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Renft und ich (VI)

oder

Cäsarology

Wo war Cäsar bei der Reunion 1990? Warum gab es nach der Wende fast 20 Jahre lang, bis zu Cäsars Tod eigene Bandprojekte von ihm und 4 CDs, aber keine weitere Renftmitgliedschaft?

Um dies zu beantworten muss man nun, ob man will oder nicht, wiedermal ein sattsam überstrapaziertes Thema anschneiden:

„Ehrlich will ich bleiben, ehrlich will ich sein, Lieder will ich schreiben, so wie ich sie mein, Lügenmale stehen keinem zu Gesicht. Mir nicht. Dir nicht. Ihm nicht. Ihr nicht. Uns niiiiiicht.“ (Karussell’78)

2007 erscheint Cäsars Buch „wer die Rose ehrt“ inclusive dem Outing: 22 Jahre als IM geführt. Schock!

Gibt es ehrlich gebliebene IMs? In den frühen 90ern machten wir nicht Betroffenen uns die Meinung dazu ziemlich einfach. Nein! Dann kamen aber auch immer mehr Fälle ans Licht, die mich nachdenken ließen: Ehle, Gundermann, das clevere Super-Illu-Interview der Puhdys… die mehrfachen Exkursionen nach Hohenschönhausen… Führungen durch Zeitzeugen mit Opferbiografien der unterschiedlichsten Art … ich ertappe mich das eine oder andere Mal, kein Mitleid zu haben… dann eine Führung durch den Naumburger Knast durch einen ehemaligen Schließer … ein interessanter Unterschied! Dazu meine Armee-Erlebnisse mit den Assis in Prora …  Wer kommt warum hinter Gitter? Wer wird warum IM? Was ist falsch? Und was entschuldbar?

Die Stasi suchte sich überwiegend die Ungefestigten, die familiär Traumatisierten, die ungewollten Kinder, die ausgegrenzten Störenfriede, die eine Sehnsucht nach Aufwertung in sich trugen. Die gibt’s in jedem Staat. Die verführten die dann „väterlich“ und nett oder per Erpressung. Und die stehen dann hinterher auch reichlich dumm da, wenn sie zum Bauernopfer gemacht werden; weil hinter ihnen all die anderen Schachfiguren in Deckung gehen.

Hat ausnehmend gut geklappt damals. War das eine Hatz anfang der 90er!

Jedoch muss ich jetzt hier keine Stasi-Geschichte von Hohenschönhausen oder Bautzen erzählen. Da Cäsars diesbezügliche Karriere wohl noch geringer als die Gundermann’sche ausfällt:

„Der war IM!“

„Verräter! Was hattn der verraten?“

„Wees’ch nich!“

„Ohhrr, janz schlimm! N jannz Ausjefuchster!“

„Joa doch nur!“

Die Renft-Kollegen wurden bereits 1990 durch Cäsar selbst informiert. Damals war das seine interne Erklärung, bei der Reunion nicht mitmachen zu wollen. (Offiziell war er ja generell „nicht mehr am Musik machen interessiert“.) Er wolle die Band nicht in diesen Stasi-Enthüllungsstrudel reißen, falls ihm einer drauf kommt. Der Veitstanz ging ja gerade los. Die akzeptierten das, und so zerstritten die glorreichen 6 auch waren: Sie hielten dicht.

Bei Klaus ist das keine Überraschung, denn Klaus und Cäsar, das war sowas wie Old Shatterhand und Winnetou. Ein unzerstörbares Vertrauensverhältnis zueinander. Der berühmte Klaus Renft hatte den selbstbewusstseinslosen schweigsamen 17jährigen Typen da in die Band geholt, weil er auf der Gitarre „Töne ziehen“ konnte. Dann stellte sich noch raus, dass der Musikschule hinter sich hatte und Stücke schreiben konnte! Plötzlich konnte man mehr als nur nachspielen!

Dann kam Cäsars Einberufung – und Klaus versprach ihm, dass er hinterher jederzeit wiedereinsteigen könne. Und so geschahs auch 1970. Ab 1974 spitzte sich die Lage zu: Alle gegen alle, aber Cäsar stand zu Klaus! Da war kein Übelnehmen zu befürchten.

