Berlin, du hinkst…

Mit dem November ’18 hamses dieses Jahr aber! So’ne 8 im Kalender, am Ende einer Jahreszahl kann ganz schön schlauchen; historisch betrachtet.

Gestern ist es passiert: Bambi für „Babylon Berlin“. Nach „Goldenen Kameras“ nun also auch noch das Rehlein, das goldene. Nun ja. Nicht falsch verstehen: Auch ich bin der Serie verfallen. Sie ist seeeeehr gut gemacht. Der Zeitgeist kommt für uns zuspätgeborene Davongekommene sehr anschaulich rüber. Ich hätt‘ mir halt gewünscht, dass es zuvor „Weissensee“ genauso gegangen wär! (Gut. Ein paar Preise fielen da seinerzeit auch ab, aber vergleich mal die Kategorien.)

Die eine wird 15 Wochen lang hingezogen, zur Primetime; an der anderen wird nach Staffel 1 die Lust verloren, Staffel 2 – das ungewollte Kind erst „vergessen“, dann in Doppelfolgen „durchgefeuert“, damit es schnell vorbei ist; ebenso Staffel 3 und 4.

Klar: Der Ossi-Schmarrn ist Minderheitenprogramm. Das Sündenbabel der Weimarer Zeit ist Teil des alten westdeutschen Mythos des ersten Demokratieversuches auf deutschem Boden.

Mögen Sie die Weimarer Zeit?

Liv Lisa Fries (alias Charly Ritter, die Polizeihelferin und „Halbtagshure“ der Serie) wurde sowas bei einer Gala gefragt; ob sie da gern gelebt hätte. Nun, was sagt man da so mit 28 heutzutage: Diese „analogen Zeiten“ mag sie sehr. Schluck!

Würde MICH das einer fragen – klares NEIN! Und zwar ohne Bedenkzeit und ganz ohne Zweifel!

Die Weimarer Republik war scheiße. Ein anderes Wort will mir einfach dazu nicht einfallen. Dass es hinterher noch beschissener kam, ist fakt, lindert aber den Blick auf die Vorstufe nicht. Ingmar Bergmanns „Schlangen-Ei“ hätte man mal aus der Versenkung holen können.

 „Wie in einem Schlangen-Ei sah man das Böse entstehen und wachsen, in jenen Weimarer Jahren“.(Bergmann; 70er Jahre Zitat)

Stattdessen wurde die Weimarer Republik dieses Jahr „gewürdigt“, dass es nur so knallt:

  • „Aufstand der Matrosen“ (Menschen sprechen Texte in frischgeschneiderter Kostümierung und ticken dabei wie hingebeamt ins Jahr 1918. Gleich zückt einer ein Smartphone für’s Selfi mit Panzerkreuzer! Wirklich schlechtes Fernsehspiel.)
  • „Kaiserrücktritt“ (Interessante Details über die kurze Reichskanzlerphase des Max von Baden. Aufschlussreich. Friedrich Ebert als williger Monarchist, der für ein vormundschaftliches Interregnum bereit gewesen wäre, wenn Max von Baden das Kreuz dazu gehabt hätte, Vormund für einen Enkel Wilhelms II. zu sein. – Leider schlechte Maske für Wilhelm II. und Friedrich Ebert. Dass sowas besser geht, zeigt die verdienstvolle Serie „Vom Reich zur Republik“.)
  • „Babylon Berlin“; spannend wie nur was; Ausstattung top! Kulturelle Entdeckungen möglich: Man achte mal auf die 20er Jahre Liedzitate, die da gesungen werden: Soviel Tiefsinn und Melancholie war also auch möglich, in einer Zeit, aus der man eigentlich nur „Veronika der Lenz ist da“ oder den „kleinen grünen Kaktus“ kennt!

Nur — lieber keinen Fakten-Check! Es ist sehr gute Unterhaltung mit ein bisschen Zeit-Colorit. Mehr nicht. In „Weissensee“ stimmte wesentlich mehr!

Würden die Fakten stimmen, hätte es bestimmt nicht diese Sendetermine gegeben. „Vom Reich zur Republik“ lief auch nie im ARD-Hauptprogramm. Ab in die Dritten.

„Berlin Babylon“ kriegt dich mit so Zitier-Gimmicks, wenn du dich auskennst.

