Fehler im System V

oder: Die Prinzip-Saga

„Prinzip find ich aus Prinzip schon scheiße.“ Ich weiß nicht, wie oft ich mir diesen Satz schon erzählen lassen musste. Erfunden haben soll ihn, der Legende nach, Stefan Diestelmann, der große dicke Märchenonkel des ostdeutschen Blues.

Es gab faktisch niemanden, der sich dazu bekannte, Prinzip zu mögen. Sie schienen keine Fans zu haben. Aber das kennt man ja:

„Zu McDonald? Da geht man nicht hin!“

„Dallas? Denver Clan? Das guckt man nicht!“

Oder neuzeitlichere Verleugnungsvarianten:

„Bachelor gucken? – Iiiii!“

„Katzenberger? Geh mir weg!“

Warum machen die nur alle weiter, wenn’s doch niemanden interessiert?

Mit Prinzip war das genauso. Die gab es von 1973 bis zum Ende der Täterätätä. Die hatten 3 LPs, die keinen Staub ansetzten – aber:

„Du willst mich doch verarschen! Du? Du stehst of Brinzip? Echt jetz‘?“

Dank meines pubertären Alleinstellungsmerkmals („Bowie-Fan“ und „Jethro Tull Verächter“) war mir der Geschmack der Meute frühzeitig schon egal.

Christian und ich waren etwa gleichzeitig auf den „Feuerrock“ gestoßen. 1978 war das das härteste, was in der DDR zu kriegen war, als Single. B-Seite „Supernummer“. Oder andersrum. Texte doof, aber Gitarre – GEIL! Wie schon andernorts beschrieben: Looking for Punk – but Punk was rare!

Dann kam „Ende der Nachtschicht“ heraus und wir hatten eben diese im Leuna-Praktikum der 11. Klasse. Das passte wie Faust auf Auge! Die erste LP erschien, aber die kaufte nur Christian.

Zeitchen verging und wir wurden einberufen. Christian an die U-Schule Prora. Ich bekanntermaßen -dichte bei- ins „Regiment nebenan“. Er erlebte Prinzip live und schwärmte. Ein halbes Jahr später kamen sie auch in „mein Objekt“, ins dortige Mannschaftskino und rockten das Haus. Die damalige 4er Besetzung hatte noch keinen Solosänger. Rainer Kirchmann drückte hier noch die Tasten, bevor er zu Pankow wechselte und Jürgen Matkowitz war quasi Sänger und Gitarrist in Personalunion. Er schaffte das aber ansatzweise wie St.Rory im Rockpalast. Er bewegte sich also und verlieh der Show dementsprechenden Dampf; Funken sprangen über und ein paar hundert Wehrpflichtige in Uniform standen im Kinogestühl, erzeugten Dauerapplaus und grölten die Refrains: Booooorn tubiweiheild! Aber auf dem Weg in die Unterkünfte machtense alle wieder brav „Männchen“ vor jedem Sacki-Pickel, der ihnen entgegen kam. Bludgy inclusive. Klar, dass ich bei erster Gelegenheit ihre gerade erschienene 2. LP „der Steher“ kaufte und im Wechsel mit „Eat to the Beat“ von Blondie (aus’m Shop) durchsichtig spielte, wenn ich „auf Urlaub war“, was in der NVA bekanntermaßen selten genug geschah.

DER STEHER

Die Platte wurde in zweierlei Besetzung eingespielt, weil mittendrin der Kirchmann ging und Ralf Bummi Bursy, der ehemalige Regenbogen-Held der 950-Jahr-Feier, den Matkowitz von der Singerei befreite.

Sie enthält kurze knackige Stücke, die zumeist den immerwährenden Ärger mit dem anderen Geschlecht aufarbeiten; die Refrains allzeit mitgröl-kompatibel. Für die Glanzpunkte sorgen „Sonnensage“ und vor allem „Liebesfilm in Farbe“. Der hat diesen Stranglers-Bass und einen sehr guten Text; und haut mit seinem Arrangement ähnlich aus dem Repertoire der Band heraus wie „Golden Brown“ bei den Würgern. Die „Sonnensage“ ist fast schon Prog und somit der größte Kontrast zu den übrigen Abgehnummern. Da Kirchmann auf der A-Seite mit „Vorspiel“ und „Zwischenspiel“ zwei Instrumentals beigesteuert hat, bildet letzteres eine Art Intro für die „Sonnensage“ und steigert somit die pathetische Wirkung. Der Text allerdings schrammt hart an der Peinlichkeit vorbei.

