Geschriebene Klänge

So kanns gehen.

Heyses Novellenband „Originale“ von 1908 ist ein literarisches Konzeptalbum.

6 Tracks:

– ein Idealist (1902)

– einer von hunderten (1894)

– moralische Unmöglichkeiten (1901)

– das Steinchen im Schuh (1896)

– der Blinde von Dausenau (1898)

– das Rätsel des Lebens (1896)

 

Vielleicht erinnerst du dich an „Wish you were here“ , „Misplaced childhood“ oder „Love over Gold“, so Platten eben, wo jeder Song für sich steht, aber doch EINE Geschichte erzählt wird. Der rote Faden entsteht im Kopf des Hörers/Lesers – die Gänsehaut kommt und geht und kommt wieder, denn jeder packt SEINE Geschichte dazu.

Heyse hat für alle Fälle – die passende Novelle.

  • Warum finden sich so selten die richtigen Partner, die es dann eben doch ein Leben lang miteinander aushalten?
  • Auch in der Liebe/Ehe gilt: Der Spatz zuhause ist besser als die Taube auf dem Rennplatz, Hofball, Gutshof nebenan.
  • Warum freien wir nicht jene, die perfekt passen würden, aber zu offensichtlich ihre Zuneigung zeigen?
  • Wer passt zu wem? Gleich zu gleich? Oder doch lieber: Gegensätze ziehen sich an?
  • Wen bekommt man als Schwiegersippe draufgepackt? Hält man das aus?
  • Sind die äußeren Verhältnisse Schuld am Scheitern so vieler aussichtsreicher (vor allem künstlerischer) Talente – oder diese selbst, weil sie nicht wagen, über ihren Schatten zu springen?
  • Ist die Ausgangsidee für eine Komposition, ein Gemälde, einen Roman gut genug für eine künstlerische Laufbahn?
  • Reichts zum Künstler oder nur zum Dilettanten?

Heyses „Tracks“ des „Originale-Albums“  sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden, hier nicht chronologisch gereiht, aber mit Geist kompiliert.

Wir starten mit dem „Idealisten“, einem alten Maler ohne allzuviel Erfolg, der sich da gleich zu Beginn ein Ding leistet, das eine Sensation darstellt. Der Leser von 2020 glaubt seinen Augen nicht zu trauen: Das Thema? Zu DIESER Zeit? Es handelt sich um ein packendes Alltagserlebnis erotischer Natur. Aber wir sind hier bei Heyse, nicht bei Bukowski oder Henry Miller. Verflixt, vertrackt, aber letztlich geradeso die Kurve kriegend. Nabokov kommt dir beim Lesen eventuell in den Sinn. Vorausgesetzt du kennst dessen Hauptwerk überhaupt. Mehr sei nicht verraten.

„Einer von Hunderten“ ist der nächste ältliche Kauz, diesmal Philosoph mit Dackel, der intelligent und ärmlich sein Dasein fristet und vor allem in Ruhe gelassen werden möchte. Aber auch das klappt nicht, denn in typischer Kaffeehaus-Manier ereilt ihn „sowas ähnliches wie Liebe“ und die Sache spitzt sich sehr melancholisch zu. Das Ende fällt dramatischer aus, als in „Track 1“, der Leser wird jedoch getröstet entlassen.

Dann der Höhepunkt des Buches. Der Longtrack. „Moralische Unmöglichkeiten“. Literarischer Progrock, ein Allerweltsstart, der sich entwickelt, von Zeile zu Zeile immer vertrackter und interessanter wird; der dich hineinzieht in den Strudel der Assoziationen. Heyse ist gebürtiger Berliner und die meiste Zeit seines langen Lebens Wahl-Münchener. Die dramatischste Novelle seines Universums spielt – auf einem Landgut in Brandenburg. Ostelbien wie es darbt und leidet. Heyse erklärt, warum er „von da weg ist“, wenn man so will. Sechs Schicksale gehobener Schichten der Zeit, verwoben wie im von mir gerühmten Meisterwerk „Himmlische und irdische Liebe“ – aber: Die „moralische Unmöglichkeit“ macht diesem bisherigen Glanzlicht allerheftigst Konkurrenz. Ist im Gutshaus schon kein Licht, so bleibt für die Kätner draußen im Dorf gleich gar nichts übrig. Das Drumherum der Dörfler und der beiden Pastorengenerationen sind das Salz in der Suppe. Idyll, wo bist du?

