Der Doktor und der Knackwurstmann

Der Doktor und das liebe Vieh (DDR-Version)

Zum 90. Geburtstag meines Vaters

Zurück in die 70er, als der „Dukter“ über Land fuhr und Geschichten erlebte, die das Leben schrieb. Damals – im alten Osten.

Inspiration war „Krambambuli“ von Frau von Ebner-Eschenbach, eine todtraurige Hundegeschichte, an die neulich Frau Arabella erinnerte.

Daraufhin fiel mir eine Herrchen-Wechsel-Geschichte ein, die mir mein Vater einst erzählte.

Lesehilfen:

Bevor es losgeht, sei noch erklärt, dass ich im Folgenden die auftretenden Personen so sprechen lasse, wie man im Saaletal nunmal spricht. Es handelt sich um Hallenser Sächsisch. Es werden Redewendungen auftauchen, die nach heutigem Ermessen Probleme mit der sogenannten „Political Correctness“ bekämen, wären sie nicht 1975 gesprochen worden. Aber wie will man über jene Zeit sonst berichten, wenn man alle Schärfen wegfiltert? Was für ein verlogenes Bild entstünde dann?

– ein „Zett Dee“ ist ein ZT 300, ein populärer Traktor der DDR;

– eine Trophy (sprich Drohvieh) ist eine ES 250, ein populäres Motorrad der 60er und 70er Jahre

– die „Großern“ ist die Kleintierärztin Frau Dr. Große, zu der man mit Hunden, Katzen, Wellensittichen usw. ging; damit wurden die Dorftierärzte staatlicher Gemeinschaftspraxen überhaupt nicht belästigt, die waren nur fürs Nutzvieh zuständig;

– alle Namen der Personen und Dörfer sind von mir nicht mehr exakt erinnerbar und deshalb frei erfunden; eventuelle Ähnlichkeiten mit heute Lebenden purer Zufall;

 

Und nun geht es los:

  1.  In der Kneipe

Der alte Schlüter (54) aus Schkola gilt ein bissel als Sonderling in der Gegend. Besitzt einen eigenen ZT und eine Trophy mit Seitenwagen, fährt aber weiteste Strecken mit dem Fahrrad. Eigentlich wohnt er gar nicht richtig im Dorf, sondern in Schkola-Ausbau; ein Kolonisteneinsprengsel in die Landschaft. Drei Vierseithöfe, ein fester Feldweg als Zufahrt, Weltende. Bis vor kurzem Wasserpumpe auf dem Hof und Plumsklo neben der Scheune. Die LPG hat auf Betreiben der anderen beiden Höfe sich erweichen lassen, die nötigen Erdarbeiten durchzuziehen, um die drei Weitentrückten ans Trinkwassernetz anzuschließen. Bedingung war Eigenleistung-Subbotnik (unentgeltliche Schaufelei) und Anschlusskostenbeteiligung in DDRisch symbolisch niedriger Form. Zähne knirschend hat Günter Schlüter mitgemacht, die Anschlusskosten bezahlt, ein sehr kleines enges Bad ins Wohnhaus einbauen lassen. Die Frau und die erwachsenen Kinder machten‘s möglich, waren gegen ihn. Hatten ihm verboten, dagegen zu sein. Fluchend (und mit Enterbung der ganzen Sippe drohend) hatte er unterschrieben. Schlüter eben. Sein Großvater war genauso.

Wir schreiben das Jahr 1975. Sommer. Saaletal. In Prisdorf, dem Nachbarort von Schkola ist die Kneipe gut besucht. Zum Feierabend trifft sich noch traditionell alles, was sowieso den ganzen Tag auf der LPG zusammengesperrt ist und wertet den Tag aus. Heute sitzen zufällig auch Förster und Tierarzt mit drin.

In der Mitte der Gaststube am großen runden Tisch führt der alte Ohlich das große Wort.  Kann alles, weiß alles – Münchhausen 2.0.

Er will sich jetzt einen Kaukasen anschaffen. Die großen russischen Hütehunde, halbe Bären, gelten als gefährlich, kommen aber unglücklicherweise grade in Mode. ER wird den schon zähmen! Wäre nicht der erste Russe, den er zähmt! Wie man halt so redet beim Bier.

