Im tanglerine Stream von Tangerine Dream

(oder auch: Prora-Klaps 2)

Prolog:

Eigentlich sollte es im Folgenden um Tangerine Dream und meinen Bezug zur Elektronik-Mugge gehen, ich wollte auch über Klaus Schulze und Reinhard Lakomy schreiben, aber ich kam vom Wege ab, weil sich da ganz etwas anderes Bahn brach.  „Sometimes the song writes you“(Guy Clark) Das Folgende schrieb sich selbst.

Die Namen sind geändert, die Zustände sind wahr.

Es schien mir abschließend geboten, diese Vorbemerkung einzuflechten:

Ich kam zur Armee mit blauäugigen Idealen von Kameradschaft. Ich erlebte sie im Rahmen meines Diensthalbjahres durchaus. Aber ich wurde nach 18 Monaten entlassen mit einem tiefsitzenden Vorurteil gegenüber “Fischies“, denn diese hatten es mir „Sachsensau“ eingetrichtert. Aber heute ist alles wieder gut.

Im Zeitalter der „Häschtecks“: # ich liebe euch alle # liebe love&understanding #ich bremse auch für Mecklenburger #heile-heile Gänschen # even Meckis feel the hurt # Hoch! die! interregionale! Solidarität!…

Und nun geht’s los:

Welche Assoziationen kommen dir, wenn du Band-Namen hörst wie Nazareth, Renft, Pink Floyd oder (setz ein, was du willst)? Wann hörtest du sie zum ersten Mal? Von wem wurden sie empfohlen? Wann entstand der bleibende Eindruck? Oder blieb vielleicht gar keiner?

Manche Antworten hierauf sind sicher unerheblich. Aber manchmal klemmen da so Schlüsselerlebnisse dran, die du nie wieder aus dem Kopf kriegst. Und die einen sind wunder-wunderschön und die anderen – – – äh – – – prägend.

In der 11. Klasse, kurz vor der Sturmflut des Punk kam in meinem Bekanntenkreis die Lust an elektronischer Musik auf. Befeuert wurde sie durch die positiven Erfahrungen, die wir dank Radioaufnahmen von „One of these days“(Pink Floyd), „Frank Herbert“(Klaus Schulze), Kraftwerks „Transeuropaexpress“ und mehr und mehr Liebe zu SBB-LPs aus der „Polen-Information Leipzig“ machten.

Dann, Zeitchen später, die Bänder voller Clash, Boomtown Rats, No Horizon, Pere ubu, Sex Pistols, sendete der Berliner Rundfunk in seiner Sendung „Duett – Musik für den Rekorder“ eine halbe Stunde Tangerine Dream. Es handelte sich um die zusammengekürzte LP „Cyclone“. Die wird von Liebhabern heutzutage eher nicht gemocht. „Bend cold sidewalk“ und „Madrigal Meridian“ hörten sich gut weg, hinterließen über viele Monate einen positiven, aber keinen bleibenden Eindruck. Dann kam die Fahne. Die Band wird in Ostberlin erwartet, wir aber werden nicht dabei sein:

Grundausbildung und EK-Bewegung (Landser-Slang-Erklärungen siehe am Ende), zwei Schocks in einem; für jemanden mit schwacher Lunge und jahrelanger Sportbefreiung; Exzesse, deren Folgen mit Glück an einem selber vorbeigingen:

Eines Morgens Mitte Dezember‘79: „Kompanie Gefechtsalarm!“

Statt Frühsport und dem üblichen morgendlichen „Verpissen“ nun also wiedermal Raustreten in voller Montur. Der deutsche Landser schleppt sich tot. Stahlhelm, Klappspaten, Gasmaskentasche Feldflasche, Bajonett, Magazintasche, Tragegestell mit „Jumbo“ (dem Ganzkörperkondom für den Atomkrieg) – Waffenempfang. 2 leere Magazine in die Magazintasche, das dritte in die Waffe, die verlängerte Kalaschnikow mit dem 2-Bein vorn am Lauf (genannt LMG) und damit noch nicht Plunder genug: LMG-Schützen haben unseligerweise zusätzlich auch noch eine bleierne Makarow-Pistole in die Innentasche des Drillichs zu schieben und mit Kordelstrippe am Knopfloch zu befestigen. Eh der Klimbim an dir verteilt ist, bist du schon das erste Mal fertig. Die Kompanie steht keuchend angetreten auf der Stellfläche vor der Treppe und erlebt den Batailloner, verbrauchter Endvierziger, grauhaarig, Bärenfotze (Sorry; aber die Militärpelzmütze hieß nun mal so), Pferdedecke (Langer Mantel), der zum frühen Morgen wütend vor uns hinundher tigert, dann abrupt stehen bleibt um die Meldung des Kompanie-Chefs entgegenzunehmen:

„Genosse Major! Kompanie XY gefechtsbereit!“

Die Hände auf dem Rücken, bellt er uns an:

„Gefechtsbereit! Dass ich nicht lache! Ihr kapierts nicht! Ich schleif euch das ein! Bedankt euch bei euerm 2. Zug! Erneut haben wir einen Vorfall, der sich so nicht gehört. Beinahe wäre ein Soldat des 1. Diensthalbjahres in eurem Sauhaufen heute Nacht zu Tode gekommen! Soldat Kriegoleid! Vortreten! Hiermit befördere ich Soldat Kriegoleid vorzeitig zum Gefreiten, weil er schlimmeres verhindert hat.“

„Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik!“ antwortet der sichtlich überraschte Zwischenhund vorschriftsmäßig und ziemlich zerknirscht, weil er die Folgen dieser Gunst sofort weiß.

„Soldat Marquardt liegt zur Stunde im Med-Punkt. Und mich interessiert es einen Scheißdreck! (Pause) Ob nun hier die EKs oder die Zwischenhunde versoffener sind! (Pause) Das ist bekanntlich nicht das erste Mal im 3. Bataillon, dass jemand versucht sich umzubringen, weil er schikaniert wurde! Aber es wird das letzte Mal sein:

Kompaniiiie!!! Sti‘‘‘‘stan‘‘‘!

Hiermit bestrafe ich den 2. Zug mit einer Boddenrunde in vollständiger Gefechtsausrüstung. Antreten im Lichthof – sofort!“

Uff. Ich bin – 3. Zug.

„Die andern! Dienst nach Dienstplan. Rühren! Leutnant Schwiegert! Übernehmen Sie!“

Von diesem kam prompt: „Ko-Trupp stie‘‘stan‘‘! Zur Waffenabgabe räääächts -um! Ohne Tritt marsch!“, (während der Bataillonskommandeur sich auf den Lichthof begibt um den 2. Zug in Empfang zu nehmen und ein zweites Mal zusammenzuscheißen). Dann 1. Zug, dann 3. Zug zurück zur Waffenkammer, dann Abmarsch des 2. Zuges zum Härtetest „außer der Reihe“, Gewaltmarsch um den gesamten Jasmunder Bodden; vermutliche Dauer: fast der ganze Tag. Kein Frühstück; unterwegs 2 oder 3 Zigarettenpausen, durchgeschwitzte Rückkehr, Waffen putzen; das Abendbrot als erste Mahlzeit, miese Stimmung: Hass auf den frisch gebackenen Gefreiten Kriegoleid, den Petzer, das „Treibhaus“ (dem die Gefreiten-Balken auf den Schulterstücken nun gute 5 Monate zu früh gesprossen sind). Also wird er von nun an mit dem 1.Diensthalbjahr mit raustreten müssen, wenn es Dampf-Druck-Reviere (DDR) gibt: Stuben-und Revierreinigen unter schikanöser „Kontrolle“ seines eigenen Diensthalbjahres. Der fromme Wunsch des Batailloners blieb unerfüllt. Gegen die Quälerei der Diensthalbjahre untereinander war kein Kraut gewachsen. Nach 17:00 Uhr hielt sich in der Regel kein „Sacki“ mehr im Kompaniebereich auf, wenn nicht Wachdienst oder Nachtschießen bevorstand.

