Aretha Franklin

16. Auguste haben es in sich.

Elvis.

Aretha.

The King of Rock&Roll und the Queen of Soul haben nun den gleichen Todestag. Mystisch irgendwie.

Aretha. Ein schwieriges Kapitel in der Bludgeon-Biographie. Denn das war ja kein bekömmlicher Philly-Sound. Sie zählt zu den absoluten Säulenheiligen. Obwohl: Tina Turner war mir allzeit lieber. Aber auch erst, als sie den Ike und seine immergleiche Mugge los war.

Das erste Soulstück, das mir jemals gefiel, war „Baby, Baby, where did our love go“ von den Surpremes. Oldiessendungsaufnahme von ca. 1976. Früher war ich nun mal nicht dran. Das zweite Soulstück war dann Otis Redding – „Sitten on the dock oft he bay“; der posthume Geniestreich irgendeines Nachlassverwalters. Als ich dann später andere Reddingstücke hörte – naja…kam der Abtörneffekt.  Zur gleichen Zeit kamen die Bee Gees mit „Main course“ um die Ecke und Hall & Oates mit ihrer „Bigger then both of us“. Blue eyed Soul hieß das. Das hektische Gebläse des „echten Soul“ war hier deutlich zurückgefahren. Mehr Melodie. Mehr Finessen im Arrangement.

Im Radio gab es reichlich Grundsatzkommentare über echten Soul und Kommerz. Und man solle doch bitte der „echten schwarzen Musik“ den Vorzug geben. Viele plapperten das von Stund an nach. In eben jenen Sendungen, in denen diese wohlmeinenden Statements getätigt wurden, wurde rund um den Wortbeitrag tatsächlich was von Redding, Gladys Knight oder James Brown gespielt; aber dieselben Moderatoren spielten am Tag darauf schon lieber wieder Bee Gees und ihre damalige Lieblingsband Little Feat. Weit her war es also mit der reinen Lehre vom schwarzen Soul auch bei denen nicht.

Aretha kannte ich deswegen bis 1977 nur vom Hörensagen. Dann spielte der Berliner Rundfunk in „Duett“ verblüffenderweise in zwei aufeinanderfolgenden Wochen beide LP-Seiten der „Aretha live at Fillmore West“.

die erste

Ein schwerer Brocken.

Ich nahm das auf, weil mir der „große Name“ geläufig war, aber ich wunderte mich doch sehr über dieses hektische Getute und Geschrei. DAS ist die große Aretha? Ich wollte Zugang finden. Wollte mir das Schönhören! Aber sie klang in meinen Ohren eher wie Udos Mutter, wenn sie ihm die Leviten las. Lustig war das nie, Udo hatte heftiges Pech mit seinen Eltern und deshalb stets mein Mitleid. Er war gern bei uns, weil hier keiner auf ihn einhackte. Und jetzt hole ich mir dieses Keifen auf Englisch ins Zimmer? Mit musikalischer Untermalung einer Bachtrompete, die man eben noch unter einem Panzer hervorgezerrt zu haben schien. Immerhin trösteten die Schreipausen, wenn die Orgel zur Geltung kam. Ein Erweckungserlebnis war das nicht.

Stevie Wonder kam mit „Songs in the key of life“ heraus. „Village ghetto land“ und „Sir Duke“ machten Appetit auf mehr. Der Appetit wurde prompt wiederum durch „Duett“ bedient und fast das ganze Doppelalbum gespielt – aber da waren auch wieder so „Seltsam-Stücke“ dazwischen, die -oft überspult- bald wieder gelöscht wurden. Soul war schwierig und mit Ausnahme von Stevie Wonders Lyrics textlich auch eher unterirdisch. Heat Wave, Ohio Players, Rose Royce … Geh mir weg mit Jackson 5 & Co.