Der deutlich jüngere Tierarzt fährt ihm in die Parade:

„Biste ahler Grotzkotz! Du weest nich, was de dir da offlädst! Die Kaukasen leben halb wild in den Schluchten dahinten, keene Angst vor gar nüschd. Erst wird dir der Welpe dein großes Maul stopfen und dann sperrsten weg oder verschenkstn an irgend ehn Assi. Der versautn dann komplett, dann beißte zu und wird eingeschläfert. Putze ma deine Fenster in dei’m Stalle! Deine Schweine ham ja Dunkelhaft! Schaff dir was Normales an. Schäferhund, Boxer. Mehr packste nich‘!“

Ja, der Dukter redet Klartext. Das mag nicht jeder. Aber weglaufen is’nicht! Die staatlichen Tierarztpraxen sind aufgeteilt. Da muss man beiderseits nehmen, was man kriegt.

Der alte Trinks sitzt dabei und bremst nun ebenfalls, in versöhnlicherem Tonfall:

„Sei vorsichtch. Ich hawwe doch Vorsjahr mir den Rottweiler aus Gumbach andrehn lassen. Das reicht schone! Das Mistvieh is so falsch! Den lass‘ch nich mehr aus‘m Zwinger. Hat bei Schrubski‘n Jürgen schon’s eichne Frauchn jebissn. Desdorwächen wollten Schrubski loswerrn.“

„Und du warst so blöde und hastn jenomm!“, jubelt Gärtner, Traktorist und Vater vieler Kinder, los.

„Ach Gärty! Ich dachde, isse junges Vieh, ehe‘ vorpräächd is‘, nimmst‘n. S jing och de erschde Zeit. Nachts frei offn Hof. Tachsübbor in Zwingor. Off ehmal krichde seine 5 Minuten, wiechn am Morjen wüddor in Zwinger tun will. Ich fassn ans Halsband – zack hadde mich am Arme, das Misstück. Ich de Schaufel jenomm und jibb ihm! Seit däm tude janz untorwürfig, un wenn de Zwingertüre zu is, spielte wilde Sau und springt gächns Gittor! Als wie wenne mich fressen wollte.“

„Zeiche ma de Narbe vom Biss!“, die Sensationslust der Zuhörer ist erwacht.

„Na nää! Bis ofs Blut hadde nich jebissn, obor s Zahnprofil hattch gomblett im Undorarm.“

Am Nebentisch sitzt nur ein einzelner Gast, der in sein Bier stiert und ebenfalls zuhört. Es ist der alte Schlüter auf der Heimfahrt von der Kreisstadt. Der Tag war heiß. Kurz vor zuhause wollte er sich ein Feierabendbierchen gönnen. „Also die Beißhemmung hat er noch“, denkt er sich.

klein21RottiTrinks genießt die Aufmerksamkeit; berichtet, dass das Hundeproblem in der Folge wuchs. Aber auch er ist so ein Held wie Ohlich, der immer alles im Griff hat. „Die Töle“ gebärdete sich unberechenbar, die eigene Frau fürchtete die „Bestie“ nun und nahm dem Mann das Versprechen ab, den Hund nicht mehr aus dem Zwinger zu lassen, er könnte sonst die Enkel fressen. Deshalb bekäme der nun sein Futter in den Käfig und ab und an kratze Trinks mit der Schaufel durch die Gitterstäbe etwas Kot vom Betonfußboden, wobei sich der Hund regelmäßig in den Schaufelstil verbeißt.

„Und da willst du ä Kaukasn ins Dorf hol‘n, wo schon ä Rottweiler ausreichn duhd, um Probleme zu hann!“, wendete er sich wieder an Ohlich. „Wenn der dann och im Kefich endn tut, frisste nutzlos noch vülle mehr wie meinor!“ Die andern nicken.

„Das is doch gomblett vorn Oarsch. Wie lange willstn das noch dorchziehn?“

„Nächsde Woche lass‘ch de Großern komm. Die solln einschläforn. Der nutzd mich nüschd, so wiä jetz‘ is.“

„Würschde die Großern bezahln! Sach Mecki’n Bescheid. Der gommd mitor Wumme vorbei; und juud is!“ Gärtner fühlte sich clever.

