Fehler im System XVII

Tingelnder Stillstand

oder

What goes up, must come down!

Karussell blieben nicht die Gralshüter des rockmusikalischen Widerstandes privater Grübler.

Wer „Fehler im System“ komplett gelesen hat, weiß bereits, wer die Führung diesbezüglich in den 80ern übernahm.

Die Erde drehte sich weiter, aber Rummel-Karussells achten nicht auf die Richtung der Erdrotation. Und unser Musik-Karussell hier setzte auf den falschen Zeitgeist: Nämlich den verordneten; das bringt offiziöses Lob und Privilegien in Form von Reise-Pässen und vergrault die Fans.

Auf LP 2 war es noch nicht ganz so offensichtlich wie auf LP 3, aber eigentlich hätte man den späteren rasanten Niedergang der Band schon auf der zweiten Platte ahnen können.

1. …ein leeres Nest, ein leerer Hort…

1981 galt „Das einzige Leben“ als Sensation. Sie war um den Jahreswechsel 80/81 in den Läden. So auch in der MHO in Hagenow, wohin mein Prora-Regiment verlegt worden war. Ich war EK und feierte „Halte durch!“ Auch „Wenn die Hähne krähn am Morgen, reiß ich die Augen auf und staun – die Welt haaaaat, mein Vertrau‘n!“ schien mir wie eine Verheißung der kommenden Freiheit. Ich würde meinen Spieß zwar leider nicht erschießen können, aber ich war zum Verdrängen bereit: Jetzt musste es kommen, das große Abenteuer Leben!

karussell2Im Radio feierte man – und diskutierte sich wund dabei – den Titelsong. Die Refrain-Zeile sorgte anlässlich der ersten Sendetermine auch für gebührend Aufsehen: „Oh Jesu Christ! Oh Jesu Christ! Komm und sei DU mein Retter!“ Ganz und gar unironisch wurde hier die Entsagung einer vereinsamten alten Mutter besungen, die auf die Verheißungen des Jenseits setzt. Was für ein Thema! In der religionsfeindlichen DDR! Karussell packen ein heißes Eisen an und kriegen das sogar auf Platte! Titelsong! Und „Wer die Rose ehrt“ auch noch! Knaller. Sensation! Ein Renft-Oldie quasi aus dem Giftschrank zurück! (Dass das im Falle von „Besinnung“ auf der ersten LP auch so war, war den meisten entgangen, der Song zuvor zu unbekannt.)

Mehr oder weniger versteckt auf der Platte war „Lieb ein Mädchen“, medial wenig beachtet, im Rundfunk selten gelaufen, enthielt er jedoch die eigentliche Textsensation:

Kritik an stupider Industriearbeit und somit antrainierter Denkfaulheit der Masse, zwar optimistisch verkleidet, aber unüberhörbar.

„…(sie) steht 8 Stundenlang am Band und der Kopf hat immer frei dabei… baut sich Geschichten und Schlösser in der (geistigen) Still…“

Da steckt die ganze Verschnarchtheit des DDR-Alltags drin, Monotonie, Kitschsehnsucht, privates Nischenglück. Was meinste, wieviele westdeutsche Groschenheftchen im Osten völlig zerlesen von Hand zu Hand gingen! Nix „Neuer Mensch“. Game over. Die Renftsche „Schlacht“ ist aus.

Dem gegenüber war die Exhumierung der „Rose“ vielleicht leichter als wir legendensüchtigen Fans damals herbeiinterpretierten. Denn:

„Wer die Rose ehrt“ hat einen auf den ersten Blick relativ staatstragenden Demmler-Text. War 1971 Hit. Hatte 1981 also 10jähriges Jubiläum; und wurde von Michael Heubach und Cäsar komponiert. Die waren alle noch da, politisch unbeschadet. Da hatten die „Großen Verhinderer“ relativ wenig in der Hand!

