Von Pferden und Menschen

Zunächst aus aktuellem Anlass:

Poor man wanna be rich/rich man wanna be king,/and a king ain’t satisfied,
‚til he rules everything,/ I wanna go out tonight, I wanna find out what I got…

Und in den „Badlands“ wohn‘ ich eh schon; wenn es auch nicht Bruce’s sind. Schnell weg, aus dem tagespolitischen Elend:

Da waren mal „Badlands“ anderswo. Vor vielen vielen Jahren. Ein weiterer Arsch der Welt; weiiit hinter den Bergen; die Sachsen lange Zeit von Kakanien* trennten. Das zerfiel; und herauskam ein Staat, den keiner wollte. Jedenfalls in den Grenzgebieten und in der Osthälfte des Gebildes. Und da seh ich diesen kleinen blonden Dürrländer in Lederhosen und kurzärmligem Sommerhemd, wie er eingeschult wird, wie er lesen lernt und wie er locker den ersten Systemwechsel wegsteckt, mit 8, weil für ihn eh nur Pferde und Abenteuer zählen, die sich mehrheitlich im Kopf abspielen und teilweise im ungenutzten, großen Garten. Eine Jubelparade im Regen bekommt er mit. An der Pestsäule auf dem Markt. November ’38. Modernste Technik im Land der Hundekarren und Pferdefuhrwerke: Kräder, LKWs und Panzerabwehrkanonen werden mit Blumen beworfen. Ab sofort gehört man zu dem Staat, dessen Sprache man auch spricht. „Ei‘s Biehmsche geschickt zu werden“ entfällt von jetzt ab. Den Armeefahrzeugen folgt die Kultur. Buchladen und Leihbücherei sind plötzlich reichhaltiger bestückt. Und der kleine Blonde ist Leseratte! So liegt er dann auf dem Bauch im Garten. Im Sommer ’39 oder ‘40. Ein halber Ring Knackwurst neben ihm, entwendet aus der Vorratskammer, ein Buch vor ihm und im Kopf eine ferne, ferne Welt: Argentina.

Dort galoppiert ein Hengst durch die Pampa, gemeinsam mit einer Herde, die er den Schindern entriss. Dass Gauchos keine Tierliebe kennen, weiß der kleine Blonde bereits durch Karl May. Hier nun wird das bestätigt. Sogar mit Fotos! Beweise genug: Peitschende Sombrero-Träger. Sich aufbäumende und zu Fall gebrachte Pferde. Ein Trakehner-Hengst, zu wild für alle nützlichen Zwecke in Deutschland, deshalb nach Südamerika verkauft – und dort in die Freiheit entkommen.

Das Buch packt ihn so, dass er erschrickt, als ihm irgendwas Feuchtes in den Nacken fährt und schnaubt. Diesmal ist das Pferd echt: Bubi wundert sich, weshalb er heute nicht beschäftigt wird. Das kleine Herrchen sattelte ihn doch sonst, ritt ihn, führte ihn im Karree, legte ihm Verbände an, traktierte ihn mit salzigen Brotkantenhappen für allerlei Zufallsbewegungen, die prompt zu „Kunststücken“ erklärt wurden, so dass keine Langeweile aufkommen konnte auf dem großen abgegrasten Geviert mit den Obstbäumen. Was Schöneres kann man sich als rüstiger, vierbeiniger Gnadenbrotempfänger gar nicht wünschen; wenn einem die Schlacht von Gorlice 1915 und die Isonzo-Front bis 1918 in den Knochen steckt. Wenn man anschließend 20 Jahre Geschlachtetes ausfuhr; immer diesen Geruch von totem Fleisch in den Nüstern… Und plötzlich war man Pferderentier (sprich: -rentjee); graste, wurde bespielt, zog aus Jux mal den Leiterwagen voller kleiner Bengels, die nicht nach Tod rochen – und hatte keine Plage mehr.

