Heyse lesen! (V)

L’Arrabbiata (1853)

oder: Die wahren Abenteuer sind im Kopf…

Zum krönenden Abschluss an dieser Stelle nun meine Wahrnehmungen zum Thema:

„Berühmtestes Überbleibsel eines ehemaligen Sockel-Helden der deutschen Literaturgeschichte“.

Wenn du heute zu Heyse recherchierst, dann endest du bei der „L’Arrabbiata“, seiner bekanntesten Novelle, fast seinem einzigen Ruhmesrudiment. Wenn du zwischen drei und hundert Novellen von ihm kennst, oder sogar noch den ein oder anderen Roman, dann fragst du dich automatisch, warum blieb ausgerechnet DIESES ETWAS übrig?

Was sagt das über künstlerische Potenz einer Gesellschaft aus, die „Zentaur“, „Grafenschloss“, „Siechentrost“ , „Irdische/Himmlische Liebe“  liest und vergisst, aber nicht müde wird DIESES ETWAS zu feiern?

Es geht hier nicht um eine Ode an eine Spagetti-Soße!

Es geht auch nicht um „La Traviata“! Obwohl das so ähnlich klingt und aus derselben Zeit stammt.

Es geht um das hier:

Stell dir vor, heute schriebe jemand in etwa folgende Geschichte in der Erwartung, erfolgreich und berühmt zu werden:

Junger Pfarrer lässt sich vom italienischen Festland nach Capri übersetzten, im Ruderboot. Der junge Fischer nimmt außer ihm noch eine junge Italienerin mit, der an Land ein paar Halbstarke nachpfeifen. Sie kommen am Ufer der Insel an und steigen aus.  Jeder von den dreien hat irgendwas zu erledigen und abends soll es zurück gehen.

Am Abend kommt der Pfarrer nicht zur Anlegestelle. Der Fischer rudert also mit dem Mädchen los. Sie plaudern, er will sie küssen, sie beißt ihn in die Hand und springt ins Wasser, um an Land zu schwimmen. Er rudert neben ihr, ist sich der Peinlichkeit der Situation bewusst und bittet die Schwimmende um Entschuldigung. Sie möge bitte wieder einsteigen, das Ufer ist noch weit. Sie sieht ein, dass sie doch nicht soweit käme und lässt sich wieder ins Boot helfen. Nun sitzt sie durchnässt vor ihm und lässt ihn wortlos rudern. „Shut up and drive!“ Als sie ankommen, hat die Mittelmeersonne das Kleid getrocknet. Beide gehen ihrer Wege.

Ihm tut die Hand weh. Sie entzündet sich. Er liegt schlaflos in der Hütte. Er steht also auf um die Hand zu kühlen, da steht sie in der Tür. Sie hat Kräuter dabei, weil sie weiß, dass Bisswunden zu Entzündungen neigen. Nun entschuldigt sie sich und lindert den Schmerz in der Hand. Sie bleibt über Nacht, da sie den Heilungsprozess überwachen will.

Dann bestellen sie das Aufgebot bei dem Pfarrer vom Anfang der Geschichte, der so von den Ereignissen der Rückfahrt ohne ihn erfährt und hofft, eines Tages als alter Seelsorger mal vom ältesten Sohn der beiden nach Capri gerudert zu werden.

So. Wahnsinns-Plot, nicht wahr?

Klar, dass sowas fünfzig Jahre lang in jede Novellenanthologie gehört, oder?

Wie in Teil 1 dieser Reihe angedeutet: Das war für mich 1981 nicht das „Große Ding“, das Lust auf mehr machte. Als ich 1988 dann das ganze Büchlein doch geschafft hatte und dank Mutterns Literaturgeschichtsband von der Bedeutung dieser „nachhaltigsten“ Heyse-Novelle wusste, kam es mir so vor, dass es Heyse einst genauso ergangen sein muss, wie einigen niveauvollen Rockmusikern meiner damaligen Gegenwart: Barclay James Harvest hatten gefühlte 15 LPs draußen. Vier hatte ich auf Band. Viel gute Musik also, aber ihr Signatur-Track wurde „Life is for living“, Binsenweisheiten auf Patsch-Patsch-Rhythmus für Grobmotoriker. Armselig.

Ian Hunter, mir wichtiger als Dylan, verdankt sein kleines bisschen Randgruppenruhm einer amerikanischen Talk-Show, die sich sein „Cleveland rocks“ als Titelmelodie ausersehen hatte. Ein Füllsel von einer Glanz-LP voller ansonsten epochaler Tracks: „You never alone with a shizophrenic“ (1978), Deep Purple, Genesis, Chris de Burgh, Opus, … gefeiert für Beiwerk, während ihre eigentlichen Leistungen nur „mitgekauft“ werden … die Reihe ließe sich endlos fortsetzen.

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S.B. als L’Arrabbiata?