Und Aretha? Die hatte auf der Fillmore Platte wenigstens auf Seite 2 „Dr. Feelgood“ und das lange „Spirit in the Dark“ (Part2 mit Ray Charles) zu bieten, die klangen nach MEHR. Aber Aretha war ja keine Eintagsfliege, machte weiter Platten und sollte mir noch mehrfach begegnen – und steter Tropfen höhlt den Stein.

So kam es während der Armeezeit eines Tages zu einer zweiten Chance, Soul zu begreifen in Gestalt zweier Aretha-LPs, die ein Mitglied der Regimentsband angeschleppt hatte. Wir hörten uns eine Plattenseite an; wieder viel zuviel Gebläse und Geschrei; dann begann der Disput: Ergriffenheit der einen Hälfte der Band und humorige Frotzelei der anderen (und meinereiner).

„Da könnter ja als Band och mal K.N.Ö.Di.E.L. spielen.“ Und ich setzte noch nach: „Melnik! Trööt!“

Auch da flammte also noch keine Begeisterung auf.

Andererseits wenige Jährchen später: Studentenfete in baufälligem Leipziger Hinterhof. Zwei Gastgeber opfern gute Westplatten zwecks Verschleiß auf Freiluftplattenspieler, während sich die Runde alkoholisiert. Who, Zappa, Wings, Jon Anderson Solo… Ich war dort nur Gast am Rande. In meinen Kreisen, wurde derartiges Goldstaubvinyl niemals unter freiem Himmel und bei abnehmender Feinmotorik des DJs verheizt: Strictly Tonband! Bei jener Fete war das anders. Wir saßen in feuchtfröhlicher Runde. Plötzlich: Kleck! Was war’enn das? Alles guckt in Richtung Dachrinne über mir und dann auf meine Schulter: Taubendreck. Volltreffer. Kichern der anderen. Der halbe Rücken meiner blauen Windjacke plötzlich weiß. Ich lache folgerichtig nicht. Und direkt vom Plattenteller kommt:

„Live in the streets toni-hight! (hahahaaa hahahhaaa hahahaaaa)“ schienen mich die Bläser auch noch zu veräppeln. Dass das gerade gut zur Situation passt, fällt auch den anderen auf. Die Kommentare sind dementsprechend. Ich war aufgestanden, um mich in Richtung Badezimmer zu begeben: Kleck! Kam auch noch Nachschlag und „Äääääy!“, grölte Aretha wiederum passend. She took the word right out of my mouth, sozusagen. Und aus dem Kichern wird Gejohle.

die beste

Das Aha-Erlebnis

„Dich mögen die Biester besonders, scheints.“

„Die ham obendrein offm passenden Soundtrack gelauert! So is Le’m of dor Straße nu ma‘! Willste immer noch Punker sein?“

„Weeste Bescheid. Is‘ von Äreffa! Die dicke alde Nechorqueen vom Koffer da.“(Womit das Coverfoto der „Love all the hurt away“ gemeint war.)

„Wenne noch ne Weile sitzen bleibt und die die Haare treffen, siehde aus wie Johnny Wintor!“

„Da scheißn Daubm sich müde! Se fliechn lange schonn nich mehr.“

Ich ließ die Typen erstmal stehen und wusch die Windjacke. Als ich wiederkam, lief andere Musik. Aber dieses „Kleck“ und „Äjj!“ im Zusammenklang – das hatte was. Mein Humor kehrte zurück. DAS Fest vergisst du nicht so leicht wieder! Ich wollte die Platte haben.

Später am Abend, als die Musik eh keinen mehr interessierte, weil die anwesenden Philosophen tief in einer Plechanow/Bulgakow-Diskussion steckten; legte ich mir die 2. Seite der Aretha-Scheibe auf. Geil. Ich wollte die Platte wenigstens aufnehmen, aber mein Kontakt zum Besitzer war nicht gut genug und das Hoffest belehrte mich ganz automatisch, dass man DEM lieber keinen Bowie „für mal kurz“ im Gegenzug überlässt. Also war DARBEN angesagt.