Herauszukriegen war, dass Marquardt mehrere Nächte lang kaum zum Schlafen gekommen war, weil er als „Glatter“ sogenannten „Betrieb“ bekommen hatte, immer wieder geweckt wurde, um den skatspielenden EKs und Zwischenhunden Kaffee zu kochen, oder eine „Spindkontrolle“ über sich ergehen zu lassen u. ähnliches mehr. Laut war es nie geworden, denn das betreffende Zimmer lag gegenüber von meinem und ich hatte absolut nichts mitbekommen. Irgendwann war M. so erschöpft und verzweifelt, dass er sich die Pulsadern aufschnitt. Kriegoleid hatte das Bett unter ihm und deshalb gerade noch rechtzeitig mitbekommen, was passiert war…

Und da hockst du nun in diesem primitiven Verbrecherhaufen als kleines unsportliches Abiturientlein, bekommst Menschenkenntnis im Schockverfahren verabreicht und fragst dich: Wie sollst du noch über ein Jahr lang diese Scheiße hier überstehen? Wann hast DU die Marquart-Karte?

Ende Januar 1980 war gerademal ein Vierteljahr herum, als es eines Abends nach Dienstschluss, nach der allabendlichen Bohner- und Scheißhausputz-Schikane und dem Abendbrot ausnahmsweise mal zu einem erfreulichen Ereignis kam: Von irgendwoher kamen diese TÖNE – wurden lauter – und plötzlich brüllte der Gefreite Röver(der sympatischste der EKs, ein Hippie aus der Lausitz, verständnisvoll auch gegenüber uns Glatten) mit unverwechselbarer Stimme: „Tür auuuuuf!“

Inzwischen gut dressiert springe ich vom Lese-Schemel auf und stehe mit 1 an der offenen Stubentür: „Los! Moachdog oalle STIMME an! Volle Pulle! Konzert!“ Wie befohlen – so geschehen: STIMME der DDR übertrug als Sonderkonzert den „DT64-Gig“ von Tangerine Dream im Palast der Republik. Da jede Stube mindestens ein Radio hatte und tatsächlich alle mitmachten, ging man die nächste gute halbe Stunde praktisch über die „Piste“(den langen Flur) in einem kosmischen Soundtunnel zum Scheißhaus oder in die Nachbarstuben auf Besuch und schrie sich an:

Klingt geil!!

Was?!

Klingt geiiiil!

Jaaa!!

Ab und an wurde der Genuss unterbrochen: Strom weg! Schlagartige Stille im Dunkeln. Wie immer flogen Türen auf und sofort ergab sich das Gebrüll: „Ufos raus! Ihr glatten Schweine!“ Die Glatten waren stets fürs Kaffee machen zuständig. Dafür gab es statt Tauchsiedern verbotene Ufos: Schnellkochvorrichtungen aus 2 Rasierklingen und ein bisschen Draht, der in die Steckdose „präzisiert“ werden musste. Geschah dies in mehr als 3 Stuben gleichzeitig, war der Strom weg. Der UvD stürzte an den Sicherungskasten, während alles „Ufos raus!“ brüllt und da diesem archaisch vorgetragenen Wunsch meist sofort entsprochen wurde, kehrt der Strom nach wenigen Sekunden zurück – und mit ihm der Sound.

Die EKs waren zum großen Teil musikbegeisterte „Kunden“; Hippies aus dem Süden der Republik, die Mehrzahl von ihnen vorbestraft wegen Rangeleien mit der Polizei anlässlich irgendwelcher Kundentreffen bei Konzerten oder wegen „asozialem Lebenswandel“, weil sie es verschmäht hatten, regelmäßig auf Arbeit zu erscheinen, wenn in der Nacht zuvor irgendwo ein Happening gewesen war. Vorbestrafte, Sonderschüler und Unsportliche landeten nun mal in Eggesin oder in Prora.