Als ich ende der 90er wieder auf Heyse stieß und die „L’Arrabbiata“ nunmehr schon zum dritten Mal der Vollständigkeit halber mitlas, hatte ich parallel dazu meine erste intensive Arno Schmidt Phase, inclusive „Sitara“-Lesegenuss. Da blitzte bei der Wiederbegegnung mit jener italienischen Bootspartie so ein Gedanke auf, der jedoch wieder verschwand, weil er nicht weiter relevant zu sein schien.

Diesmal nun aber hat mich Heyse so richtig erwischt und der Gedanke von anno 98/99 stellte sich wiederum ein, um nun zu Ende gedacht zu werden:

Das ist doch in Wahrheit ganz anders!

Wo lässt man alle seine Gefühle und Begierden, aus denen wir mutierten Affen nun mal gewoben wurden, wenn man bis zum Hals in den Ausläufern von Biedermeiergepflogenheiten steckt?

Braucht es da nicht auch etwas dissidentischen Witz, um ein erlaubtes Ventil in den Bildungskanon zu mogeln, damit man nicht erstickt?

Ich muss ein bissel ausholen:

Bill Bryson wirft in seiner „Kurzen Geschichte der alltäglichen Dinge“ die Frage auf, warum es die Menschheit von je her versteht, sich den Alltag so richtig schwer zu machen und er beschreibt im Anschluss anschaulich die Unmöglichkeiten der Mode des 18. Jahrhunderts mit Perückentragepflicht und der Krätze darunter, mit all den Reifrock- und Stoffmassen und dem damit auf der Straße aufgewischten Unrat, den man so in die Häuser trug.

Das lässt sich weiterdenken: Für einen kurzen Moment erschuf die frz. Revolution an der davSchwelle zum 19. Jhd. neben aller Guillotine-Drangsal immerhin eine leicht zu tragende Mode. Aus den zerlumpten Hochwasserhosen der Sanculotten wurde Stück für Stück das lange Hosenbein: Das Beinkleid. Weg war die Perücke! Männer trugen ihr Rest-Haar kurz nach vorn im Bert-Brecht-Look, Frauen kam eine als antik geltende Renaissance des altrömischen Wuschel-Dutts statt der höfischen Turmfrisur entgegen; wenn man schon Paläste mit Dorischen Säulen baut, dann können die Frauen darin auch aussehen, wie die Vestalinnen: Also her mit Kleidern im Stile von Tuniken. Die Landbevölkerung versteht die Welt nicht mehr und glotzt sich die Augen aus dem Kopf, wie die Gnädige und ihre Töchter plötzlich herumlaufen: In Nachtwäsche am hellerlichten Tag?

Aber die anfängliche Napoleonbegeisterung schlug schnell ins Gegenteil um. Er hatte diese Mode nach Deutschland gebracht – und mit ihm ging sie auch 1815 wieder. Die Sittenverlotterung der „Franzosenzeit“ musste ein Ende haben! Der sittsame „biedere“ Deutsche der Restaurationszeit holte zwar nicht Perücke, Turmfrisur und Reifrock zurück, wohl aber so etwas Ähnliches: Dackelohrfrisur, Korsett und lange schwere Tüllgewänder mit geordnetem Faltenwurf. davDie „Sittsamkeit“ der Frau könnte somit wieder als „Sitz-Zahm-Keit“ verstanden werden, denn viel mehr ging ja nicht, in diesem Outfit. Hinzukam die verordnete Blässe als Beweis der Vornehmheit. Gleichzeitig feierte die Operette vom „Zigeuner-Baron“ Erfolge, auch in Spielhagens sensationellem Erstlingswerk hat eine der Nebenfiguren eine heiße Affäre mit einer „rassigen“ Zigeunerin; reihenweise werden junge Mägde frisch importiert vom Dorf, braungebrannt vom Gänsehüten kommend, in gutbürgerlichen Villen „vernascht“, (Freksa berichtet davon und Thomas Mann beschreibts im „Felix Krull“) ,Millionen kleine Jungs fiebern mit, ob Old Shatterhand nun Winnetous Schwager wird oder nicht … wer will da diese bemitleidenswerten, verschnürten, bleichen Damen mit Riechfläschchen?dav

Wer überhaupt verinnerlicht diese verordnete Prüderie wirklich soooo brav, wie es Adalbert Stifter, Theodor Fontane, in den glutlosen, blutarmen Handlungssträngen ihrer Romane glauben machen wollen?

