Allein in Ludwigslust

Einstimmung

Das kennt man: Ein historisches Ereignis tritt ein. Es wirft bisherige Lebenspläne und alte Gewohnheiten über den Haufen. Junge Männer atmen auf. Das Neue ist ihr Ding! Jetzt dreht sich die Welt endlich weiter!

Aber nach ein paar Jahren, ersetzt Scham das Gefühl der Euphorie von einst. Plötzlich will niemand mehr sich zu alter Begeisterung bekennen. Die Erfolge von gestern sind die Fehler von morgen.

schiller 1Und weil man sich schämt, aber auch nicht in das Zuvor zurückwill, fängt man an zu schwurbeln. An alten Idealen herumzukneten, mit Lebenserfahrung, die inzwischen eingetreten ist, diese in Einklang zu bringen – was irrsinnig kompliziert ist und auch nichts bringt. Besser wär, es einzusehen: Man hat sich verlaufen. Die Welt hat wieder große Pause. Und man selber steht da, wie Keimzeit 1990 sangen: Blind wie ein Katzenkind am ersten Tag. Eine neue Generation wird neuen Anlauf nehmen, um ebenfalls blind wie Schillers Jüngling, der die Wahrheit sah, zu enden.

Um welches Ereignis geht’s hier?

Um die Wende?

Ja, aber um die vor 200 Jahren. Als die Bastille gefallen und Robespierre geköpft war, und die Schwärmer des davor es nicht gewesen sein wollten: Niemand war Jakobiner!

Ein Bild, das sich wiederholen wird, nach der Novemberrevolution, nach 1945, nach 1989, in den 90ern…

Ich bin neulich beim Blättern im Westermann Band 73 über Aussagen gestolpert, wie diese:

„Wir haben hier keinen treueren Freund als Rantzau, denn die Mecklenburger Hofherren taugen eben auch nicht viel.“

„Wenn ich die schönen Güter sehe, so freue ich mich; aber ihre geistlosen Besitzer sind oft schrecklich.“

…schrieb Henriette von Knebel an die Schiller-Witwe.

Irgendwie sah ich sofort Spielhagens Herrn von Kloten und die ruinierten Visagen all der Halb- und Vollidioten meiner Prora-Zeit vor mir, mehr oder weniger zahnlos, grundlos hämisch dauergrinsend, immer auf der Jagd nach dem nächsten Schluck; mitte 20, aber aussehend wie runtergekommene 50 – nun plötzlich zeittypisch kostümiert in kniehohen Reitstiefeln und mit Dreispitz auf ihren hohlen Neandertal-Birnen. Lies hier, warum ich so schlecht auf die zu sprechen bin. Inzwischen brems ich auch für Mecklenburger.

Klar, dass der ganze Artikel gelesen werden musste.

Das Leseerlebnis

„Eine Weimarer Prinzessin“ von Lilly von Kretschman; Grübelgrundlage.

Gemeint ist Karoline Luise von Sachsen-Weimar-Eisenach; später verheiratete Erbprinzessin von Mecklenburg-Schwerin, die keine 30 Jahre alt wurde. Ihre Lebensdaten fallen in schwere Zeit 1786-1816.

karolineSie ist die Tochter von Carl August, dem Freund, Förderer und Saufkumpan eines gewissen Goethe, ehemaliger Stürmer und Dränger, Ex-Punk seiner Zeit, dann korrumpiert durch höfische Ehren wie Iggy Pop als er zu David Bowie kam.

Sie wird von Herder gebildet, von Familie Schiller mit Nettigkeiten verwöhnt, bekommt von „Onkel Wieland“ vorgelesen und Goethe-Dramen erklärt – sie hat das who is who ihrer Zeit um sich; gewinnt Einblicke, die sonst niemand hat; z.B. die Goethe-Herder-Animositäten. Während der eine mit ihrem Vater und dessen Kamarilla herumfeiert, unverheiratet Kinder macht und diese Konkubine auch noch bei Hofe einführt, schaut der andere dem Treiben pikiert zu und scharrt seriösere Würdenträger um die Mutter der „Prinzess“, die auf Grund ihrer Auffassungsgabe und frühreif- tiefgründigen Art von den alten Herren beider Seiten verehrt wird.

