Gillans Voice

Früher, als der Skalp noch dicht war und Farbe hatte, da galten 5 Jahre alte Songs, bzw. – Platten schon als Oldie. Dieser Tage entdeckte ich mir selbst eine 7 Jahre alte CD aufs Neue. Eine aus dem Spätwerk einer historisch relevanten Band. Seither haben diese alten Herren nur eine weitere veröffentlicht. Also ist die vorletzte ja ein aktueller Oldie.

„Now what“ (2013) von Deep Purple war das erste Album ohne John Lord. Ich kaufte es sofort bei Erscheinen, weil: Ich damals krank und zuhause per Zufall mal ins Frühstücksfernsehen hineingezapped bin und den Gillan dasitzen sah. Er erzählte den üblichen Promo-Kram, den man routiniert so von sich gibt:

„Wir hatten wieder Bock. Es lief im Studio wie in alten Zeiten. Die Ideen sprudelten nur so….“

Mit 70, Baby! Ich hatte die Band gerade völlig vergessen.

Bild (16)

Und dann schwenkte die Kamera herum, auf ein Bündel alter Resthaarträger mit Instrumenten vor der Plautze; DEEP PURPLE im Morgenmagazin. Gillan komplettierte das Bild und per Halb- oder Dreiviertelplayback erklang eine Kurzfassung von: All time in the world.

Da hatten sie mich nach langer Zeit mal wieder am Haken.

All time in the world. Alle Zeit der Welt, hat man als alter Sack, der nichts mehr beweisen muss. Mit Glück gelingt dann ein ausgeruhtes Alterswerk. Die großen Pfeiler der Rockgeschichte stehen quasi auf Stahlbetonfundamenten unkaputtbar: Smoke in time, Speedking from Tokyo fools anyone’s daughter black nights in April… so ungefähr. Pflicht erfüllt. Nun nur noch Kür.

Und da ist dann diese Stimme! Eigentlich hörst du deine Immerwiederlieder rauf und runter. Vorwiegend den Sound der Klassenfeten 70er Style; und an jeden Song hefteten sich Erinnerungen. Aber dann und wann kommt der Punkt der Übersättigung: Nein, nicht schon wieder George McCrae „Rock your baby“! Nicht schon wieder Angelface, one way wind, itchiquoo park, Caroline, jelous mind, old days! Hunter? Aufsparen für besondere Tage! Neulich war es auch mal wieder soweit; und dann greifst du ins Regal und erwischt Deep Purple. Eine von 4en. Die „Now what“ (Du ahnst es, Leserlein) „Och nö!“ denk ich noch, da leg‘ ich sie aber schon ein – die Klänge greifen sofort!

Und spätestens, wenn Gillan singt, umarmen mich die 70er eben doch wieder. Und ganz andere Erinnerungen kommen hoch. Es fühlt sich an, wie die Rückkehr eines alten, sehr entfernt wohnenden Kumpels, der nie anruft, jetzt aber doch auftaucht. Du hast einige seiner Eigenheiten vergessen, aber mit einem Wimpernschlag, einem seiner Einhüstler ist alles wieder da: Ein innerer Film startet, der lange nicht gelaufen ist; den du vergessen hast – und der dir nun wieder einfällt. Du findest es wieder schön und staunst über dich selbst, dass es immernoch so ist. Längst sind all die alten Geschmackstiraden obsolet, aber: War’s nicht schön? Das einfallsreiche Lästern?

Deep Purple. Tja. Fantum war es nie. Dafür stand zuviel Störendes im Weg. Es war bei uns nicht anders, als bei unseren Vorgängern. Die Großen sollen in den 60ern ihren Grabenkampf gehabt haben: Beatles oder Stones. Zeitchen später (als Ostrock entstand, anfang der 70er) Renft oder Puhdys. Und bei uns Kleineren dann mitte der 70er eben: Floyd oder Purple. Artrock oder Hardrock. Eine Frage der Religion. Legendenstoff und — Bockmist.

Aus meiner eigenen mit70er Erfahrung leite ich ab: Es wird auch zuvor so krass nie gewesen sein, wie hinterher immer erzählt wird. Klar feierten wir Pink Floyd, the Nice, Omega, SBB, gierten nach Genesis und Yes, verlachten Heeps und Purples Dampframmenstil als Schlosserjacken-Mugge und nahmen sie trotzdem auf. Nicht alles, aber nach dem Nuggets-Prinzip die Highlights, um Bandkapazität für Besseres zu sparen. Aber wir hatten immer beides: Art und Hard. Folk und Pop. Nur wer sich mit Abba erwischen ließ war DRAN! Da ergaben sich dann Running Gags en masse.

Gomm her, mei Dschigididorich!

An Child in time kommt man ja als Artrockfreund eh nicht vorbei, zumal, wenn man es per Live-Version kennen lernt. Die Studiofassung stürzt mit ihrem verpfuschten Schluss ja leider völlig ab!

Und dann erst „April“! (die Frühphase! Schatzgräberinstinkt!)

„Rat Bat Blue“ überzeugt mit dieser halben Bach-Kantate im Mittelteil.

„Smoke on the water“ mit seinem Intro und dem Text.

„Fools“ kocht die Spannung hoch – und ab.

….

Aber dann wieder: rammel-rammel Fireball, space trucking, strange kind of woman…  Was wurde dieser ruckelnde „Highwaystar“ gepriesen! Ach! Irgendwie soll es da ums Rasen gehen. Bloß – der Song rast eben nicht. Er rumpelt. „Born to be wild“ oder „Roll on down the highway“ und „Baaaand on the run“ – DAS sind die klassisch flüssigen on the road Nummern! Da siehst du die Allee vorbeiziehen. Die beide Kastraten-Abgeher von Canned Heat eventuell auch noch: „Goin‘up the country“ und „on the road again“ – yeahr! Aber „Highwaystar“?

