Sie nannten ihn Boss…

Hotfox hat die Platte gerade in seinem Blog gewürdigt. Vor ein paar Jahren tat ich dasselbe im Rockzirkus. Ich mochte sie einst auch. Allerdings lernte ich sie mit Verspätung schätzen. Manche Themen passen halt nicht zu allen Zeiten.

Tunnel of love

Der Tunnel(blick) der Liebe – in dem kann man sich mitunter ganz schön festfahren.

Als die Platte neu war, traf das bei mir nicht zu. Anno 88 unter der Weltzeituhr auf dem Alex von einem Strassen-Polen gekauft; polnische Lizensplatte; auf der Innenhülle alle Texte auf englisch; alles sah nach Schnäppchen aus…

Die 80er ohne Springsteen sind überhaupt nicht vorstellbar:

– „Nebraska“ auf Band gehörte mit zum Soundtrack meiner Studentenzeit;

– die „born in the USA“ kostete zwar das primitive rumms-plautz-Schlagzeug bis zum Exzess aus und war daher gewöhnungsbedürftig; da jedoch einer der Kommilitonen auf der Studienabschlussfahrt pausenlos ausgerechnet diese Songs dudelte, bekamen sie ihren unverzichtbaren Erinnerungswert; eben doch „glory days“ damals irgendwie.

– dann waren da noch gewisse Pauseneinspielungen in Rockpalastnächten;

– die Teilnahme an „USA for Africa“ mit deutlich ruinierter Stimme, so dass man nicht mehr wusste, ist das jetzt noch Springsteen oder schon Joe Cocker;

– schließlich diese 5fach live Geschichte die DT Jugendradio mitschneidefreundlich einmal komplett spielte…. Boss…immer wieder der Boss… irgendwie war er immer da und hätte er einen anderen Schlagzeuger, wäre ich vermutlich Fan geworden.

Die Tunnel of Love wurde nun die erste, die mir selbst in Vinyl gehörte – aber ich hatte ihn nicht nötig, den Tunnelblick der Liebe. Das Hörerlebnis war somit eher lau. Die Platte plautzte angenehm wenig, aber es blieb auch nichts hängen. Sie wanderte in die Kiste zu den anderen Lizensplatten und wurde vergessen – bis neulich 2010. Ich hab da also was gut zu machen …

Der Boss war 39 und ein knappes Jahr verheiratet, aber irgendwas schien nicht zu laufen in dieser Ehe. Irgendwas schien sogar von Anfang an schief gelaufen zu sein zwischen ihm und ihr. Aber es war diese Rockstar & Model Ding. Das machten doch alle in der Branche so!

„Ich hab ein Haus voller Rembrandts und alle lecken meinen Schleim, aber wenn ich mal nach Hause komm’ bin ich jämmerlich allein…“ so ungefähr lässt sich Track 1 anempfinden.

„Die eine sucht den starken Micha, die andre will den soften Knut, die dritte versucht schon wieder, ob’s der schlaffe Günter tut, doch Baby, eins halten wir fest, ich mein Kind bin tougher! Tougher als der Rest!“ Track 2.

Ich sah sie in der Disco und spür die Liebe ruft, aber -shit!- mein Portmonee steckt zu Haus noch in der Arbeitskluft. Ich ras’ also heim und hole es fix her und wenn sie dann noch da ist, dann läuft da auch noch mehr….“ Track 3.

Und dann ist der Humor erschöpft, denn ab Track 4 langte er ernst hin:

„Spare Parts“ erzählt eine oft erzählte Geschichte, ganz in der Tradition von Hank Williams “Long gone Daddy“ oder Johnny Cash, die Story von den im Stich lassenden Vätern und den sitzen gelassenen Müttern, die zwar erfahren, dass manche Schicksalsgenossinnen das Kind in den Fluss schmeißen würden, jedoch wissen, dass sich dann das Gewissen meldet und das Leben erst recht verpfuscht ist und die es deshalb durchstehen, das Kind eines treulosen Hallodris aufzuziehen.

„Caution man“ bringt dann den Perspektivwechsel: Der Vorsichtige, der eines Frühlings doch nicht vorsichtig genug ist und der Liebe freien Lauf lässt – im Herbst „muss“ er also heiraten und diszipliniert baut er seiner schönen Schwangeren ein großes Haus. Er beschließt nun verantwortungsvoll seine Familie zu beglücken, aber manchmal träumt er schlecht und sehnt sich nachder Romantik on the road. Eines Nachts schleicht er aus dem Haus und pilgert an die Autobahn, aber dort ist „nichts als Strasse“ und er begreift, dass das Weiterfahren nur 3 Personen unglücklich machen würde, also kehrt er um, schleicht ins Schlafzimmer und legt sich wieder neben seine Frau. Bläst der Schlafenden die Haare aus dem Gesicht und weiß nun: es ist gut so, wie es ist.

