Das falsche Bild vom Dean

Letzte Woche wäre Dean Reed 80 geworden, wenn er sich 1987 nicht das Leben genommen hätte.

Der Brauseschenk erinnerte an ihn. Ich schließe mich nun an, aber ein bisschen anders.

Wer war Dean Reed?

„Früher hab ich Mist gekarrt, heut reitet mich Dean Reed.

Und jede Frau wird neidisch, wenn sie mich im Kino sieht.“

(aus „Ein Pferd wie du und ich“)

MTS, die ostdeutsche Spass-Combo, brachte 1976 auf ihrem Debutalbum auf den Punkt, was alle dachten: Dean Reed = Mist.

Denke ich an meinen pubertären Bekanntenkreis von damals zurück, so fällt mir niemand, aber auch absolut niemand ein, der Dean Reed gemocht hätte. Nicht mal die allerletzten Dödel aus der hintersten Ecke des Schulhofes, oder aus dem Dom-Viertel.

Beziehe ich die damaligen Erwachsenen jüngerer Jahrgänge ein, so muss ich sagen, dass – ähem – meine Mutter und meine Tante ihn attraktiv fanden. Was er sang oder redete war dabei naturgemäß Nebensache. „Talkin‘ bout Sex, Babe!“ Er war eine Art David Cassidy für weibliche ältere Jahrgänge in Osteuropa.

Dummerweise wollte er jedoch immer als Friedenskämpfer, zweiter Che Guevara oder sowas ernst genommen werden – und das ging gründlich schief. Liest du heute den Wikipedia-Eintrag zeichnet der durch Weglassung seiner tatsächlichen DDR-Resonanz ein vollkommen falsches Bild. Richtiger war das, was letzte Woche der MDR sendete „Ein Abend für Dean Reed“.

Besser noch war vor 10 Jahren, als Dean Reed 70 geworden wäre, der Dok-Film „Der rote Elvis“. Der kippte mein Bild von früher. Fast möchte ich mich für all die Häme von einst entschuldigen. Inzwischen bemitleide ich ihn.

„Oh say Da-da-da-da-da, Oh sing ja-ja-ja-ja-ja- oh sing yes-yes-yes-yes-yes….“ (für die internationale Solidarität, den Weltfrieden usw.) Damit lernte ich ihn via Ostfernsehen 1973 kennen. Weljugendfestival in Berlin. Ich war 13 und deshalb zu Hause in der Provinz und nicht in Ostberlin beim DDR-Woodstock. „Beatmusik“ war seit kurzem wieder erlaubt, wurde nun (zensiert)gefördert und „Unser Mann aus Colorado“ ist da auf einmal auf dem Alex. Er singt eben Zitiertes und  „Mamie Blue“ (oder irgend sowas ähnlich Zeitgeisttypisches) und schließlich „Immer lebe die Sonne“, was jeder Ossi dank Unterstufenmusikunterricht auswendig kann. Mit 11 in Klasse 5 in Russisch wurde es auch noch in Originalversion geträllert: „Busekda buseck Sonnze, buseggda buduja….“ Völlig falsch beraten, der Mann! Wenn du sowas vor 16-20jährigen schmetterst, bist du DURCH! Denn beim Älterwerden ging in der Regel als erstes diese verordnete Freundschaft zur Sowjetunion verloren. Man begann Propaganda von Realität zu trennen. Er sang da diesen vorpubertären Russen-Kram, was männliche Zufallshörer sofort vertrieb. Die Mädchen blieben – der Hormone wegen – noch ein Weilchen länger. Er sah ja nun auch wirklich (leider) gut aus!