Auch der Sensationssong vom „einzigen Leben“ hatte beim 3. oder 4. Hör in der letzten Strophe dann eben doch so ein „sozialistisches Schwänzchen“, nämlich mit der Klage, „dass man aus einem Leben nur allein, doch nicht so fröhlich scheiden kann!“

Der Band kam zupass, dass mit Beginn der 80er Jahre der Kirchenkurs der Wandlitz-Brothers kompromissbereiter wurde. Die „Bluesmessen“ Ostberlins wurden nicht im alten Stil aufgelöst, verboten, sondern beschattet. Pastorenkinder konnten zur EOS, jedenfalls in West-Elbien. In Mecklenburg geschieht ja alles hundert Jahre später, wusste schon Bismarck. Electra durften ihren 1972er Hit „Tritt ein in den Dom“ ebenfalls 1980 auf ihrer 3.LP unterbringen. Es läpperte sich…

Andererseits wurden die „Schwerter zu Pflugscharen“-Aufnäher gejagt. Dass die Kirche ihrerseits darauf eine sowjetische Skulptur mit einem Bibelzitat umrandete, war eben nun wieder zuviel für die Jünger der sozialistischen Dreifaltigkeit Marx-Engels-Lenin.

Was ich damals völlig überhörte war, dass in mehreren Texten der Platte dieser verordnete Singe-Club-Optimismus a la „Da sind wir aber immer noch, und der Staat ist noch da, die Arbeiter baun das Land….“durchschlug. Am deutlichsten in „…und der Wind endet nicht“. Lange Zeit hielt ich den für die „Bezahlung“ dafür, dass „Wer die Rose ehrt“ mit auf die Platte durfte.(Hier noch ne andere Variante.) Aber bereits der Opener „Jungs“ hat diesen altväterlichen Pädagogen-Touch, den man von Renft-Nachfolgern eher nicht erwartet. „Ein Leben lang“ war textlich so ein hölzerner Abklatsch vom „weiten Weg“ der Vorgängerplatte, aber ohne einen Widerhaken, z.B. einen Hinweis auf Zwänge, die zu dieser Verhaltensweise führten. Du bist Spießer geworden! Selbst Schuld! Ändere dich! Pathetisch aufgeblasen – aber platt.

Auch „wenn die Hähne krähn“ und „halte durch“ haben, wenn man sie nicht mit EK-Ohren hört, eher diesen „Es ist eigentlich alles in Ordnung-Gestus“.

Was also übrig bleibt, sind die beiden zeitlos schönen Miniaturen: „…nämlich bin ich glücklich“ (auch wegen der Anti-Karat-Klatsche, die sich der Demmler nicht verkneifen konnte, weil die nicht mehr bei ihm texten ließen) und „wiedersehn im Traum“. Beides Cäsar-Nummern. Wie auch das schon erwähnte „lieb ein Mädchen“. Ein Cäsar-Evergreen. Übrigens: Hört euch mal „factory girl“ von den Stones an.

Mit der 3.LP 1983 kams schlimmer.

2. …erst durch diesen Berg Schokoladenersatz…

karussell3Cäsar war ausgebrannt. Mehr als 200 Konzerte im Jahr, fast in allen Kneipen ging die Getränkerechnung „aufs Haus“, weil die Musiker ja für „volle Hütte“ sorgten, dazu der Druck, kreativ zu bleiben, weil er der Hauptkomponist war und die Verärgerung, dass die anderen den braveren Weg gehen wollten, führten zum „Trinken gegen sich selbst“.