Die Zwischenhunde waren „Noadlichte´“, ost-elbisch strunzdumme Landeier. Die wenigsten von denen hatten die 10 Klassen geschafft, Knasterfahrung auch hier, aber nicht wegen polizeilich bedingter Kulturschlägereien, sondern wegen Einbruch, Fahren im Suff, oder Erntefestprügel. Die dachten von einem „Köhm“ zum nächsten, versuchten so militärisch desinteressiert aufzutreten, wie ihre EK-Vorbilder aus dem Süden, aber man spürte ihren heimlichen Stolz auf Uniform, Schützenschnur und das kleine bisschen Allmacht als „GUvD“ für 24 Stunden oder im Rudel, wenn es darum ging „Sing mei Sachse sing“ zu grölen, während wir „Sachsensauen“ vom 1. Diensthalbjahr bohnern mussten. Das Lied war dummerweise gerade „Hit“ und lief deshalb gefühlte duzendmal am Tag auf allen Ostsendern. Ich hasse es bis heute. Ich nahm mir im Stillen vor, in Zukunft jedem Mecklenburger mit allen 4 Gliedmaßen gleichzeitig in die Fresse zu springen, wenn er versucht, seiner Meinung nach Sächsisch zu singen: „Sing mein Sachsä sing! Es istn Eichending und och n grroußees Glääck umenn Zaubahr der Musäääg.“ Rums! Zahn raus! Pawlowscher Reflex.

Wir Glatten aus Thüringen und dem Großraum Halle mussten uns nun 6 Monate von einem unbeschreiblichen Gesocks alles Mögliche bieten lassen, nur mit dem Trost, dass nach dieser Zeit, die nächsten Glatten kommen würden, während die Fischies ihrerseits dann EK’s wurden, weil deren Vorgänger sich in die Freiheit verabschieden. Ossis mögen keine Ausländer? Ossis mochten sich untereinander schon nicht!

Die Tangerine Dream Klänge schufen eine Zeit-Oase, wirkten wie ein Gruß von zu Hause, erinnerten an die „Cyclone“-Aufnahme, an Stern Combo, an SBB. Ich genoss den Abend in Schlappen, Winterdiensthose, die breiten Hosenträger überm wochenlang durchgeschwitzten grünen Einheitspullover am braunen Plaste-Pott voller Fruchtsirup, (denn wenn du Cola kauftest, soffen die dir die EKs weg)…

…runde 400 Tage später, als ich endlich auch entlassen war, frisch erlöst die herbeigesehnten Segnungen genoss, Westplattenbesitzer geworden zu sein und mir jemand die AMIGA-LP (mit dem Foto von der Orange unter Kopfhörern) auflegte, da merkte ich, wie sich die Perspektive drehte: Zivil, zu Hause und im Sessel fand ich das schlagartig nicht mehr schön. 1980Nun tanzen die ANDEREN Bilder um mich herum Ringelrein, gegen die ich wieder genauso wehrlos war, wie gegen die realen Situationen, in denen sie zuvor  entstanden waren: von der „Piste“ und vom „Schlauch“(den Bohner-Fluren), vom Scheißhaus 3. Zug und den Fäkalien der Fischköppe, die nicht spülten, weil ja der Glatte eh gleich „Revier“ hat; von Kriegoleit und Marquardt, der nicht etwa ausgemustert wurde, sondern „wiederhergestellt“ worden war und brav seine 540 Tage abdiente, wie wir alle; vom Rostocker- und vom Bützower Ober-Assi (ach hätt’ich doch zwei Schüsse frei!); vom Wechsel auf den Schreiber-Posten in die andere Kompanie, vom Spieß in Keilhose und bekotztem Unterhemd, wie ich ihn mitten in der Nacht-  vom ebenfalls besoffenen Kompanie-Chef geweckt -, zusammen mit dem Uralfahrer aus seinem Schreibtischstuhl hochwuchtete und über die Piste schleifte, um ihn aufs UvD-Bereitschaftsbett zu knallen. Laufen konnt’er ja nicht mehr. Die hatten zu viert, mit zwei Feldwebeln in die anstehende Übung hineingefeiert, indem sie die beschlagnahmten Spirituosen der Landser-Pakete niedermachten. Dann warf ich den bekotzten Papierkorb durchs Fenster der Spießbude ins Außenrevier, holte die schwarzen Gummihandschuhe aus der Gasmaskentasche und wischte den daneben gegangenen Rest auf. Die Handschuhe gehörten eigentlich zum „Jumbo“, dem atomaren Vollschutz, fanden aber reichlichen Gebrauch im 1. Diensthalbjahr, wenn der EK aus dem Ausgang kam und einfach in die Stube pisste, oder ein Mecki beim Scheißen die Schüssel nicht traf…