Dean Reed war anfang der 60er von Colorado nach Lateinamerika gegangen, hatte den Kolonialismus der USA zu durchschauen begonnen und prominente Kontakte zu linken Argentiniern und Chilenen aufgebaut, bevor ihn die Junta Argentiniens ende der 60er rausschmiss und er konsequenterweise nach Moskau ging. Er war dort im rockmusikalischen Nirvana als kommunistischer Ami tatsächlich sowas wie ein „Roter Elvis“ und konnte Massenerfolge feiern – dann aber schlug das Schicksal böse zu: Auf einer Dok-Filmwoche in Leipzig als Ehrengast aus Moskau verliebte er sich in seine Dolmetscherin und entschied sich im kleineren Deutschland zu bleiben. In dem Glauben, es liefe hier alles so, wie in Moskau, reihte sich hier nun Fehlentscheidung an Fehlentscheidung:

Er stellte sich erst einmal gut mit der Bonzokratie, in an american way: Wer mit ihm 3 Sätze gewechselt hatte, war „friend of mine“ und wurde in darauffolgenden Gesprächen von ihm auch so erwähnt. Seine ersten „Freunde“ waren dem entsprechend Günter Jahn (damals Vorsitzender des Zentralrats der FDJ), Egon Krenz, Karl Eduard von Schnitzler … tja … und dann versuch mal noch ein Bein in die Tür zu kriegen, irgendwo in der gegängelten Künstlerszene.

In inflationären Interviews im „Augenzeugen“(Kinowochenschau), im Jugendfernsehen (Rund“ und „Jugend-Club“), im Radio („Hallo“ und „DT 64“) redete er in seeeeehr gebrochenem Deutsch oder gleich per Simultanübersetzer inhaltlich wie ein Musterschüler einer SED-Parteischule. „Sozialismus wird siegen!“ … „Alle guten Menschen kämpfen dafür!“ … „Reisefreiheit ist nicht so wichtig – keine Arbeitslosigkeit erdulden zu müssen ist wichtiger.“ Spätestens da winkte sein Publikum ab. Wer die Welt kannte, und Elend selbst gesehen hatte, wie Dean, der verstand ihn. Also niemand aus der DDR. 4 Jahre nach seinem Tod, sollten viele merken, dass sie da an der falschen Stelle abgewunken hatten.

Hinzu kam, dass er als amerikanischer Staatsbürger freien Zugang nach Westdeutschland hatte, zwecks Beschaffung von Gitarrensaiten oder Mikrophonen usw. Seine Musikerkollegen hatten diese Möglichkeit nicht. Zwar hatten sie über ihn als Zwischenhändler nun auch erleichterten Zugang zu westlicher Mangelware, jedoch war in Gesprächen ja weiterhin Vorsicht geboten, denn: Heute redet er mit dir und morgen mit Kulturfunktionären des Zentralrates oder des Zentralkommitees – Obacht!

Hinzu kam der Neid für all die behördliche Hilfe für alle seine Produkte: Werbung, Sendezeit, Studiotermine…

„Isch habe vülle Froinde in DDR und Sowfjettunion, aber auch in Chile und Argentina“, betonte er öffentlich immer wieder – aber die Hommagen nach der Wende zeigen das ernüchternde Ergebnis: Nicht ein DDR-Musiker der 70er oder 80er taucht da auf; nicht ein DEFA-Star will sich über ihn äußern! Was bleibt, ist ein alter Kulturfunktionär, der sich als „Hauptansprechpartner und Freund“ geriert und Gisela Steineckert, die ihre Meriten als Texterin einiger sehr guter Ostrocksongs hat, jedoch unter der Hand als gefürchtete Lektorin (sprich Zensorin) mit Sicherheit auch die leibhaftige Karrieregefahr für den ein oder anderen Künstlerkollegen darstellte. Besonders die Stern Combo Meissen ist äußerst schlecht auf sie zu sprechen.