„Nogloar doch nur! Da hörste richtch, wie Gillan hochschaldn duht: Ama Hei!Way!Star! 3 Gänge in Sekundn! Fetzt dodal!“

„Nee. Er singds ja selwer. Ar!mer! Hei!Way!Star! Gillan fährd mei Es Fuffzch. Der schalded zwar, oboar s gommd nüschd. Blackmore grummel, grummel. Lord eene Fehlzündung nach dor andorn. Kee Dreif, die Schoose!“

„Oach geh Bing Floid hörn. Die Bennormugge!“

Oder hast du schonmal diesen jämmerlichen „Stormbringer“ durchgehalten, das Lüftchen, das sich als verzagter Furz erweist? Für so manchen 120.-Markkäufer war das Album ein Griff ins Klo.

„The house of the blue light“ und „the battle rages on“ werden heute vermutlich nicht einmal mehr von der Band selbst verteidigt.

Als ich 1975 ernsthaft einstieg in die Musiksucht, war es für Deep Purple gerade zum ersten Mal aus. Die DDR brachte eine Lizenzplatte unter die Ladentische. Best of. Und gemeinerweise unter jedem Titel (from the Album soundso); den Schlosserjacken troppte der Zahn. Mir nicht. Als sie 83 wieder einstiegen, war für mich Hardrock eh ein NoGo. Völlig neben der Spur. In den 90ern, als ich Sampler kaufte, wegen einzelner One-Hit-Wonder-Jugendhits, waren da manchmal weiter hinten Deep Purple Füllsel mit drauf. 70er Werke in 90er Liveversionen: Grottenschlecht gespielt, nicht abgestimmt aufeinander, nur schnell heruntergeknüppelt, als ob der Blackmore schneller Feierabend haben wollte… dann ereignete sich noch der Gau von Weissenfels: Deep Purple endlich live im Osten! Udo war da und fluchte hinterher: „Das hadch mor sparn solln! So eine lustlose Scheise had dä Welt noch nichjesähn! Ey, da sinnja de Buhdys bessor!“ Das Kapitel schien erledigt. Den Blackmore -Ausstieg und die Gründung von Blackmores Night bekam ich noch mit. Über die DP-Reste machte ich mir keine Gedanken.

Dann 1996 eines Tages im Autoradio die Ankündigung der „Purpenticular“; verbunden mit einem Donnerschlag: „Steve Morse scheint nun neuer Stammgitarrist bei Deep Purple werden zu wollen. Seine Handschrift ist deutlich zu hören.“ Steve Morse! Der Gitarrenhexer von Kansas und den Dixie Dregs! Deren „What if“ hatte mich begeistert! Ein Gitarrenfeuerwerk der vertrackten – hooooch interessanten Art! Ja, wenn DER dabei ist… ! Und dann spielten die 2 Tracks hintereinander und – wow! – schon damals gelang diese Mixtur aus antiquierter Fauche-Orgel und Gillan-Voice plus ultra vertrackter Gitarrenarbeit der Amorphis-Opeth-Liga. Genauso muss es sich für Ex-Junkies anfühlen, wenn sie rückfällig werden.

Die „Purpendicular“ musste also dringend her und enttäuschte nicht. Und als Gillan nun 2013 erzählt hatte, dass die Neue „Now What“ heißen würde, da war die Brücke zu „What if“ im Kopf sofort dermaßen gebaut, dass ich bis heute beide Plattentitel durcheinanderbringe „What if“, „So what“, „Now what“, „What else“….  Her damit! WTF! Herrrrlich!

...what else?

…what else?

Die alten Rumpf-Pörpler hatten sich in die Liegestühle geschmissen und Airey und Morse das Komponieren überlassen. Für die Banderkennung würde eh Gillans Stimme reichen, auch wenn die Xylophon und Triangel spielen. Stimmt. Sogar, als er mal kurz bei Black Sabbath aushalf, klangen die plötzlich purplig. So probierten die beiden da gutgelaunt herum, paarten Supertramp mit Kansas, drehten das ganze dann durch den Hall-und-Echo-Wolf und zitierten den Rest schließlich heran: „Los rumpel hier mal ein bisschen Rhythmus drunter.“

Heraus kam so ein 70er-Stil-Hybrid:

Alan Parsons remembers Edgar Allan Poe and goes Yes, aber Anderson flieht und deshalb singt Gillan, weshalb alles nach Deep Purple klingt, während van Halen den Howe verscheucht und sich mit Wakeman duelliert. 

So in etwa hört sich das Werk an. Alles andere als gebrechliches Gewinsel! Von 60-70jährigen Herren! Ansporn. Arschtritt. Fuck the Blues! Raus in die Prärie. Vitamin D her! Zuversicht! Die Gruft kann warten! Thanx for that, Ian!

3 Gedanken zu “Gillans Voice

  1. Child in time …ist schon grosse Klasse, überhaupt diese ganze ArtRock Geschichte, das Zeug konnte ich mir mehr anhören als der pure Krach. Und in der Schule gabs dann im Musikunterricht eine Klassenarbeit zum Thema Deep Purple und das Royal Philharmonic Orchestra …danach musste ich erstmal ABBA hören um nicht dem wagnerischen Grössenwahn zu verfallen 🙂 Heute mag ich die alten Herren wieder, anders als die Stones z.B. Grüsse von Jürgen

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