High Noon am WEISSENSEE

Nun ist es vollbracht. „Weissensee“ – das erste TV-Event zum Thema Untergang der DDR, das nicht in Klischees ertrinkt, ist – insgesamt betrachtet – gut gelungen.

Nach fast 30 Jahren – endlich; möchte man meinen.

Nun ist die Situation nur die, dass die ARD das Event „4.Staffel“ vermutlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit mal schnell in 3 Tagen durchgefeuert hat. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag. An zwei Tagen davon liefen Quotenbringer auf Konkurrenzsendern. „Sing my Song“ und „Topmodel“. Quoten entstanden wohl eher dort. Die bisherigen 3 Staffeln wurden (soweit ich weiß) nicht wiederholt. Also dürfte die 4. Staffel wohl kaum gesehen worden sein und kaum noch irgendwo gesehen werden. Die Nische „Ossi-Seele streicheln“ wird vom Buhrow-Clan als erfüllt betrachtet.

(Schon die 3. Staffel hätte die ARD gar zu gern vergessen. Es fand sich damals angeblich lange kein Sendeplatz. Die DVDs lagen schließlich schon in den Läden.)

Die bisherigen drei Staffeln waren aller Ehren wert. Das Erstaunliche daran war immer wieder, dass die Ostsituation vor dem Mauerfall wiedererkennbar war, keine massiven Fehler passierten, die den zuschauenden Zeitzeugen verärgern könnten: Ich sage nur „Honigfrauen“ (Fluchtwilliger Dean Reed Fan) oder „Der Turm“ (NVA/Schwedt-Episode – nur im Film völlig verhunzt).

Die bisherigen Staffeln fingen auch sehr gut ab, dass unplanbarer Weise, die weibliche Hauptfigur der Julia Hausmann nach Staffel 1 keine Lust mehr hatte und den Serientod sterben musste. Vielleicht war das sogar ein Glücksfall, weil somit keine Romeo und Julia Variante „made in GDR“ mehr möglich war.

Wie wars diesmal?

Bei Akt 4 waren leider, leider gleich zwei Abgänge zu verkraften. Die weibliche Hälfte des Drehbuchteams Anette Hess sprang ab. Sie hatte die ursprüngliche Idee. Diesmal schrieb also ihr Sidekick Friedemann Fromm alleine über das wilde Jahr 1990 in der zusammenbrechenden DDR. Konnte das gut gehen?

Teilweise.

Staffel 4 lässt mich nicht jubeln. Verdammen, wie „Honigfrauen“ und „Turm“(Verfilmung) möchte ich sie aber auch nicht. Die letzten beiden Folgen vom Donnerstag retteten das Gesamtergebnis dann doch. (Uff! Ich hatte schon Befürchtungen.) Aber es ist insgesamt die schwächste von den 4 Staffeln.

Wessis wird das Thema nicht jucken. Ossis mehrheitlich auch nicht mehr. Die Geschichtsvergessenheit ist Volksseuche geworden. Wer seine Geschichte vergisst, wird sie wiederholen müssen. Warten wir es ab.

Zum ersten Mal wurde nicht nach dem Mauerfall mit Happyend-Feeling abgeblendet, sondern der Nachwendekater verfilmt: Treuhand, SED-Metamorphose zur PDS, Glücksritter(West) ziehen naive Ossis ab; Gebrauchtwagen-Taumel, aufkommende Gang-Kriege Punks gegen Faschos in Ostberlin…

Reichlich Stoff – und nur 6 Stunden Spielzeit. Das musste scheitern. Man hätte die doppelte Zeit (und sicher auch das doppelte Geld) gebraucht, damit sich der Stoff entwickeln kann.

Katrin Sass (als Sängerin Dunja Hausmann) schmiss hin. Eine der tragenden Säulen. Sie fehlt heftig. Es war die Schiene der drangsalierten kritischen Künstlerin. In 3 Staffeln war sie eine Mischung aus Gisela May/Manfred Krug(als Jazzsänger betrachtet)/und Barbara Thalheim(die mutige Wende-Chanteuse, die dann ein biografisches IM-Kapitel eingestehen musste) Nun fehlt in Staffel 4 der Absturz der DDR-Künstler ins Nachfrage-Loch von 5-6 Nachwendejahren. Man bemüht sich um Schadensbegrenzung und verlautbarte per ZEITonline, dass es sich um eine eher private Eifersüchtelei zwischen Autor und ihr gehandelt habe. Vielleicht war es aber doch der Gesamteindruck des Drehbuchs? Schauen wir genauer hin:

Was war gut?

