Unterleuten

„Linda liebte Frederik nicht. Frederiks Anwesenheit wurde nicht von bedingungsloser Zuneigung getragen, sondern von einem Vertrag, der an eine Bedingung geknüpft war: dass Frederik funktionierte. Sollte er beschließen, mit dem Funktionieren aufzuhören, folgte automatisch das Ende seiner Anwesenheit. Er wusste das – und kapitulierte sofort.“

Liebe im 21. Jahrhundert! Feminismus vs. Testosteronmangel!

Bin momentan richtig happy, denn ich habe „Unterleuten“ von Juli Zeh nun endlich gelesen!

Es spielt in der nordwestlichen Ecke von Brandenburg und ich weiß nicht, ob unter dem verfremdeten Namen mein derzeitiges Domizil oder einer der Nachbarorte gemeint sein könnte: Es passt auf alle!

PENG! DIESE Lektüre entfaltete Lesewucht! Lauter alte Bekannte:

Der ehemalige LPG-Chef Gombrowski, der dieselbe als Agrargenossenschaft in den Westen rettete, der schnöselige Bodenspekulant Meiler aus Ingolstadt im Mercedes Roadster; der grummelnde Altkommunist Kron, vor den Trümmern seiner Arbeitsjahre, der angegraute altlinke Wessi Gerhard Fließ, der in den Busch zog, um ihn umzukrempeln; seine Frau Jule, die von der frischen Mutterschaft in den hormonellen Ausnahmezustand getriebene zukünftige Helikoptermutter; dagegen fast gleich alt Linda F.; die junge Frau mit Reitermacke und Größenwahn, kalt, kontrolliert, sexy – ein Strategiemonster als Venusfalle. Dazwischen lügen sich verschiedene andere Nebenfiguren ihre Gegenwart zurecht, um ihre eigene Erbärmlichkeit aufzuwerten.

Es zieht dich rein, es zwingt dich ständig zur Selbstanalyse: Wieviel Gombrowski, wieviel Kron, wieviel Fließ steckt in mir?

Von Schaller und von Meiler nichts. Das steht fest. Die scheiden als einzige der männlichen Figuren aus. Aber selbst Frederik und Wölfi Hübscher kommen mir peinlich nahe.

Das Buch erklärt in leicht fasslicher Form brandenburgische Mentalität und Ost-West-Gegensätze, wenn im näheren Umfeld Wessis auftauchen, die sich erst eigenartig jovial interessiert geben, bald schon aber alles besser zu wissen meinen und statt direkter Kommunikation den „Behördenweg“ bevorzugen.

Die eigentliche Story ist eine simple: Ein Windpark soll entstehen. Irgendwo am Waldrand. Aus 7 oder 8 Perspektiven wird erzählt, weshalb nicht sofort allgemeiner Jubel ausbricht, sondern ganz im Gegenteil die Dorfgemeinschaft daran zu Grunde geht. Der Leser kann jede der Sichtweisen nachvollziehen und staunt beim Lesen am meisten – über sich selbst.

Es tauchen Sporenelemente von alten Bekannten auf:

– ein mysteriöser Gewitterunfall, der auch ein Mord gewesen sein könnte auf einer Waldlichtung, wie in Spielhagens heute vergessenem Roman „Selbstgerecht“;

– immer wieder Möglichkeiten, alles zu einem guten Ende zu bringen, aber letztlich wird doch wieder falsch abgebogen, (siehe Georg Danzers „Traurig aber wahr“);

– Linda Franzen als gepflegter, weiblicher, nicht versoffener Wiedergänger von Henry Chinaski (alias Charles Bukowski) mit vernichtendem Durchblick, was die Klassifizierung ihrer Mitmenschen betrifft;

– Gombrowski als herrlich schrulliger Ex-LPG-Vorsitzender; wie Manne Krug in „Daniel Druskat“, nur eben in alt.

Massenhaft zitierfähige Sätze a la:

„An seinem 45. Geburtstag schien es Gerhard, als stünde er allein auf einem Schlachtfeld, das alle anderen verlassen hatten, um für den nächsten Stadtmarathon zu trainieren. Umweltschutz war eine Angelegenheit für Unternehmensberater geworden und die restliche Politik wurde zwischen Sachzwangverwaltung und Spektakeljournalismus zerrieben.“

„Jeder lebt doch in seiner eigenen Welt, in der nur er den ganzen Tag recht hat.“

„Heute hält er sich zwei überregionale Zeitungen, aber er liest sie lediglich als Satireblätter.“

Usw.

Eine ganze Weile glaubte ich gar, ich müsste meine bisherigen literarischen Lieblinge umsortieren.

Aber im weiteren Lesevorgang stieß ich auf kleine Ungereimtheiten, die sich läpperten, den Gesamteindruck zwar nicht „schwer schädigen“; jedoch geriet ich im innerlichen ja-jaa-jaaaa-Bestätigungstaumel ab und an aus der Spur: Ochnö! So doch nicht! Das passt nicht! Aber weiter geht’s: Ja! Jaa! Jaaaa!