Dann war da noch der „Presslufthammer Conny“. Klar „Presslufthammer B-B-B-Bernhard“ von Torfrock stand Pate, verlor aber seinen pointierten Inhalt gänzlich. Musikalisch gucken dafür The Jam oder gleich die Pistols aus jeder Ritze.

Der eigentliche Gag der Platte allerdings ist das letzte Stück der B-Seite: „Der Abschied des Musikanten“. Ein seltsamer Singsang. Mehr gesprochen als gesungen. Von einem Bandmitglied, das sonst nicht singt. An irgendetwas erinnerte mich dieser Song von Anfang an. Es musste irgendwo in der Rockgeschichte ein Vorbild geben, das mal im Radio gelaufen war! Aber ich kam nicht drauf. Viele Jahre nicht. Dann fiel die Mauer, die Zeit der Nachholkäufe begann. Eines Tages kam ich mit Kiss’ns „Destroyer“ heim, („Detroit Rock City“ ist ein MUSS!) legte sie auf und da – auch am Ende von Seite zwei: Beth! Gesungen vom Drummer. Haben es diese Burschen doch tatsächlich geschafft, noch mitten in der Mauerzeit, eine Kiss-Spur zu legen! Auf erlaubtem Vinyl von AMIGA! Die bösen Kiss! Noch heute beim Niederschreiben muss ich grinsen, wenn ich mir vorstelle, wie die Band mit todernsten Gesichtern all den alten Genehmigungsautoritäten ihr LP-Konzept vorlegte.

gods of thunder

gods of thunder

Während der Studienzeit erlebte ich sie:

  • Live at the Kindertheater (glaub ich) (’81)
  • Live at the „Jörgen Schmidtchen“ (82 oder 83)
  • Live at the Messehalle 2, heading „Pop-Messe‘82“
  • Live at the Messehalle 2 „Pop-Messe‘83“, Vorgruppe von OMEGA! (letztmalig in GDR!)

Die Bude immer voll, aber:

Prinzip? Nä! Die darf man doch nicht mögen!

Woher kam das?

DIE BANDGESCHICHTE

Prinzip waren ein live-Phänomen, intensiv rockend, pure Energie! Aber eben always eher Hardrock/Prä-Metal und dafür gab es lange keine feste Szene. Als in den 80ern dann eine entstanden war, galten sie den „Metalheads“ wegen ihrer Herkunft aus den frühen 70ern schon fast als „Staatsrocker“, denn die hatten ja LPs! Pfui! Sowas wurde ja nur durch Anbiederung möglich! Die fuhren dann nach eigener Auskunft eher auf Fomel 1 (die DDR-Iron Maiden), MCB (DDR-Motörhead), Hardholz oder MacBeth ab. Führten ihre von der Oma aus dem Westen mitgebrachten Stachelgürtel und Motorradjacken aber ebenso gerne zu Prinzip-Konzerten aus.

Matkowitz wollte rocken, auf Teufel komm raus. Jedes Mittel war ihm recht. Als Jungspund war er um 1971/72 herum eingesprungen, als ein gewisser Cäsar von Renft zur Armee musste. Als der wiederkam, musste Matko wieder weg, fand Unterschlupf bei der Uwe-Schikora-Combo, die sich aber urplötzlich zur Frank-Schöbel-Begleitband wandelte: Schlagerscheiß. Also Ausstieg auch da und in Triobesetzung „Prinzip“ gründen. Denn sie wollten rocken aus Prinzip. Wie wird man bekannt? Man muss ins Radio! Wie kommt man dahin? Man braucht einen oder mehrere Texte von diesen genehmigten Berufstextern, damit man keinen Ärger mit der Zensur bekommt: Her mit solchen Texten – aber die waren teuer. Also nahm man’s, wie’s kam. „7 Meter Seidenband“ und ähnliches Zeug. Das hatten Demmler und Co sicher nochmal aus dem Papierkorb gefischt, um es dieser jungen unbedarften Truppe da anzudrehen. Und so sollte es jahrelang bleiben.

