The opera, the opera…

Da sind nun 2019 Peter Schreier und Theo Adam im selben Jahr von uns gegangen. Riffmaster berichtete bereits. Zwei Giganten des alten Klassik-Kulturbetriebes. Devisenbringer für 30 von 40 Jahren DDR. Wohlgelitten in Salzburg und Bayreuth. Musikhelden meiner Eltern. Und ich lausche in mich hinein – nichts.

Was Riffmaster hinter „wurde ich nie so recht warm“ versteckt, ist vermutlich so ähnlich wie bei mir gewesen:

Der Kick, klassischen Gesang irgendwann einmal zu mögen, kam nie und dass er nach dem 60.Geburtstag noch kommt, ist wohl eher unwahrscheinlich. Instrumentaler Klassik kann ich – Schmalspurwörschn – noch das eine oder andere abgewinnen. Sobald aber einer dieser Herren oder eine jener Damen die Bühne betritt, um zum unvermeidlichen Koloraturen-Krietsch anzusetzen, ist es bei mir aus. Dieses überkandidelte, gekünstelte Silbenzerren wölbt mir die Fußnägel. Es klappte nicht beim Liederabend im Rathaussaal : „Ohain Fiischlein schwoamm im Toichä“; nicht beim „Rosenkavalier“ und auch nicht bei „Tristan und Isolde“. Für den Besuch letzterer Mammutveranstaltung, zu der mich ein Kommilitone 1983 überredet hatte, der gerade sein Klassik-Gen-Erweckungserlebnis gehabt haben muss, hatte ich sogar das Libretto gelesen, um zu wissen, worum es geht, während diverse Notengebirge abgeritten werden: dreieinhalb Stunden, Sitzmuskellähmung, Belcantinnitus horrendix und zu allem Übel – Regieeinfall der besonderen Sorte – Isolde bleibt am Ende stehen! Stirbt nicht! Neuinszenierung! Frauenpower! Ächz.

Jahrzehnte später geriet ich an jene Metalhybriden, wo man Sopranistinnen an the Leathermen mit den tiefergelegten Gitarren ausliefert und zur Steigerung noch den ein oder anderen Höllenfürsten gegen die Gefahr des Humpenzersingens angrunzen lässt. Da stellte ich fest: It works! In the gathering, within Temptation, Nightwish … leider wurde es mitte der Nullerjahre dann arg inflationär. Und besser als klassische Sopranistinnen sind dann eh solch klarstimmige Folkfeen auf der Flucht vor dem Metalgewitter: The third and the Mortal „Tears layed in earth“; bis heute unerreicht! Vielleicht liegt es an dieser „Die Schöne und das Biest“ Kombination; vielleicht auch daran, dass hier die Protagonisten auch annähernd so aussehen, wie man sich so eine Fee und so ein Teufelchen nun mal vorstellt. Wir leben in visuellen Zeiten. Allerdings bereits seit den 50s, seit es Fernseher gibt – und da war es von jeher ein Unding, Schreier und Adam, der Erscheinung nach zwei dicklich-gemütliche Beitragskassierer von der Kreisleitung, irgendwelches Heldenzeugs zersingen zu lassen. Ansatzweise ja maskiert; aber ich hatte dank meiner Eltern, gefühlt alle Adam/Schreier Eterna LPs irgendwann mal in der Hand oder neben dem Plattenspieler stehen sehen: Diese Masken! Diese erkennbar falschen Bärte! Diese auf „böse“ gemalten Augenbrauen über den Pausbäckchen! Und schließlich noch diese sinnfreien Texte, gegen die mir nicht nur einmal „Papa uh maumau, Papa u maumau! The bird is a word“ wie „Faust III“ vorkam! Es war schlicht nicht zum Aushalten.

„O-o-o! So schön und froh! Du Postillion von Longschümoh!“ (in nahezu jeder Wunschsendung der 70er, die alle Altersgruppen bedienen wollte)

„De-här Vogelfänger bin ich ja, … äh?….heißa bei Regen und Wind!“ Ächz und abwink! Welche arme Sau, die von sowas wie Vogelhandel leben muss, trällert dann eine solch „klassisch geschulte Arie“? Ich musste an die Stadt-Assis in der Mitropa oder am Ross-Garten denken: Wie das wohl wirken würde, wenn zwischen deren Gelalle plötzlich jemand dergestalt über seinem Bierglas losschmettern würde: „Ach ich haaaaaaabsie ja nur auf die Schultärrrr geküsst!“ Wetten dass, noch bevor „aberr den Schlag mit dem Fächärrr verzeih ich ihrrrr nicht“ folgen kann, sein Saufkumpan sich prosaisch einschalten würde: „Hädst se ehm glei jefickt!“

Dergestalt waren auch die Gags, die meinen allerersten Opernbesuch anlässlich einer Jugendstunde vor meiner Jugendweihe unvergesslich werden ließen. Die Oper, die es traf, war der Schreifritz – äh – Freischütz. Der Musiklehrer hatte sich Mühe gegeben. Er hatte uns 14jährigen Pubi-Tieren die Handlung verklickert und Tonbeispiele angespielt; dann wurden wir eines Sonntags per Bus nach Leipzig ins Opernhaus gekarrt und harrten dort adrett beschlipst bzw. berockt und dekolletiert (da wo es die Natur bereits zuließ) des Kommenden: Die Sache ging los und zog sich hin. Martin zückte sein Reise-Schach und wir begannen, die Zeit zu füllen – bis die Försterstochter auftrat. Ab da lief die Veranstaltung etwas aus dem Ruder. Die DDR verfügte nicht nur über Schreier und Adam, sondern über allerhand Stimmwunder männlicher und weiblicher Art, aber scheinbar über keinen Nachwuchs; bzw. wer einmal eine Sopranistinnen-Stelle ergattert hatte, der besetzte die dann bis zur Rente. Die Förstertochter, erkennbar anhand der Hörproben vom Tag zuvor in der Schule, war eine Art bezopfter Bud Spencer ohne Bart und gab in einer nachmittäglichen Schulveranstaltung vor angehenden Jugendweihlingen natürlich allerhand her:

„Ey gucke! Das soll de Förschderdochtor sein!“

„Keeh Wunder, dass die kennor will!“

„Doch, der Trällorhans da vorne willse doch!“

„Nää, siehste doch! Deswächen singde ja so lange, der will ooch nich droff off die Muddi!“

„Das isdoch nich de Dochter, ey! Das is de Muttor!“

„Noa! Berndn seine. Beule, deine Muddor singt!“

„Halde Schnauze! Meine Muddor had keene Zöppe!“

„Hähä, oborn Umfang jibbde zu!“

Unsere Klassenlehrerin hatte sich von weiter hinten herangepirscht und zischte nun dazwischen:

„Ecke! Bernd! Andreas! Das ist reif für’n Tadel! Bludgeon, Martin! Ich seh wohl nicht richtig! (Das Schach wurde uns entrissen.) Ebenfalls! Und jetzt benehmt euch!“

Verstummt saßen wir und saßen…und saßen. Martin und ich bald Kopf an Kopf schlafend, und – Peng! Rumms! – aufschreckend, als die „Freikugeln“ gegossen wurden. Special Effekts eben.

„Or! McKennas Gold is Dreck dagechen!“ versuchte es Ecke nochmal mit ner ironischen Erheiterung. Aber niemand wagte eine Reaktion.

(Angemerkt werden muss hier noch, dass sich der eben geschilderte Vorfall 70er Style abspielte. Also eigentlich so leise, dass die Bühnendarbietung nicht gestört wurde, die Pointen leise bekichert, nicht laut begrölt wurden, wie das wohl heute in ähnlicher Situation die „Unnorm“ wäre.)

Was blieb? Nichts. Ein Tadel auf der Zensurenkarteikarte, die wir monatlich unterschreiben lassen mussten.

„The opera, die opera“ war ein Persiflagen-Hit anno‘75, den wir alle sehr mochten; die „Bohemian Rhapsody“ und „Somebody to love“ waren okay, aber sich deshalb jetzt einen kompletten Verdi antun? Oder gar Mozarts höfisches Gehoppel? Nö! Wir lauschten lieber Sängern, die wie Kerle aussahen und auch so klangen; die sich keine Faschingsbärte ankleben mussten, weil ihnen selber einer wuchs – und die wenn doch rasiert – aber so eine kantige Fresse hatten, dass man ihnen das Testosteron immerhin ansah. We ain’t seen nothing yet.

The times, they are a changing. Aren’t they?

Inzwischen schon. „Tosca“ 2018 (wieder Leipzig, wieder Opernhaus, jetzt mit Teleprompter zum Text mitlesen) hab ich wesentlich besser vertragen. Aber in den Player schafft es dergleichen weiterhin nicht.

PS: Zugabe

6 Gedanken zu “The opera, the opera…

  1. Adam und Schreier wurden in den 70ern bei uns zu Hause auch gehört, ohne dass ich damals irgendeinen Zugang dazu fand. Inzwischen bin ich vom Ablehnen übers Leben-und-leben-lassen zum gelegentlichen Gernehören ausgewählter Werke konvertiert. Das Drumrum („Muss man kennen“ „Gehört zum Kanon“ und das Publikum, dass hingeht, um sich zu zeigen) kann ich inzwischen ignorieren und mich auf die Werke selbst einlassen. Da gibt es einige Perlen zu entdecken. Mein Einstieg war Liszt, der mit seinen Sinfonischen Dichtungen als eine Art Erfinder der Filmmusik gilt (die Nazis wussten, was sie an ihm hatten) und somit den Filmegucker dort abholt, wo er steht.
    Mit dem Gesang geht es mir ähnlich. Da bin ich lange zurückgeschreckt und bin auch weiterhin oft irritiert. So zum Beispiel wenn postsowjetische Stimmwunderakrobatik den Text zerstört, oder wenn jemand als Siegfried anmarschiert kommt, der als Othello oder Porgy die Idealbesetzung wäre.
    Guten Rutsch in die 20er!

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    • Gleichfalls alles Gute für twenty-twenty. Tondichtungen! Waren es auch bei mir. Zwar nicht Liszt, sondern Richard Strauß, aber das ist in etwa Progrock auf Geigen. Zarathustra/Sinfonia domestica/Heldenleben konnte ich schon mit 17-18 ganz gut vertragen. Und natürlich Orgelei aller Art…

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  2. Mal wieder selten so gelacht 😀 frohes neues Jahr und so weiter…

    Eine(!) CD mit Koloraturen-Krietsch habe ich tatsächlich im Schrank stehen, zu verdanken ist das Stephen King bzw. der Verfilmung von Shawshank Redemption und genau diese Arie kann ich mir auch heute noch anhören. Ansonsten Klassik nur mit Wumms, gibt schon sehr sehr geile Sinfonien.

    Ich setzt den Videolink mal rein, wenns stört nehm ihn wieder raus.

    http://www.youtube.com/watch?v=qzuM2XTnpSA

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