Grüße aus der Vergangenheit 3

In jungen Jahren nervte es ein wenig, wenn ich in antiquarisch gekauften Büchern Unterstreichungen fand. Bücherschänder! Eigentlich wollte man doch eher einen unversehrten Schatz heben! Mittlerweile kann es interessant sein, „was“ angestrichen wurde und „weshalb“.

davDieser Tage las ich wieder so ein Exemplar; 125 Jahre alt, toll erhalten; keinerlei „Verschandelungen“ in den ersten beiden Dritteln; aber dann, in der vorletzten Novelle hatte sich ein Vorbesitzer mit dem Bleistift geradezu ausgetobt.

In der Novelle „Der verlorene Sohn“ von (na, wem wohl?) geht es um ein missratenes Bürgersöhnchen um 1650 in Bern, das ausbricht, um letztendlich nach mancherlei Station als verkommener Landsknecht zu enden. Außerdem spielen dessen besser geratene jüngere Schwester und ihr Zukünftiger entscheidende Rollen. Die Mutter der beiden, die wohlhabende Ratsherren-Witwe Amthor (Welch ein Zufall dieser Tage!), hat ein schweres Päckchen Schicksal zu tragen, wie sich zeigen sollte.

Bereits der erste Konfliktansatz ist unterstrichen worden:

Das älteste Kind, (…) ein kluger aber sehr eigenwilliger Bursch, hätte wohl eher einer männlichen Zucht bedurft, als der zärtlichen, all zu nachgiebigen Pflege der Mutter, die diesen Sohn als das Abbild des zu früh ihr entrissenen Gatten vergötterte…“

Das wirft die Assoziationsmaschine an: Wie korrespondierte der Inhalt mit der Lebenswelt des mittlerweile ebenfalls historischen Unterstreichers?

Warum bekamen Zitate wie

mde

oder

dav

ihre Unterstreichungen?

Es könnte so gewesen sein:

——-

30621358471 (2)Herbst 1919. Auf dem Gut derer von Levetzow in der Neumark sitzt die Hausherrin im spärlich beleuchteten Herrenzimmer, das immernoch so heißt, obwohl ihr Mann schon vor dem Kriege , pünktlich nach damaliger Lebenserwartungsrechnung mit 55 Jahren zu den ewigen Heerschaaren abberufen wurde. Es war Arbeitszimmer und Bibliothek in einem. Das Tagwerk lag hinter ihr. Alle Buchführung, Anweisungen an den Verwalter, Versorgung der beiden Armenhäuser des Dorfes, Einkaufslisten für die Kaltmamsell waren erledigt. Nun kam die Schummerstunde und ihr gruselte so allein in dem großen Kasten. Um das Gut stand es nicht zum Besten. Die Ernte war mäßig, die Getreidepreise elend. Die Inflation der Kriegsjahre wollte nicht enden, im Gegenteil, sie schien sich noch zu beschleunigen. Einige der Bauernsöhne waren aus dem großen Kriege zurück, viele davon mit Gebrechen und obendrein in den Gräben der Ost- und der Westfront geradezu verwildert. Ein gefährlicher Hang zur Unbotmäßigkeit war kaum noch ignorierbar. Mildtätigkeit um Not zu lindern und Rebellionsgelüste zu bremsen, war dringend geboten, aber die vielen Tausender Kriegsanleihe fehlten spürbar in der Kasse. Wann hört das auf? Wie lange noch würde sie über die Runden kommen?