Drei Jahre später brachte dann ein Flohmarkt die große Chance: Da hatte jemand keine Ahnung und verkaufte sie mir für 80.- Mark(Ost); knisterfrei, unbegrabbeltes Cover – fein. Dann brachten die beengten Wohnverhältnisse zweier jung verheirateter Berufseinsteiger mit sich, dass immer einer zu tun hatte, während der andere gerade eine Verschnaufpause genießen wollte und den anderen stört. Also kamen in jener Zeit ganz untypisch oft Kopfhörer zum Einsatz – und DAS Klangerlebnis flashte mich dann noch mal extra. Die „Love all the hurt away“ wurde meine erste und liebste von Aretha. In jenen Tagen hatte „sisters are doin‘ it for themselves“ heavy rotation.

die 3.

Typisches 80er Geplautze aber damals gut.

Mit den Eurhythmics konnte man mich normalerweise jagen. Das war diese Popplörre aus kastriertem New Wave und Bowies Papierkorbinhalt. Aber Aretha gab dem Song was, das ihn leben ließ. Die CD lief mir aber erst nach der Wende über den Weg. Da hatte ich dann auch die Chance die Bluesbrothers kennenzulernen und der „dreckige Schürzenauftritt“ im Imbiss dort schloss wieder den Kreis zu Udos Mutter. Aber diesmal mit dem Abstand der Jahre nicht mehr in nerviger, sondern unterhaltsamer Hinsicht im Sinne von „Weißt du noch?“ Schöner Film.

Gestern starb Aretha. Udos Mutter ging ihr 10 Jahre voraus.

9 Gedanken zu “Aretha Franklin

  1. Spanish Harlem fand ich damals so umwerfend, da musste ich sogar die Single haben, aber für Soul an sich hatte ich nicht genug Zeit und Geld, gab so viel anderes. Wirklich viel lief davon ja auch nicht gerade im Radio und außerdem war viel zu wenig Gitarre dabei. Aretha kam mir erst mit Who’s Zoomin‘ Who ins Haus (ich hab die Lennox mal live gesehen und glaube nicht dass die jemand an die Wand singen kann) wegen..genau dem.. und dem Titelstück.

    Als alternder Musikforscher musste ich mich zwangsläufig damit beschäftigen, habe mich durch das Genre gehört und finde eine ganze Menge ziemlich gut, mehr Stax/Volt als Motown, aber beide hatten ziemliche Kracher im Programm. Allet schick soweit.

    Am Ende aber zu wenig Gitarre, was übrigens auch auf Nicolette Larson zutrifft. Hier lief gerade Can’t get away from you, Eddie Van Halen hätte ich glaube ich erkannt, den hätte sie öfter fragen sollen.
    Ah! Kaum hab ichs geschrieben kommt der typische Feat-Walzer und die Knie zucken. Baby don’t you do it. Doch geil, streckenweise.

    Gefällt 1 Person

    • Ganz ähnlich, ganz ähnlich…. erst als alternder Musikforscher gräbt man auch im Soul den ein oder anderen Schatz aus.

      Und: Ja die Lennox hat schon Stimme … es war das Gesamtpacket, was mich an den Eurütmickern gestört hat.“ Lily was here“ mit der Dulfer … und der eine Hit von Shakespeare Sister (dessen Name mir nu auch noch entfallen ist!)…. das waren so zwei weitere Ausnahmen auf der guten Seite … aber sonst?
      „Spanish Harlem“ – das muss von Ben E.King! Das is‘ irgendwie Ritual. Das darf nicht anders klingen.

      Aber apropos Covern: Als die „Live at the Fillmore“ angesagt wurde und die Titelliste verlesen ward – da deucht‘ es mir, dass ich 2 Titel kennte – damals als noch unerfahrener Musiknovize:
      Bridge over troubled Water und Ellinore Rigby. Hm Dann begann das große Plärren Und: Die Ellinore erkennt man im Grunde noch. Die Simon&Garfunkel Bridge gedoch wird musikalisch abgerissen. Die klingt richtig scheußlich.

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