Heute aber war das anders: Das kleine Herrchen lag und las und kaute Knackwurst. Ditha Holesch hatte kurz zuvor ihren Bestseller veröffentlicht: „Der schwarze Hengst Bento“. Nun erreichte sein Ruhm auch jenes noch unbeschadete Legendenland, das bald schon nur noch als „alte Heimat“ in den Erinnerungen der Davongekommenen existieren würde.

Bento verschmolz mit Bubi, Rih und Hatatitla zum Über-Pferd. Alle vier wurden das kindliche Wissensfundament des werdenden Pferdemannes. Zwar würde er Fleischer werden und in Vaters und Großvaters Fußstapfen treten, glaubt er, aber er sah bereits eine lange Kette geschäftlicher Erfolge vor sich, die die Anschaffung edler Kutschpferde ermöglichen würden. Mit 9 haben die Träume noch Flügel. Sie tragen dich eine gewisse Zeit. Aber es sollte anders kommen. Ganz anders.

Hört man heute die Jahreszahl 1939, weiß man, was bevorsteht. Fünf Jahre später erfüllt sich Bubis Schicksal per Abdecker gerade noch in geordneten Verhältnissen. 8 Monate danach, im Frühjahr’45, wird der Volkssturm (all diese14- und 15jährigen Hitlerjungs) nach Hause geschickt, weil „der Führer gefallen ist“. Nun ist der Krieg aus. Aber das Schlimmste kommt noch. Der Albtraum beginnt mit bewaffneten tschechischen Plünder-Banden…

Die Hitlerjugend der Dörfer wird eingesammelt, verprügelt, erniedrigt, erschlagen, verschleppt, zur Zwangsarbeit verhökert … nach einem Vierteljahr Elend die wundersame Errettung durch die verschollen geglaubte Mutter, die sich vor den nachträglichen „Partisanen“ glaubhaft als Tschechin ausgeben kann. Beide wissen, dass sie wegmüssen. Zum zweiten Mal „heim ins Reich“; ins Rest-Reich; diesmal ohne Haus und Hof.

Gerettet wurde nichts als das nackte Leben, Erinnerungen und zwei Fotoalben. Jahre der Entbehrungen liegen vor Mutter und Sohn….

Zwanzig Jahre später fährt ein Tierarzt durch idyllische Dörfer der Täterätätä in teils armselige Ställe „Farnon&Herriot-Style“ und neben ihm sitzt wieder so ein kleiner Dürrer. Nicht so blond wie er einst war, dafür bebrillt und mit einem Pflaster über dem linken Brillenglas. Der ist meistens schlecht gelaunt, wenn er auf dem Beifahrersitz neben dem Terrier Platz nehmen muss, denn er hätte lieber zu Hause gespielt oder gemalt, anstatt sich wieder einmal mehrfach sagen zu lassen, dass er angeblich „janz de Muddi“ sei. Abhilfe musste her und so kommt Vater ins Erzählen:

„Stell dir mal vor, wir hätten nicht nur unseren Timpetu hier, sondern ein Pferd! So einen zweiten Bubi, der keine geschlossenen Stalltüren mag oder einen Bento, der sowieso macht, was er will. Bento ist unbesiegbar gewesen! Der ist allen entkommen: Dem Tierarzt, der ihn kastrieren wollte, dem Zirkus, der ihn dressieren wollte, den südamerikanischen Cowboys, die ihn brutal zureiten wollten – der hätte bloß über den Koppelzaun springen brauchen um abzuhaun; aber der ist rückwärts ans Tor ran, wie das Pferde so machen, wenn se was vor haben und hat die Balken vom Tor zertreten, damit nicht nur er, sondern die ganze Herde fliehen kann. Alt und Jung, Stuten und Fohlen, alle weg… Bubi hatte das auch drauf. Wenn der der Meinung war, es gab zu wenig Hafer, hat der die Haferkiste kaputtgetreten und sich selber bedient. Deshalb hatten wir die dann nicht mehr im Stalle, sondern im Hinterhaus im Flur. Da kam er nicht hin.“