„Walk like a man“ denkt und sagt im nächsten Song einer, der da gar nicht sicher zu sein scheint, jedoch gerade im Begriff ist zu heiraten:

Denn am Altar hat er Vaters rohe Hand gespürt und -Stimme gehört: „Trag’s wie ein Mann!“ Verdammt! War das ein Glückwunsch? Dann hätte er auch gleich Klartext reden können: Zwei Celulitis freie Schenkel sind kein Beweis dafür, dass sie dich versteht!

Seit er 5 Jahre alt war und am Strand versuchte in Papas große Fussstapfen zu treten, sagte Vater den Spruch immer, wenn dem Sohnemann etwas schief ging! Und nun kreiste dieser Spruch in seinem Hirn und der Priester fragt: „Wollen sie diese hier anwesende….“ – Walk like a man! Ziehen wir’s eben durch. Nun ist es eh zu spät.

An seinem schwierigen Verhältnis zu seinem Vater reibt sich Springsteen jahrelang auf und dabei entstehen meist die berührendsten Songs: used cars, my fathers house, der Monolog vor the river(live); immer geht es um den mächtigen Papa und den Jungen, der weg will, den aber die Erinnerung immer wieder einholt, und der sich zunehmend für früheres Verhalten schämt. Er will alo etwas reparieren am pubertär versauten Vater-Sohn-Verhältnis und lässt den Sohn in allen Songs zuspät kommen, so auch hier: Papa ist längst gestorben. Nur sein Spruch lebt weiter und wie die Folgesongs zeigen – zurecht.

Auf der ehemaligen 2. Plattenseite befinden wir uns plötzlich in einer Art Konzeptalbum, denn alles passt zusammen:

„Tunnel of love“ – solange du verliebt bist, bist du ach so stolz, wenn du die anerkennenden Blicke der anderen bemerkst, die dich mit deiner Freundin sehen; aber später beginnt es dann zu nerven, wenn jeder x-beliebige mit Blicken deine Frau auszieht! Immerzu die Frage, drüberweg sehen oder zuschlagen? Du bist nur noch am lauern, interpretieren und Frust schieben. Die Stimmung bleibt permanent im Keller und deine Frau fragt sich, warum sie dich Griesgram überhaupt geheiratet hat.

„two faces“ – ein Song wie aus der Waschpulverreklame: Der eine in mir schwört die Treue und meint das auch ernst, der andere in mir hält ständig Ausschau nach besseren Möglichkeiten. Das alte Lied – Treue oder Überdruss:

„Und du glaubst es gibt eine bessere Liebe für dich. Und dann wieder fühlst du dich schlecht und hoffst das sie es nicht merken wird – na klar, sie merkt es erst recht!“(Tom Liwa hat’s in Deutsch auf den Punkt gebracht.)

„brillant disguise“ lenkt textlich in der Elvisspur: „your the devil in disguise” bzw. “Suspicious minds”, besingt er das Versteckspiel voreinander und grübelt darüber nach: Wie gut kennen wir uns eigentlich? Sehen wir nicht lediglich unser beider Fassaden?

„One Step up (and two steps back)“ – die ewigen Kleinkriege und Neuanfänge und wieder Blumen nach hause schleppen, aber schon morgen können wieder die Tassen fliegen, denn da war diese mädchen in der Bar und die sah sehr wenig verheiratet aus und ich tat, als wär ich es auch nicht… ein Hinweis auf Patty Scialfa, die Nachfolgerin?

„When your alone“ dann bist du wirklich nur allein, grübelst du dich fest und kommst nicht weg und nicht weiter und es kommen die Zweifel ob die letzte Trennung richtig war….

„Valentins day“ kann jeder Tag sein, wenn du dich aufraffst, ins Auto steigst und durch die Nacht rast, zu der, von der du weißt, dass sie dich versteht .Ein weiterer Scialfa-Hinweis?

Ende’89 wird sich Springsteen scheiden lassen  und mit Patty Scialfa zusammen ziehen, die auf dieser Platte bereits Backgroundsängerin und Gitarristin ist und diese Beziehung wurde Ehe Nr. 2 und hielt.