Förster „Mecki“ protestiert sofort: „Im Wohnjebied wörd nich jeschossn! Das gomd vorn Kadi und dann bin‘ch de Wumme los!“

„Mussde doch nich an de chrose Glocke häng!“ Gärtner gibt so schnell nicht auf, wenn ihn die Cleverness seiner 7 Klassen übermannt.

„Orschlöcher jibds üwwor all! Und wennde im Suff das chroße Sabbln kriechn duhst? Vorschde he ma!“

Da mischt sich plötzlich der alte Schlüter vom Nebentisch ein.

„Wie alt issn der Hund?“

„Ungefähr 3e.“

„Un wielange hasdn nur im Zwinger?“

„Drei Monate wärrns jetze sein.“

„Wenne nüschd kost, hol ich‘n dir weg.“

„Wie willst’n das packn? Der kennt dich nich! Der frisst dich! Und dann bin ICH dran, wenn‘s of mein Hof bassiern duhd!“

Schlüter lässt sich nicht abbringen. Er hält Trinks die Hand hin:

„Schlag ein! Kostenlose Abholung durch mich? Wanne hasdn ma Zeit?“

„Glei Morchn. Dann wäre weg.“

Händedruck. Abgemacht.

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  1. Trinks‘ Trauma

Als der Tierarzt 8 Wochen später zu Trinksens Ferkel kastrieren fährt, ist der Zwinger in der Hofmitte leer. Alte Hundescheiße liegt aber noch drin.

„Na, hat wohl geklappt, was dir der Schlüter versprochen hat?“

„Dukter!“, Trinks kommt ganz dicht und legt dem Tierarzt den Arm um die Schulter. Dann raunt er, damit es niemand Unberufenes hört: „Damals, in dor Rittorzeit hättnse den vorbrannt! Der is nich koscher, der alte Geizkragen! Hättich’s nich mit eichnen Och‘ng jesäähn! – “ er bricht ab und starrt den Dukter grooooß an!

„Wie haddenn den geholt? Mittn Viehwaa’ng am Zett Dee? Oder glei mit dor Trophy?“ grinst der unbeeindruckt.

Trinks bleibt ernst und schüttelt den Kopf. Der Blick wirkt immer noch verstört. Er starrt am Dukter vorbei ins Leere.

Wie zu sich selbst antwortet er mit erneutem Kopfschütteln verschwörerisch leise und todernst: „Mit‘s Fahrrad.“

„Is nich wahr!“

„Doch!“ Trinks ahnt, dass ihm das keiner glaubt, aber er muss es mal los werden:

„Der kam und kloppt ans Tor. Der Hund glei SCHGANDAL hinter de Gitter! Ich raus zu ihm, sehe nüscht. Kee Jefährt; nur ihn un sei Fahrrad. Ich: Haste nich was vorjessn? Oder hasde dirs andorrs üborleechd? Er: Wieso? Hawwe alles dabei. —

Ne Hundeleine hadde um Hals häng und ä Lädorhalsband in dor Aktentasche am Lenkor. Und enne Brotbüchse. Dann grinste mich an und sachd: Jehe man nei bei deine Alte und haltse drinne. Gannst ja hintor dor Jardine guckn. Ich wär ne Stunde brauchn.

Ich mache das, wiä schbrichd; und gugge naus – da sehe ichn sitzen vorm Zwinger. Off dor Erde, wie so a jungschor Gammlor! Schneidorsitz. Brotbüchse. Der Hund – Radau. Er sitzt und frisst de erschde Bemme und greift in de Tasche und schmeißt a Sticke Worschd in Zwingor. Dann sprichde mit das Vieh: „Gosde ma! Is leckor. Wennde de Schnauze hältsd, jibbs Nachschlag.“ Der Köter hat den Happen runter und bellt und knurrt und macht und duhd, drähds‘ch im Kreise und springt Scheinangriffe! S nächste Sticke Worschd. Und: „Gomm, rääche dich ab, meinor.“ Schlüter frisst Bemme Nummor Zwo. klein22RottiOff ehmal setzt sich der Köter und guckt blöde durch die Stäbe. Und Schlüter wüddor: „Na siehste. Jehd doch.“

