Wie der Wind so frei…

Früh am morgen kick ich die Maschine an

Denn wir wollen auf das Land raus fahrn.

Gleich beim ersten Mal ist der Motor da…

Und „da“ hatte diesen unnatürlichen Kiekser drin, der für die westdeutsche Sprechweise damals in den späten 70ern in unseren (Ossi)-Ohren so typisch war. Wir hatten haufenweise ARD-Jugendsendungen konsumiert und kleine Fernsehspiele gesehen und „Feuerreiter“ genossen – und überall waren so Typen in unserem Alter als Laiendarsteller aufgetaucht und wollten vermutlich „kuhl“ sein. Die sprachen dann mit so’ner betonungslosen „Hasch macht lasch“-Stimme und formulierten in annähernder Udo L.-Tonlage dann so Sätze wie:

„Du, das find ich jetz‘ irgendwie voll nich‘ in Ordnung, dass du Arschloch zu mir sagst.“

„Hau mal eben ab.“

„Ja mach ich glatt, für dich. Gern sogar. Finde deine Mitte, Alter.“

Und Lude LaFayette sang so, wie die sprachen.

(West)Deutschrock in den 70ern war ja ne ärmliche Kategorie für Musicjunkies hinter der Mauer. Da kam nix an Botschaften rüber. Die einen waren mit dem „Zerstören von Strukturen“ beschäftigt und die andern kopierten halt angloamerikanische Vorbilder. Letzteres warf dann und wann mal‘ne Ausnahmenummer ab. Wir aber lauerten auf Konterbande, die nicht kam. Da wurde man eher bei westlichen Liedermachern fündig. Mario Henés „Kinder der Nacht“ zum Beispiel. Reinhard Meys „Aus meinem Tagebuch“ oder „Bevor ich mit den Wölfen heule“ – DAS hätten mal Jane oder Frumpy vertonen soll’n! Lechz!

Aber, war eben nicht. „Fanden wir irgendwie jetz auch nich so hilfreich, Alter, dass unsre Cousins im Westn, das nicht auf die Reihe bekam‘.“ Stattdessen wollte uns mal unsere Stabü-Lehrerin allen Ernstes mit „Profitgeier“ von Floh de Cologne im Unterricht beglücken. Schuljahresende 9.Klasse. 1976. War das ein Lacher! Und die Diskussion hinterher: „Dürften wir über unseren UTP so singen wie die drüben über die Lehre: He Stift, hol noch mal ne Flasche…?“ „Die ham halt mehr als wir, da drühm. Das is jammern auf hohem Niveau.“

Klar gab es noch St.Udo. Aber den verehrten eher die Schlosserjacken. Wir mochten den zwar auch. Manche Slang-Formulierung war schon ein Bringer, geradezu genial die „Rock&Roll -Arena in Jena“, aber die Begeisterung in meinem Bekanntenkreis war dann doch nicht in solch astronomischen Sphären, wie das heutige Dokumentationen gerne kolportieren. Musikalisch fuhr er ja eher mit angezogener Handbremse.

Um 1978 herum, schaltete sich der NDR 2 im Nachtprogramm bei „Rock over Rias“ zu und einer von den uns unbekannten Berliner Moderatoren macht eine denkwürdige Ansage: „Hier was von der wahrscheinlich besten Band Deutschlands – Wolfsmond“.  Wir kannten nicht mal den Namen. Aufnahme! „Wie der Wind so frei“ schwebte herein:

„Viereinhalb Stunden auf der BMW. Viereinhalb Stunden auf Deutschlandtournee.“

Das W von BMW auch so herausgekiekst, wie oben schon beschrieben. Geil. Und „Deutschland“ kam auch noch drin vor. Erich Honecker ließ per Willkürbefehl 1975 den Nationalitätsbezug aus der Verfassung der DDR streichen und schuf sich so ein zusätzliches Problem. „Die DDR ist ein sozialistischer Staat deutscher Nation.“ war noch in der Ulbricht-Verfassung von 1968 zu lesen. Nun stand da im §1 „die DDR ist ein sozialistischer Staat der Arbeiter und Bauern unter Führung der SED.“ Eine Folge der „Neuen Ostpolitik“, die sich Honecker bekanntlich als Einknicken Bonns auslegte: Nun ist die DDR von der B-R-D anerkannt; scheißegal, wie die das da drüben nennen. (Außerdem sollten DDR-Bürger ihr eventuell vorhandenes Westgeld erst in Forum-Schecks umtauschen und dann mit denen im Intershop immerhin noch einkaufen dürfen.)

Nun hatte er samt seinem Machtapparat unterschätzt, dass niemand in seinem Ländle ein „De-de-ärrer“ sein wollte. Was sollte das überhaupt sein? Die Österreicher hatten dermaleinst wenigstens noch die Chance gehabt, sich Österreicher nennen zu können und nicht Ka-ka-nier, oder so etwas. Unsere Väter waren sich einig: „Typisch Saarländer!“ Auch Brandt bekam sein Fett weg: „Kognak-Willy verkooft de Einheit!“ Alfred Tetzlaff Style. Für die Vätergeneration war es ein im Stich lassen. „Wandel durch Annäherung“ klang wie eine Zauberformel aus Tausend und einer Nacht, die niemand verstand oder glauben konnte. Wir wurden durch diese anhaltende Grummelei der Erwachsenen ebenfalls sensibilisiert und feierten z.B. Lindenbergs „Sister Kingkong“ für:

Gleich kommt der Gong! Sister Kingkong! Doch zuvor noch die Flagge! Und der Nationalsong!