Die Treuhandabläufe: Zweifelhaftes Westpersonal trifft auf naive Bürgerrechtler und erpressbare Ex-Stasikader – das kann man sich schon so vorstellen, wie es gezeigt wurde. Die Millionenschieberei, die der SED-PDS das finanzielle Fundament rettete, kam ebenfalls plausibel-, aber einseitig, rüber. Denn völlig ausgeblendet wurde, dass nicht nur private Bereicherung von Ex-Bonzen betrieben wurde, sondern auch der Startschuss zur „Kümmerer-Partei“ gegeben war, die die frustrierten Arbeitslosen auffing. Die Negativ-Wirkung von nassforschen West-CDUlern und plötzlich mutig gewordenen Blockflötenparteivertretern blieb unerwähnt.

Genial, nach wie vor, dass der alte Oberstrolch des MfS Gauke hieß. Da lacht das Ossi-Herz mit Uwe Steimle, der im Riverboot zum Besten gab, dass da einer ähnlichen Namens „auf den Gepäckwagen des Wendezuges aufsprang und behauptete, er sei immer schon Heizer auf der Lok gewesen“.

Was war unausgereift/durchwachsen?

Die Charakterentwicklung im Einzelnen:

– Der alte Vater Kupfer (immer schon der Zauderer und Gorbi-Grübler alias Markus Wolf) hier zu extrem positiv;

– seine Frau nun eine (fast) Margot Honecker, die mit Gauke/Mielke kungelt;

– der liebe Martin Kupfer, Ex-Polizist und seit Staffel 3 Möbeltischler (real betrachtet also Hilfsarbeiter) wird durch Absetzungsstreik gleich der neue Chef des Ex-VEB;

– der Bösewicht Falk Kupfer hat so gewisse Ansätze von Gewissenszweifeln, die ebenfalls mehr Zeit und vor allem ein glaubwürdiges Schlüsselerlebnis als Ursache gebraucht hätten. (Jörg Hartmann legt wie immer die beste schauspielerische Leistung hin.)

Was war schlecht?

Die Jugendschiene war geradezu armselig zusammengetackert und im Falle von Roman Kupfer auch fehlbesetzt: Die Nazis fallen vom Himmel und Roman Kupfer, der Ex-Sportschul-Dopingopfer-Aussortierte, wird von jetzt auf gleich in die Klischee-Clique aufgenommen. … Keinerlei Ursachenandeutung, wie sich das zusammenschob. Die Prügelszenen wirken wie an den Haaren herbeigezogen, weil auch die Gegner-Cliquen immer auf Knopfdruck vom Himmel fallen.

(Man hätte z.B. nur mal einen Buchladen der DDR 1990 zeigen brauchen oder eine der Figuren hätte über einen Weltbildkatalog staunen können: Denn wer war am schnellsten auf dem befreiten Buchmarkt der Brüder und Schwestern? Neben unscheinbaren Taschenbüchern gutbürgerlicher Weltliteratur füllten die Regale vor allem: Speer-, Guderian-, Manstein-, Rommel-Biografien, „Die Panzerwaffe im II.Weltkrieg“; das III. Reich in Prachtbänden mit Tonbandkasette „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“; „und morgen die ganze Welt“, „neue Fronten“; „die Waffen- SS“, „Wir werden das Wort nicht brechen“; kaum brachen die ersten Betriebe zusammen, waren Schönhuber und Kühnen auf Tournee durch die neuen Länder; eine Knastamnestie ließ auch reihenweise vor’89 inhaftierte Skinheadschläger frei, die nun „Opfer des DDR-Unrechts“ waren… Von alledem NICHTS.)

Stattdessen grölen da einfach ein paar Darsteller los. Keiner von denen mit Glatze oder Faschoscheitel. Seltsam! Den Dress-Code hatten auch die Ost-Skins schon vor der Wende drauf; gerade und vor allem in Ostberlin! Stattdessen so’ne Böse-Buben-Gang mit, wie gewohnt, nur einem Mädchen. Die sieht ganz gut aus (zu hübsch sein darfse nicht – in einer Nazi-Gang), und muss sich prompt ins schüchterne Neumitglied Roman K. verlieben.

– des lieben Martins große Tochter startet zunächst eine dramatisch schief gehende Modellkarriere, ist dann traumatisiert, traut sich nichts mehr zu, geht zu einer Art Straßenfete, wo die Jugend nach Silly „SOS“ tanzt (!?!!?) und landet dann -schwup-s im besprayten Punker-Bully; findet dort die große Liebe und kurz darauf eine Lehrstelle als Köchin. Hm.

– Sehr übertrieben auch die Liebe zwischen dem querschnittsgelähmten Schuft Falk Kupfer, der ohne richtig ersichtlichen Grund für manche Szenen einen Decknamen (Herr Schmidt) hat und seiner Pflegerin, die 5 Jahre in Hoheneck saß und lange Zeit nicht ahnt, wen sie da pflegt. Als sie es erfährt, bricht sie das Verhältnis zwar ab, dank des schnellen Szenenwechsels landet sie aber ca. 15 Minuten später doch wieder in seinen Armen und in der vorletzten Szene in seinem Bett.

Was in der letzten Szene geschieht, verrat ich nicht. Vielleicht will’s ja doch noch jemand gucken.

