Heyse lesen! (IV)

 

Irdische und himmlische Liebe (1885)

oder: Wenn der Kuschelfaktor fehlt

Aufgemerkt! Hier kommt Heyses Highlight! Klar, wir abgeklärt uns für aufgeklärt haltenden Schöpfungskrönlinge der Jetztzeit halten schon die Überschrift für Kitsch der peinlichsten Art.

Aber Geduld, diese 4 Worte erfahren im Weiteren eine recht sinnstiftende Anbindung. Frei nach dem Sesamstraßenmotto: Klingt blöd – is’ aber so.

Wir bekommen von Heyse im Laufe der Handlung 4 Personen vorgestellt und ihre Denkweisen erklärt, so dass wir allzeit in der Lage sind, jeden der 4 zu verstehen, ja uns derlei Leute als Freunde in die nächste Umgebung zu wünschen, obwohl wir erfahren, dass alle 4 NICHT zusammenpassen.

Eine tiefenpsychologisch und soziologische Meisterleistung, dass es hier gelingt, 4 Gegenpole so miteinander zu verknüpfen, dass doch keiner von ihnen den „Schwarzen Peter“ des dauerhaften Unsympathen auf sich zieht.

Sie leben quasi gegeneinander, sind jedoch aufs engste unauflöslich miteinander verwoben.

  • Hier wird zum einen klar, welche Probleme die Prüderie und welchen Dünkel die Ständegesellschaft der 19. Jahrhunderts erzeugte. Wohin nur mit den echten Gefühlen in dieser Zeit der Dauermaßregelung?
  • Hier wird deutlich, wie notwendig eine Reparatur des Rollenbildes von Männlein und Weiblein demnächst sein würde; ohne sofort in Hardcore-Feminismus verfallen zu müssen.
  • Und hier kann um ein Vielfaches mehr mitgeliebt und mitgelitten werden als bei Fontanes abgeklärten Menschapparaten.

Mit dieser Novelle schließt Heyse zu Spielhagen auf. Der Realismusverächter hat hier 4 realistische literarische Figuren erschaffen, die zum Besten gehören, was sich so im 19.Jhd. als Lesestoff finden lässt.

Worum geht’s:

Der junge Geschichtsprofessor Chlodwig, vom Rektor der Universität gefördert, heiratet dessen Tochter Gina. Diese gilt als ewig begehrenswerte Ballkönigin und sei von hervorragender Bildung, jedoch auch ein wenig vom Dornröschenkomplex geplagt, sodass ihr bisher kein Bewerber recht war. Sie sieht jedoch selbst, dass ihre nunmehrigen 28 Jahre ein Alarmsignal sind „alte Jungfer“ zu werden und so erhört sie den 2 Jahre jüngeren Chlodwig. Alles fügt sich aufs Feinste. Die „Brautzeit“ erfüllt beide zunächst bestens, denn beide sind in Liebesdingen unerfahren. Einige wenige Jahre später jedoch ist das Verhältnis der beiden ein abgekühltes sich gegenseitig Achten. Kinder entstanden nicht.

Da besucht der Professor zu Beginn von Semesterferien gelangweilt ein Jahrestreffen der Uni-Absolventen und trifft dort auf die Kellnerin Traud. Heyse erfindet in ihr die Waise eines in Armut gestorbenen immer hilfsbereit gewesenen Landarztes, damit erklärbar wird, weshalb Traud kein ungebildetes „Hascherl“ vom Lande ist, also intellektuell im Gespräch mithalten kann. Beide wollen keine Beziehung, denn sie kennen die Konventionen und die Folgen, aber – es passiert.

Der vierte im Personenkarussell ist Dr. Berndt. Seines Zeichens angestellter Anwalt und Misanthrop mit sehr guten Rundumschlägen auf die Gesellschaft. Der nüchterne Blick des Realisten, der die romantischen Träumereien der Guten und die fiesen Absichten der Schlechten sofort durchschaut, gleichsam auch weiß, dass er an Attraktivität und Protzveranlagung nicht mit den „aufgeblasenen Hans Wursten seiner Branche“ mithalten kann und sich mit einem second hand Leben begnügen muss.

„Second hand girls, second flats, second hand love in second hand beds“.

Tom Waits,Charles Bukowski, Bruce Springsteen, Inga Rumpf, Sido … Heyse erschafft den gebildeten Underdog.