Und dann stimmt DEN die E-Guitar kurz an. Stop. Zurückspul. Repeat. Grins.

Nach „Wie der Wind so frei“ war lange Zeit Ruhe um Wolfsmond. Wie gut sind die nun wirklich? Sie hatten kein Airplay. Das gleiche Elend wie mit Eloy. Von denen kannte man gleich gar nichts außer dem Namen. Plötzlich war wieder diese näselnde Singsangstimme auf J.J.Cale-Sound- Basis zu vernehmen: „Für mich ist es Rock & Roll“. Hm. Zwar erstmal aufgenommen. Aber originell ist anders. Also auch schnell wieder gelöscht. Wieder Funkstille seitens der Band. Immerhin wussten wir inzwischen, dass es eine Hamburger Truppe war, die irgendwie aus den späten Rattles hervorgegangen sein soll. Deren letztes Lebenszeichen im Radio war „the Witch“ gewesen und DIE Nummer machte immer mal wieder in Oldies-Sendungen Furore. Das sprach immerhin für Wolfsmond. Aber wieso mussten wir im Sendebereich des NDR die Band via Rias kennenlernen? Und wieso werden Novalis, Reichel(Solo), Lucifers Friend, Frumpy im NDR gefeiert, aber über Wolfsmond schweigt sich alles aus? Das Kapitel begann mystisch zu werden.

Im NDW-Sommer 82 wars, da begann der Deutschrock Message-mäßig aufzuholen. Mitten in provokanten Angeboten von Acapulco Gold, Fee, Nuala, Grauzone – plötzlich Neues von Wolfsmond: „Wirf die Sorgen aus dem Fenster“ und „Zauberstadt“ (mit herrlich eindeutig/zweideutigem Subtext, wenn man bedenkt, dass sich der Sänger „Lude“ nennt und die Band aus Hamburg stammt).

Aber – alles wie immer: Einmal gesendet, glücklicherweise aufgenommen – und weiterhin KEIN Airplay für die Band, die doch „die beste“ sein sollte.

Wolfsmonds ErbeErst deutlich nach Mauerfall und Wende trug es sich 1999 zu, dass die Macher von Bear Family Records auf der Suche nach bewahrenswertem, auch deutschsprachigem Kulturerbe auf Wolfsmond stießen. Die Kompilatoren hörten sich durch die LPs, nahmen Kontakt mit Jochen Peters (alias Lude LaFayette) auf und erstellten eine Werkschau vom Feinsten. 20 Songs aus 10 Jahren, keine Graupe. Musik der Marke J.J.Cale meets Doobie Brothers und fährt mit ihnen in Neil Youngs Scheune um Randy California zu treffen; mit deutschen Texten, die gut bis sehr gut sind. Hier lernte ich vieles kennen, was seither meine Auto-Sampler bestückt. Introvertierte, ehrlich klingende Momentaufnahmen, im Nachhinein manches ahnen lassend, was sich inzwischen ergab. Lafayette starb – vergessen von der Welt – und vereinsamt 2003 im Alter von 50 Jahren in seiner Bremerhavener Wohnung.

Riffmaster erinnerte neulich an die erste LP von 1976 und aus seinem Text heraus lässt sich des Leitwolfs Weg durch viele künstlerische Sackgassen in diese völlige finale Vereinsamung erahnen.

(Wie vergessen die Band inzwischen ist, zeigt die Tatsache, dass es inzwischen einen Metal-Trupp gleichen Namens gibt, der nichts mit der LaFayette-Combo zu tun hat. Es gibt wohl nicht einmal mehr jemanden, der sich wegen der Namensrechte kümmern würde…)

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4 Gedanken zu “Wie der Wind so frei…

  1. Sollte ich die so unterschätzt haben damals? Von „Wie der Wind so frei“ hab ich noch ein paar Fetzen im Kopf und fand das damals unglaublich kitschig, soweit ich mich erinnern kann. Easy Rider auf der Landstraße zwischen Görnsenbach und Kartoffelkirchen und dann noch mit ’ner BMW, das ging irgendwie gar nicht..
    Bei den Amazonen vergleicht die sogar jemand mit Dire Straits..

    Hehe, hab das gerade bei Jutuub gefunden… Halogenscheinwerfer in einer Textzeile unterbringen ohne dabei zu stolpern, auch ne Leistung *g*

    Gefällt 1 Person

    • Genau, ob nu zwischen Görnsenbach und Kartoffelkirchen oder zwischen Unterkaka und Giekau. Es funzt jedenfalls. 🙂 Wir haben dann und wann jedenfalls auch von „Deutschlandtournee“ gesprochen, auch wenn’s nur die 5 km nach Bad K. waren.
      Aber der andere Hinweis ist interessanter: Kitschig? Peinlicher Text? Für ältere Semester als mich selber – sehr wahrscheinlich. Deutsch als „Rocksprache“ war bei uns mitte der 70er immer mal wieder ein Zank. Da muss man, glaub ich, so (Nicht)Sängern wie Lindenberg und Lakomy dankbar sein. Ihr Krächzen verschaffte mancher Zeile die nötigen „Eier“, die sie sonst nicht gehabt hätte.
      Letztlich fand ich LIFT immer einen deutlichen Tick besser als Stern Combo Meissen, weil der Sänger männlicher klang.
      Der Wolfsmondgesang kann schon stimmlich als zu brav bekrittelt werden. Allerbeste Band sind Wolfsmond für mich nu auch nicht geworden – aber eben ne gute geblieben.

      http://www.youtube.com/watch?v=Qk4Z6rv9l6c

      Gefällt 1 Person

  2. Pingback: Rockpalast Jetlag | toka-ihto-tales

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