eine von vielen

eine von vielen

Ob Schallplatte oder Film – eigentlich floppte alles, was er in der DDR unternahm: Die erste LP von ihm, eine Melodia-Lizenzplatte wurde in den 70ern von all den älteren Mädels noch gekauft, die späteren blieben liegen. Der Indianerfilm „Blutsbrüder“ 1975 wurde angepriesen wie ein DDR-Kinowunder. Zwei Superstars endlich vereint in einem Film! Gojko Mitic und Dean Reed! Ein Dreamteam – würde man heute sagen. Aber: Es war nur ein weiterer Propaganda-Gau. Der Film ist mies. Plakativ. Eine Art „Der mit dem Wolf tanzt“ für arme. Als ich Costners Meisterwerk anfang der 90er im Kino sah, fühlte ich mich mehrfach an Dean Reed erinnert. Meine Bilanz: Ja soooo kann die Thematik eines Squaw-Manns bei den Dakota wirken. Aber sowas braucht eben auch Zeit für die Charakterentwicklung. Costner brauchte fast 3 Stunden. Blutsbrüder drängt das Thema auf 90 Minuten und die abrupten Sprünge in der Handlung lassen den Plot nicht funktionieren. Brauseschenk war 1975 jünger. Ihm schien er gefallen zu haben. Ich war zuvor schon von „Tecumseh“ schwer enttäuscht und hatte mit „Ulzana“ meinen Indianerfilmabschied genommen. „Blutsbrüder“ tat ich mir Jahre später erst im Fernsehen an. Nee, ich war nicht mehr die Zielgruppe. Aber auch in jüngeren Jahren hätte ich automatisch immerzu erwartet, dass sich dieser US-Cavallery-Überläufer da, gleich nach dem Fahnenstange zerbrechen die Gitarre herzaubert und „buseckda busseg sonze“ trällert.

2008 in einer Veranstaltungsreihe „Kino für Kenner“ wurde nun „der rote Elvis“ aufgeführt, gesenkter Eintrittspreis, weil die Betreiber wohl meinten, da würde sowieso keiner kommen. Sie hatten aber sogar den Macher eingeladen, zwecks anschließender Fragestunde. Verblüffenderweise war der Laden rappelvoll. Und noch mehr verblüffte mich, was der Film alles zu Tage förderte.

sehenswert

Sehenswert!

Der ergreifendste Moment war eine Sequenz von einem Auftritt 1983 in Chile. Pinochet-Years. Jeder, der einen kritischen Ton sagt, könnte verhaftet und gefoltert werden. Todsünde vor allem ist es, „Venceremos!“, die Hymne der Unidad Popular zu singen. – Und Dean tut genau das! Es ist nur ein kleiner Club oder sowas. Aber als letztes Lied eines Konzertes nach spanischer Ansage (mit deutschen Untertiteln) „Singe ich jetzt noch was für euch“ Und als er los legt — hält die Kamera ins Publikum und voll auf das Mienenspiel der Zuhörer:

Schreck, Freude, Angst, Umherspähen(wo lauern die Schergen?!), tränende Augen, zweifelnde Blicke zur Kamera, leises Mitsingen ….

Für den ostdeutschen Kinogänger der pure Gänsehautmoment, verbunden mit der inneren Scham, weil sich die eigene Erinnerung einmischt: Chilesolidarität wurde uns bis zum Überdruss verabreicht. Was hamwer nich‘ an Papierrosen aus der „Jungen Welt“ schneiden müssen und für uns unlesbare spanische Vordruckpostkarten in der Schule unterschrieben, abgegeben, eingesammelt, in Postsäcke verschnürt; auf dass Pinochet Angst kriege vor der geballten Macht der jungen Generation der DDR und das Foltern beende! Wo mögen die gelandet sein? Kaum war in Vietnam Ruhe, gabs Altstoffsammlungen für Chile. Mai-Demos mit Chile-Transparenten. Kirschfestumzüge mit Mai-Transparenten, also nochmal Chile. Pflichtveranstaltung! Meistens Nieselwetter. Somit wurde aus „Venceremos“:

„Wenn es regnet, wenn es regnet, gehmor heeme tra-lalala! Wenn es regnet, wenn es regnet, is von uns balde kennor mehr da!“

Entschuldigung Dean!

 

ach quatsch

Finde den Fehler II

PS: Im Sommer 2017 meinte uns die ARD mit dem 3-Teiler „Honigfrauen“ beglücken zu müssen. Zwei westdeutsche Drehbuchautoren haben sich vorgestellt, wie junge Ossis 1987 im Ungarnurlaub drauf gewesen sein könnten. So stirbt dort ein Teenie beim Fluchtversuch, nachdem er zuvor sich mehrfach als Dean Reed Fan geoutet und Dean Reed Songs am Lagerfeuer gesungen hat. Finde den Fehler!