Was genau in dieser Konstellation abläuft, behalte ich für mich. Aber ein anderes Geheimnis sei hiermit gelüftet:

Wie durch einen Gazeschleier wird hier erahnbar, aber eben nicht vollends sichtbar, was sich in prominenten Künstlerfamilien der Zeit ebenso abgespielt hat oder wenigstens abgespielt haben könnte: Geschichtsprofessor Chlodwig, in den Vorlesungen gefeiert und in den Semesterferien historische Romane schreibend – ein überdeutlicher Hinweis auf Felix Dahn. Dieser heiratete nach langer familiärer Rangelei die Nichte von Anette von Droste-Hülshoff, die sehr gebildete Therese von Droste-Hülshoff und verkündete stets, mit ihr glücklich zu sein. Aber Kinder entstanden keine und er war viel alleine unterwegs zwischen Breslau und München.

stormTheodor Storm; Jurist, auf Grund seiner vaterländischen Gesinnung aus dem dänischen Schleswig vertrieben, somit zeitweilig geduldeter Flüchtling in Potsdam und Berlin, nur ehrenamtlich armselig beschäftigt, also zum Schriftstellern gezwungen, um zu überleben, verachtet nicht nur seine bornierten preußischen Kollegen, sondern kommt zu ganz und gar ernüchternden Erkenntnissen über preußische Vorreiterei in Sachen Reichseinigung. Seine Jugendliebe hat er einst nicht heiraten dürfen, als Habenichts und gesuchter Staatsfeind Dänemarks. Als er dann anderweitig verheiratet war und jene Fee von damals Witwe wurde, nahm er sie in sein Haus und lebte nun mit zwei Frauen, worüber sich die Umgebung selbstverständlich das Maul zerriss. Heyse wandelt das ab, aber sein Dr.Berndt übernimmt ebenfalls einen seltsam-heiklen Liebesdienst, um eine Frau zu retten, die er zur rechten Zeit selber nicht haben konnte.

Schließlich Heyse selber: Was Dr. Berndt über Chlodwigs Frau denkt, ist das nicht eventuell die Meinung Heyses über Theresa Dahn? Durchschaut er, dass Dahn ihm etwas vormacht, wenn er stets von seiner Theresa schwärmt, aber zu allen Empfängen alleine erscheint? Oder legt Heyse seine eigene Ehe mit der Tochter des ebenfalls berühmten Dichters Kugler hier als Chlodwigs Ehe an, um allzu erkennbare Spuren klarer Übersetzbarkeit zu verwischen?

Das Problem der unglücklichen Ehe, der arrangierten Ehe, der Heiratspolitik ist kein Adelsprivileg. Es ist DAS zwischenmenschliche Problem der Heyse-Zeit. Die Industrialisierung wirft gerade auf allen Gebieten der Wirtschaft, der Bildung, der Wissenschaft alles durcheinander – soviel Umschwung war nie zuvor; doch die Verkuppelung junger Leute in der bürgerlichen Gesellschaft wurde so mittelalterlich prüde durchgezogen wie eh und je. Die Ehe sollte Familien konsolidieren. Die Liebe gefährdete Existenzen, denn die „krumm-bucklige Verwandtschaft“ wird nun mal immer mitgeheiratet und muss des Rufes wegen dann durchgefüttert werden.

Der Schriftsteller musste das nicht sehen. Er sah die unzureichenden emotionalen Fundamente der Partnerschaften seiner Umgebung.

Amor-sacro-e-amor-profano

Er brütete über einem alten Tizian-Gemälde „Amore sacro e amor profano“, das er folgerichtig seinen Protagonisten über das Sofa hängt: Warum ist das so?

Die bedingungslose himmlische Liebe lädt nackt zum Bade ein. Oder sie strahlt nach einem eben gehabten „Bade“ befriedigt und sich ihrer Nacktheit nicht schämend. Die gezähmte, bekleidet bleibende irdische Liebe schaut verschämt aus dem Augenwinkel, hat tote Trockenblumen auf dem Schoß und eine bescheidene Wasserschüssel zur Verfügung. Amor kann noch so sehr in der Wanne der vollen Verheißung plätschern. Sie wird die Wanne nicht in Anspruch nehmen.

Gina oder Traud?

Amen.

Wäre ich Musiker, würde ich aus diesem Stoff ein Konzeptalbum machen wollen.

