Jimi

Jimi, Mensch! Alter Gitarrenverweser! 18. September 1970. 50. Jahrestag! Seit 50 Jahren nu da oben. Inzwischen mit Danzer, Cäsar und Renft, mit Elvis, Bowie und Lou Reed. Praktisch allen meinen Göttern! Onkel Neil fehlt euch noch. Der ist hier unten noch zu Gange.

Mensch, Jimi. Du warst 5 Jahre tot, als ich dich entdeckte. Also, deine Hinterlassenschaft. Auf Friedhöfen hab ich nicht gebuddelt. Schon gar nicht mit 15!

Es war ein Sommertag’75 in Frohburg. Dort bekamste mit Kofferheulenantenne auf UKW nur Ostsender rein. Ich hatte meinen „Anett“-Radiorecorder erst seit Ostern. 2 oder 3 Kassetten voller Hitparadenkram der Zeit. Das Wüsteste, was ich kannte, waren Sweet „Teenage rampage“. Von Slade kannte ich erst „far far away“ (eine Hymne zwar, aber relaxed) und „My Friend Stan“ (auch nicht der große Rammler!). Aber dann verkündete die Tante am Mikrophon, dass sie nun was von dir spielt – und die Daumen gingen runter: „We bring you a little Rock&Roll right now!“ sagtest du so wie nebenbei ganz unaufgeregt – und spieltest „Johnny B:Goode“, aber über mich kam die Sturmflut, das Zimmer schien mir um die Ohren zu fliegen, ich war auf einem Amok-Trip im wilden Westen, bei solchen Klängen kann die Welt nicht bleiben, wie sie ist! Schießt es draußen schon? Sirenen? Feuersbrunst – Erdbeben – 3. Weltkrieg! „Playin‘ the guitar like ringing the bell!“ Okay! Tell it and do so! Dann das Crescendo am Schluss, das Todeswiehern der Gitarre! Rums! Aus! Luft holen! Kein Bandsalat die 3einhalb Minuten! Alles gut!

Blick aus dem Fenster: Alles noch wie vorher. Nichts hatte sich geändert. Alles nur in mir – das bläst dir durchaus den Glamrock aus. Das ist eine andere Hausnummer!

Ich trug „Johnny be good“ in mein Aufnahmenverzeichnis ein. Falsch geschrieben, klar. Nach Gehör und Englischkenntnisstand eben. Und ich schrieb dich Jimmy Hendrix. Es wollte mir nicht in den Kopf, dass all die Dödel mit ihren Jimi-Hendrix-T-Shirt-Bäuchen Recht haben sollten. Die waren selbst gebatikt und die, die sie trugen hatten nie Englisch in der Schule. Wir schon! Und wir beäumelten uns, wenn wir in den Aufnahmeverzeichnissen unserer POS-Kumpels so Sachen lasen, wie Jeff Row Tull oder Jooraya Heap. Die Amis schreiben doch Jimmy nicht Jimi! Niemals! Also nee!

Dass „Johnny B.Goode“ von Chuck Berry war, wusste ich „Memory Hits“ geschult bereits. Aber wer braucht Chuck Berry, nach DIESER Coverversion von dir! Wenig später erlebte ich den gleichen Zündfunkenmoment, als ich „House of the rising sun“ von Frijid Pink aufnahm! Frag nicht, wie ich die geschrieben habe! Aber da hatte ich das Bild vor mir, wie ICH auf der Bühne eine Halle rocke und meine Gitarre brennt!

„Die brennende Gitarre“ las ich in den 90ern. Da wusste ich längst, dass du sowas ähnliches gebracht hast. In Monterey. Wenn auch deine Gitarre dabei nur auf dem Boden lag.jimis guitar

Im Herbst’75 sendete der HR 3 eine „Rums“-Sondersendung zu deinem 5.Todestag. Verzehnfacht hat der sich jetzt. Mann-Mann sind wir alte Säcke inzwischen! Und weit und breit kein Jimi oder Bowie in unserer Generation! Bei uns Boomern sieht es mit solchen Qualitäten dürftig aus. Leider.