Zu Hause will ich das Verdrängen. Was anfangs kaum gelingt. Ich verzichte auf die Platte.

Obwohl gerade jener Spießleichentransport noch eine Pointe hatte:

Andern Tags nämlich begann die „Waffenbrüderschaft 80“, das große See-Landemanöver; natürlich mit Gefechtsalarm. Als wir diesmal bereit zum Abmarsch standen, staunten wir nicht schlecht: KC und Spieß hatten um Mitternacht praktisch eine „alkoholische TGL“ (Teilweise Gesichtslähmung); um 6 Uhr morgens standen sie in tadelloser Anzugsordnung, allerdings windschief und leichenblass, vor uns. Das Reden überließen sie dem Politnik, Leutnant Glaubrich, der in der Nacht zuvor nicht mit von der Partie gewesen war:

„Wir! Die Kommunisten der Einheit Kriepsch! Verpflichten uns zu bestmöglichen Leistungen bei der bevorstehenden Herausforderung…rhabarber-rhabarber…“

Da vernehme ich neben mir im schönsten Schweriner Mecki-Deutsch:

„Ach! (Pause) SO sehn Kommunisten aus, du? Hassu die diä so vOrgestellt? Schreibee´? DIE solln wir uns zum Vorbild nehm? (Pause) Findssas guhut? Du? (Pause) Oder nich‘?“

Der unnachahmliche Humor des Uralfahrers. Um ihn herum kicherts.

Nekrolog:1986

Erst vor kurzem stolperte ich in einem Blog über den langvergessenen Namen Tangerine Dream. Irgendwie angefixt machte ich mich auf die Suche und hörte auf youtube die komplette „Pergamon“-LP durch. So heißt der Ostberliner Auftritt von 1980 seit 1986 als Westpressung. Schöne Musik eigentlich. Aber während sie lief, ging im Kopf der alte Alb von ehedem wieder los:

Tür auuuuf! …. EKs, wo seid ihr! ….Das Bett bleibt leer, der hier liegen müsste, sitzt in Schwedt… Schreibä! Zum Spieß, sofoad! …. Und ich warte praktisch darauf, dass wieder der Strom ausfällt … Ufos raaaus! … dass sich mein Naumburg-Kaffee-Pott in der Hand -hassunichgesehjn- in einen braunen Plastebecher verwandelt…

Schüttelfrost. Rache-Halluzinationen. Gewaltfantasien.

Ich hielt bis zum Ende der Platte durch. Aber es war seit 1981 das erste- und sicherlich auch das letzte Mal in diesem Leben. Tangerine Dream? No-Go.

 

Slang-Führer:

  • EK-Bewegung = Knasthierarchie, Tretmühle: 1. Diensthalbjahr muss leiden, 2.Diensthalbjahr muss/darf das erste schinden; 3. Diensthalbjahr hat nach Dienstschluss (17 Uhr) Ruhe, weil es sich auf die Entlassung vorbereitet
  • Batailloner = Bataillonskommandeur;
  • Sti‘‘stan‘‘ = still gestanden!
  • Sacki = Tagesack; Offizier (hat noch mehr Tage abzudienen als ein Glatter)
  • UvD = Unteroffizier vom Dienst; auch Brüll-Affe genannt; 24 Std. „Tür auuuf!“ brüllen und Befehle aller Art ausrufen
  • GUvD = Gehilfe des Unteroffiziers vom Dienst
  • Glatter = Soldat im 1. Diensthalbjahr, seine Schulterstücke haben noch keinen Knick.
  • Zwischenhund = 2. Diensthalbjahr, Schulterstücke längs gefaltet bilden die Tagerinne, damit die Restzeit schneller ablaufen kann; er schindet die Glatten, damit der EK seine Ruhe hat;
  • EK = Entlassungskandidat, meistens Gefreiter, drittes und letztes Diensthalbjahr; kann sich vor Wach-und Küchendiensten drücken und „seinen Stuben-Glatten“ dafür schicken;  dass dieser dann Doppelschichten hat, spielt keine Rolle
  • Schreiber – einige wenige Soldaten hatten das Glück „Spießschreiber“ zu werden; sie gingen demzufolge seltener mit „raus“ auf den Acker, weil sie die Arbeit des Spießes erledigten; das hatte seine Vorteile, wenn man einen dankbaren gutmütig-doofen Spieß hatte. Es gab aber auch Typen, wie meinen, die dem Schreiber (aus dumpf empfundenem Minderwertigkeitskomplex heraus) Bildung und alkoholische Zurückhaltung im Ausgang übelnahmen. Und dann war Schreibersein auch nicht so lustig.
  • Uralfahrer – war der andere Sonderposten: Der Spieß-Ural, war ein Gepäck-LKW schwerer russischer Bauart, auf dem die Sturmgepäcke der Kompanie ins Gelände gefahren wurden. Der Uralfahrer wartete den Lkw tagein-tagaus; Schreiber und Uralfahrer teilten sich eine 2 Mannstube.
  • Boddenrunde = Rügen hat zahlreiche Flachwasserbereiche; der Jasmunder Bodden ist der größte; die Boddenrunde kam pro Halbjahr ein oder zweimal vor, weil der Alkoholmissbrauch nicht in den Griff zu kriegen war;
  • Alkoholbesitz/-konsum in NVA Kasernen – war durch den „Befehl 30/74“ verboten; praktisch aber nicht durchsetzbar; schon gar nicht in einem Regiment, wie dem MSR 29, in das vorwiegend alles das einberufen wurde, was man anderswo nicht haben wollte: Vorbestrafte, Asoziale, Schulversager, Hilfsarbeiter, angehende Künstler, Dreiviertelausgemusterte. Die Saufgelage mittels eingeschmuggeltem 90%igem Primasprit (verdünnt in Limonade) führten u. U. zu schweren Schikanen von einzelnen Glatten, weshalb es ab und an auch mal drastische Bestrafungen seitens der Offiziere gab – eben: Boddenrunde oder Arrest.
14a Zustimmung

gefunden in „meiner“ ehemaligen Waffenkammer; Prora 2014

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14 Gedanken zu “Im tanglerine Stream von Tangerine Dream

  1. OK, bei dem Hintergrund …Tangerine Dream war einer meiner Lieblingsbands…und dann erst Klaus Schulze und die ganze Düsseldorfer Elektronik Ecke mit gelegentlichen Ausflügen ins Französische (Jean.M.Jarre)- und landete dann als fortgeschrittener Elektroniker bei Brian Eno…mein Tipp für heute : versuche mal Musik vom DJ Duo: der Strom aus München zu hören…das versöhnt die vielleicht mit der elektronischen Musik…und by the way . ich war im westlichen Teil der Armee dabei…aber die Grundausbildung war ok, vielleicht weil ich als gelernter Fotograf bei den Landkartenmachern im 1.Korps gelandet war…mitten in der Münsteraner Innenstadt…da war man per se zivil eingestellt…gemotzt haben wir nur einmal , als so ein nassforscher Offizier frisch von der BW Hochschule uns erklärte : der feind steht im Osten …und wir darauf : auf Brüder schiessen wir nicht…das ergab dann einige Tage lang eine interessante Diskussion…
    Grüsse aus Hamburg von Jürgen

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    • Danke fürs Verständnis. Mir gehts seltsamerweise auch nur bei Tangerine Dream so wie beschrieben. Reinhard Lakomys „geheimes Leben“ oder Klaus Schulzes „Dig it“ verkrafte ich durchaus.
      Außerdem: Da man auch perse´vieles von dem Geblubber ohne Gesang kaum auseinanderhalten kann: Wenn mir einer TD blind date auflegen würde und ich nicht wüsste, dass es TD ist – dann könnte es sogar auch klappen. Nur ist hier soweit im Norden niemand, der das für mich tun würde. Ächz.