Und auf Seiten der anderen? Die lasen alle ihre Akte. Und schwiegen. Wie groß also kann der Schaden gewesen sein? Wie oft und wieviel hat er gepetzt?

So zerstritten wie sie untereinander waren, so spricht dieses 17jährige Dichthalten der Chaoten-Truppe doch eine eindeutige Sprache: Niemand von denen hatte in seiner Akte was gefunden, was den Rückschluss auf eine Verpetzung durch Cäsar zuließ!

Um Belastungsmaterial gegen Renft zu sammeln, brauchte die Stasi keine IMs. Die belasteten sich selber öffentlich. Da musste sich nur ein Hauptamtlicher in dieselbe Kneipe setzten, wo die Band gerade „tagte“ und mitschreiben. Je nach Alkoholpegel krakeelten die ihre Meinung lauthals heraus. Pannach trat mit seinen missliebigen Songinhalten ohne Rücksicht auf Veranstalter oder vorgefundenes Publikum auf, auch das hatte nichts „Getarntes“ an sich.

Ich habe das Cäsarbuch bisher nicht gelesen. Aber ich war bei der Cäsar-Lesung in Perleberg zugegen. Natürlich kam dort prompt die Frage eines Besuchers auf dieses Thema. Cäsar erzählte, dass er mit 18 zur Fahne kam, dass ein Politoffizier ihn eines Tages ansprach, ob er für den Frieden sei und:

„ich war ja kee Staatsfeind. Und ich war hier großgeworden und wusste es nicht anders. Politik hat mich damals nicht interessiert, wie die meisten; aber man will ja lieb sein und nicht auffallen. Und – klar, am Sozialismus mitbauen und wie das damals so hieß. Und da hab ich eben ja gesagt und auch was unterschrieben.“

kleinBild (22)Zu den Treffs sei er nur die ersten beiden Jahre gegangen und dabei habe er gemerkt, wie der Hase lief; später sei er nicht mehr hingegangen bzw. musste vorgeladen werden. Wenn die ihn was gefragt haben, dann wussten die eigentlich immer schon alles und da haben die ihn so nach Sachen gefragt, die er nicht abstreiten konnte…

Zurück zur Musik: 1991 bekommt Cäsar von seinem Sohn Robert den Erweckungsarschtritt: „Du musst wieder spielen, Alter!“ Er beginnt Songs zu schreiben und alte zersprengte Kontakte neu zu knüpfen.

1995 war das Jahr der ersten heftigen Ostalgie-Welle. Massenarbeitslosigkeit; Abwanderung; Pleitewelle der Existenzgründer von 1990; Rote-Socken-Kampagne, Eierwurf von Halle… Loveparade… Party-Dome statt Disco „Wer im FDJ-Hemd oder in NVA-Uniform kommt, hat freien Eintritt!“. Die Memoiren von Frank Schöbel und Reinhard Lakomy erscheinen und sind sofort vergriffen. Steimle und Böwe werden das Traumpaar unter den Ermittlern im Polizeiruf.

cäsar 1Vita-Cola und Rotkäppchen-Sekt expandieren wieder. Da! Neues von „CÄSAR“! Seine erste CD ist da!

Ich höre rein und die Härte überrascht und begeistert: Die Gitarre dröhnt befreit wie bei „Onkel Neil“ zu der Zeit. Aber – o weh, die Texte! Sehr sehr düster, nichtssagend oder zu PDSlerisch. Trostversuche, jetzt, wo der Wende-Kater auf dem Gipfel war. Verlierer gab es viele, der Erfolg gab Cäsar recht. Aber ich gehörte nicht dazu.