In den Nullerjahren hab ich 3 mal Urlaub im Gutshaus machen wollen, in Mecklenburg. Es wurden 3 Aufenthalte, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten. Es war nur 1x schön. Du erfährst so einiges über die Kälte dieses vergangenen Glanzes, der auch damals schon allweil ein knapper war, der nach Potemkinschen Prinzipien mit Parkett und Gobelins den Schwamm in den Wänden vergessen machen wollte. Und auch über die Neuzeitsorgen, die so ein Haus heute beschert. Wir waren zuvor einige in Frage kommende Locations abgefahren und griffen dann trotzdem 2x ins Klo.

Einmal begrüßte uns die Hausherrin eines solchen renovierten Kastens. Eine „Frau von X.“, um die 70, die ihr Leben in Niedersachsen verwartet zu haben schien und nun den elterlichen Besitz in den 90ern wiedererlangt hatte.

„WIR wollten hierher zurück um Wiederaufbau zu leisten. Das war ja hier unter den Kommunisten alles verkommen und heruntergewirtschaftet. Aber wir haben hier gute Leute. Und wenn das jemand in die Hand nimmt, dann arbeiten die auch gut. So hat sich manches vom alten Ensemble hier auch wieder herausputzen lassen. Die Scheune und die Stallungen allerdings nicht. Die mussten wir abreißen. WIR wohnen jetzt im Verwalterhaus da drüben. Mein Vaterhaus hier dient nun dem Fremdenverkehr. Deshalb mussten wir da investieren und mehrere Bäder einbauen. Hier gastieren dann nun Leute wie „Sie“. Sie können hier das ehemalige Herrenzimmer und die Kinderstube (jetzt als Bad) buchen. Oder die Mägdestube und die Kutscherkammer. Oder den Salon, den wir für das Bad etwas verkleinert haben. Gegessen wird abends warm. Tagsüber werden Sie ja fort sein. Ich koche selbst. Nach Gutsherrenart versteht sich.“

Sprachs und stand vor uns; alt, kalt und hoch aufgerichtet. Schlank, weißhaarig, die lange Uhrkette um den Hals ersetzte das Lorgnon – oder die Trillerpfeife – Deja-vu! Die Dame wirkte, als sei Frau von Turnberg, mein Sportlehreralptraum der 3.Klasse, wieder auferstanden. Wir dankten damals höflich und buchten dort – nicht!

Die „Frau Mama“ in Heyses Novelle entspricht diesem Herrinnen-Typus aufs Haar. Was muss alles passieren, damit man so wird? Diese aufrechtstehende Arroganz aus Haut und Knochen, plus stählern-unbeweglichem Dupet!

Diese Novelle zieht dich rein, berauscht, bekümmert, lässt die „Heiden von Kummerow“ aufblitzen und „das weiße Band“ – dann das hochdramatische Crescendo: Das Ende allen Übels, aber nicht das Ende aller Leiden. Dann das Deja-vu auf den letzten Seiten: Der Schluss kam mir so bekannt vor! Kann es sein, dass das mal in den 70ern im West-TV lief? Die ARD hatte ja mal ne Phase wo Courths-Mahler und Ury sehr ansprechend zu Fernsehfilmen wurden, erinnere mich auch an einen Mehrteiler der ergreifenden Sorte. Könnte es sein, dass man da auch ein paar Heyses mit untergemixt hat? Internetrecherche war erfolglos.

Nach diesem allgewaltigen Rausch der Sinne muss sich das herumgeschleuderte Gerechtigkeitsgefühl erstmal beruhigen. „Das Steinchen im Schuh“ bietet wieder einen Kauz der am Leben scheiternden Sorte. Die Handlung ist hier vorhersehbar banal. Ihre Nachvollziehbarkeit scheint jedoch auf einer wahren (sehr ähnlich abgelaufenen) Begebenheit zu beruhen. Im „letzten Zentaur“ sitzt derselbe Typ schweigend und unscheinbar mit am Tisch, als Genelli anhebt, seinen Tagtraum zum besten zu geben. Nach heutigem Ermessen weiß man: Ein Autist, der sich selbst nicht versteht und auch nicht verstanden wird; doch diese Diagnose lag zu Heyses Zeiten ja noch in der Zukunft.