Immerhin erlangte die Republik so Kenntnis davon, dass es dieses Trio gab – und wenn sonst nichts los ist auf dem „Pressefest“ oder im „Klubhaus“ – vielleicht kommen ja wenigstens Prinzip vorbei. Die spielen dann geil nach: Steppenwolf, Rainbow, AC/DC und ihren eigenen Kram…

Zum Ende der 70er wurden die Texte besser, nicht immer, aber immer öfter. „Feuerrock“ und „Supernummer“ sind lyrisch betrachtet noch zum Fremdschämen, aber „Ende der Nachtschicht“ greift schon echtes Alltagsleben treffend auf und passt zu „Paule Panke“ und ähnlichen zeitgleichen Erscheinungen. „Weit ist die Straße“ hat sogar eine Spur „Wolfsmond“ intus. Moped cruising von Giekau nach Boblas sozusagen. „Deutschlandtournee“.

Und ich kann bestätigen: Müde wirkten die nie! Was durchaus ein Phänomen ist, denn um die 200-250 Konzerte pro Jahr waren normal! Da könnte es schon passieren, dass einem das eigene Repertoire zum Halse raushängt! Aber manche Berufsmusiker haben eben Hornhaut auf den Trommelfellen. DDR-Bands fuhren die sogenannte „Rundbespielung“: Die einen im Uhrzeigersinn durch die „Rock&Roll-Höhlen“ der Bezirke und die anderen entgegengesetzt.

„This Land is your Land, this land is my land; from Iron-Mountains to Rugen-Island…“ (geklaut aus dem Film „Sonnenallee“)

DAS ERLEBNIS

Leipzig begann ’82 sich „Pop-Messen“, eigentliche „Rock Festivals“ zu leisten. Aber „Rock“ war ein verpönter Begriff des Klassenfeindes, deshalb musste der irreführende Name „Pop-Messe“ geboren werden.

  1. Act: Pankow
  2. Act: Prinzip;
  3. Act: Hansi-Biebl-Band.

Der eigentliche Headliner wäre also Biebl gewesen, jedoch arrogant-misantropisch wie immer, mit Auftrittsverzögerung und keinerlei Publikumskommunikation, brachte der nur sein Minimalpensum zu Gehör. Machte aber nichts, denn vorher geschah folgendes:

Pankow, damals Sensationstrupp mit „Paule Panke Programm“, eröffneten. Das Volk ging mit. Wir 3 hatten Vorlauf. Weil wir das Stück bereits kannten, konnten wir die Refrains immer ein Sekündchen früher anstimmen, bzw. gleich beim ersten „Pause-Pause! Paul trinkt seine Brause“ losgrölen. Gleich nach „Komm aus’m Arsch“ verkündeten sie: Wir verabschieden uns mit dem hier: Und es erklang noch „Komm Karlineken komm…“ Kaum war der Schlussakkord verhallt – und noch bevor irgendjemand die Chance gehabt hätte, „Zu-ga-be!“ anzustimmen – klangs „Wruuuuuummmmm!“ von der anderen Bühne —- Prinzip fingen schon mal einfach an, obwohl vor DER Bühne noch gar keiner stand! Also switschte der ganze Pankow-Publikums-Pulk rüber und – ab dafür. Welcher Song war’s? War’s „Easy livin‘“? Wars „Born to be wild“? Oder wars ihr eigener „Presslufthammer Conny“? Würde gut zu „Paule Panke“ passen – aber: Verdammt! Ich weiß es nicht mehr! Weil jeder nur ne Stunde ca. spielen sollte und um pünktlich 22:00 Uhr die Chose vorbei zu sein hatte, ließen Prinzip die Pausen zwischen den Stücken weg. Die Drängelei wurde immer enger; so eng, dass du nicht mehr fallen konntest und alles sprang im Takt. Wo waren meine Begleiter abgeblieben? Schräg hinter mir Jens. Die Masse drückt ihn mir an die Schulter, er brüllt mir ins Ohr: „Springst du noch selber?!“ „Nö!“ Wie eine Dampframme aus Knochen, Fleisch und Schweiß hob es uns an – what goes up must come down – und vor und zurück sowieso. Nach einer Stunde: „Tschüß Leipziiiiiig!“ Und plötzlich – Ruhe! Wie im Bunker vor Verdun. Trommelfeuer aus! Still! Geht’s auf der Pankow-Bühne gleich mit Biebl weiter?