Dank HR 3 damals war ich Fan von dir. So für ein reichliches Jahr etwa. Platte hatte ich keine. Mauerzeit, you know? Nur so 8 bis 10 Rundfunk-Beute-Stücke. Die Hits eben und die seltener gespielten Nummern „Angel“ und „Stone Free“. Dein Gitarrensound schien all den Most durchzuquirlen, den man als Pubertierender so in sich hat. Irgendwas zwischen Selbstmitleid, weil man an der eigenen Schüchternheit verzweifelt (castles made of sand) und Amok, der aber nicht wie Amok aussehen soll: What will you do with the gun in your hand…

Und aufs Gitarre spielen lernen hab ich auch verzichtet. Es wurde ja schon mit dem Akkordeon beidhändig nix. Und wenn ich bei diversen Gelegenheiten wie Schulfesten etc. untalentierte kleine Mädchen „Hänschen klein“ zupfen sah und die Nummer nicht erkannte, glaubte ich, Gitarre sei wahnsinnig schwer!

So stieg die Verehrungsbereitschaft für Leute, die das konnten – und damit sogar ins Fernsehen gelassen wurden.

Yeah, du gewöhntest mich ans Gniedeln. Ohne dich wär ich bei den Allmans oder Dickey Betts niemals drangeblieben. Ohne dich hätt ich den Spirit-Auftritt im Rockpalast nicht verstanden! Ohne dich wär ich auch nicht ein halbes Leben lang bei George Benson gelandet. Der spielt wie du, nur ruhiger. Der malt mit Tönen wie du: Hier ein Tupfer, da ein Tupfer. Er kleckert Notenblätter voll, wie das die wirklich guten abstrakten Maler machen: Klecks hier, Strich da, Welle dort – und zum Schluss ist die Leinwand voll und du hast als Betrachter die Assoziation einer Waldlichtung im Regen. So spielt der. Der fing zur gleichen Zeit an wie du. Blieb aber im Jazz. Manchmal hat er Soul versucht, aber das ging eher in die Hose. Eigentlich hättet ihr best Buddies sein können. Er hat mit Earl Klugh eine Duett-Platte eingespielt. Die ist gut, aber ne „Collaboration“ Benson/Hendrix – DAS wär’s gewesen! Aber da warst du ja längst weg.

Kannst eigentlich froh sein, dass du nicht mehr unter uns weilst. Die Inquisitoren gehen um. Immer mehr Kunstwerke geraten in Verdacht, irgendeinen bösen Fehler zu haben. Dein Coverfoto von „Electric Ladyland“ hat es auch schon vor Jahren erwischt. Aber das steigert sich gerade alles ins Unvorhersehbare. Kolumbus-Statuen schmeißen die jetzt um! Bei dir zu Hause. Ohne das Land zu verlassen! Bei uns wollnse das imitieren und haben keinen Kolumbus zur Hand. Doof. Aber nu jagen se deshalb Mohrenapotheken und Winnetou. Nicht mehr lange und dann lässt sich erstmalig so ein halbgebildeter Überschriftenwisser auf den Text von „Hey Joe“ ein. Und dann wird die Rockgeschichte entsorgt. Frauenfeindlich. Hendrix der Womanizer, der Verständnis für Frauenmörder hatte … Noch können wir beide drüber lachen. Aber – wie lange noch?

Also gräm dich nicht, da oben. Man sieht sich.

3 Gedanken zu “Jimi

  1. Die Sweet LP war damals meine Lieblingsplatte, die durfte ich nur über Kopfhörer hören weil meine Eltern das für vorstandsverwirrenden Krach hielten…aber dank des Kopfhörers dröhnten dann die Ohren umso mehr 🙂 Mit Hendrix bin ich nicht so warm geworden, George Benson hingegen mit seiner eher zurückhaltenden Spielweise mag ich auch heute noch…

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  2. Pingback: Jimmy the DOORman | toka-ihto-tales

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