Ich war gerade „aus der Platte raus“, im Eigenheim gelandet; saß nach jedem Arbeitstag mit dem Kaffee-Pott in der Veranda, sah auf den eigenen Rasen (der zwar noch 20 Jahre der Bank gehörte) und hörte Prärie-Rock, um mich an den Dauerzustand „Brändenbörg Kaunti“ zu gewöhnen: Allmans, Rory, Walkabouts; Grapes of Whrat und „Rick’s Road“ von Texas: „Yeahhehe – I’m gonna make you wonder if you’re my friend!“ (Telephone wrings: We got success!) In dieses Stimmungshoch passte Cäsars Todestrieb a la „Halleluja“ und „Nocturno“ nun herzlich schlecht, auch wenn das eigentlich gute Songs sind. Ich ließ sie stehen, wie auch die beiden Nachfolger. In Sachen Texter hatte er kein gutes Händchen. Auf jeder CD prangen 2 oder 3 sehr gute Nummern alter Schule, aber der Rest hört sich an, wie von frustrierten FDJ-Bonzen getextet.

Zwischen CD 2 und 3 erlebte ich ihn live in Neuruppin mit dem „Cäsar-Trio“. Das war dermaßen geil, dass ich auf die nächste CD brannte! Die drei Herren rockten da heftig in Neils „Mirror Ball Style“ alte Renft- und Karussell-Nummern und ein paar Nachwende-Tracks, dass es eine Art hatte:

Renft’ns „Liebeslied“ gepaart mit dieser Pearl-Jam-Guitar-Härte! „Bleich und Uferlos, liegt die Liebe bloß“ Rummsdröhhhn! „irgendwo hinterm Stein muss ihr Hemdchen sein!“ Dröööhn! Music with big balls! Und zwar ganz „bigge“ Dinger! Auch der „Wandersmann“ war eher im Panzer unterwegs. Es war herrlich!

Am superlangen Bass und ebenfalls zuständig für allerhand Krach, so ein laufender Meter, der deshalb auch Suzer Quatro hätte heißen können, aber als „Hans“ Moser vorgestellt wurde, obwohl er Mathias hieß. Der brachte mir die Erinnerung an Leipziger Karussellkonzerte zurück. Der war so ein Leipziger Rockerurgestein, das überall einsprang, wenn mal ein Basser ausfiel. In den 80ern bei Karussell als Claus Winter schon schwächelte, in den 90ern bei einer der Kurzzeit-Renft-Versuche und hier nun bei Cäsar. Er soll anfang der Nullerjahre dem Krebs zum Opfer gefallen sein und nirgendwo wird an ihn erinnert. Deshalb soll’s nun hier geschehen. Rock on!

Ich hoffte auf diese intelligenten Krachkaskaden nun auch auf der nächsten CD, aber die wurde schon von „Cäsar und den Spielern“ eingespielt. Er hatte das Trio aufgestockt mit Fiddle und Flöte und war dem Irlandtick verfallen. Ansätze gab es bei ihm ja hin und wiedermal (Siehe „Mac Donald“ auf der 1.Karussell) aber hier gab er diesem Affen nun heftig Zucker. Ach. Du hoffst auf sowas ähnliches wie „weld“ von St.Neil und bekommst leicht aufgerockte ostdeutsche Dubliners. Ächz. Die Nr. 3 ließ ich also auch im Laden.

Zeitchen verging und ich lernte einen Typen kennen, der Hardcore-Cäsarianer war. Der wusste gar seltsame Klamotten von guten und katastrophalen Konzerten zu erzählen und steckte mich wieder an. Wir fuhren zum Cäsar-Konzert mit der Spieler-Bigband nach Berlin im November 2007 und hinterher wagte ich in CD Nr.4 hineinzuhören. Und siehe da: Alles anders als zuvor: Deutlich homogener, Irlandeinflüsse weg, Texte insgesamt besser – endlich eine, die zu mir passt! Und sie sollte bald aus einem anderen Grund traurige Berühmtheit erlangen:

Statt zum nächsten „Spieler“-Konzert fuhr ich ein Jahr später zu seiner Beerdigung.

Mein Bekannter wusste von einer anberaumten Ohren-OP, bei der der Krebs festgestellt wurde. Ein Jahr Chemo verging; ohne Erfolg. Der Termin der Beerdigung stand in der Zeitung. Mutter hatte es im Saaletal in der dortigen Presse auch gelesen und rief mich an: Dein Cäsar ist gestorben!

