Querdenker X

Ach Mensch.

„Da mich nichts erlöste, sah ich das Elend ganz.“, schrieb ich neulich in meiner Bob Dylan Übersetzung von „Every Grain of Sand“. Die Zeitform war falsch: Ich seh es immer noch. Und es wächst sich aus.

Dieser Tage ist wieder viel die Rede von Menschlichkeit und Werten. Vater würde sagen:

Jeder redet von dem, was er nicht hat.

Wie passt die alljährliche Jubelmeldung über die 1000 reichsten Deutschen zum Schattengefecht um die Haarspalterei um den neuen Kampfbegriff „Bürgerlichkeit“? Hurra, die neue Nebelkerze ist da!

Jene 1000 Milliardäre repräsentieren den Erfolg der deutschen Wirtschaft! Sollten wir stolz auf sie sein? Mann, waren DIE fleißig!

Beim überteuerte Autos bauen, beim Klima killen, beim Afrika-Ausplündern, beim Brasilien über den Tisch ziehen, beim Cum-Exen, beim Schlauchboote an Libyer verkaufen?

„Klingt jetzt nicht sehr schön; kann man aber auch mal so sehn!“ (frei nach Lindenberg)

Wird man auf ehrliche Art Milliardär?

Wie ist das nochmal mit der „Unbürgerlichkeit“ der AfD?

Gegründet von Professoren für Volkswirtschaft, anziehend für Burschenschaftler und reihenweise Juristen, seit 6 Jahren auf Erfolgskurs.

„Die Populisten greifen die Fragen auf, die die anderen Parteien liegen ließen.“ (Kai Diekmann, MAZ-Interview)

Wer zahlt denen ihre Wahlplakate, ihre Flyer, ihre Luftballons, Kulis …

Ach ja, da war ja jener Kauz in der Schweiz, mit dem die Weidel…

Hitler hatte als Geldquelle ja auch nur Winifred Wagner und ihr Kränzchen; is‘ ja bekannt. Ironie aus.

Ich fress‘ meine Tastatur ungesalzen, wenn nicht der eine oder andere Dax-Vertreter längst über zwischengeschaltete Stiftungen …. Anders ist die Flut des kostspieligen Propagandamaterials flächendeckend nicht erklärbar. Müsste mal recherchiert werden. Hallo, 4.Gewalt! Tschuldigung, manchmal träume auch ich noch.

Wie war das nochmal: Vernunft sollte siegen, als im 17. und 18. Jhd. die Aufklärung vor sich ging. Der Erfolg schien in Europa einer Vielzahl von Staaten recht zu geben. Atheismus ermöglichte die Aufhebung von Denkverboten, Fortschritt explodierte, wie der Besen in Goethes Zauberlehrling. Er schüttet und schüttet nun nicht Wasser, sondern Menschen in die eigene Bude.

Adam Smith hatte damals eine faire Vorstellung von Welthandel: Die einen haben Bodenschätze und die andern das Now How diese zu verwerten, wenn die einen das an die anderen liefern, was ihnen fehlt, ist beiden geholfen. Der Markt wird’s richten. Nicht vorhergesehen hat er, dass die, die das Now how haben, auf die Idee kommen, Konzessionen zu erfinden, mit denen sie quasi Eigentümer der Bodenschätze der anderen werden. Und schon ist nicht mehr beiden Seiten geholfen, sondern nur noch der einen – und die wird daraufhin Milliardäre erzeugen. Oder eben Fluchtursachenerzeuger. Komplexe Geschichte.

„Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ hieß es im hessischen Landboten, im 19. Jahrhundert, als die soziale Frage in Europa immer drängender wurde und jeder Gutbetuchte gut beraten war, zwei geladene Reiterpistolen bei sich zu führen, wenn er im offenen Landauer durch die Stadt fuhr. Eine Schulbuchillustration prägte sich ein: „Friedrich Engels im Elendsviertel von Manchester“. Arbeiter hatten WIRKLICH nichts zu verlieren als ihre Ketten…. Das wurde anders, dank sozialer Marktwirtschaft; die existierte, weil „das Gespenst des Kommunismus umging“. Als es für eine Weile in russischer Knuten-Version real existierte, wuchs der Kapitalismus in seiner gezähmten Version über sich hinaus und gönnte seinen Heloten etwas. Zähne knirschend. Ein Durchschnittseinkommen reichte in der BRD der 70er Jahre für eine 4köpfige Familie, nicht in Luxus, aber gut zu leben.

Als das Gespenst im Osten, an seiner selbstgeschaffenen Liturgie und mangels Führungsintellekt zugrunde ging, streifte der Wolf im Westen sein Schaffell ab. Nicht allzu plötzlich, sondern so Strip-Show-mäßig. Stück für Stück wurde das Monster sichtbar: You can leave your hat on! You know?