Die intelligente junge Dame wurde ihrerseits zu den weiblichen Geheimratsverehrerinnen gezogen und lebte dort auf: Jede Goethe-Neuheit wurde hier gefeiert, wie später News von David Cassidy, Chris Norman, Robbie Williams, Zac Afron, Harry Styles. Der prominente Verehrerkreis bekam selbstredend jede Veröffentlichung in handsignierter Erstauflage, mit beigelegten Skizzen zu kommenden Bühnenbildern; entworfen „vom Meister selbst“! Da bleibt (jung)frau natürlich dran und ihm verbunden.

Die alten Herren, die Stürmer und Dränger von einst, vom Revolutionstaumel geheilt, aber froh, dass dem ganz unverschämten Absolutismus nun doch irgendwie die Spitze abgebrochen wurde, hoffen auf neue Zeiten. Eine Edelmenschen-Epoche ohne Standesunterschied. Jedenfalls reden sie so, um sich hernach doch wieder über jede ihnen widerfahrene Despektierlichkeit eines Untergebenen aufzuregen.

Konsul Napoleon bringt „drüben“ gerade endlich Ruhe und Ordnung rein. Vielleicht strahlt das ja auch mal bis Weimar oder Berlin. So der Schnack um 1800, als noch nicht passiert war, was kurz bevorstand.

Schiller, weniger abgehoben als der Rest, von jeher gewohnt, alles gegen den Strich zu bürsten, kam die Idee zum „Wilhelm Tell“. Der wurde 1804 fertig und ward ein seherisches Werk in Bezug auf 1806 und 1815. Der war von Franzosenapologetik, nun, da er sich „Ehrenbürger der französischen Revolution von Robespierres Gnaden“ schimpfen lassen musste, gründlich geheilt. Aber auch er schwurbelt, tarnt sich, indem er seine Warnung in die Schweiz verlegt, sodass eh nur noch Eingeweihte des engsten Kreises den wahren Adressaten dechiffrieren können.

Die Prinzess indessen saugt Bildung auf, wo sie sie finden kann. Herders Völkergemeinschaft, Goethes Edelmenschen, die Beseitigung der Standesprivilegien – allesamt ungebührliche Ideen für eine zukünftige Landesmutter irgendeines deutschen Kleinstaates. Frau von Knebel, Hofdame, Gouvernante, Ersatzmutter hat alle Hände voll zu tun, den Most im Kopf ihres Schützlings, den die Herren da anrichten zu verrühren. Karoline reift zur klugen Fee der Weimarer Abendgesellschaften heran.

Zart von Gestalt und für den Zeitgeschmack mit einiger Attraktivität ausgestattet, hat sie als Debutantin 1802 alle Chancen einer glänzenden Karriere. Prinz Heinrich von Preußen ist interessiert, aber seitens seines Hauses anderweitig verplant. Der Zar zeigt sich 1805 beeindruckt, ist aber vermählt. Die Courmacher der üblichen Art, Landadlige aus halb Mitteldeutschland, bekommen zwar den ein oder anderen Tanz gewährt, werden aber kühl als „bessere Stallmeister oder Stallknechte“ wahrgenommen – und blitzen ab.

„Iphigenie? Ibykus? Nie gehört! Der preußische Rekordhengst? Römischer Feldherr?“

Worüber sollte sie mit denen reden?

So gehen die Jahre dahin. Napoleon kommt 1806; aber nicht wie erwartet. Es muss kurz geflohen werden.  Der Korse saugt das Land aus. Die Thüringischen Zaunkönige lassen ihre Völker im Stich und warten das französische Unwetter in Schleswig im Exil ab. Die Anbiederung des Dresdner Königshauses an den Usurpator wird als widerlich diskutiert. Die Erhebung Bayerns und Württembergs zu Königreichen von korsischen Gnaden jedoch wird beschwiegen.

Nach Tilsit und der Neuordnung der Landkarte versucht man an den Höfen wieder Normalität zu leben. Auf den Dörfern hält die Not Einzug. Der Druck der Kontributionen – um das ruinierte Frankreich aufzupäppeln. Es ist spürbar, dass das noch nicht alles war, die eigentlichen Prüfungen erst noch kommen werden.

