Winnetou-Melodie

Wenn dich deine Eltern spüren lassen, dass du nicht geplant warst, dann nennt man das Schicksal. So lernt man für sich selber diesen immerwährenden Daueranschiss zu verkraften. Manchmal ereignen sich seltene Trostmomente. Den Eltern fällt auf, dass es mal an der Zeit sei, dir was zugutekommen zu lassen. Irgendwie müssen sie bemerkt haben, dass die Gleichaltrigen davonziehen; mehr vorweisen können als der eigene Sohn.

Im schönen Sommer 1976 komme ich zu Udo und der präsentiert mir mit tellergroßen Glücksaugen ein intaktes Smaragdtonbandgerät (früh60er Jahre Bauart; noch mit Röhren) mit 20 vollen Tonbändern. Sein schwächelndes, leierndes URAN-Tonbandgerät ist bereits entsorgt.

Die Anschaffung dünkte dem Vater vermutlich preiswert, da das Gerät gut 15 Jahre auf dem Buckel hatte und nicht mehr „die Welt“ gekostet haben kann. Aber es war groß wie ein Fernsehapparat und hatte 9,5er und 19er Geschwindigkeit. In unseren Augen also eine „Studio-Maschine“.

Zu den 20 Bändern gibt es kein Verzeichnis. Wir erstellen eins. Mehrere Tage hänge ich nun bei Udo ab, denn die Erkundung dieser archaischen Anschaffung macht Spaß, erweitert Horizonte, lässt über manche Klänge rätseln, wer das so in etwa sein könnte. Udo will anschließend, die interessantesten Funde mit Hilfe meines Gerätes auf einem Band, oder eventuell zweien vereinigen, um auf den anderen Platz zum Löschen zu haben.

Der Klang ist dumpf, aber bullig beeindruckend, also nicht im Sinne von „schlecht“ zu verstehen.

Zu den ersten Funden gehören „Death of a clown“ (Endlich! Als das im „Musikladen“ als Oldie gewann, hatten wir noch den Fernseher ohne Diodenbuchse!), dann Arthur Browns „Fire“ und „Jumping Jack Flash“(live) mit kurzer Ansage von Jagger: „We bring you now this one!“ Somit wissen wir nicht, wie der Song heißt. „Gas, gas, gas“ oder „Crossfire hurrican“? Dann folgen „Pretty Woman“ von Roy Orbison; (In dieser basslastigen Variante ein nie wieder erreichter Ohrenschmaus. Ich trauere diesem Klangerlebnis bis heute nach!), „Only you“ von den Platters; „Gimme that ding“ (Interpret unbekannt; später stellt sich heraus, dass das ein erster Gehversuch von Albert Hammond war), „My Dingeling“(live; Chuck Berry spät und versaut; für DEN Text reichen unsere Englischkenntnisse bereits!) und gleich zuvor oder hinterher auch „Je taime“ wonnomplüüüü – für 16jährige Musikarchäologen ein Volltreffer.

Schließlich noch „A hard days night“ als „dritte Neuvorstellung in dieser Woche“ aus irgendeiner vorsintflutlichen Hitparade. Die Moderatorenstimme kennen wir schon nicht mehr. Wir strahlen bereits beide um die Wette, aber dieses Fetzchen Zeitgeschichte kommt uns vor, als hätten wir eine neue Urmenschenart oder ne Nummer kleiner eben – das Bernsteinzimmer entdeckt! Uralter Beatlesscheiß als Neuvorstellung! Somit erleben auch die wieder ein Revival für die nächsten Monate! Ein paar Songs später folgt ein Instrumental, das wir in Zukunft hoch verehren werden, weil es niemand kennt, wir somit „DIE KENNER“ sind: „Psycho-Rock“.; der ebenfalls unbekannte Moderator sagt den Titel hinterher ab und nennt als Interpreten einen „Sir Henry“; was wir dankbar in die Liste übernehmen. Jahrzehnte später wird sich herausstellen, wie sehr er nuschelte, denn „Sir“ Henry war „Pierre“ Henry.

Höhepunkt aber ist eine ca. 3minütige Filmmusik, bei der ich sofort die Kanu-Fahrt von Gojko Mitic als Chingachgook vor Augen habe. Da auf den Bändern aber keinerlei Ostmusik vorkommt, muss auch das was aus dem Westen sein. Also ist es „die Winnetou-Melodie“ –  behaupte ich selbstsicher. Das MUSS was Indianisches sein! Kein Zweifel.

Knapp daneben. Wie sich Jahre später, bei Erscheinen der AMIGA-Quartett-Single, herausstellt, war es das Schatz-im-Silbersee-Thema.

Neulich starb 92jährig Martin Böttcher. Riffmaster erinnerte an ihn; den Mann, der den Soundtrack zum Karl May Schmökern schuf. Musik, die auch dann noch gefallen kann, wenn man melancholisch feststellt, dass die Filme, für die sie erschaffen wurde, reichlich Patina angesetzt haben und inzwischen schwer erträglich sind.

Leg ich heute Böttcher auf; die Winnetou-Soundtracks in Originalabmischung; ( VORSICHT! Neueinspielungen ohne Flair gilt es zu vermeiden!) fährt nicht mehr nur Gojko Kanu, sondern da sitzen auch regelmäßig zwei langhaarige Spackos mit roten Ohren unter den Mähnen vor einem alten Smaragd…

Seufz. Schee wars. Schee.

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4 Gedanken zu “Winnetou-Melodie

  1. Sehr schön,
    so ein Tonband wollte ich auch immer haben…hier im Westen musste es natürlich Revox sein…oder Revox für Arme…also Technics aus Japan..staunend stand ich im Hifi Studio vor so einem MonsterBandgerät…aber als Schüler…blieb nur die kleine Bandversion, sprich Tape Deck und Cassette …dann aber wenigstens ein Philipsgerät, das zweitbeste…2 Sommerferien dafür gearbeitet und gespart und dann stolz wie Bolle…
    Grüsse von Jürgen

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  2. Feine Erinnerungsgeschichte.
    Mir fiel dabei sofort wieder der Kauf beim einem Herrn in Frankfurt ein. Toningenieur in Frankfurt. Und bei wem wohl angestellt? Der bot einen ganzen Haufen Bänder auf 26er Spulen an. Per Zeitungsinserat. Zuviel für einen armen Studenten wollte erhaben. Für zwei Studenten aus einer WG und ein wenig Preisnachlass wurde das Geschäft durchgezogen.
    Auch da waren damals Entdeckungen fällig von vergangenen Sendungen von teilweise eigenen Produktionen des Senders, die einem den Mund offenstehen liessen…

    Gefällt 2 Personen

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