Stagnationsblues one more time

1988, vier Jahre nach Orwell und eins vor Schabowski war es, da entdeckte ich eins meiner zukünftigen Idole. Das Radio hämmerte mir Bilder in den Kopf, die bleiben sollten:

Und ewig schwebt der Pick up übern Highway…

Buffalos kreuzen lautlos die Strasse. Ein paar Cheyenne versuchen dem Wagen abseits des Weges und zu Pferd zu folgen … und bleiben zurück.

Vorbei an Santa Fé und verfallenen Blockhäusern durch bluegrass plains … da: Ein Bär erhebt sich auf die Hinterpfoten und will drohen …. Vorbei…

Eine Fahrt wie im Video … du hörst kein Hufgetrappel, keinen Adlerschrei – nicht einmal deinen eigenen Motor: Das Auto ist erfüllt von Musik: Dieser Musik. Vorbei …

Das war nicht selbstverständlich, denn in einer Zeit, in der nicht einmal das Wünschen mehr zu helfen schien, der Stillstand allenthalben war, schien auch der Rock & Roll zu verrecken.

Quietschige Keyboards, Synthetik-Drums, der Maxie-Wahn und tonnenweise Scratch-Effekte schienen nichts übrig zu lassen.

In Gods own Country kochten alternde Stars ihre alten Erfolgsteebeutel wieder und wieder aus und jagten ihre Songleichen in den Äther.

Das gar nicht mehr so Greate Britain suchte händeringend nach den nächsten Synthie Poppern und die hießen dann, wie sie sangen: Durantamtam, Visa(r)sch, Keil i min Oog und Nik(olaus) Kehrschaufel… Sammelt Brot für Depeche Mode!

West-Deutschlands NDW war kurz zuvor so etwas wie ein allerletztes gut gemeintes Aufgebot, aber inzwischen als „Ölpest der Tonkunst“ (Heinz R. Kunze) eines klebrigen Todes gestorben.

Da hockte ein noch junger Mann weit „hinter der Mauer“ vor seinem Radio mangels Westplattenzufuhr.

Als slave to the rhythm, ertrug er voll ausgespielte 10 inch/12 inch/club-mix/rough-nix/ inkontinence-spritz-wixwörschens einfallsloser Restmelodien und ebenfalls voll ausgespielte fffffffrrrrrrrriiillllllffforzzzzzzkkkkkcccchhhhhhhh- Spielübertragungen für den „heimatlichen PC“ (har-har!) in der unrealistischen Hoffnung auf Erlösung, denn diese stirbt bekanntlich ja zuletzt.

Und es kam der Tag, an dem sie eintraf:

„I don’t believe it’s all for nothing, it’s not just written in the sand, (…) come down Gabriel! Blow your Horn! Cause some day we will meet again!”

Yeahr! Voll auf die 12!

Die knarzige Stimme, die den Teer von ca 2 Millionen Marlboros ahnen ließ, die indianisch monotonen erdigen Drums, der schleppende Rhythmus! Und dann auch noch –AUF’S STICHWORT – Peter G. wie aus dem Jenseits: faaaallen annnnngel! … und weiter im Knarz-Ton:

Fallin’! Fallin’ down!

Wer ist das? Wer singt so? Wer kann sich Peter Gabriel als Background leisten?

Robbie Robertson. Der The Band-Veteran vertrug seinen zu früh verordneten Ruhestand nicht und hatte sich 10 Jahre nach dem letzten Walzer zu einer Soloplatte durchgerungen.

Daniel Lanois, Peter Gabriel, Rick Danko, Manu Kaché, Bono und the Edge halfen dabei…

Doch der Wunder waren noch nicht genug. Der Jugendradiosender DT 64 spielte wenige Wochen später das ganze Album komplett. Ein einsatzbereites Tonbandgerät war in jenen Tagen wichtiger als Brot und somit vorhanden, „somewhere down the Elbe-River.“

Song für Song und message auf message gelangte hier ein anspruchsvolles Alterswerk auf’s Band, klang überhaupt nicht altmodisch aber (Gott Lob!) auch nicht nach’87er Synthiepest!