— Nö. Umbaupause wie im Rockpalast. NOCH nicht fertig. Roadies checken und checken: „Eins-Zwo…(Klopf…klopf) …Eins-Zwo….“ Es dauert – und dauert. –

Die „Dampframme“ hat sich inzwischen aufgelöst. Die einen warten vor der Soundcheckbühne auf ihren Blues-Gott. Die andern brauchen Getränke oder machen sich schon auf den Heimweg.

Während Bernd geduldig unter den Blues-Jüngern wartet, hock ich weit hinten in der Halle auf so einer Art Bordsteinkante, abwechselnd das eine – dann das andere Ohr testend, bis Jens mit Bier zurückkehrt.

Ich: „Und?“

Er: „Abgefahrn! So enge war’s noch nie!“

Ich: „Gehst du noch vor zu Biebl?“

Er: „Den hörmer och von hier.“

Während zwei Hände voll Fleischerhemden noch eine gute halbe Biebl-Stunde feierten, genießen wir beide also unbedrängt unsern Plastebecher Sternburg und warten ab. Unser Oberblueser flippt noch vorne bei Biebl mit. Auf dem Heimweg ist der aber kein Thema, sondern die „Dampframme“ vor Bühne zwei.

Soviel zu Prinzip anfang der 80er: hot – wild – and dangerious!

 

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7 Gedanken zu “Fehler im System V

  1. Interessant Deine Rockgeschichte! Der DDR scheint es tatsächlich gelungen zu sein, eine Musik zu entwickeln, die in der Lage war, Jugendliche zu Exzessen aufzuputschen. Das Charakteristische an Bands wie Prinzip besteht ja darin, dass sie zwar objektiv mit der Dekadenz des Gegners übereinstimmen, aber gezwungenermassen auf Deutsch singen müssen.

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    • Richtig. Wobei das nicht das Verdienst „der DDR“ war, sondern der Musiker und Texter, die sich durch das Gewirr der Gängelei wurstelten, alle Verbote und Vorgaben früher oder später unterwanderten und ins Leere laufen ließen und unser Interpretations-Gen schulten.
      Mich wundert nur bis heute, warum es fast keiner Band gelang, ihre live-Dynamik auf Platte zu kriegen. Hörst du heute die Steher-LP, dann lachst du mich vermutlich aus: Sowas soll mal gut gewesen sein? Das klingt alles, wie mit angezogener Handbremse eingespielt. Dabei ist das wirklich ihre beste LP!
      Sie hatten zum Beispiel jahrelang eine Mitgrölnummer „Komm komm wir reiten mit dem Sturm“. Die bekam eine Studiofassung des Grauens! Zu hören auf der 3. LP – die ich schon nicht mehr kaufte.
      Und jammerschade ist auch, dass selbst nach der Wende niemand auf die Idee kam, die aufgezeichneten Rundfunkkonzerte auf CD zu bringen, von Bands, die es nie zu einer LP brachten, aber doch z.B. freitags bei „Duett im Konzert“ auf Berliner Rundfunk gesendet wurden.
      Kleeblatt, Zwei Wege, Simple Song … alles futsch. Ebenso die einst hochgelobten 4 PS Konzerte…
      Dann die ganze Erzgebirgs-Folkrock-Szene… das Magdeburger Swing Orchester … fehlt,fehlt,fehlt.

      Gefällt 2 Personen

  2. Auch von mir ein großes Dankeschön für den Einblick in eine Szene, die mir, wie schon einmal geschrieben, quasi gänzlich unbekannt ist. Während ich mich über den Progsektor zumindest ein bisschen informieren konnte wusste ich über den Heavysektor rein gar nichts, in keiner mir bekannten Heavy-Metal-Historie wird auch nur ein Wort über Formel 1 und Co. verloren. Dabei würde mich wirklich interessieren, wie man auf die internationale Szene aufmerksam wurde, wie man an die Platten ran kam und ähnliches. Zur Musik an sich: Die Prinzip-Stücke klingen nicht schlecht und Formel 1 (höre gerade Live im Stahlwerk und staune über ein wirklich gutes Maiden-Cover) waren wohl auch nicht so schlecht. Wenn der deutsche Gesang nicht wäre, auf jeden Fall international konkurenzfähig.

    Gefällt 1 Person

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