im Ratskeller-Saal. Is’halt so. Da geht nichts drüber.

Und dann sind die 78 Minuten Spielzeit rum; du kommst irgendwo an – und machst halt weiter…

5 Gedanken zu “Against all odds

    • Kisstadion’79? Ein Jammer, dass es die bisher nirgends auf CD gab! Die ist Omegas beste und Seite 3 ist auch die beste Seite! Gratuliere!
      Und genau so, wie die da mitsingen, hat die Messehalle 83 gedröhnt: Alles voller Ungarn, textsicher wie nur was – ein Wunder, dass deren Fans bis nach Leipzig mitpilgern. Als das losging, mit dem Massen-Chor wurde uns 3 Hanseln bewusst, dass wir von Hunnen umringt waren – ergreifend!

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      • Danke. Kleinstauflage und vergriffen wie nur was. Hab soeben mal bissl recherchiert. Es muss um 95 herum auch einen 3er Pack von Hungarton gegeben haben, wo sie dabei war. Die, die später amazon anbot, waren nur die Studioalben. Und in Ungarn zu bestellen scheitert weiterhin an den nur ungarischen Webseiten, da kommt man auch mit Englisch nicht weiter. So bleibts halt beim immernoch gepflegten Vinyl von anno 80.

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