Abschied von Cäsar am 07. November 2008; Südfriedhof am Völkerschlachtdenkmal.

kleinBild (21)

Mit KEINEM Musiker der Ossi-Szene fühlte ich mich so verbunden wie mit Cäsar. Ich musste da hin!

Es war ein Freitag. Ein Arbeitstag. Ich fragte bei meinen Chefs an, ob ich zur Beerdigung eines guten Freundes freigestellt werden könne; nacharbeiten selbstverständlich – kein Problem.

Ich fuhr hin. War einer der ersten. Dachte noch: Huch? Und wollte mich wundern. Ich unterhielt mich mit einem wildfremden Typen neben mir, er hat ihn noch bei Renft erlebt, ich erst bei Karussell, da tippt er mich plötzlich an:

„Guck mal!“

Ich dreh mich um: 2 Busse kippen ihre schwarzgekleideten Trauergäste aus, weiter hinten hält eine Straßenbahn, aus allen Türen fallen alte Hippies in schwarz. Die sammeln sich bei den Bussen und kommen wie eine Trauer-Prozession geordnet auf uns zu. Die meisten haben an eine Rose gedacht. Ich Rindvieh nicht!

Nun sind wir deutlich mehr. Von nun an ist das aber mit jeder weiteren Straßenbahn dasselbe. Sie kommt überfüllt und fährt leer weiter. Der PKW-Parkplatz – inzwischen voll. Die Kapelle wird geöffnet und auch oben der Chor muss zugänglich gemacht werden. Ich komme knapp mit rein. Stehplatz. Die Türen bleiben offen, denn der Platz reicht nicht. 500 sollen wir gewesen sein; mir kam’s mehr vor.

Cäsars Beerdigung, von seiner letzten Frau und Managerin arrangiert, wurde zum ergreifenden Event.

Beide Söhne singen nacheinander je einen Song. Robert Gläser ist schon bekannt. Moritz Gläser noch nicht. Als der singt – geht ein Raunen durch die Anwesenden, denn er hat Vaters Stimme! Alle gucken ergriffen und bedröppelt, viele wischen sich bereits die Augen. Der Krankenpfleger beschreibt Cäsars letzten Tag und das Aus- und Aufräumen seines Zimmers, als es vorbei war. Wahrscheinlich hört kaum einer zu, denn alle denken an ihre eigenen Cäsar-Jahre…

Dann soll der Sarg hinausgetragen werden. Die Sargträger sind keine Friedhofsangestellten, sondern „Weggefährten“. Fans und Musiker seiner Bands; vorn dran Monster und Oschek – also Renft und Karussell.zeitlos

Zum Ausmarsch hören wir über die Boxen einen Herzrhythmus, Kirchenglocken, Meeresrauschen – ALLE hier wissen: Das ist das „Zeitlos“-Intro! Nun grabschen auch die letzten nach Taschentüchern – denn als SEINE Gitarre einsetzt, brechen alle Dämme. Auch aus meinen Augenwinkeln läuft es einfach nur so – Irmgard Düren, Cäsars Blues, ZDF-Special; 950 Jahrfeier, Lebe!, Gänselieschen, Wandersmann, Fenster zu!

Cäsar ist tot!

©Bludgeon

2 Gedanken zu “Fehler im System XX

  1. Das unbekannte Genie:

    „Jenosse, du musst uns helfen.“
    „Ülps.“ Eins von den dreißig Bieren gestern war wohl schlecht.
    Sein Führungsoffizier war nüchtern. „Es ist uns jelungen, einen unserer Leute bei der Combo einzuschleusen. Um seine Position zu stärken, braucht er einen richtigen Knaller. Einen Hit, wie die da drüben sagen.“
    X zog ein zerknittertes Notenblatt aus der Gesäßtasche. „Da“

    Als er wieder nüchtern war, bereute er es. Als er seinen Titel im Radio hörte; schimpfte er (für sich): „Falsches Tempo“. Später wusste er nicht, ob er sich wünschen soll, dass seine Noten in den Stasiakten gefunden werden.

    Ich kann kaum glauben, dass Deine Hörproben von denselben Komponisten stammen wie „Zwischen Liebe und Zorn.“

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