Arno Schmidt dechiffriert in „Sitara und der Weg dorthin“ Landschaftsbeschreibungen bei Karl May und ausgerechnet Stifter als versteckte Erotik:

„Zwei Berge von nahezu gleicher Höhe. Dort wo sie sich in der Ebene zu berühren schienen war ein Wäldchen. Die Büsche des Unterholzes bargen den Einstieg in die Grotte, deren Geheimnis uns angelockt hatte und die wir so lange vergeblich gesucht …“

Bezogen auf Heyses kräuterkundige Handbeißerin ergibt sich:

Du kannst dir heute bei Wikipedia und anderswo die literaturtheoretischen Würdigungen der „L’Arrabbiata“ durchlesen, die seit Generationen ein Katheder-Sklave vom andern humorlos und verklemmt abgekupfert hat: Parallelen zu Goethes Italienbegeisterung; der völkerkundliche Blick des Reisenden, Weltoffenheit, Orange als Leitmotiv, Spannungsbogen (Pruuuust!),große Schicksalsverknappung in kleiner Form….

Ich behaupte heute stattdessen:

Die, die die Prüderie ihrer Zeit genauso anstank wie Heyse selbst, machten aus seiner Bootsfahrt-Novelle ein trojanisches Pferd. Sie erklärten diese hier wiedergegebene gezähmte Sex-Phantasie alternder Universitätsgraubärte zum „großen Kunstwerk“ für all die Goethe-Kult-Philister, die ihre Doktor-Väter waren: Im Wesentlichen sahen diese sich dann, falls sie überhaupt in diesen „modernen Kram“ hineinsahen, konfrontiert mit einer braungebrannten, völlig durchnässten, schwarzmähnigen 18jährige Italienerin, impulsiv und voller Temperament. Allein mit einem Fischer im Ruderboot, spätabends auf dem Mittelmeer. Wer möchte da nicht Fischer sein – und scheiß auf  den Biss!

heyse5Also kniffen sie ein Auge zu, schwafelten von Stund an mit, von all den Nebelkerzen und vom metaphorischen Orangen schälen und feierten, somit ein Buch zu haben, dass sie nicht vor Frau und Töchtern verstecken mussten.

Und so rum betrachtet, hat dann sogar die „L’Arrabbiata“ Sensationspotential.
(Ende der Heyse-Reihe.)

6 Gedanken zu “Heyse lesen! (V)

  1. Ich habe die fünf Teile deiner „Heyse lesen“ Berichte gelesen. Die Ausrufezeichen lass´ich für mich als Aufforderung mal weg. 😉
    Ich danke dir für die Mühe und Arbeit, um den Mann an einigen Beispielen (samt Nebensträngen) mal dar- und/oder vorzustellen. Mir ist dabei aufgefallen, dass ich den Herrn Heyse seit Jahren immer wieder mal mit dem Autor des schwülen Ardinghello verwechsle. Den habe ich gelesen. Von Paul Heyse hingegen wissentlich nichts. Und wenn eine seiner Novellen in der Schule „dran gewesen“ sein sollte, dann habe ich sie vergessen. Aber die Schule und Literatur – passt das wirklich zusammen?

    Ich finde es immer wieder rührend, wie viele unserer Mitmenschen ihren literarischen Idolen huldigen, ganz egal wie aktuell sie in den Verkaufsregalen noch liegen oder längst entschwunden sind. Bis der nächste Jungakademiker sich auf die Suche nach einer „Marktlücke“ begibt, um damit einen universitären Arbeitsplatz zu ergattern, und dabei einen der vergessenen Autoren „wiederentdeckt“. Einen, der wie Heyse, einstmals Tagesgespräch war, und um den sich heute ausser einigen Liebhabern keiner mehr schert.
    Vielleicht sollte ich auch mal wieder auf einen, den ich lesenswert finde, aufmerksam machen…

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    • Hui von diesem Ardinghello hatte ich bis eben keine Ahnung. Heinse und Heyse. Klar, das hat Verwechslungspotential. Schule und Literaturliebhaberei – eine Endloskontoverse. Ein paar Werke muss man opfern und in Schulen zeranalysieren, damit ein paar Grundlagen geschaffen werden, damit wenigstens ein paar Leute zu Verständnis gelangen. Die Masse wird es eh wirkungslos abhaken.
      Mit 14 den Schimmelreiter lesen müssen und zerredet bekommen – damals schwor ich „Nie wieder Storm!“ – Aber schwören ist Quatsch. Und in der Pubertät schon ganz und gar. Storm mag ich inzwischen sehr. Den Schimmelreiter hab ich allerdings kein zweites Mal versucht zu lesen.

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      • Den hattet ihr auch im Unterricht? Ich Gott sei Dank nicht. Den hab ich bei der Fahne gelesen: Der hat mich gepackt. Der wird von einer blöden Meute Fischköppe fertig gemacht, so wie ich im 1. Diensthalbjahr. Ein Volltreffer! Aber „Aquis submersus“ ist mein Favorit.
        Da Heyse und Storm eng befreundet waren,schrieben sie auch im Wettbewerb. „Siechentrost“ und „Pole Poppenspäler“ korrespondieren miteinander.

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