Was wurde vermisst?

Gemessen an den 3 Staffeln zuvor fehlen hier Anspielungen auf

– Krause (den Skandalminister) und Diestel (den undurchsichtigen Stasi-Schützer);

– Rücksichten auf die damalige Mode (Vokuhilas; pinke Vertreteranzüge, Snow-Jeans)

– das mediale Aufsehen um den ersten Selbstmord eines Hauseigentümers(Ost) in Dolgenbrodt bei Berlin, der laut „Rückgabe vor Entschädigung“ sein seit 30 Jahren bewohntes Haus räumen sollte, weil er es nicht ein zweites Mal bezahlen konnte;

– das Auffliegen der versteckten RAF-Veteranen;

– die widerliche Rufmordkampagne gegen Prof. Dathe, den Tierparkdirektor Ost-Berlins;

– der erste Ossi-Nachwendeerfolg: Die Protestwelle zur Verhinderung der Abschaffung des Sandmännchens. DIESES Trostpflästerchen ließ man uns dann doch.

 

Was bleibt?

Eine Super-Plot-Idee fürs ganze; eine Überfrachtung der 4. Staffel;

Gespickt mit Zitaten(Musik) und Anspielungen (sprechende Namen, Nebensätze verschiedener Akteure);

Funktionierender Dramaturgie trotz Hauptdarstellerabgang (Staffel 1-3); nicht ganz so perfekt in Staffel 4; die leere Wohnung der Dunja Hausmann, die immer wieder per Dietrich von mehreren Figuren betreten und zuletzt von Vater Kupfer quasi bewohnt wird, kann die Lücke des Katrin Sass- Abgangs nicht schließen;

Hervorragende Schauspielerleistungen in allen 4 Staffeln;

DIE Referenzrolle für Jörg Hartmann (alias Falk Kupfer);

„Weissensee“ ist und bleibt eine hervorragende Serie mit einer schwächelnden 4. Staffel.

Würde ich mir eine 5. Staffel wünschen? Eher nicht.

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5 Gedanken zu “High Noon am WEISSENSEE

  1. „Weissensee“ gilt inzwischen als ein Gratmesser für den Umgang mit Zeitgeschichte. Eine Art Erinnerungsinstanz für die nächsten Generationen. Für mich zeigt diese deutsche Familiengeschichte auch, dass das was der DDR zum Unglück gereichte, die überschaubare Kriminalität des Systems war. Tote an der Grenze, staatliche Bespitzelung. Das war ermessbar, ging den Landläufigen im Kopf nicht über die Kräfte.

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  2. „Weissensee gilt … als Gradmesser für den Umgang mit Zeitgeschichte.“ Nachfrage: Bei wem? Mit welchem Ergebnis?
    Meine Meinung: Sehr guter Film, sehr stiefmütterlich behandelt (Sendeplätze, Medienecho, TV-Preise) zeigt, wie sehr die Sieger Geschichte schreiben, jedoch um halbwegs Gesicht zu waren, eine Nische dulden.
    Beim WDR-Talk mit Bettina Böttinger erklärte die Produzentin unlängst, dass sie für „z.B. „Weissensee“ seeeehr stark sein musste“.
    Würde mir mehr „sowas“ wünschen, inclusive der oben beschriebenen „missing Pieces“, statt dieser jämmerlichen Tatortinflation derzeit. Aber die sind billiger zu produzieren und der Rundfunkbeirat kann gerettete Euronen in die eigene Tasche wirtschaften. Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen? Pruuuuust!

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  3. Ich hab nur die ersten Absätze gelesen, wird nachgeholt wenn ich die neuen Folgen gesehen habe. Sind übrigens alle herunterladbar mit mediathekview, dazu noch eine Webserie mit 10 (wahrscheinlich kurzen) Folgen, die hab ich mir allerdings gespart.
    Nach den ersten drei Staffeln war das für mich eine der besten deutschen Serien überhaupt, mal sehen ob die vierte Staffel nötig war. Wiederholungen der ersten Staffeln gab es übrigens vorher, irgendwann ab 22:15 oder so.
    2015 ist wohl mehr was für Roselgunde Knilcher und ähnlichen Blödsinn.

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    • Nötig war die Staffel auf alle Fälle. 1990 ist ein bisher sträflich unterbelichtetes Kapitel. Sehenswert ist das Ergebnis letztlich auch. Das Problem ist nur, dass es in dieser Notbesetzung geschah. Mit der zweiten Autorin wären die Verzahnungen der einzelnen Ebenen vermutlich filigraner gelungen – wie in den Vorgängerteilen. Und die Dunja Hausmann/Katrin Sass – vielleicht hätte man ne andere kleine, alte Zerknautschte finden können (z.B. die Thalbach). Beim „Doktor und dem lieben Vieh“ musste man ja auch die Mrs. Herriot auswechseln und es gelang.

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