Steht off, machd den Zwinger off. Halsband um. Noch ä Stück Worschd aus dor Hemdndasche! Leine dran und dann tippeln die beede zum Rad als wäre das normohl?!“

„Und dann?“

„Ja -nüschd! Fort. Ich dachte noch: Würstema morchen in de LDZ guckn, obs Tote jaab im Kreis. Wennenn der Köter vons Rad reißen duhd; obor nüschd. Die müssn heile anjekomm sein; heeme.“

„Von dor Bestie zum Rad-Hund in 5 Minuten? Spinne mich nich voll?!“

„Ehrlich Dukter! Na – 5 Minuten warns ja ooch nich. Ne jute halwe Stunde hadde jebrauchd. Dann war juud.“

Der Dukter steht draußen am Dienst-Moskwitsch. Was er gerade gehört hat, will ihm nicht einleuchten. Auch er kennt nur die Methode, Hunde durch Prügel zu erziehn, „wenn’s sein muss.“ Zu unwahrscheinlich! Er beschließt einen Umweg zu fahren und nach dem Schlüter-Hof zu sehen.

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  1. Der Knackworschdmann erzählt

10 Minuten später steigt er vor dessen Tor aus dem Auto, klopft und reißt aus Gewohnheit die kleine Eingangstür im großen Tor auf. Neben dem Misthaufen, im ansonsten sauberen Hof, springt ein Rottweiler auf, bellt und beginnt, sich auf der Stelle im Kreis zu drehen. Zeitgewinn für den Dukter, lieber wieder ein, zwei Schritte rückwärts einzulegen.

Zwei Kindergarten-Steppkes mit Dreirad und Roller unweit vom Hund krähen begeistert: „Achtung! Raudi schimpft!“

Nun hat der Hund sich besonnen, dass er nicht in einem Käfig sitzt und läuft böse knurrend an –

Aber Schlüter steht schon in der Tür zur Wohnküche und ruft ein scharfes „Bleib!“ Der Hund steht wie eine „1“ und guckt zum Herrchen. „Das is dor Dukter! Den lässte rein!“ erklärt ihm Herrchen bestimmt, aber im Tonfall weniger scharf. Der Hund trabt nun gelassen in Richtung Gast.

„Lass‘en schnüffeln!“, ist nun der Dukter gemeint. „Gomm ruhig her.“ Und zum Hund: „Wennde den ärchern duhst, kastrierde dich! Also hüte deine Eier. Bis‘ lieb jetze.“ Ein-zwei gutmütige Klapse auf die Rotti-Schultern; der Hund ist entlassen. Er wählt sich eine neue Ecke im Hof und legt sich diesmal neben die Sandkiste.

Einer der Steppkes verkündet das Offensichtliche: „Nu isse wüddor lieb!“

„Ja, abor du nich!“ tadelt Schlüter Senior das Kind. „Ich hab jesaachd, ihr sollt de Förmchen nich übern janzn Hof vorteiln! Rabauken! Da fahr ich nachher mitn Zett Dee drüwwor! Sammelt das Zeuch ein! Das hat Jeld jekostet!“

Der eine bückt sich sofort, der andere grinst erst und hat noch einen Spruch auf Lager: „Dor Hund is ruhich – nu schümpt dei Opa!“

Der deutet aus der Ferne das Ausholen zur Ohrfeige an, zuckt dann mit den Schultern und meint resigniert zum Dukter: „Kingor ehm! Was willsde da machen. Warn mir frühor nur ooch so?“

„Uns hamse die Hammelbeene langgezong bei’n Pimpfen.“, erinnert sich der Dukter.

„So alt sinn die beede nich. Sinnerschd 5e. Warum bistn vorbeijekomm. Meine Viecher sinn wohlauf?!“

„Wechn dem Rotti-Wunder. Ich komme grade von Trinks.“

„Ach so!“, strahlt Schlüter nun beruhigt. Keine veterinäramtlichen Zumutungen a la neuer Pflichtimpfungen oder so! Keine Kosten. Nur bissl Quasseln!