Eine steht der Prinzess nun bevor. Zwar hat man ihr keinen Mann ausgesucht, sondern ihr die Wahl überlassen, jedoch häufen sich die Anspielungen auf ihr fortgeschrittenes Alter. Sie ist 24! Es pressiert!

Nach einer reichlichen „Idiotenschau“, denn die jahrhundertelange Inzucht gepaart mit nur halbverstandener Franzosennachäfferei hatte irreparable Spuren hinterlassen, in einer Schicht, die einst zu Schutz und Trutz wider äußere Feinde und somit zum Wohle des Volkes ersonnen worden war, entschied sie sich für den Heiratskandidaten, der ihr noch den meisten Esprit zu haben schien und der es vermocht hatte, sie im Gespräch nicht zu langweilen: den Erbprinzen von Mecklenburg-Schwerin. Eine heiße Zuneigung ist es nicht, aber sie will es sich schönreden und ihre Umgebung redet ihr einhellig zu.

Der Bräutigam ist 8 Jahre älter, bereits Witwer und Vater zweier kleiner ehelicher Kinder. Einiges Aufsehen erregte die Erzeugung eines dritten Kindes 1809 in nicht ebenbürtigem Umgang mit einer Dame ohne „von“. Nichts desto trotz bekennt er sich zur Vaterschaft und staffiert Mutter und Sohn mit Landschloss und Unterhalt aus. An eine offizielle Mesalliance ist jedoch nicht zu denken. Er muss also ebenfalls standesgemäß „weg“.

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In Deutschland kracht es wieder. Schlagzeilen von Schill! Die Pleite von Austerlitz! Andreas Hofer! Nichts gelingt! Welch eine Tragödie!

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Lauter böse Omen. Die Vermählung ward 1810 vollzogen, die Übersiedlung in den hohen Norden „ins Vandalische“ ebenfalls – und Schloss Ludwigslust wird als Wohnsitz des Erbprinzenpaares ausersehen. Weeeeiiit weg vom thüringischen Silicon-Valley jener Jahre. Nach den Flitterwochen kommt der Ehemann nur noch sporadisch vorbei. Das „Hotel d’Weimar“ wird zum Strohwitwenpalais. Sein Hauptmangel war ihr bereits bei Erstbesichtigung ins Auge gestochen: Pracht! Vasen, Möbel, Gemälde, Zierwaffen – aber nirgends ein lesbares Buch!

Sie will das abändern, aber das dauert. Gedrucktes kommt östlich der Elbe maximal bis Berlin. Gute 30 Jahre später wird der kleine Spielhagen in Stralsund sich mit Homer, Shakespeare und Lessing begnügen, weil kein anderer Lesestoff zur Hand ist. 150 Jahre später wird der junge Bludgeon in der MHO von Prora Bücher zu kaufen kriegen, die in der Republik gesuchte Bückeware sind, aber in Wrukistan wird eben nicht gelesen.

Ihr Mann ist tatsächlich der eloquente Plauderer mit den guten Manieren, aber eben quasi immer abwesend. In Erfurt und Paris soll er mit dem Bedrücker verhandeln. Gottlob hat er ihr gestattet, ihre Hofdame, „Ersatzmutter“ Frau von Knebel, als Inventar mit in die Ehe zu bringen; so muss sie nicht mit den Wänden reden, allein gelassen in Lu’Lu.

Die Hofgesellschaft ist katzenfreundlich nett. Sie spielt das Spiel mit, weil ihr nichts anderes übrigbleibt. Aber sie weiß zwischen Zuneigung und Schmeichelei zu unterscheiden und bleibt vorsichtig.

In seltenen Momenten ist der Erbprinz dann doch mal  da, arrangiert Ausflüge nach Doberan, bringt sie in „Gesellschaft“, in der ihr stets die Unterschiede zum Weimarer Hof auffallen. Die Inhaltslosigkeit der Konversation. Die Einfallslosigkeit der Abläufe. Das fehlende und nicht vermisste Futter für den Geist. Hier arrangiert eben kein Goethe einen antiken Abend oder einen Maskenball. Keine Vorträge über Schädelkunde oder Farbenlehre. Sie hat Zeit und Muße, die Andersartigkeit „der Vandalen“ zu studieren; die Anspruchslosigkeit „des Nordens“. Sie wird schwanger. Der werdende Vater ist wieder auf diplomatischer Mission.schiller 2

„Die geistige Notlage unserer Prinzess ist noch um einiges schlimmer als die leibliche, scheint mir.“ Schreibt Herr von Knebel (Bruder der Gouvernante) hellsichtig anlässlich einer Kranken-Visite in Lu’lu an Goethe.