  • Liv Lisa Fries als Erotikengel und Wiedergängerin der jungen Muriel Braumeister (in „Schuld war nur der Bossanova“)
  • Leonie Benesch, als ihre Freundin Greta und damit wieder fast in der selben Rolle wie zuvor schon in „Das weiße Band“, jener bedrückenden Darstellung der späten Kaiserzeit auf dem Lande; die ebenfalls reichlich Filmehrungen erfuhr und somit hier quasi als Vorgeschichte vereinnahmt wird: Was wird aus einer schüchternen Gutshausmagd, wenn sie in die große Stadt gerät? Willige Beute eines Typen, den sie für einen Kommunisten hält, der aber ein dunkles Geheimnis hat und die „dumme Gans“ für seine politischen Zwecke missbraucht.
  • Die Sorokina (Severija), eine Exil-Russin markiert auf Zwitter aus David Bowie, Conchita Wurst und junger Marlene Dietrich; und sorgt mit ihrem Auftritt für ein Musikvideo mitten in Teil 1: „Von Asche zu Staub….“! Erhaben! „Ashes to ashes“ meets „In den Ruinen von Berlin“ oder „Die Mörder sind unter uns“, denn wenn jemand im Sündenpfuhl an der Spree von 1929 was von Asche und Staub singt, denkt man automatisch 15-16 Jahre weiter.
  • Das Gold der Sorokins aus dem vorrevolutionären Russland sorgt für einige dramaturgische Brüche, da es erst Trotzkisten helfen soll, Stalin zu entmachten, dann aber eher Privatbeute jener „Asche und Staub“ Chanteuse werden soll – die sich als Sorokina ausgibt, jedoch plötzlich gar nicht zur Familie gehört. Die Goldbarren sind schließlich angestrichene Briketts und die Aufklärung darüber, wo das Gold nun wirklich ist – lässt Historienfilmkenner automatisch an den „Raubzug der Wikinger“ denken; jenen alt ehrwürdigen Monumentalfim mit Richard Widmark in seiner Glanzrolle, der die „Mutter der Stimmen“ sucht. Er findet schließlich eine Kapelle in Marokko und eine schäbig kleine Glocke darin. Als er sie wütend an die Wand schmeißen will, erdröhnt das Gemäuer – nicht sie, sondern die ganze Kuppel entpuppt sich als große goldenen Mutter der Stimmen. In der Serie nun sind es nicht die Barren, sondern der Wagon! Schöne Idee; leider aufgespart für eine wirklich miese letzte Kintopp-Episode, die den großen Showdown wollte, aber das bisherige Geschehen in der 16. Folge völlig überdreht. Schöne Serie – schlechter Schluss.

Immerhin kommen die Schüttler endlich mal zu ihrem Recht in einem Unterhaltungsfilm! Jene Versehrtengruppe des I.Weltkrieges, die man lieber in „Heilanstalten“ versteckte, für die sich die eigene Sippe eher schämte, weil Nervenversehrtheit anders bewertet wurde als Verkrüppelung. Bisher strikt unter dem Teppich (bzw. in Dok-Filmen) belassen, wenn es um die 20er ging, wird einer von ihnen hier zum Haupthelden, der sein Leiden (noch) medikamentös kontrollieren kann.

Eine 3. Staffel ist in Arbeit. Hm. Weiß nicht recht, ob ich mich freuen soll.

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12 Gedanken zu “Berlin, du hinkst…

  1. Ich fand „Aufstand der Matrosen“ so schlecht nicht. Erinnerte mich etwas an die Fernsehspiele von Fischerauer/Gietinger. Was hier Noske war, das war in „Kaisersturz“ Ebert. In „Babylon Berlin“ konnte man sehen, wer die Ernte der Politik der beiden einfuhr.

    Wenn ich mich recht erinnere, diente die in „Babylon Berlin“ thematisierte Tatsache, dass die Reichswehr in der UdSSR eine geheime Fliegerschule unterhielt, in den 1980er Jahren in der DDR als positiver Verstärker einer neuen Sicht auf Hugo Junkers. Der war dann zumindest teilweise reif, auch zum „progressiven Erbe“ gezählt zu werden, zumal ihn die Nazis enteignet hatten.