davSilvester 1900 hatte alles so strahlend begonnen! Das neue Jahrhundert! Der Ball! Ihre Verlobung! Wie es sich gehört mit 18! Sie wurde erwählt! Standesgemäß! Der Bräutigam, streng genommen ein entfernter Schwippschwager, Witwer, 40 Jahre alt, kinderlos, war ihr sehr recht gewesen. Er wirkte jünger, konnte privat erfrischend albern sein und seine Offizierskameraden parodieren, dass sie beim Lachen jede Korsettstange einzeln spürte. Auch das erste Kind, der ersehnte Stammhalter, kam pünktlich ein dreiviertel Jahr nach der Hochzeit. Das zweite Kind allerdings starb 6 Monate nach der Geburt. Der Stammhalter blieb der einzige Nachkomme. November 1900 geboren. Traditionell erzogen für die „schimmernde Wehr“. Er hätte drumrum kommen können um das große Töten. Im Frühjahr’18 lag der Krieg in den letzten Zügen. Im Osten schien er gewonnen. Friedensgerüchte auch für den Westen gingen mal wieder um. Doch ihr Arno meldete sich noch freiwillig. Ostfront. Mitten hinein in den Revolutionswirrwarr dort. Erst schrieb er davon, zu spät gekommen zu sein, es sei nichts mehr los, man plane die Verlegung nach Frankreich, dann doch noch Gefechte; seltsame Briefe mit Schilderungen von Soldatenverbrüderungen und Desertionen, glücklich überstandene kleine Geplänkel. Plötzlich der Schock: Gefangenschaft. Die schien zunächst noch recht nobel zu sein. Er und zwei seiner Offiziere säßen als „Gäste“ an der Tafel ihrer zaristischen Überwinder, die sie nun aber kurioserweise als Verbündete gegen die „Rote Revolution“ sähen und ihnen ehrenhalber die Säbel gelassen hätten. Dann – schweigen. Seit fast einem Jahr keine Post.

In all dem Zwist nach dem Brest-Litowsker Frieden schien sich niemand um das Schicksal der Kriegsgefangenen in russischer Hand zu scheren! Dann die überraschende Kapitulation, die Revolution, der Wirrwarrkampf ums Baltikum. Es schießt dort noch immer! Der Junge wird 19! Wenn er noch am Leben ist. Vergessen von der Welt – aber nicht von seiner Mutter, die ihr Gewissen plagt. Kein Tag – an dem sie nicht an ihn denkt. Zur abendlichen Ablenkung versucht sie zu lesen. Heyse-Idyllen sollten es sein! Den hat sie als Verlobte gemocht. Aber Heyses „Auswahl fürs Haus“ (Band 2) ist ein Missgriff. Sie stößt auf Stellen wie:

„Wenn Sie Söhne haben, die anderswo ebenfalls auf ein mitfühlendes Herz angewiesen sind, bitte ich Sie – retten sie mich! Man ist hinter mir her!“

oder

„Der Stadtwebel sah sie durchdringend an und wagte schließlich die Frage: „Frau Amthor! Auf Ehre und Gewissen, haben Sie eine Ahnung, wo sich  ihr Sohn zurzeit verbirgt?“

und gar

dav

Wie unter Zwang erhob sie sich aus dem bequemen Fauteuil, begab sich zum Schreibtisch, holte sich dort den kleinen Bleistiftstummel, kehrte zum Sessel zurück und las das Schicksal jener Witwe in der Schweiz  in dieser Nacht durch. Sie hatte das zum ersten Mal vor 20 Jahren gelesen. Im Brautstand und noch völlig ahnungslos. Nichts war geblieben. Sie las das Buch wie neu: Wie das passte! Abschnitt für Abschnitt bezog sie auf sich und strich fast jeden zweiten an. Bei manchem Satz musste sie innehalten. Eine Erleichterung war diese Lektüre nicht.  Eher eine Folter ihres Gemütes, ein Zwirbeln ihrer Schuldgefühle. Wie war es möglich geworden, dass ihr kluger, vielseitig talentierter Sohn beim Anblick all der heimgekehrten Kriegskrüppel im Dorf und in der Kreisstadt seine Kriegsbegeisterung nicht verlor? Warum hatte sie ihn nicht veranlasst, auf den Gestellungsbefehl zu warten? Warum die Anmeldung zum Notabitur erlaubt? Warum war mancher dieser Tagelöhner-Tölpel unversehrt zurückgekehrt, der ihr jetzt das Leben schwer machte, vor ihr den Hut zog, aber hinter ihr ausspuckte – nicht aber ihr Sohn? Strafe? Wofür? Wo war ihr Sohn?

Als sie die letzten Seiten liest, die das Ende jener tapferen, gescheiterten Mutter enthalten, kommen die Tränen. Tröstend. Für den Moment erlösend. Sie stellt das Büchlein wieder zwischen Band 1 und 3 an seinen Platz. Einst ein Verlobungsgeschenk. Vorn drin noch ihr Mädchenname. Als sie ihn eintrug, dachte sie noch voller Vorfreude „nicht mehr lange“! Es würde alles gut werden als Gräfin Levetzow. Sie sah ein Jahrhundert des Glücks anbrechen – und keinen großen Krieg kommen.

