Janis

„A woman left lounlääääää…“ Damit ist eigentlich schon alles gesagt über ein real-elendes, kurzes Leben einer Wahnsinnsstimme. Auch ihr Todestag jährte sich nun zum 50. Mal.

Die Mutter der Stimmen wurde keine 30. Bis heute stellt sie alle in den Schatten, die nach ihr kamen. Gegen DIESES Vermächtnis kann keine Debbie Harry, keine Ann Wilson, keine Tanya Tucker, keine Nina Hagen anstinken. Alle Konkurrenz findet weiiit unterhalb statt.

Sechs Jahre nach ihrem Tod stieß ich auf „Move over“ im Radio und brach die Aufnahme ab. Das fetzte nicht. Ging nicht los. Ich hatte andere „Kickmoments“ zuhauf. Das war die große tote Janis?

Aber dieser negative Erstkontakt konnte dem oft erzählten Kult nichts anhaben, auch von Jimi gabs enttäuschende Graupen. Also gingen meine Daumen bei der nächsten Janis-Erwähnung im Radio automatisch wieder runter auf der roten und schwarzen Aufnahmetaste. Die Beute war diesmal „A woman left lonely“ und traf – ins Herz. Phantastische Dramatik, sich steigernde welterfahrene Verzweiflung, Höhepunkt, geniales Outro. Das Hinschmeißen der Waffen. Kapitulation. Finales „Leck mich…!“ In Zukunft unlöschbar!

Das Lied war nie ein Hit. Aber es ist ihr bester Song!

So leiden können auf ner Platte, dass es den Hörer schmerzt – das macht ihr in der Intensität keiner nach. Und das konnte sie nicht nur in diesen 3 Minuten. Das klappte immer wieder z.B. in „Piece of my Heart“, in „Cry Babe“ in „Bobby McGee“ und vor allem auch in „Maybe! Maybe! Maybääää!“ Ganz ähnlich wie Jimi mit „Johnny B.Goode“ veredelt sie hier ein kleines Doowop-Juwelchen der 50er per—fekt! Eine geschundene Seele bricht sich Bahn.

Musikalisch also hatte sie mich am Haken. Ihr äußeres Erscheinungsbild musste ich erst verkraften lernen. Zum ersten Mal trat sie mir entgegen auf dem Bauch einer sexy Blondine. Ein T-Shirt-Konterfei schwarz auf gelb: Zwei breite schwarze Mähnenstreifen, die sich oben trafen und zwischen sich einen Rest von Gesicht erahnen ließen. Darüber JANIS und darunter JOPLIN – aber mich erinnerte sie an eine von den Manson-Girls vom Foto aus dem „Magazin“. So sieht die aus?

janis

Bei DER STIMME hatte ich ganz andere Vorstellungen! Irgendwas zwischen Brigitte Bardot und Raquel Welch in leicht ramponiert, aber tief dekolletiert. (In der 8. Klasse hatte ich eine junge Englischlehrerin in dem Stil. Sexbombe mit Männerstimme. Leider statt Mähne bereits Lehrerinnen-Dupet.) Nu war das also nix mit den erotischen Begleiterscheinungen. Aber das tat der Verehrung letztlich keinen Abbruch.

Die Amiga-LP, die 1981 endlich erschien, musste ran. Was hab ich mich gegrämt, dass da dieses unerhebliche Liedchen „Half moon“ sinnlos Rillen füllt, aber „a woman left lonely“ fehlt! Ach diese uninspirierten Entscheider „da oben“!

janis 2

Um 1984 die Blumenstein-Biografie von ihr zu kriegen, bin ich täglich durch die Leipziger Innenstadtbuchläden getigert, um dem Zufall nachzuhelfen: „Heute grade reinbekommen!“ Und der Tag trat ein: Franz-Mehring-Buchhandlung. Ein Stapelchen von ca. 10 Exemplaren liegt da vor mir. Ich will zwei, muss aber eins an der Kasse lassen. Jedem Kunden nur EIN BUCH! Tja. So war’s. Damals. Sicher hätte ich draußen die Brille absetzen- und einen Zweitversuch wagen können, aber so wichtig war mir die Beglückung eines gleichgesinnten Kommilitonen dann auch wieder nicht.

Blumenstein breitet das ganze Elend dieses ewig sich betrogen fühlenden Mädchens da vor dem Leser aus. Eigentlich auf der Suche nach Familie, nach Halt, nach einem wahren Freund zum Anlehnen, versuchts sie’s praktisch mit jeder Kifferruine, die zufällig in der Nähe ist.

„Like a Joint, she passed round!“ besingt Tony Joe White treffend ähnliche Fälle.

Bis sie den Bettel satt hat. Während der „Pearl“ Sessions schießt sie sich regelmäßig ganz im Stillen ab. Am Morgen des letzten Aufnahmetages wird sie gefunden. Der letzte Song bleibt deshalb instrumental. Passend „Burried alive in the Blues“ betitelt.

Auf der Platte befindet sich jener andere- oben bereits reichlich beschriebene Song, der zur Vermächtnishymne taugt. Sie singt nicht nur – sie IST „the woman left lonely“.

7 Gedanken zu “Janis

  1. War gestern Abend zu müde, wollte aber unbedingt noch loswerden, dass genau dieser Song auch zu meinen drei absoluten Janis-Favoriten gehört (dieser Text, diese Stimme und – wie du richtig sagst: dieses geniale Outro!!!) und dein klasse Nachruf zum 50. gleich dazu geführt hat, dass ich mir die „Pearl“ für die heutige Autofahrt rausgelegt habe (lediglich „Little Girl Blue“ hab ich in deiner Hommage vermisst).

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  2. Woodstock, Hippies, Flower Power. Janis Joplin war eine Ikone ihrer Zeit und hatte aufgrund ihres frühen Todes keine Möglichkeit sich weiterzuentwickeln. „A Woman Left Lonely“ ist ein schöner Song mit Pianoklängen und Orgelspiel, den sie mit der Full Tilt Boogie Band aufgenommen hatte. Ihr grosses Vorbild dabei war Bessie Smith.

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  3. Pingback: Jimmy the DOORman | toka-ihto-tales

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