Nachtrag 2018: 2010 begann ich diese Platte zu genießen und Ergänzungskäufe zu tätigen: Scialfa Solo; Pete Seeger Sessions live in Dublin, Nebraska auf CD …

Aber die liegt heute noch eingeschweißt im Regal. Denn:

2013 packte mich der Wahnsinn: Ich wollte „zum Boss“ ins Konzert. Es gab einen Leipzig Gig im Juli. Also hin da. Ich traf dort meine Begleiter und die wussten irgendwoher, dass es Diskrepanzen zwischen Ihm und der Stadt gegeben haben muss, weil er entweder keine Start- oder Landeerlaubnis auf dem Schkeuditzer Flughafen zum Wunschtermin erhalten haben soll. Eventuell hängt damit zusammen, was uns bevorstand:

Das Konzert wurde von 45 000 Leuten besucht und ungefähr die vorderen 10-15 Reihen müssen auch guten Sound gehabt haben, denn die Kraulquappe war auch da und schwärmt noch heute. Ich stand in Reihe 70 oder 80 oder hundert, hinter dem Mischpulthüttchen und suchte hinterher 2x den Ohrenarzt auf, aus Angst vor Tinnitusdauerschaden bzw. Hörsturz. Trotz Ohrstöpsel! Gut eine Woche später kam langsam alles wieder ins Lot. Glück gehabt. Aber danach brauchte mir mit Springsteen keiner mehr kommen.

Der hatte entweder gar keine Tontechniker dabei oder die haben nur vorjustiert und waren wegen der Flughafenquerele schon weitergereist, denn das Mischpulthüttchen war von allen Seiten mit Planen zugehangen. Der Sound dröhnte von vorn nach hinten an die Stadionbetonwände, kam zurück und mischte sich mit den Folgetönen von vorn. Astrein verstehbar war immer nur das Anzählen „One two three four pruuuuuuuuuuuummmm! The next song is called Prrrrrrrrooooooooom schepper prooooommm.“ Es war in 30 Jahren Konzertpilgerei meinerseits der Supergau. So also hört sich der Boss der Stadion-Rocker an?

Danzer ist tot. STS sind aus gesundheitlichen bzw. Altersgründen auseinander, Ambros ist ein Schatten seiner selbst…

Ich fahr höchstens noch zu Chris de Burgh. Dessen Tontechniker verstehen ihr Handwerk.

Advertisements

6 Gedanken zu “Sie nannten ihn Boss…

      • Hilft eher nicht – – –
        Wenn der Ausschlag schon im Positiven bleiben soll, dann eher das : http://www.youtube.com/watch?v=n-mq0uJ7rlM

        Aber im Ernst. wenn „der Boss“ (also der Arbeiterausbeuter) mit den hochgekrempelten Ärmeln daherkommt und bei dem Ansatz eines Gitarrensolos wie ein hardworker sich produziert, dann finde ich das nur lächerlich. Im Vergleich zu dem Solo von Tom Morello.
        Springsteen ist Superstar und lebt auf der anderen Seite der Strasse. Ähnlich wie der arrivierte Anwalt Degenhardt mit seinen Liedern anno dunnemals… Unglaubwürdig.
        Einer der meines Wissens wenigen Ernstzunehmenden, bei dem Leben und Musik in jenem grossen Land zusammenpassen war Woody Guthrie. Auch kein Pete Seeger und schon garnicht die Baez.

        Die Einleitungsrede bei der Laaaangversion von The River habe ich in meiner jahrelangen Zusammenarbeit mit us-Amerikanern so oder so ähnlich zig-mal gehört. Und im Resultat immer der gleiche Schnack : lange Haare, aber dann die Army, ich wollte nicht nach Vietnam; aber der Dienst fürs Land und dann die glattgebügelten Rechtfertigungen – wers nicht persönlich erlebt hat, für den glimmt vielleicht etwas wie persönliche Biographie und Glaubwürdigkeit auf. Mich kotzts (pardong) nur noch an.
        Vorläufiger Gipfel ist Bobberles Nobelpreis. Nur um gleich danach eine Sinatra Cover Platte zu machen….

        PS: schönen Dank noch für den Hinweis auf hotfox. Der Blog sieht auf den ersten Blick ganz interessant aus.

        Gefällt mir

  1. Das ist natürlich doof, das mit dem Sound. Vielleicht war es mein Glück, dass Springsteen hier 1980 noch nicht in Stadien gespielt hat und so ziemlich auf dem Zenit war (auf meinem jedenfalls nach Born to run und Darkness on the Edge of Town) wodurch ich fast vier Stunden auf einer Achterbahn der Gefühle geritten bin – und das nicht alleine. Bestes Konzert ever.

    Tunnel of Love ist nicht nur seine Scheidungsplatte, weshalb ich die heute nicht mehr hören kann, aber „Ehe im Arsch“ war damals auch das erste was mir zu der Scheibe in den Sinn kam. Und so wie die (S + Scialfa) sich auf der Tour in die Augen sahen war auch jedem klar warum.

    Ansonsten hat der Herr Ärmel mal wieder viele Dinge geschrieben, die eigentlich einen vehementen Einspruch einfordern, aber ach, ich mag den „Boss“ nicht mehr verteidigen, das ist alles so anstrengend und zeitraubend und es gibt so viel wichtigere Sachen..

    Woody Guthrie hätte heutzutage wahrscheinlich auch eine elektrische Gitarre und würde in großen Hallen spielen und Platten verkaufen, macht ihn das dann automatisch unglaubwürdig?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s