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    • Bis zum Noske-Auftritt bin ich gar nicht gekommen,ich war vorher schon weg. Die dargestellte Faktenlage mag gestimmt haben, die Art des Spielens hat mich zu sehr an Dorftheater oder Schüler-Laienspiel erinnert. Nee, schade um die Zeit.

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  2. »Nur — lieber keinen Fakten-Check! Es ist sehr gute Unterhaltung mit ein bisschen Zeit-Colorit. Mehr nicht. In „Weissensee“ stimmte wesentlich mehr!« schreibst du.
    Ich unterschreibe das. Ich denke nur an den Bluesmusiker im Tanzcafé (irgendwann in der erstes Staffel meine ich). Zufällig bin ich vom Fach, und das (was es zu hören gab, in diese Zeit gesetzt) tat echt weh. Ein wirklich harmloses Detail, zeigt es dennoch wie BB konzipiert wurde: Das ist recht nette Unterhaltung ohne jede Verbindlichkeit, mehr aber auch nicht. »Weissensee« komplett andere Liga.

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    • Guck an. So hat jeder seins. Der Bluestanz und der Fast-Bowie-Auftritt haben mich gar nicht so gestört. Waren eher willkommene Köder für uns alte Music-Junkies. Auch diese himmelschreiende Unmöglichkeit, dass die kluge, hübsche. gepflegte Charly Ritter niemals aus einer solchen Assi-Familie stammen kann, wie dargstellt, ließ mich kalt. Mich störte eher der Umgang mit den Folgen des Rapallovertrages, der namentlich gar nicht erwähnt wurde, damit man ein paar aufrechte Bilderbuchdemokraten erfinden kann, die die Machenschaften in der UdSSR enthüllen wollten. Und nur Hindenburg (extrem schlechte Maske übrigens) rettet dann den bösen Verbindungsgeneral vor dem „Zugriff des Rechtstaates“. Märchenland.

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  3. Tja, ich habe Babylon Berlin nicht gesehen, auch die anderen deutschen Serien wie Weissensee hab ich mir nicht reingepfiffen. Das alles kommt mir vor wie „Die Sendung mit der Maus“, artgerecht aufbereitet. Der wahre Grund ist vielmehr, dass ich mir mit den Serien keine Pflicht ans Bein binden will. Habe einen anstrengenden Job, viel Lust auf aktive Freizeit ohne Vorgaben und zu viele Hobbies. Immer wenn ich in der TV Zeitung las, dass BB im TV ausgestrahlt wird, hab ich mich gefreut dass ich was anderes machen kann. Meine Serienlust hab ich bereits mit Star Trek im letzten Jahrhundert gestillt. Auch wenn mein Umfeld mir geraten hat, das alles zu schauen, es würde sich lohnen. Ach quatsch. Ich denke irgendwann ist man der Ansicht dass das was verfilmt wurde Realität war, und das betrifft unsere nachfolgenden Generationen. Aber nix für ungut, ich schau mir gern anderes Zeugs an, bin dem TV ja nicht grundsätzlich abgeneigt.
    Problematisch sind in aller Regel Fortsetzungen, siehe Rocky 1-97.
    Die Weimarer Zeit, im Kontext gesehen zu den Jahren zuvor hat sich zumindest eine Veränderung der politischen Strukturen ergeben und zweifelsohne ist die Dokumentation dieser Weimarer Epoche besser. Ob die Qualität der Dokus den Realtitäten entspricht ist ein anderes Thema, oder vielleicht wird ja alles nur schöndokumentiert.
    Weissensee war, soweit ich gelesen habe, auch eine ‚günstigere‘ Produktion und BB wurde auch anders beworben, auch aufgrund der Herkunft aus dem PayTV. Ob es wirklich der Ost-West-Unterschied ist, der für das Interesse verantwortlich ist, ich weiß es nicht – könnte es aber schon nachvollziehen. Auf der anderen Seite: Die Werbung für BB war schon extrem. Man ‚musste‘ es sehen.
    Grüße aus dem Südwesten der Republik.

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    • „vielleicht wird ja doch alles schöndokumentiert“ Yepp. Wenn es um Weimar geht – meistens. Das war Scheindemokratie pur. Lasse wählen, wir ziehen unser Ding durch, bis die Mehrheiten wieder zu unseren Machenschaften passen, dachten Generalstab und Großkonzerne. Egal, wer gerade als Kanzler diletiert.

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