„Martha! Mache Gaffee. Dor Dukter is da, wechn Raudi‘n!“

Die Frau kommt erstmal staunen. „Der Hund hattdoch jarnüschd?“

„Weitorbildung.“ verkündet Schlüter stolz. „Dor Dukter will was lern. Stimmts?“

„Schieß los!“

„Wo solchn anfang. Was hatt‘n Trinks orzähld?“ beide setzen sich auf die Holzbank neben der Küchentür.

Der Dukter berichtet. Dann kommt der Kaffee. Martha Schlüter stellt das Tablett zwischen die beiden. Sie rückt einen alten Stuhl mit leicht kaputtem Flechtwerk und früher mal chicen Drechselwülsten zurecht und setzt sich dazu.

Schlüter beginnt:

„Ich kam dahin wie abgesprochen. Leine, Halsband, Stullenpaket. Lewworworschdbrote.“

„Und Knackworschd in de Hosentaschen, in dor Jacke, in dor Hemddasche – üwworall! Fettflecke!“, empört sich Frau Martha.

„Na ich musste doch juud riechn! Hunde sinn wie Weibor! Unberechnbar, obor mor krichd se rum!“ Er knufft ihr den Oberarm.

Halb sauer, halb belustigt stichelt nun sie: „DU mussts ja wissen!“

„Ich hocke mich vor denn Käfich und mei zukünftcher Gumpel mach Schgandal! Aaaabor – die könn denkng, Duktor! Die Viecher! Gloobs nur! Een Stick Worschd. Er bleibt sauer. Noch ä Stück Worschd. Immernoch. Bissl warten. Süßholz raspeln. Noch ä Stück. Er macht Pausen beim Bellen. Hältn Kopp schief. Ich sitze unbeeindruckt. Kee Angstschweiß. Keene Hektik. Kee Ärcher meinorseids; beiße in de nächste Bemme – plötzlich setzte sich hin, in seine eichne Scheiße. Ne Wahl hatte ja nich in dem Gäfich. Wemmor dich da nei sperrn däte, würdste ooch zum Tier! Stimmts, Dukter?“

Der Dukter bestätigt: „Ich hab’n heute gesehen. Die Scheiße liecht immernoch drinne.“

„Sooviel Respekt hatte vor Raudi’n“, lacht der Alte, „dassä sich nichema an die Kacke traut, wenn dor Köter schon lange übern Berch is.“

„Weiter. Wie seitorn nach Hause jekomm?“

„Na per Peedes. Ich mit‘s Rad und dor Hund zu Fuß an dor Leine. Ich musste ja ooch erschtema‘ seh‘n. Aber olles juud. Heeme habchn mir beguckt. Jestunken hattor wie ne Düte Russen. Duschen mittn Schlauche wollte nich. Hattor jeknurrt. Habch ehn Daach jewartet.“

„Also wenn ich Ihn nicht da so liegen sähe – das klingt mir alles zu harmlos! Ging gar nüschd schief?“

„Doch. Drei Tote gabs.“ gibt nun Schlüter zu.

„Ach!“ stöhnt Frau Martha auf und winkt ab, weil sie sich erinnert, aber ihren Mann erzählen lassen will.

„Nächsten Taach geht sie Gänse füttern im Jartn hinten und macht die Düre nicht zu. Der Hund erkundet das neue Terrain, der Ganter jehd off ihn los und Raudi‘n packt dor Blutrausch. Ganter tot. Die erschte Jans so am Flüchel erwischd und die zweete im Maul un am Schütteln, die andorn GAAK-GAAK! Die Frau ooch!“

„Ich hawwe jeschriiien!“ wirft Martha ein „wie am Spieß!“

„Die wäre balde de nächste Jans jewäsn.“ nickt er. „Ich hin-“

„-und hasdn vormöbelt?!“ kombiniert der Dukter.