Die Erzählungen verfehlen ihre Wirkung nicht. Der bockige Kleine neben dem Hund hört zu und träumt sich weg. Er reitet Bento, Udo neben ihm den Bubi, auf die Verfolger schießend, die die Herde einfangen wollen, …

Beim nächsten Mal werden die Wunder von Rih erzählt, oder von Duran…. Dann reitet er eben die. Das Resultat ist immer dasselbe. Der Beifahrer wird zum Helden. Aber das Heldentum zerstiebt beim ersten Halt, wenn ein grinsender Bauer auf das Tierarzt-Auto zu gestiefelt kommt und den Beifahrer bemerkt: „Na Dukter, der goomt abor jar nich nach Ihn‘, der is ja janz…“ Peng! Der letzte Schuss im Geiste des eben noch Pferde rettenden Rih- oder Bento-Reiters bleibt stets unerfüllter Wunsch.

Zeitchen verging. Es gibt Antiquariate. Auch zu Mauerzeiten. Offiziell dort aber keine Druckerzeugnisse der Jahre 1933- 45. Inoffiziell gerät jedoch so mancher Zufallsfund in die Regale. Bento ist leider nie dabei. Die Jahre gehen hin. Eines Tages, dem bebrillten, gar nicht mehr so Kleinen  steht die Jugendweihe kurz bevor, wählte er wiedermal den Umweg von der Schule nach Hause an Großmutters Keksdose vorbei. Er klingelt bei ihr.

„Na kummok rei.“

„Haste och Limo da?“

„Ja. Nimm dir.“, sie wendet sich wieder ihrem Buch zu.

„Liestn da?“

Wortlos dreht sie ihm das geborgte, in Zeitungspapier eingeschlagene Buch hin.

Er schlägt auf die Vorderseite zurück: Der schwarze Hengst Bento.

Zwei weitaufgerissene Augen glotzen die Großmutter fragend an und zwei strahlende ebenso große Exemplare leuchten da aus ihrem indianisch braunem Runzelgeflecht zurück: Naaaaa?

Beide schweigen eine Weile. Endlich entringt sich ihm:

„Wosn das her? Off ehmal?“

„Vo dor Arko-Oma. Geborgt.“ Und bevor er nachfragen kann, kommt sie ihm zuvor: „Se wördes vorkoofm.“

„Wieviel?“

„Teuer. 25 Mark.“

„Zuviel.“

Bei Großmutters oberstem Keksvernichter kehrte Ernüchterung ein.

Die Buchpreise der Ehemaligen lagen zwischen 6.- und 9,60 M für Festgebundenes. Da klangen 25 Mark schon irgendwie nach Wucher. Andererseits hatte auch die Republik der kleinen Leute ein handfestes Rentenproblem. Vor allem verwitwete Hausfrauen standen, trotz (symbolisch geringem) Witwenrentenaufschlag auf die Grundrente, relativ arm da.

„Kann ich‘s wenigstens lesen, wenn du’s durchhast?“

„Nimm‘s ok mit. Ich kenn‘s ja noch vo‘ zu Hause.“ Listig lächelnd schob sie es wieder auf seine Seite des Tisches. Wenn es der Enkel mitnimmt, wird’s der Vater sehen. Der Rest ist ein Selbstläufer. Ihrer Rommé-Partnerin war finanziell geholfen und ein Stück alte Heimat – wieder in Familienbesitz. Sie kannte schließlich ihren Sohn.

Und genauso kams.

„Großmutter hat Bento aufgetrieben!“

„Zeig!?!“

Blättern. Lange. Hinundher drehen.