Der Erbprinz fungiert als Stellvertreter seines amtsmüden Vaters und als widerwilliger Erfüllungsgehilfe der Franzosen. Während der alte Vater ein Willkürmonarch alten Stils ist, bringt sein Sohn auch Reformideen heim, wie sie in Preußen laufen. Aber da ist kein Stein oder Hardenberg zur Hand, der sie durchzusetzen hülfe.

Die Tagträume der Perestroika fallen mir ein und das Wolkenkuckucksheim Europa und ich nehme hin, was ich eh nicht ändern kann – wie sie.

Sie hofft auf Bücher aus Weimar. Ich setze aufs ZVAB. Sie flieht in den Schiller-und-Goethe Kosmos. Ich derzeit zum Heyse.

Sporadisch darf Karoline dann und wann mit nach Schwerin, dort „im großen Kasten“, dem Märchenschloss am See, wohnt eine alte Großtante ihres Mannes, Prinzessin Ulrike, fast hundert Jahre alt, allein mit Gesinde. Diese erweist sich als rüstige, gewitzte Alte, „das Schlossgespenst“, das immerhin einige französische Romane besitzt. Sie werden nun fleißig nach Ludwigslust verborgt. Ansonsten bleibt die Korrespondenz mit Frau von Schiller intensiv, um in Sachen „Meister“ auf dem Laufenden zu bleiben. Der Bruder der Hofdame, und Karolines Bruder sind die reitenden Boten und Notnägel aus der alten Heimat mit Mitbringseln im Gepäck. „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ Band 1; handsigniert, mit Glückwünschen vom Meister. Seltene Freuden.

Der Korse zieht nach Russland. Die deutschen Vasallen sind verpflichtet, ihre Landeskinder ebenfalls auszuheben und mit in diesen Totentanz zu schicken. Auch Mecklenburger müssen zur Grande Armee beitragen.

mde

Der Korse auf dem Rückzug. Leipzig! Der gesamte Rheinbund läuft über! Mecklenburg nun Feindstaat für die zurückflutenden Reste der Besatzer. Brandschatzungen. Die Bauern lynchen die Täter. (Spielhagens „Platt Land“ Plot; Fontanes „Unterm Birnbaum“ live erlebt.) Die Erhebung ist da!

Aber die Knebel stirbt. Ihre engste Vertraute in all der Zeit. Depression, Hustenanfälle, zweite Schwangerschaft.

dav

1814 Geburt, Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit; Blässe, die nicht mehr schick, sondern krank wirkt. Sie weiß, dass es Schwindsucht ist. Sie hat Schiller sterben sehen.

Aber sie kommt wieder zu Kräften, so dass sie „ins Bad“ geschickt werden kann. Sie bestimmt die Reiseroute von Lu’lu über Weimar nach Teplitz.

Nach 5 Jahren das erste Wiedersehen mit der alten Heimat. Für nur 3 Wochen. Der Abschied schmerzt. Hochgradig depressiv ahnt sie ihr Ende. Die scheinbare „Genesung“ nach Teplitz führt in Lu’lu zu einer dritten Schwangerschaft. Die finale Strapaze. Nach der Geburt quält sie sich noch ein Vierteljahr. Im Januar 1816 ist es aus. Das Kind überlebt sie nur um einige Monate.

Da sitzt ich nun 30 Jahre im Fontaneland am Rande Wrukistans und denk‘ an Omas Spruch, der immer kam, wenn ich über die ewige Goethe-Seziererei der Schulzeit fluchte: „Wenn du alt bist, wirst du’s mögen.“

Es geht langsam los.

PS.: Das Gemälde von Karoline hängt in Weimar und ist „angeblich von Tischbein“, wie es Westermann formuliert; das scheint mir sehr wahrscheinlich. Tischbein malte „Goethe in Italien“ als Hang-Huhn mit ungleich langen Beinen und nun eben Karoline als Giraffe. Den Murks zu bezahlen und aufzuhängen, sagt viel aus über das Malereiverständnis des Hochadels (auch im Süden).

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