Nach dem letzten Glas

Heyyyyyyyyy. Die beste Pladde kommt zum Schluss.

19 neue Kleinodien. Die Gitarren irgendwo zwischen dem verzerrten Müllmännerblues a la Tom Waits und den gut abgehangenen Zufalls-Licks eines J.J.Cale, wie schon auf dem Album zuvor; aber alles noch einen ordentlichen Schluck melancholischer. Die Stimme tonlos vor sich hin lamentierend. Zeile für Zeile sitzt! Ja; da ist er wieder.

Sieben Jahrzehnte hat’s gebraucht für dieses Tiefgang(doppel)album ohne Graupen!

Er liebäugelt mit „der letzten Kurve“. Die Gitarren sind gestimmt für den ersten Treff mit Hank Williams, da oben, wo alles geht, sagen sie. Den schwarz gefärbten Inhalten blieb er treu.

Außerdem hier und da bissl Dobro, bissl Geige, Dylan-Hurrican-Memorial-Sound!

„Die letzten Drinks, die sind getrunken, die Bühne, die ist leer, nichts geht hier – in diesem Lande – mehr…“

Jaaaaaaa. Meister der Andeutung. Zeitgeist-Erfasser. Da isser wieder.

Als ich einst loszog, war er da und vertonte mir die Orientierungkrise des beginnenden Twen, wie ansonsten nur Georg Danzer. Die eben erworbene Selbstsicherheit, die Down-Phasen, oder beides in einem, wie das eben nur zwischen 21 und 25 so geht, flirting with desaster…

„Sag mal Engel! Ist es da oben besser als hier? Oder nervt ihr euch gar noch schlimmer als wir?“

Die Fahne überlebt und ins Studentenwohnheim eingeritten mit „Interzone“ und „Neubauten“-Sound, mit den Raumteilern Renft von Kassette und Pankow auf der Bühne gefeiert. Die eigene Trinkfestigkeit bestaunt. Das Studium als Witz erkannt. Es ging verführerisch einfach. Alles, was die wollten, wussten wir schon. Von ein paar Organisationstricks für die spätere Arbeit einmal abgesehen. Ein paar sehr interessante Vorlesungen unter sehr vielen langweiligen, konnten genossen werden. Wenn’s leicht fällt, brauchts keine Kurskorrektur – für all jene, die nur im heute leben. So einer war ich nie. Deshalb kam er mir zupass.  Der sanfte Rebell. 4 Jahre Penne, 18 Monate Asche, 4 Jahre Studium – alle bisherigen Etappen waren von überschaubarer Dauer. Die, die dann kommt, ist ein Ozean aus abzudienender Zeit!

„Der Blues, der kam heimlich und holt uns heut ein. Wenn es so sein soll, dann soll es so sein!“

An Warnungen hat es zuvor nicht gefehlt. Du bist doch keiner von dieser Art. Du wirst nicht in diese Branche passen. Deine Denke ist nicht die von denen…

„Was soll ich noch sagen? Es geht mir gut?“

Eigentlich durchaus! Die perfekten Jahre 82/83 wollten genossen werden.

1984 deutete sich das fading out an und pünktlich zum Umbruch gab es wiederum Tonsignale von ihm:

„Sonne und Feuer! So lang Tabu! Wir küssen die Nacht nur ich und du!“

Abschied für die Zeit im Paradies Leipzig. Umschwung. Überdruss. Entfremdung. Verbannung.

„Ich war doch für euch nur der treue Husar. Heut leg ich mir andere Träume auf meinen Altar.“ (aus „Ragazzi di Strada“ 1984 von der „Tabu“)

Im Wohnheim wurde ein West-Sampler herumgeborgt, auf dem Satchmo den „treuen Husar“ sang. Manchmal geschehen Dinge parallel, als ob sie von oben geplant worden wären: Da wollte jemand, dass ich diesen Song verstehe.

Zeitchen verging. Mörderlich langes Zeitchen. Immermal wieder tauchte er im Radio auf und prompt umgab mich, wo immer ich gerade war, das Mobiliar des Studentenwohnheims, die enge Medi-Disco, der „Schwarze Jäger“, der „Jörgen Schmidtchen“…

Nicht nur er, der alte Wolf, wurd‘ langsam grau.

Sondern auch ich komm immer seltner aus dem Bau…

Die alten Knochen tun ihm weh. Statt Bourbon trinkt er Grünen Tee.

Das ist nun auch schon eine Weile her.

Nun, da „die letzten Kurven“ näher rücken, kommt er nochmal stärker denn je zurück.

Diesmal schlagen die Songzeilen NOCH präziser ins Hirn als einst beim treuen Husar:

aus der zeit gefallenÜber 50 musste ich werden, damit ich die Story von Bob Seger‘s„Mainstreet“ komplett verstehe. Ich scheine da was gemeinsam zu haben mit meinem musikalischen Begleiter, denn ihm gelang -erst jetzt- ein Antwortsong auf die dort beschriebene Situation. Zu spät, um noch Hit werden zu können. Unsere Epoche ist um. Rory, Johnny Winter und J.J.Cale sind tot, Johnny Cash und Bowie ebenfalls. Clapton und Collins fast. Lindenberg peinlich. Mey verstummt. Bob Seger macht noch Musik, ohne in Europa wahrgenommen zu werden.

Und seine angehimmelte Table-Dancerin von einst ist immer bei den falschen Typen gelandet, weil die beständigen zu schüchtern waren, sie anzusprechen. Während manch kleiner Held seinen ersten Schwarm ungeküsst nach Hause brachte, irgendwo da draußen, „down on mainstreet“. Lang, lang ist’s her.

„Nur wer hier zurückbleibt, ist allein. Der Rock&Roll ruft seine Kinder heim.“

Danke, Stefan!

8 Gedanken zu “Nach dem letzten Glas

  1. Einer der letzten Dionausaurier stapft durch das Heute und kaum einer hört noch hin…das ist typisch für den armen Dino…es braucht jetzt noch 20 Jahre und eine neue Generation die dann die alten Helden und ihre Songs wieder ausgräbt…uns bleibt nur ihre und damit unsere Geschichten hochzuhalten …und wir merken daran das wir auch alte Säcke werden 🙂
    Grüsse von Jürgen

    Gefällt 1 Person

  2. Pingback: doin‘ records days and nights… | toka-ihto-tales

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