„Arko-Oma, stimmts?“

„Ja, die wills verkaufen.“

„Wieviel?“

„25 Mark.“

„Da. Bringser am besten glei hin.“

Der Enkel wurde erwachsen und das Schicksal verschlug ihn in die ostelbische Pferdeprärie, die restpreußischen Badlands – und irgendwie gings guuuuut, wie Bruce einst im Refrain gerade so abfing.

Und wieder gab es einen kleinen, dürren Blonden, der den Weg zu sich selber suchte. Diesmal familienuntypisch ohne Leselust. Lieber probierte er allerlei Sportarten durch. Unter anderem kam dabei auch mal kurz die Reitlust auf. (Der Pferdebestand auf dem Hof eines Klassenkameraden schien dies zu ermöglichen.) Er hatte weder Opa noch Papa jemals reiten sehen, aber mit Wunderpferdgeschichten hatten sie ihn reichlich betankt. Da wär es doch DAS DING, sagen zu können: Aber ICH bin der einzige wirkliche Reiter in der Familie!

Die Vorlieben wechseln schnell zwischen 12 und 16, – so wurde die Reiter-Phase beerdigt, kaum, dass sie begonnen hatte. Immerhin fiel in jene kurze Zeitspanne eines Tages die Frage:

„Papa! Ham wir den Bento eigentlich als Buch? Das will ich mal lesen.“

Da wusste ich, dass hier etwas gerade zum dritten Mal funktionierte.

Wäre schön, wenn’s weiterginge.

Die Jahre vergeh‘n. Der nächste dürre Blonde lässt auf sich warten. Bento steht bereit.

….Saddle up the Palomino/The sun is going down/The way I feel/This must be real… (N.Young)

————-

*Kakanien = k & k Österreich-Ungarn

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11 Gedanken zu “Von Pferden und Menschen

  1. Und wieder einmal ein ganz und gar großartiger Beitrag über die Kunst des Imaginierens … und das schöne ist ja: mankann sich diese Fähigkeit erhalten und sich dennoch durchaus den Themen des Alltages stellen … Schlimm wäre es ja nur dann, wenn man sich nur noch in einer solchen Traumwelt befände … aber die Tücken des Alltages schlagen ja immer in schöner Regelmäßigkeit zu, oder ?

    Grüße vom Lagerfeuer in der Prärie …

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      • Ächt? Du bist hart im Nehmen. Ich habe mich beim Video beglückwünscht, nicht hin zu müssen. Ich betrachte es als Gnade später Geburt, gar nicht zu wissen, worüber die reden.
        Spannend finde ich dabei die Biographie von Bauwerken. Und auf dem Weg nach Berlin denke ich immer zweimal an Dich. Einmal Ausfahrt Naumburg, das andere Mal Beelitz-Heilstätten. Deshalb.

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      • Der Ort hat halt was und mit den Youtubern bin ich ja doppelt beschallt worden sozusagen. Dienstlich und privat. Ob ich wollte oder nicht. Vielleicht hilft mir das ja im Alter, dass ich so eine Art zweiter Günter Krabbenhöft (dicklichere Ausgabe) werde.
        Allerdings: Bergheim Berlin/Technohölle fällt für mich aus; da eher spring ich über meinen Schatten und zwinge mich noch auf die alten Tage Rap zu mögen.

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  2. „Wenn man anschließend 20 Jahre Geschlachtetes ausfuhr; immer diesen Geruch von totem Fleisch in den Nüstern…“
    Steht für mich symptomatisch für den Reiz, den Deine Texte auf mich ausüben. Die Nähe zu Menschen, Tieren …, die Du hast und bei Lese/LeserIn herstellen kannst.

    Gefällt 2 Personen

  3. Sie können erzählen, daß man die Balken brechen hört unter Bentos Hufgetrommel! Und man wünscht sich automatisch einen nächsten dürren Blonden oder eine görige Blondine. Manche Geschichten brauchen einfach kein Ende.

    Danke fürs Mit-Teilen dieser Ihrigen und nochmals herzliche Grüße.

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