Querdenker IX

Die DDR erfand, als sie um 1981 herum nicht mehr weiterwusste, den Friedenskampf als Nachweis für Daseinsberechtigung, trotzdem im Inneren bereits alles zusammenbröckelte.

Warum habe ich dieser Tage ein weiteres Mal ein Deja vu?

Die EU betreibt Wahlkampf. Diesmal mit eigenartigen Wahlhelfern und sogar live in der Provinz. In ostdeutschen Gemeindesälen tauchen bisweilen Anzugträger aus Straßburg und/oder Brüssel auf. Adrett, manikürt, frisch gebügelt, parfümiert, sitzen sie dann auf Podien und gewähren nach narkotisierenden Einführungsmonologen dem Volke eine Fragestunde.

Sie können sich sicher sein, dass das provinzielle Bildungsbürgertum sehr devot die ein- oder andere Scheinfrage stellen wird, für die die bewährten Floskeln abgespult werden können. Wie immer wird sich dann irgendein als Ausnahme anwesender, frustrierter Nichtgewinner der Globalisierung wagen, den Phrasenkonsens mit einer derben Frage aufzubrechen; jedoch des Redens vor Publikum nicht trainiert und verblüfft über die eigene Courage, wird er es nicht bei der Frage belassen, sondern gleich weiterabspulen, was er alles dazu selber weiß. Und so wird es ein Leichtes sein für die Boss-Anzüge, die Schrecksekunde zu überwinden und mit dem Hinweis auf Verschwörungstheorien, böse Populisten und gar -ts-ts-ts- all diese Lügenpressevorwürfe den armen Mann in seinen Alltagsfrust zurückzuschicken:

„Der Binnenmarkt ist doch win-win für uns alle, nicht wahr? Oder kaufen Sie nicht bei Amazon?“

Alles will sich nach dem Aufrappler grade wieder zurücklehnen, um der Eröffnung des aufgebauten Schnittchen-Buffets entgegen zu dämmern, da erhebt sich noch einer und entpuppt sich als informierter Besucher:

– Was sagen sie zur Existenzvernichtung für Bauern, Fischer und Textilhersteller in Afrika durch EPA, das von der EU injiziert wurde, um all unsere unverkäuflichen Überschüsse dorthin profitabel entsorgen zu können?

– Warum wurde nicht vor der Krise über die Inhalte des Assoziierungsabkommens mit der Ukraine informiert?

– Wie erklären Sie die scheinheilige Informationspolitik der offiziellen Medien zu CETA und TTIP?

Auf dem Podium gehen die Augenlider und die Mundwinkel für ein-zwei Sekunden auf Halbmast, sofort aber kommt Strategiepunkt 2 zur Anwendung. Mit scheinheilig wohlwollendem Lächeln wendet man sich dem Sprecher zu, um gleich über ihn hinweg zu sehen und ins Publikum zu fragen:

„Danke für diese wichtigen Fragen. Wir sammeln erstmal weiter. Ich sehe da hinten noch eine Wortmeldung.“

Wie zu erwarten folgt Ungefährliches: Wann sorgt die EU für mehr Altenpfleger, oder mehr Rente, oder weniger Bürokratie….

Die in Aussicht gestellte Beantwortung entpuppt sich als die Wiederholung der Einleitungsmonologe, verbunden mit dem Hinweis, dass „wir uns doch alle einig sind, hier im Raum, dass der Frieden in Europa wichtig ist und ein Verdienst des erfolgreichen europäischen Vereinigungsprozesses sei und dass doch niemand mehr beim Reisen an Schlagbäumen aufgehalten werden möchte.“ Amen.

Ein Pflichttermin wurde abgehakt. Alle Beteiligten waren mit den Schnittchen zufrieden.

Augen auf beim „Vertrauen verschenken“ am 26. Mai!

„Würden Wahlen etwas ändern, würden sie verboten.“ (Kurt Tucholsky; berüchtigter Verschwörungstheoretiker der 20er Jahre)

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3 Gedanken zu “Querdenker IX

  1. Hm … Dein Anliegen ist gut nachvollziehbar … dennoch, Deine kulturpessimistische (bzw. politikverdrossene) Sichtweise ist mir zu eindimensional.

    Auf solchen Veranstaltungen kann es nicht ausbleiben, dass es plakative Antworten gibt … Vertiefte Antworten und Analysen wird man da kaum bekommen können, denn all diese berechtigten Fragen führen zu schon sehr komplexen Antworten. Ich vermute mal, das Wahlvolk will auch gar nicht in diese Tiefen einsteigen, denn das wäre ja fatal für das eigne Lebensgefühl.

    Oder: wer will sich wirklich bewusst machen, dass unser Wohlstand u.a. auch der brutalen Ausbeutung anderer Regionen dieser Welt basiert ?

    Wer sich wirklich intensiver mit diesen Fragen beschäftigen will, dem bleibt nichts anderes übrig, als andere Quellen zusuchen.

    Und natürlich gibt es sehr wohl Parteien bei uns, die versuchen kein plattes Europabild zu entwerfen.

    Im übrigen weiß ich auch aus eigener Erfahrung, dass es nicht einfach ist, auf solchen öffentlichen Veranstaltungen differenzierter zu referieren. Ich erinnere mich z.B. nur zu gut an meine Vorträge in den 80er Jahren über Alkohol- und Drogenmissbrauch … da wollten Eltern wie Politiker auch keine differenzierten Antworten … die gaben sich mit meinen „Binsenweisheiten“ zufrieden.

    Manchmal habe ich das Gefühl, die Komplexität unseres Leben überfordert viele Menschen.

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    • Ich muss dir recht geben: Wie sagte schon Arno Schmidt in den frühen 50ern: „Und sowas darf auch wählen!“, als er Ohrenzeuge von dummem Geschwätz während einer Bahnfahrt wurde. Stellt sich nun nur die Frage: Wieviele solcher Potemkinschen „Informations“-Veranstaltungen brauchen wir?
      Okay, die Schnittchen. Man muss die „Landfrauen“ loben!

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  2. Schnittchen halten das Leben zusammen…oder die Sushihäppchen bei der Ausstellungseröffnung…die Themen sind da eher zweitrangig …Hauptsache es schmeckt….aber mit leerem Bauch wählen gehen war noch nie gut…Zu diesen sog.Infoveranstaltungen kann man seine Meinung haben…ich werde trotzdem wählen gehen…es ist immer noch das kleinere Übel ! LG Jürgen

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