„Ach Quatsch! Das kennde doch! Das haddn doch so vorboochn. Weibor schlächd mor ja och keene mehr. Nich‘ wahr? (Knuff an den Oberarm der Frau) Das machd die bösartch! Ich hawe mich droffjeschmissn von hinten, dasse einjeknickt is und jewürcht habchn mit beede Hände und of hündisch ins Ohr jeröchelt. (Er imitiert die Laute, an der Sandkiste erhebt sich der Hund, bleibt aber stehen und guckt irritiert rüber) So jepackt am Halse und hinundher. Ä paarma‘ und zur Sicherheit noch „Arschloch!“ anjefaucht. Da dachte sich: Ups, das war ä Fählor! Dor Knackworschdmann is sauer!“

„Ins Ohr jebissn hastn, das habbich jesään! Der hat jejault off ehmal. Und dann haste Alberts von nä’m an den toten Gänsorich vorkooft.“, mischt sich Martha Schlüter ein.

„Schadensminimierung.“ Schlüter grinst. „Und die Gans, die‘e bloß am Flüchel hatte, die hab ich musst selbor gilln.“

„Hattmor Jänsebratn die janze Woche. Jing uns nie so juud, wie wenn dor Hofhund Amok leeft.“ ergänzt Martha.

„Wo lernt morn sowas? N Hund beißen?“ Der Dukter nimmts als Witz. Aber Schlüter bleibt ernst.

„Das wolltch nich orzähln! Die Weibor wüddor! (Strafender Blick zu Martha) Im Griech. Da machsde noch janz annere Dinger, wenns ans Lähm jehd. Mei Hundewissn habbch obor äher aus Jefangenschaft. Bei Smolensk. Gottlob in ehn von die kleen Laa’cher da.“

Jetzt wirkt er versonnen. Schaut geradeaus an Frau und Gast vorbei auf den Hund.

„Ich hawwe Smolensk gabutjeschossn und wüdder heile jemachd, sozusachn. Die vörzscher Jahre warn scheise, darüwwer rädmer nich. Anfang de Fuffzscher wurde de Vorpflechung bessor. Und der Iwan sparte Offpasser. Die hatten am Zaun kaum noch Posten, abor scharfe Hunde lofen. Doppelzaun wie im KZ, aber kee Strom. Hunde darzwischen. Da habch dann mitn Gaschabrei und Drockenbrod am Zaune jesessen n Abend und je’essen und vor mir die Köter – Rabatz. Knackworschd hatch natürlich keene. Obor so Sticke Brot in’n Gascha jetunkt und hinjeschmissn. Habs. Weiterkläff. Nochema. Haps. Ruhe. Hinjesetzt und Kopp schief jehalten. Huch, denk ich. Da jehd was. Und dann schon balde habch die Hand durch jestreckt und gestreichelt.“

„Und die Russen?“

„Naja.“ Er schweigt. „Typisch für die, ehm.“ Wieder schweigen. „Erst staunen. Lachen. Beifall. Du Arrrtist? Zirrrrkuuuus?“ Schultergloppen. Sto Gramm anjeboten. Am nächsten Taach kame mittn Jelendewachn. Peng. Peng. Hadde die Hunde erschossen und zwee neue jebrachd.“ Schweigen.

„Die neuen hatch nach ä paar Wochen soweit, dasse Pfötchen jähm, durchn Zaun.“ Er sieht sie wieder vor sich und wer weiß, was alles noch.

Dann setzt er fort. „Dreinfuffzsch bin ich heeme jekomm. Haben Hof übernomm. LPG’60 wie alle. Hofhund hadch immer gostenlos. Ich hawwe ümmer „Vorbrecher“ übbornomm. — Svenni!“ ruft er dann in die Sandkiste, „zeiche ma’n Dukter Kunst mit Raudi‘n!“

Svenni und das Nachbarskind kapiern nicht gleich, was das soll, so abrupt aus dem Spiel gerissen, aber dann erheben sich beide vom Burgenbau aus der Sandkiste. Svenni rennt quer übern Hof zur Hundehütte und ruft „Raudiiiiiiiii!“ dann verschwindet er in der Hütte, der Hund hinterher. Eine Sekunde später gucken beide Kopf an Kopf aus der Hütte. Applaus von der Kaffeebank. Der Hund nimmts als Ansporn und rennt zu einem platten Ball. Aber die Vorführung ist vorbei. Svenni ist wieder in Richtung Sandkiste unterwegs. Der Hund lässt enttäuscht den Ball fallen, schnuppert hier und da und legt sich wieder hin.

klein25Rotti

„Der will partout nich in de Hütte. Nur wenn Svenni vorjeht. De blanke Tollwut! Stimmts Dukter?“

Der schüttelt nur ratlos den Kopf.

