Deutschland wird 1107

Die Sonntagsredner sind los! Man will uns glücklich labern. Und natürlich belehren, wie immer. Nur, wie das so is‘ mit der Indoktrination: „Et wüad halt nix helfen.“ Die Ursachen für die schlechte Stimmung sind bekannt und auch mehrfach in den Medien an anderer Stelle und zu anderen Zeitpunkten aufgetaucht, bzw. als Buch, Taschenbuch und E-Book erschienen. Phönix brachte bis gestern noch mal den sehr gut gemachten 3-Teiler „Brauchen wir den Osten?“ Nee, vermutlich braucht uns der Westen nicht. Diesen Rest, der hier noch übrigblieb. Mezzogiorno, ragged ol’south east, fly over States. That‘s Schicksal. Bleibt: Die künstlerische Verarbeitung. Chamisso-Influence meets Johnny Cash.

Wer beim Lesen an Johnny Cashs „Ragged ol‘ Flag“ denkt, liegt richtig.

 

Die schäbige alte Fahne

Als ich neulich wieder durch die Altstadt ging

Mein Blick sich in einem Fahnentuche verfing

Es war löchrig und fleckig, blass und angefressen

So als hätte man langzeit es ganz vergessen

 

Aber es wehte aus einem Fenster heraus

Darunter ein Greis, der ruhte sich aus

„Hallo Verzeihung“, sprach ich ihn an

Und bat um Erklärung, worauf er begann:

 

Unter dieser Fahne wurde viel vollbracht

Und sie wurde bewahrt in langer Nacht.

Es war das 18-null-8ter Jahr

Das hier herum eine Idee gebar

 

Die Franzosen waren zur Plage geworden

Es endete nicht das ewige Morden

Doch Lützows wilde verwegene Jagd

Ehern aus all den Duckmäusern ragt,

Die bieder Franzosenwünsche erfüllen

Sich gar lassen gen Russland mustern und drillen.

 

Die Fahne war an der Katzbach dabei

Auf dem Schlachtfeld von Leipzig wehte sie frei

Dann aber wurde sie wieder versteckt

erst zum Fest auf der Wartburg wiederentdeckt.

 

In Hambach, Frankfurt und schließlich in Baden

Hat man unter ihr große Pläne beraten.

Stolz sollte sie wehen, über dem  Land

Doch alles kam anders, das ist ja bekannt.

 

Karl Ludwig Sand, Robert Blum, Fritz Hecker sogar

Entschlossene Kerle, aber es waren nur paar

Heine und Herwegh auch unverdrossen

Doch die Fahne der Freiheit ward weggeschlossen.

 

Jahrzehnte in Kellern, auf Böden versteckt

Ist sie zwischen Kartoffeln und Kohlen verdreckt.

Schwarz-weiß-rot stürzte sich ins Kampfgetümmel

Stattdessen das „Volk – der große Lümmel“.

 

Als anno’18 brach die „schimmernde Wehr“

Zerrte man schwarz-rot-gold wieder her

Doch kein Schill, kein Lützow, oder Blücher gar

Machten die Auferstehung wahr

 

Es kam nur der mit dem kurzen Bart

Da wurden die Zeiten wiederum hart

Die Fahn’ wandert’ abermals ins Versteck

Zwischen Mausefallen und Rattendreck.

 

An nem hellen 45er Maienmorgen

Hab ich sie aus dem Schutt geborgen

Und drüben an die Ruine gehängt

Damit man nicht wieder parliert – sondern DENKT!

 

Doch wiederum ist nichts draus geworden

Man duckte sich weg und schwieg von den Morden.

Immerhin von nun an sich eines verbot:

Die Verherrlichung von schwarz-weiß-rot.

 

Im Westen hatten sie schnell wieder zu fressen

Und die Brüder und Schwestern war’n bald schon vergessen.

Schwarz rot gelb täuschten nun zwar neue Fahnen

Auf den Fabriken und Autobahnen.

 

Goldene Zeiten für eine handvoll Leute

Mit Schweizer Konten aus Zwangsarbeitsbeute

Die sehnten sich Weimarer Zeiten zurück

Kungelei, Schampus, Schmiergeld – das ist das Glück!

 

Im Osten baute man ebenfalls auf

Ich glaubte an Zukunft und freute mich drauf

Bis der Juni 53 kam und mir die Illusionen nahm

So holte ich die Fahne schnell wieder ein

Ich war ja kein Lützow. Ich war allein.

 

Als ‘89 der Taumel begann

Da macht’ ich die Fahne wiedermal an

Sie sollte eine Mahnung sein

Fallt nicht wieder auf falsche Versprechungen rein!

 

Nehmen wir’s Schicksal in die eigene Hand!

Gestalten wir uns unser eigenes Land!

 

Wohl entstanden viele bunte Fassaden

Doch dahinter zu oft die alten Tiraden

Da fiel mir Bismarck ein vorzeiten:

„Dieses Volk kann einfach nicht reiten!“

 

Der alte Zyniker besiegte einst

Nicht nur die Franzosen, wie du ja weißt,

Sondern auch die eignen Heloten

Die sich demokratisches Denken verboten

 

In schwarzer Knechtschaft brach Lützow einst auf

Kämpfte, verlor und ging blutig-rot drauf

Eine goldene Zukunft sollte entsteh’n

Doch Gelb ist am blassesten – kannst du’s seh’n?