Es war so üblich innerhalb der Bands, dass zwar jede nur ein oder zwei Songschreiber hatte, aber unter den fertigen Titeln einer Platte dann doch alle Bandmitglieder vertreten waren. Der Komponist verschenkte quasi seine Leistung, weil jeder in der Band mit irgendeiner Fähigkeit zum Band-Wohl beitrug (Bandbus reparieren, Ersatzteile erschachern, Musikinstrumente besorgen vom Klassenfeind usw.) und deshalb von den Gema/AWA-Tantiemen profitieren können sollte. An den Umsatzzahlen beteiligte Amiga seine Stars ja eh nicht. Solange das Bandklima stimmt, mag das hinhauen – aber was, wenn man sich mit Krach von einer Truppe trennt? Bei „Schlaraffenberg“ war schon der Wurm drin. Cäsar wollte weg. Vielleicht wollten ihn die andern auch inzwischen loswerden. Ohne ihn gibt’s die Pässe schneller. Musikalisch schwächelt sich die Platte von Nummer zu Nummer durch. Und Demmler schwächelt mit.

Ein zweites „Fenster zu“, „Lieb ein Mädchen“ oder gar „ehrlich will ich bleiben“ find’ste hier nicht mehr.

Zwar erinnert der Form halber die Zweiteilung von „Flimmertheater“ an den Trick von „Ich bau euch ein Lied“, aber erstens ist Reinhard nicht Kuno: Seine Stimme nervt schneller und zweitens ist der ungeschickte Text zum Fremdschämen.

„Flimmertheater! Mutter und Vater reden kein Wort. Sitzen im Sessel beim Bunten Kessel, mich teibt es fort….“

singt Reinhard Huth. Ein Mann, dem die Natur skalptechnisch übel mitgespielt hat, der dank Resthaardecke, Schnauzer und Pausbäckchen schon mit 25 wie 50 wirkte. Er ist hier nun 33, also NOCH älter und will sich jetzt von den Eltern lösen, singt er! Ein Schelm, wer da an „Ich bin 17x sitzengeblieben und hab dann die Lehrerin geheiratet.“, denkt. Und das gleich als Opener!

Es folgt mit „Sirene“ das kurze beste Liedchen. Cäsar gibt verschlüsselt Auskunft über seinen Seelenzustand:

„Bin ein Boot, bin ein Boot, bin ein Boot in Not….“

dav

Karussell 82 und Cäsars Gesicht

Kann ich bestätigen. Während der 3 Karussellkonzerte meiner Leipziger Jahre konnte man die Lustlosigkeit wachsen hören und sehen. Zuletzt sah ich sie im Plagwitzer Kino Lindenfels ganz ohne Ansagen, Cäsar nicht in der Mitte, sondern am Rand, nur noch mit 2 (ungefährlichen) Renft-Nummern, („Apfeltraum“ und „Liebeslied“) und lautem Soundbrei, der dich die Texte raten ließ.

Wir waren mit unseren Madames zu sechst zugegen. Den Mädels gefiels, der Kult war ihnen Schnuppe. Wir Jungs fanden da nichts mehr „zum Verehren“, ließen die anderen nach Zugabe brüllen, hakten das Konzert als absolviert ab und freuten uns auf die nächsten Pogo-Runden vor der Pankow- oder Keks-Bühne demnächst im „Schmidtchen“.

Nach „Sirene“ folgt „Sterne in der Nacht“, das Herantasten an das Thema Homosexualität. Naja. Über Renft formulierte Christoph Dieckmann in den 90ern „sie soffen und weiberten sich durch die Republik“. Karussell sind die Renft-Erben. Mittlerweile angejahrte Super-Machos. Und die machen nun auf Schwulenversteher? Wirkte irgendwie wie krampfhafte Suche nach einem neuen „heißen Eisen“ ohne an der „Tür aus Stahl“ zu rütteln, „die in den Frühling führt“.

Next Song. Titelsong. Der, der der Platte den Namen gab. Da steht jetzt 3x der, mehr gibt der Song nicht her. Grins!

Gefolgt von einem Blues für die ewigen Fleischerhemden-Träger mit einem billigen reim-dich-oder-ich-fress-dich-Text „Mein Bruder Blues tut Buß‘‘“.