Der Leser da im Garten, im Jahre 2020, erinnert sich an jenen toten Dragonervon der Erinnerungstafel im Borkenkäferwald. An Remarque, Dwinger, Zobeltitz, Kempowski, Lorentzen, Böll und Strittmatter – und die Bilder im „Guten Kameraden“. Er hat das Buch nun ebenfalls durch. Betroffen von den Eindrücken der letzten Seiten schlägt er es zu; dann vorn wieder auf: Die Erstbesitzerin hat ihren Namen hinterlassen.

dav

Außerdem klebt im Innendeckel so ein Jugendstil-exlibris-Holzschnitt, der bestimmt erst in den 20ern eingeklebt wurde: Carl Wilhelm Meyer.

davDas Internet kennt eine heute noch existente Firma dieses Namens. Damals aufstrebend? Kriegsgewinnler, die die Bibliothek eines bankrotten Gutes aufkauften? Oder handelte es sich nur um einige wenige Bände aus irgendeinem Antiquariat? Eventuell auch nur eine zufällige Namensgleichheit. Ein aufstrebender Bürgersohn, der später wieder herabkam und seine Buchbestände zur Leihbücherei degradierte? Es gibt da diesen irreführenden Stempel hinten im Buch. Die Bestände waren durchnummeriert. dav

Die Assoziationsmaschine springt noch einmal an:

Dem Gut erging es wie so vielen. Die Pleite kam 1923. Das Veräußern beweglicher Habe: Die Prunk- und Jagdwaffen des weiland Hausherren, die Bibliotheksbestände, das Mobiliar. Schließlich die Versteigerung. Die Nachbargüter erwerben die Flächen, ein Stummfilm-Star das Haus.

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Die Bibliothek geriet nach Berlin. Die 3 Bände standen im Hause Meyer gepflegt und einträchtig weiterhin nebeneinander, soweit sie nicht einzeln erwählt und verliehen wurden. Anderthalb Jahrzehnte. Eines Tages brachte die junge Kriegerwitwe Ursula B. den Band 1 zurück und lieh sich den Band 2, dann kam eine dieser Bombennächte. Sie hatte den Band noch in der Manteltasche als sie im Keller saß. Die Bücherei allerdings erhielt einen Treffer und ging in Rauch auf. Ursula B. floh kurz darauf aufs Dorf zu Verwandten. Irgendwo im Barnim/Brandenburg. Dort fielen keine Bomben. Was hat sie dort erlebt, erdulden müssen? Wie lange mag sie gelebt haben? Wann haben ihre Enkel den spärlichen Bücherbestand der Großmutter dem Online-Antiquariat überlassen?

Bludgeon sitzt im Garten. Er sieht das Gutshaus vor sich. Die junge Verlobte, die noch errötet, weil man ihr den „schlimmen“ Heyse schenkt. Die immernoch attraktive Mit40erin, erste Krähenfüße an den Augenwinkeln, wie sie da im Sessel sitzt, sich um das Schicksal des Sohnes grämt und Sätze unterstreicht. Ihre Blicke gehen immer wieder zum Fenster hinaus in die dunkle Nacht: davArno? Wo bist du? — Dann die Kriegerwitwe im zerbombten Berlin, die mit Kinderwagen und zu Fuß versucht, das Dorf an der Oder zu erreichen. Vorbei an Panzerwracks und Leichen. Sich vor feiernden Russen in Wäldern versteckend oder im Straßengraben totstellend. Und wie sie die Kate der Verwandten endlich erreicht, verdreckt und müde; eine Dachkammer überlassen bekommt, endlich das Kind windeln kann und dann den Heyse auf die umgedrehte Kartoffel-Molle legt, die ihr als Nachttisch dient.

Oder war doch alles ganz anders?

Wenn Bücher sprechen könnten…

 

3 Gedanken zu “Grüße aus der Vergangenheit 3

  1. Pingback: Heyse, Heyse und kein Ende… | toka-ihto-tales

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