“Who’s gonna bring me a broken arrow? Who’s gonna bring me a bottle of rain!”

Friedenszeichen allenthalben schwer gesucht! Im Versetzungskampf down on the polish border: „Move faster by night!“

Dass der Pickup in Wirklichkeit ein Trabbi war, die Buffalos schwarzbunt gewesen sind und Ohrmarken trugen, Santa Fé und Dodge City viel unromantischer Eilenburg, Elsterwerda oder sogar Unterkaka heißen konnten – who cares! Immerhin waren die Cheyenne fast echt: Kopfputz, Tomahawk, Kriegsgeschrei und sie ritten wirklich – auf kleinen Fahrrädern.

Robbie Robertson/ same (Geffen Records, 1987 (aber 88 erst im Radio angekommen))

P.S.: 30 Jahre hat sie nun auf dem Buckel, die Scheibe, die ne Welt bedeutet (hat). Und vor 10 Jahren war sie meine erste Rezi im Rockzirkus.

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6 Gedanken zu “Stagnationsblues one more time

  1. Durantamtam, Visa(r)sch, Keil i min Oog und Nik(olaus) Kehrschaufel sind Schuld, dass ich auch Depeche Mode und einige andere in diese Schublade gesteckt habe weil: alles eine 80er Grütze (außer wouldn’t it be good, tolle Schmalzplatte). Gottlob ist man ja inzwischen etwas auf- und abgeklärter.

    So Leute wie R.R. laufen bei mir seit je her unter „andere Liga“, die kann man alle ungehört mitnehmen. Musste man ja auch, mangels Sendern die so etwas spielen.

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  2. Naja, Depeche Mode hatte ich ’86 live gesehen, eine Wucht. Und damit unangreifbar. Ich bekenne mich schon des Gefallens einiger 80er Songs und Bands, ohne die nun aufzulisten. Aber interessehalber, 88, was lief denn da in meiner kleinen (Strammsteh-)Welt?
    U2s Schepper und Summ, klar. Das Vermächtnis von Marillion 1 (B’Sides und die Bekanntschaft mit ‚Grendel‘), Ö, Enya, Mitternachts Öl. Va. aber war noch der Nachlauf zu U2s Joshua Tree, Simple Minds live, Cures 3fach Küsse.
    Wenn man so auf den Kalender sieht, was dann 89 kam: Cure’s Disintegration, Stone Roses Debut, 2 Scheiben, die noch heute oben liegen. Das waren auch die Jahre, in denen ich begann, abseits der Charts und in den 70en nach unbekannten Welten zu suchen.

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    • Nun: Depeche Mode fanden ab Personel Jesus auch ab und an Gnade vor meinen Trommelfellen. Aber CDs brauchte ich von denen nie. Und in den 80ern fand ich dann (mit Mühe) doch noch einiges, was bleiben durfte, gemessen am Dauererfolg von 70er Großwerken aber mehr oder weniger schnell verblich.
      Marillion (mit Fish), dann jahrzehntelang Funkstille, bis „Fear“, da mochte ich dann auch den andern Sänger.
      U2 + Midnight Oil; damals toll, heute brauch ich die nicht mehr.
      Peter Gabriels Werke damals hoch gefeiert – heute – ö – die erste darf bleiben: Aber die stammt ja aus den 70ern. Eventuell auch noch die „plays live“ als Bilanz.
      Nicht zu vergessen: Prince.
      Die ganzen Rockdamen der Zeit: Kate Bush mehrfach; Tanita Tikaram und Tracy Chapmann, sowie die Popjazz-Diva Sadé allesamt mit ihren Debuts -sehr gut, danach aber aus den Augen/Ohren verloren…
      Von uns Doro immer mal wieder ne Platte.
      usw.
      Natürlich Bap! Die blieben groß — bis der Major ging.
      Ganz weg bin ich inzwischen von Toten Hosen und Westernhagen, die mochte ich damals auch.

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