Und so ging das weiter: Die Platte war heiß erwartet worden. Legenden rankten sich um die Verspätung. Wie immer. Für Anfang 82 angekündigt, kam sie erst mitte 83 in die Läden. Der „gelbe Mond“ war schuld. Den wollte die Band durch die Zensur bringen und den „Großen Verhindern“ war der zu unmoralisch:

„Unter einem gelben Mond haben wir uns beigewohnt und ich sagt‘: „Ich hab dich lieb.“, dabei war es nur der Trieb.“

Wir schrieben 1983, als wir sie schließlich kaufen konnten! Da waren wir aus West und Ost gaaaanz anderes gewohnt! Nina! Interzone! Kiev Stingl! Inge Pawelcyk! Wilde Mathilde! Zwar wurde die Querele gern herumerzählt und Karussell weiterhin als „Große Band“ angesehen, aber die Glorie verlor an Glanz. Die „Schlaraffenberg“ stand bald überall nur noch im Regal und erreichte den Plattenteller nicht mehr. Der war blockiert vom „Mont Klamott“!

1983 im Laden! Mit diesem altbackenen Sound! Hingeleierten Kompositionen und diesen schlimm öden, „pädagogisch wertvollen“ Texten! Singen da die Renft-Erben oder alle meine Stabülehrer?

Bleiben übrig „Sirene“ und „Wochentag(der erbrochen lag)“ die so einigermaßen gingen.

1983 im Laden! Das Jahr des Silly-Phänomens, das Jahr in dem Pankow ihr zweites brisantes Bühnenstück „Hans im Glück“ zelebrierten. Das Jahr von Stern Meißens „Stundenschlag“-LP. Und ihrer besten -leider nur Kurzzeit- Inkarnation als Fusion-Band, noch mit Fißler. Live (Kongresshalle) ein Hammer! Das Jahr vom ersten „Regenwiese“-Konzert. Das Jahr mit Omega live (Messehalle2)!

Und die Renft-Erben kamen mit ihrem „Schlaffen Berg“ —??? Wandel tat not, aber er brachte keine Heilung.

Cäsar stieg 1984 aus. Die Band holte Lutz Salzwedel von Passion weg und machte Musik, passend zu seiner Dauerwelle.  LP Nr.4 erschien jenseits der Wahrnehmung von uns Alt-Fans. Als der auf Westtournee abhanden kam, stieg Dirk Michaelis ein, der noch jünger aussah und mit ihnen „Café anonym“ einspielte. Mantel des Schweigens hilf! Immerhin gelang ihnen darauf noch „Als ich fortging“.

Dirk Michaelis ist eigentlich ein feiner Kerl meines Alters, der die gleiche Gojko-Macke hat wie ich. Und der auch eine dunkelhaarige Dakotabraut heiraten wollte. In der DDR! Er fand seine schon in der Parallelklasse. Ich meine erst im Studium. Aber sowas verbindet halt. Als er nach der Wende mit Herzberg und Zöllner (Die 3 Highligen) tourte, waren die Klasse!

Aus den Passion-Resten wurde „Cäsars Rockband“. Allerdings gelang dieser kein großer Wurf mehr. War’s der Alkohol? Waren es Ansichten, die letztlich nicht zusammenpassen wollten? Ein ungeschriebenes Kapitel. Er stellte schließlich Ausreiseantrag und wurde anfang 1989 aus der „Staatsbürgerschaft der DDR entlassen“. In Westberlin wurde er Taxi-Chauffeur, stellte die Gitarre in die Rumpelkammer und resignierte. In dieser Zeit der Lethargie fiel die Mauer. Die 7 Samurai trafen sich wieder; „stießen auf einander“, muss man sagen, wollten sich trotz aller Animositäten wieder zusammenraufen, aber die diversen Nachwende-Inkarnationen fanden ohne Cäsar statt. Warum?

Das ist ein anderes Kapitel.

©Bludgeon

 

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