„Und die Kleen? Die Enkel? Wieso klappt das?“

„Weil die vornümpftich sinn und dor Hund ooch. Zwee Dache habch de Kingor nich ofm Hof jelassen. Musstense im Jartn hinten spieln. Der Hund sollte sein Terrain kenn’lern. Zur Ruhe komm, kapiern, dass da kee Käfich is. Das hat leider nich‘ janz jeklappt. Wechen dem Käfichklaps beim Trinks hatte den Drehrumbum weg. Wenn ehnor gombt, -haste ja jesähn-  brauchte ne Weile, bisse jradeaus leeft. Den beedn habch das Hundeschicksal als Jutenachdjeschichte orzählt. Nach 3 Daache habch’n dann die Wänste vorjestellt. Schnuppern lassen. Ich hawwe die vorher Knackworschdbrote zu essen jejähm, damit se riechen wie iche. Sein Jeruch der Befreiung. Dann mussten se mir aufsagen, dasse nich‘ hinrenn‘, wennor fressn duhd. Und dass es n Hund is und kee Ferd! Die solln jaaanich offm reiten wolln! Enkel is nur der ehne, Svenni. Der Freche von Vor’nz, der mittor Brille, Raiki, schläft bloß zurzeit hier. Die Eldorn sinn of Urloob. Das is Albertn seinor. Nachgömmling. Der hatte noch nich jenuch von seinor Muddi, da musste se nochema ran mit dreinvörzsch.“

„Gündor!“, empört sich Martha.

„Na is doch so! Wenne zwee Feffi in Turm hat, wirde spitz wie Lumpi!“

„Was solln jetze dor Herr Doktor denkng!“

„Jarnüschd. Der kennd sich aus. Hawwichrecht?“

„Und wie hasten damals sauber jekrichd?“ lenkt der Doktor wieder aufs Hundethema zurück.

„Glei nach der Schümpe weechen die Jänse. Da ware bedröppelt, da habch das schlechte Jewissn ausjenutzt; habchn am Halsband jesackt und hinlechen lassen, mich dornäm jesetzt und Marthan jesacht: Hol’en Schlauch unds Schambuh. Du, der hatte schon Jeschwüre am Arsch. War ich bei dor Großern. Die kam raus hierher und hatten untersuchd. Vormutlich hatte der Wunden von der Prüchel und dann is da die Scheiße nei und de Fliechn. Mor siehds noch an den kahlen Stellen bei dor Schwanzwurzel ä bissl, obors verheilt. Ich kreems ümmer, bevor ich mittn Angeln jehe. Dann läufte und leckt sich nich.“

„Erzähle mal das vom erschtn Ma‘!“ erinnert Martha.

klein23Rotti„Ach ja! Pass of Dukter, is lustich! Ich an dor Saale. Angel raus. Hund liecht beim Eimor. Schuborts Willi sitzt betont 10 Mätor Abstand. Der hatte Schiss vor meim neuen Gumbl. Plötzlich beißt was, ich hols rein – ä richtig fettor Garpfm dranne an dor Strippe. Wie ich denn so ausn Wasser reiße – haut der Hund ab! Bleibt oben offm Hange stehn und guckt, wo ich bleiwe. Willi lacht los: „Deine Gampfmaschine hat Angst vor de Fische!“ krähde mich an! „Odor dude sich ekeln, was du alles frisst?!“ Hadde mich blamiert, dor Raudi. Obor – der gannde ja nüscht. War ja normal. Er blieb erst oben offm Hange liechn und guckt in Richtung Eimor und wiech mich setze, game vorsichtch an und schnuppert am Eimer. Dotal vornümpftcher Hund! Und so eener nu in so a Drecksverließ bei‘n Trinks!“

„Ja, Hundeelend ofm Land. Zwinger oder Kette. Gassi geht hier doch keene Sau!“ konstatiert der Dukter trocken.