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9 Gedanken zu “Das falsche Bild vom Dean

  1. Vielen Dank für diese Reflektionen zu diesem Dean Reed … der geht mir schon lange durch den Kopf, einfach wegen der doch sehr ungewöhnlichen Biographie … Mein bisher gehortetes Material über ihn schlummert noch … aber vielleicht erwacht es ja mal zum Leben …

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  2. Die Dokumentation habe ich vor ca. 2 Jahren auf YT gefunden. Das dort gezeichnete Bild von Reed ist tatsächlich hängen geblieben, der unbedingte ehrliche Glaube an die Veränderung war für mich deutlich zu spüren und schien mir ganz einmalig zu sein, fernab von Bono und Co.

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    • Nicht‘ wahr, sag ich doch. 🙂 Einer der unverstandensten Zeitgenossen ever. Naiver Weltverbesserer und sich selbst überschätzender Regisseur auf der einen – gutmütiger Anschlusssuchender auf der anderen Seite. Instrumentalisiert von oben, ausgenutzt von unten – lonely to the bone. Bluesrock, Southern Rock hätte er stilistisch versuchen sollen, aber er hatte den Hang zum Crooner, und für all den Schmalz wurde er wiederum verhöhnt: Dean Reed – das is‘ Roy Black auf amerikanisch. Ami go home.
      Über Roy Black gibt es ja inzwischen diese herrliche Filmbiografie mit dem damals noch unbekannten Waltz in der Hauptrolle.
      Tom Hanks hatte Lust Dean Reeds Leben zu verfilmen. Er kaufte die Filmrechte von dessen letzter Frau Renate Blume. Dummerweise verhandelt die Tochter Deans (aus erster Ehe in Amerika) mit anderen Partnern, was die Lage verkompliziert.

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  3. Exakt das alles wollte ich eigentlich ausdrücken 🙂 Bezüglich seines Stils habe ich mich auch gefragt, ob sein Leben (oder auch nur seine Karriere) mit anderer Musik anders verlaufen wäre. Gerade der Umstand, dass er noch in den 80ern mit akkustischer Gitarre und den altbekannten Parolen auf der Bühne stand, empfand ich besonders tragisch – als ob er einfach irgendwann einmal stehen geblieben wäre und den Kontakt zur Jugend komplett verloren hätte – Sie haben es in Ihrem Text ja anklingen lassen. An den von Ihnen beschriebenen Auftritt in Chile kann ich mich auf der anderen Seite allerdings leider nicht erinnern.

    Wie dem auch sei – vielen Dank für die Information bezüglich der Verfilmung. Er hätte es, aus meiner Sicht, mehr als viele andere Menschen verdient, einem breiteren Publikum bekannt zu werden.

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  4. Witzig! Die mdr-Doku habe ich zufällig auch gesehen und mich die ganze Zeit gefragt, wie Du den wohl erlebt haben magst. Jetzt weiß ich’s 🙂
    Was mich berührt hat, war der versöhnte Ton, mit dem sowohl seine beiden Ehefrauen (vielleicht war die eine auch Exfreundlin, weiß ich nicht mehr) als auch sein Stiefsohn über ihn gesprochen haben. Das gibt es ja auch anders und weist nach meiner Erfahrung auf jemand hin, der im persönlichen Umgang etwas zu geben hatte.

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    • PS: Ich finde den Fehler nicht, oder meinst Du, dass einer, der Reedfan war, nicht fliehen wollte? Sind nicht gerade die, die den Sozialismus wirklich wollten, in der DDR verzweifelt?

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      • Treffer. Wer wirklich Reed-Fan war, wegen seiner Musike, der muss 300% naiv gewesen sein. Der war bestimmt kein linker Träumer a la Pannach& Kunert. Und wer 1987 (!) von der Reform des Sozialismus träumte, der hoffte auf Gorby. Wer aber Westsehnsüchte hatte, der hörte Westradio und kaufte Schwarzmarktplatten, der verfluchte Dean Reed, wenn er Rock&Roll sang: Billige Shakin‘ Stevebs Kopie, wenn er Balladierte: Roy Black auf aminesisch; wenn er die Gassenhauer der kommunistischen Internationale schmetterte: Hähähä ne Rothaut in dunkelblond, aber immerhin aus der echten Prärie…. Dean Reed hatte musikalisch KEINE Chance verehrt zu werden.

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