1998 wurde „Mehltau“ vom Land geblasen, als Kohl ging. Es kamen „Arbeiterführer“ in Boss-Anzügen. 1999 ließen sie die Katze aus dem Sack: Ökosteuer und Agenda 2010. Das große Kamikaze der Partei des „kleinen Mannes“, die sich plötzlich beraten ließ von den strippenden Wölfen. Glaubwürdigkeit passé. Die Ökosteuer schadete der anderen Truppe nicht. Was folgte, war der Hohn der Auto-Lobby: das Märchen vom sauberen Diesel und der SUV-Boom. Bald kommt die CO2 Steuer. DIE wird’s richten! Ironie aus!

Der Krug geht solange zum Wasser, bis er bricht.

Friday for future. Ein Revival der 80er Ökobewegung? Die Grünen verkaufen es so. Besser als nichts ist es auch. Nur: Wenn die Protestler von gestern morgen ihre Fleppen haben, erben sie Muttis SUV und spenden an „Brot für die Welt“. Frau Merkel lobte Gretas Aktionismus und eröffnete die IAA.

„Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ hat sich abgenutzt. Frau Wagenknecht geht. „Aufstehen!“ erwies sich als Flop. Noch leben selbst „Dauer-Hartzer“ besser, als Vollzeitverdiener damals in Engels‘ Manchester. Und Vollzeitverdiener heute? Solange sie DINKS* bleiben, kann es noch an gehen; lässt sich noch gut leben. Als Kleinfamilie schon nicht mehr. Wenn ein Gehalt wegfällt und die Miete drückt, dann müssen Oma und Opa einspringen, sonst wohnt das junge Glück schnell unter Alkoholikern und – wie sag ich’s stubenrein – Mitbürgern mit erhöhter Wohnraumflexibilität. Klar, dass, wer das weiß, eher auf Nachwuchs verzichtet. Bleibste eben DINKS-Pärchen*. Kannste noch auf Kreuzfahrt gehen.

Die Politik schläft fest. Oder jammert lieber über den Generationenbaum und preist die Ankunft der Arbeitskräftereservearmee von außerhalb als Traumlösung an. Niemand bekämpft Neoliberalismus! Eine große Gemeinsamkeit aller vorhandenen Parteien!

Als in den 80ern die heutigen Milliardärsfamilien auf den Dreh verfielen, die Hochlohnland-Gehälter dadurch zu umgehen, dass sie den Kolonialismus 2.0 erfanden und z.B. in Bangladesh nähen oder in China schrauben ließen, begann der Totentanz der Arbeiterbewegung; gewerkschaftliche Bemühungen um soziale Verbesserungen wurden aussichtslos. Ruuuuhig! Der Markt wird’s richten!

Schon. Aber eben nicht für alle. Armer Adam Smith. Rotierst du im Grab?

Warren Buffet: „Es ist derzeit ein Kampf „arm gegen reich“ – „reich“ gewinnt.“

Je internationalisierter die Produktion, um so aussichtsloser die Organisation der (internationalen) Massen der abhängig Beschäftigten zur Gegenwehr. Der proletarische Internationalismus war eine Mär. Der Sieg der bürgerlichen Vernunft ist es auch. Und ne Vermögenssteuer ist doch nu wirklich ein Verbrechen, nicht wahr? Aber auf die CO2 Steuer freuen wir uns. Alles wird gut. Ironie aus.

* DINKS = Double income no kids

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5 Gedanken zu “Querdenker X

  1. Eigentlich reicht ein Wort, um diese Entwicklungen zu erklären: Globalisierung.
    Die wurde nämlich erfunden, um die entscheidenden Kapitalakkumulation zu erleichtern.
    Tausend deutsche Milliardäre sind bis auf zwei, drei Ausnahmen allenfalls dritte Liga im Verbund der wirklich (materiell) reichen Menschen. Man schätzt, dass fünfzehnhundert Figuren die Welt gehört. Der im Text erwähnte Warren Buffet gehört selbstredend dazu. Seine zitierte Aussage ist im Kontext des unbedingten Glaubens der WASPs* an ein Armageddon und die „chosen few“ zu verstehen.

    *WASP = white anglo-saxon protestants

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  2. Jaaa!

    Ich hab gestern beim Aldi geparkt, um mich herum lauter Mordskarren SUV und direkt daneben ein Porsche, mein kleines Auto hätt locker auf dessen Beifahrersitz gepasst, der kostet soviel Geld, daß wir wahrscheinlich unser Dach richten und Brennholz für ein paar Jahre kaufen könnten, groß wie ein Kreuzfahrtschiff und einen Protz ausstrahlend, den ich einfach nur verwerflich finde und dann steigt so ein ganz junges Bürscherl aus … woher hat so ein junger Mensch schon soviel Geld…ich mag das nicht, was da allein auf den Straßen für ein unermeßlicher Reichtum herumgefahren wird. Und ich mag es nicht, daß Menschen so unglaublich reich sein dürfen, wenn Millionen nicht wissen, wie sie ihre Kinder vorm Verhungern retten sollen…ach ja ich weiß schon, PolemikPolemik
    Gruß

    Gefällt 1 Person

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