„Der Blinde von Dausenau“ enthält interessanterweise eine umfassende Kritik an den damals für alle Gebrechen verordneten Bäder-Kuren der Zeit und geht mit Bad Ems hart ins Gericht. Die Handlung dreht sich eher um die Tochter jenes Blinden. Wieder ein Mädchenschicksal jener Jahre. Wieder eine Ehe, die nicht zustande kommt. Jedoch ist ihr Vater Kauz genug, um dieser Novelle in diesem Band der seltsamen Vögel Daseinsberechtigung zu verschaffen.

Beide Stories sind nur „Nachklänge“ nach dem Großwerk. Zum Abschluss geht die Spannungskurve wieder nach oben:

Der Schlussakkord des Buches „Das Rätsel des Lebens“ greift die Ausgangslage des „Idealisten“ vom Anfang wieder auf, allerdings ist der zentrale Kauz hier kein Maler ohne Erfolg, sondern ein ebensolcher Komponist. Auch hier geht es um eine mehr als seltsame Beziehung zu einem jungen Mädchen, das schließlich erbt – jedoch löst sich das Rätsel der Beziehung hier deutlich anders auf.

Heyse feiert hier 6x melancholische, tapfere, kluge Einzelgänger. Underdogs. Gestrandete Talente. Es bleibt die Frage: Warum trauen sich soviele gute Leute so wenig zu? Warum finden sie so wenig Unterstützung? Wann wird DAS mal anders? Es sind Novellen aus den 1890ern. Mit „über 60“ geschrieben. Vorstufen zu „Gegen den Strom“, dem Alterswerk von 1907.

Leg dir Oldfield auf. Eins von den langen Frühwerken.„Ohhhh-she-maaaa, faaaa-su-laaaa.“ Und lies! Die Lyriks besorgt Heyse.

3 Gedanken zu “Geschriebene Klänge

  1. Ich danke für die schöne Übersicht über sechs mir bisher ganz unbekannte Novellen.

    „Warum finden sich so selten die richtigen Partner?“ Vielleicht sollte man besser fragen, mit welcher Erwartungshaltung gehen wir Beziehungen ein. (Welche Entwicklungen zeigt Heyse auf? Aus Gegen den Strom las ich die Erkenntnis heraus, dass wir mit dem Verlust an menschlichen Begegnungen die durch den „Fortschritt“ gewonnene Bequemlichkeit und Sicherheit bezahlen.)

    „Warum trauen sich soviele gute Leute so wenig zu?“ Habe Mut! Komponiere aus Deinen Literurkenntnissen – oder Deinen Erinnerungen – ein geschlossenes Werk!

    Und eines möchte ich richtigstellen: Heyse ist nicht nach München geflohen, sondern er hat sich für eine jährliche Pension von 1000 Gulden verkauft und zog 1854 aus Berlin (wo er sein Vater Lehrer im Hause Mendelssohn war, bei dem Sohn des „jüdischen Sokrates“, der seinerzeit eine ganze Akademie von Künstlern und Gelehrten um sich versammelte, – und wo er im Tunnel die unterschiedlichsten Köpfe kennen lernte,) in eine Stadt, die, als die Bayerischen Könige begannen, Künstler zu kaufen, das Eggesin unter den deutschen Residenzen war.

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    • Hab ja nicht behauptet, dass er floh. „Warum ich von da weg bin“ leg ich ihm in den Mund, weil ich glaube, dass er gern ging. Ein königlicher Mäzen, der dir künstlerische Narrenfreiheit lässt und die Chance, etwas aufbauen zu können, einen „eigenen Kreis“ wie der Bartholdy ist allweil besser, als sich in die katzbuckelnde Hierarchie der gestandenen Hof- und Kommerzienräte als Youngster einfügen zu müssen.

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  2. Pingback: Heyses Venus | toka-ihto-tales

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