Oder als Regisseur einen Oscar-verdächtigen Film in der Art von „Brücken am Fluss“.

Aber  –  es kam halt anders.

9 Gedanken zu “Heyse lesen! (IV)

  1. Schwere Kost, wenn man das alles nicht kennt, da oute ich mich mal wieder.
    Habe aber heute Hölderlin geschaut (Konserve), da hab ich eine weitere Bildungslücke. Aber ich habs geschaut und deines gelesen, die Lücken könnten kleiner werden. Jedenfalls scheint es mir, Hölderlin hat was…. wenn auch etwas älter.
    Die Idee mit dem Konzeptalbum hat was….

    Gefällt 1 Person

    • Hölderlin hab ich auch gesehen. War gut gemacht. Aber auffallend viele Zitate sehr schwer verständlich. Liegt vermutlich an dieser Klosterschule, die Latein als Unterrichtssprache verlangte. Da hat der Arme sich die lateinische Grammatik ins Deutsche geholt und dadurch den Stil versaut. Da ist Heyse wesentlich bekömmlicher zu lesen und vor allem auch weniger langweilig als Fontane. Wenn man nicht gerade die Novellen erwischt, die in Italien spielen. Da erschlagen die Ortsbeschreibungen dann die Handlung.

      Gefällt 1 Person

  2. Eins vorweg: Die Novelle werde ich lesen! Ich hab sie auch schon im Internet gefunden:

    https://archive.org/details/gesammeltewerke22heysuoft/page/n7/mode/2up

    Aber warum entwertest Du sie, indem Du aus ihr einen „Schlüsselroman“ machen willst? Wem interessiert Frau Dahn? Warum entwertest Du sie, indem Du sie „historisiert“? Das Mann eine Partnerin sucht für den Intellekt und eine (andere) für die Erotik (und eine, die kochen kann…) soll auch heute vorkommen. Mit „arrangierten“ Ehen hat das nichts zu tun.
    Ich werde die Novelle lesen, und dann schreibe ich vielleicht eine Skizze „Himmlische und irdische Liebe 2020“!

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    • Wen interessiert Theresa Dahn? Mich. Und mangels Gesprächspartner zum Thema hau ich das in meinen Blog. Is‘ ja meiner.

      Historisieren ist Entwertung? So-so. Nein, Scherz. Dass das in den Augen einer geschichtslosen Masse so ist, weiß ich; dass der Vorwurf von dir kommt, wundert mich. ich bin stolz auf meine Entdeckungen, auch wenn sie niemandem nützen: „Schön, wemmor was wees.“
      Einen „Schlüsselroman“ mach ich nicht aus der Novelle; ich stelle sie lediglich neben Spielhagens „Selbstgerecht“ und „Frei geboren“ in etwa.
      Irgendwann einmal wird mir auch einer der Heyse-Romane in die Hände fallen. Leider kann er so schreiben wie Spielhagen und auch so wie Fontane – und deshalb befürchte ich eine Enttäuschung.
      Dass man eine Frau für dies und eine für das haben will …. hab ich im obenstehenden Zusammenhang gar nicht behaupten wollen, sondern, dass es traurig ist, wenn Ehen „verkopfen“.
      Fremdgehen im 19. Jhd. wäre auch mal einen Blogbeitrag wert.Ist hier aber gar nicht der Schwerpunkt.

      Aber dass hier allerhand drinn steckt, was auch heute noch Problem ist, das ist wiederum sehr wahr.
      Professor, Doktor und Gina denken auf interessante Weise (teils) seeehr aktuell.

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  3. So. Habe die Novelle gelesen.

    Heyse hält sorgfältig seine Gestalten rein von jeder Individualität. Zu diesem Zweck scheut er nicht davor zurück, Klischees zu benutzen. Gina und Berndt sind Karikaturen, Traud eine Skizze, und Chlodwig, durch dessen Augen man sieht, bleibt unsichtbar.

    Aber diese Armseeligkeit ist beabsichtigt. Heyse will nicht über Traud oder Gina schreiben, sondern die Liebe feiern. Der Titel meint keinen Gegensatz, sondern betont mit der Doppelung: Liebe und Liebe.
    Heyse will nur die Liebe feiern. Und es gelingt ihm.

    Es erinnert mich daran, wie mich in Unterleuten Frederiks besinnungslose Liebe in die harte pferdeverrückte Linda bewegt hat.

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