  1. Gombrowskis Jugend; Frau Zeh richtet ein seltsames Durcheinander der Begrifflichkeiten an: Gutsherrenfamilie, Großgrundbesitzer, reichster Bauer des Ortes – ja, was denn nun? Die ersten beiden Bezeichnungen passen überhaupt nicht zur späten Enteignung von 1960, denn diese Klasse wurde bereits durch die Bodenreform Herbst 1945 vertilgt.
  2. Wenn die Widersacher Gombrowski und Kron mit einem Altersunterschied von 10 Jahren vorgestellt werden, weil der junge Kron beim Zündeln 1960 vom 13jährigen Gombroski erkannt wird, dann ist die Schlägerei beider Veteranen 2010 extrem unrealistisch dargestellt: Der nun über70jährige und seit 20 Jahren am Stock humpelnde Kron geht zu Boden und kann sich später aus eigener Kraft erheben und entfernen; tritt wenig später ohne erwähnenswerte Blessuren auf…
  3. Schallers Tochter bekommt als Abiturientin von ihrem Vater (Landmaschinenschlosser und wendebedingter „Schwarzschrauber“) ein Auto zurechtgemacht. Das klingt glaubhaft. Dass es aber ein MGB GT V8 ist, lässt wiederum den Kopf schütteln, denn die kultige MGB-Verehrung ist so ein Westding, das im Osten völlig unbekannt war. Ein Corrado, ein Audi Quattro oder meinetwegen auch ein älterer 7er BMW wären ost-typischer gewesen.
  4. Schließlich noch die leidigen Seiten 612 und 613: Ein kritischer Antiprovinz Monolog vom alten Kron, der bis hier als provinzieller Altkommunist mit Bodenhaftung durchs Figurenensemble geisterte. Die dargestellte Betrachtung kann man als der Provinz entfremdeter Düsselmünchgarter Molochbewohner eventuell goutieren. Der alte Kron jedoch wirkt hier wie Erich Mielke, der auf Cannabisfreigabe und Ehe für alle plädiert.

Überhaupt schwächelt 5. der Schluss in der Gestaltung: Nach soviel Raffinesse zuvor, die einen 600 Seiten lang in ihren Bann zog, liest sich dieses angepappte Schlusskapitel aus Sicht der extra hinzugenommenen Figur Finkbeiner wie „was schnell noch zu sagen wär“. Schade.

Unter die besten 5 rückt „Unterleuten“ bei mir also nicht auf. Sollte ich aber aus dem Stand mal meine wichtigsten 10 Leseerlebnisse aufzählen müssen – dann wäre in der zweiten Wertungshälfte durchaus Platz dafür.

Tellkamp schrieb den großen Wenderoman „Der Turm“. Frau Zeh schrieb den bisher einfühlsamsten Nachwenderoman über ostdeutsche Zustände, die wie im Brennglas ganz Deutschland entlarven.

„Man kolportiert oft, der Osten hinke hinterher; dabei stellt sich ein ums andre mal heraus, im Osten passiert nur manches früher, weil die Bewahrerstrukturen des alten Westens bestimmte Entwicklungen dort NOCH aufhalten können, gegen die es im Osten keine Abwehrkräfte gibt. Es sollte also eher heißen: Der Osten ist uns einen Schritt voraus. Auch wenn das nicht automatisch etwas Gutes bedeuten muss.“ (Spiegel/DIE ZEIT; mehrere Artikel nach der Wahl vom Sept.2017)

By the way: Aber es schmerzt, diesen beiden hier dabei zuzusehen, wie sie „welterfahren-abgehoben“ herumwundern, dass a) zwischen all den Großstädten tatsächlich noch Menschen wohnen und dass denen b) – Perplex! – Heimat mehr bedeutet, als den urban herumgeschleuderten Flexibilitätsnomaden. Abenteuer im Brandenburger Busch sozusagen. Tja. Et is ehm, wies is!

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9 Gedanken zu “Unterleuten

  1. Also, das ist ja wirklich irgendwie witzig … Justament diesen Roman habe ich als letzten Roman auf Teneriffa angefangen …. leider kam ich nur bis Kapitel zwei … und nachdem ich Romane im e-book Design nur im Urlaub lese … muss ich jetzt warten … bis zum nächsten Urlaub (wann immer der auch sein mag) … denn, mir sind e-books eigentlich eher unsympathisch, aber im Urlaub (des Gewichts wegens) greife ich dann doch darauf zurück … Aber der Anfang des Romans hat mir schon gefallen

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    • 😦 oooch Mist. Und bis dahin gibts anderes. Und durch das Anlesen ist der Neugiereffekt verpufft. „Ach den Anfang hab ich fast vergessen und da komm ich jetzt sowieso nicht mehr rein.“ Kennick von meiner Holden.

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