 

Ich sah nach oben ins schäbige Tuch

und begriff mit eins den symbolischen Fluch

der in den verblichenen Farben versteckt’

zum gigantischen Mittelfinger sich reckt.

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21 Gedanken zu “Deutschland wird 1107

  1. Klasse! Aber ich glaube, der Kamerad von Sand und Blum hieß Hecker und kämpfte später auch unter Cashs ragged ol‘ flag. Fritz H(a)eckert kam später. Da fällt mir ein Spruch ein, der in der DDR gelegentlich bei der Ablehnung von Sonderwünschen fiel: „Wir sind doch hier nicht auf der ,Fritz Heckert‘!“

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  2. Um einmal auf die Zahl 1107 zurückzukommen. Sie besagt – und das habe ich mal kurz wikipediert – dass die Gründung des Deutschen Reichs mit der Inthronisation von Konrad dem Jüngeren zum König von Ostfranken erfolgte. Das war im Jahre 911 (2018-1107=911). Das Ganze fand vom 7. bis 10. November statt. Da kommt der 9.11.911 ins Spiel (ob julianisch oder gregorianisch sei einmal dahingestellt). Das ist ja sowas von Nine Eleven! 😮

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  3. „Nee, vermutlich braucht uns der Westen nicht.“

    Mensch Bludgeon, wo ist dieser herrliche Blog gelandet?!

    Nein, ich brauche den Osten nicht. Aber ich brauche auch Ober- und Niederbayern nicht. Und Deutschland auch nicht. Ich brauche die Welt, die Menschheit, die Sprache. Ich bin hoffnungslos linksgrünversifft.
    Aber immerhin war ich noch in keiner deutschen Stadt, in der ich mich nach 23 Uhr nicht mehr flanieren getraut habe. Einzige Ausnahme: Cottbus. Die einzige OSTdeutsche Stadt, in der ich je am Abend unterwegs war. Vielleicht kein Zufall. Jedenfalls fürchte ich mich mehr vor bunten Hähnchen als vor bunten Geflohenen.

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    • Watt? Cottbus, die einzige ostdeutsche Stadt, in der du abends unterwegs warst? Beim Schwindeln ertappt! Ich erinnere mich da an eine Telefonzelle auf einem dunklen Marktplatz – in so ner Weinberggegend mit Reformgeschäft und Theater…. 🙂

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      • …und einem aufmerksamen Beschützer, der an Angst gar nicht denken ließ.
        Trotzdem habe ich eine Beklemmung über der Stadt gespürt.

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  4. Liebe Leserin, ein sehr schöner Kommentar. Meiner Einschätzung nach geht er allerdings etwas am Thema vorbei. Ich denke, der Hausherr wollte eigentlich auf etwas anderes hinaus, unter anderem die Sicht des „Westens“ auf den „Osten“ von der Zeit der Wende bis heute und auf das Gefühl, dermaßen betrachtet zu werden.

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    • Yepp. ich finde dass zur Zeit die falschen Diskussionen laufen. Aber absichtlich gesteuert. Man will höheren Ortes nicht an die heißen Kartoffeln ran, lieber Maximalprofite nochmal maximieren, Bangladeshige Produktionsbedingungen und -entlohnungen hier auf/und ausbauen und greift einmal mehr zu einem unseriösen Internationalismus, den bitte alle glauben sollen, die sich für Gutmenschen halten. Kenn’werschon. Funzt nicht.

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      • Klar laufen die falschen Diskussionen. Und klar sind sie gesteuert. Wie unsere Ängste, unsere Bedürfnisse, unsere fb-accounts, unsere Gehirne.
        Trotzdem glaube ich, dass wir weg müssen von Grenzen und Barrieren. Letztendlich sind wir nur gemeinsam stark. Erst recht gegenüber jener Handvoll Menschen, die die Fäden in der Hand haben. Und für mich heißt das, ich übernehme zuallererst mal nicht irgendein Feindbild.

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      • Übrigens, am Samstag fahre ich mal wieder in die Hauptstadt (ost) und besuche meinen Ostmann. Und wie immer wird mir am entsprechenden Durchreisebahnhof warm ums Herz werden.

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  5. Mir wurde nicht warm ums Herz, denn der Zug nimmt jetzt eine andere Schiene 😦
    Aber ich war zum ersten Mal in Frankfurt/Oder. Nach meinem Gefühl liegt dort keine Beklemmung über der Stadt. Nicht mal in der Nähe des ehem. Knastes. Irgendwas muss dort grundlegend anders laufen, als in allen ostdeutschen Städten, die ich vorher besucht habe; immerhin acht.
    Allerdings ist mir ein Rätsel, wie eine Stadt, in deren Sanierung so viel Geld geflossen ist, so hässlich werden konnte.
    Geomantisch gesehen aber, ein Ort mit beeindruckender Kraft!

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