„Ich schonn. Naja, ooch nich ümmer. Musse ehm ab und an ma ofm Hof scheißn. Danach schnappte ein und seechd mir an Zett Dee. Als wie: „Du hast was vorjassn, Gnackworschdmann!“ Ich schaufels dann aufm Mist. Wenne lern däte, glei offm Mist sei Jeschäft zu machen, wärs einfachor. Abor das schaff och ich nich. Nich wahr, Raudi?!“ Der Hund erhebt sich wieder und kommt zur Kaffeerunde schnuppern.

Besonders vorsichtig kontrolliert er den Dukter vom Gummistiefel bis zum Ellenbogen. Dann lässt er ab und legt sich demonstrativ vor die Kaffeerunde.

„Wenn de s nächste Ma gommst, kennde dich.“

„Wie heißter?“

„Na Schrubski hattn Ronny getooft! Trinks hat das so übornomm. Warumdn nich glei Enrigo! N Hund – so ä Modename!“

Der Doktor feixt: „Och nich‘ schlecht. Enrico, Madelaine, Melanie, Göran! Jeder denkt, glei kommt ne halbe Schulklasse, stattdessen wetzt ä Rudel Rottweiler übern Hof!“

Aber Schlüter bleibt im Text: „Ich hawwe nu Raudi draus jemacht, wächn dem Anlaut. Habs och drühm an de Hütte so jeschriem.“

„Lesen kanne och schon?“ stichelt der Doktor weiter.

Der Witz kommt besser an: „Naaaa, gut Ding will Weile hamm. Wenndes nächste Ma‘ gomst, lieste dir de LDZ vor. Versprochen.“

„Ihr Spinnschweine.“ Frau Martha erhebt sich und räumt das Tablett ins Haus.

klein24RottifoxDer Doktor verabschiedet sich, geht zum Auto. Nimmt Platz neben seinem Terrier und guckt den alten Begleiter versonnen an:

 

„Na, Tiger von Eschnapur? Der da drinne hätte dir mehr beibringen könn‘ als ich.“ Er tätschelt ihm die Schulter, während der Hund die Rottweilergerüche zur Kenntnis nimmt. „Na, verzeih halt. Beim nächsten Hund wird alles anders.“

Er startet den Moskwitsch und fährt heim.

Am Tor steht Schlüter und schaut ihm nach, neben ihm Raudi mit Blick zum Herrchen: „Gehmor angeln?“

 Anmerkung (sicherheitshalber): Rottweiler sind KEINE Kuscheltiere. Wenn du das RICHTIG gelesen hast, merkst du: Sie stehen nicht auf Waldorferziehung. Sie handeln KEINE Kompromisse aus. Sie brauchen klare Strukturen.

 

  Text: © bludgeon

Bilder: © bludgeons daughter

18 Gedanken zu “Der Doktor und der Knackwurstmann

  1. Großartig! Hatte mich kurzerhand rein verbissen…
    So richtig Literatur, leicht bis mittel regional, was mir besonders gefällt (obwohl dieser Sprache nicht kundig, bin ja eher bayrisch/rheinhessisch angehaucht)
    Gruß von Sonja

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  2. Pingback: no silage dear Simon | Wildgans's Weblog

  3. habs mit großem Interesse gelesen. Vielleicht hock ich mich auch mal beim Zaun hin, hinter dem der Große mich immer anblafft, auch wenn ich nun keinen Hund mehr habe. (vorher hat er meinen Hund angeblafft und Zähne gezeigt).

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  4. Saugute Geschichte, hab mich prächtig amüsiert. Ich kenne das noch von meinen Großeltern, Hofhunde waren halt Nutztiere wie alle anderen und nichts zum kuscheln. Vernünftig behandeln konnte man die trotzdem.

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    • …und taten die wenigsten. „Das is ehm so ofm Dorfe.“ kriegte ich als Kind jedesmal zu hören, wenn ich einen Kettenhund adoptieren wollte, als ich mit Vatern mitfuhr, und mir diese um sich selbst kreiselnden Kreaturen leidtaten.

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