      Zum Thema Feindbild:
      Diskutieren konnten wir darüber natürlich nicht, aber:
      NVA-Politunterricht: „Aufpassen, wenn der rote VW vom ZDF kommt; die haben in der Nähe militärischer Objekte nichts zu suchen! Anrufen und bei fehlender Reaktion Warnschuss!“
      „Genosse Leutnant! Wonach muss man da jetzt genau gucken? Ist das ein Passat, ein Golf oder dackeln die sogar noch im Käfer an?“
      Leutnant: „Äh, naja, hm, äh…da bin ich jetzt auch überfragt.“
      Ertappt.

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  2. Großartig! Hab zum lesen schnell mal Phaedra und Rubicon aufgelegt. Zu meiner Armeezeit musste ich Kung Fu Fighting und The Night Chicago Died ertragen, die gesammelte Grütze in den Jukeboxen der Soldatenkneipen und Kantinen. Tangerine Dream hätte da nicht einer gekannt, das war eher die Mucke der Verweigerer.
    Es gibt ein paar Parallelen zu Deinen Erfahrungen beim Barras, hier war es die Rivalität zwischen den „Fischköppen“, die ungerechtfertigterweise quasi zu Hause „dienen“ konnten und den „Kohlefressern“ aus dem Pott, die es für 15 oder 18 Monate in den ungeliebten Norden verschlug. Dazu die üblichen Probleme, wenn man sehr viele durch Testosteron, Adrenalin und Alkohol verwirrte junge Männer in Kasernen einsperrt, da gibt’s halt schon mal was auf’s Maul wenn’s gerade passend ist.
    Aber Deine Schilderungen klingen da schon deutlich anders. Wir ahnten ja immer, dass es „drüben“ garantiert kein Zuckerschlecken war beim Barras, aber das klingt streckenweise völlig entmenschlicht. Natürlich waren die „Rotärsche“ hier (1.Halbjahr oder erste drei Monate, je nachdem wen man fragt *g*) auch Ziel „lustiger“ Spiele und blöder Sprüche, aber alles hat Grenzen. Zur Not muss man die halt auch mal selber aufzeigen.
    War bei Euch sicher nicht so einfach möglich, aber wir hatten streckenweise sogar viel Spaß. Aus großer Distanz betrachtet, denn eigentlich war es nur viel Unsinn den wir angestellt haben und für den wir auch manchmal bezahlen mussten, auf die eine oder andere Art. Aber das Risiko war kalkulierbar, man musste nur verhindern mehr als drei Wochen in den Knast zu kommen, denn das hätte nachdienen bedeutet. Alles andere war uns scheißegal. Die Frage nach der zweiten Stubenabnahme um 19 Uhr wg. Fenster nicht geputzt oder Status Quo in der Ernst-Merck-Halle hat sich einfach nicht gestellt, das Fenster war uns sauber genug.
    Sicherlich war es für ein paar andere Kandidaten nicht immer spaßig, aber wenn man bei einer körperlichen Auseinandersetzung den Kürzeren zieht sollte man sich hinterher einen Satz wie „Wenn ich Unteroffizier bin werd ich dich ficken“ lieber sparen, das ist schlicht doof. So etwas waren allerdings Ausnahmen, auch wenn wir etliche echt gestörte Freaks in unserem Laden hatten. Die haben aber meistens nur für ’ne gute Show gesorgt.
    Die Toiletten haben wir trotzdem sauber hinterlassen, egal wer die putzen musste.

    Deine Abneigung für Tangerine Dream in dem Zusammenhang kann ich aber verstehen, ich mag Kung Fu Fighting und The Night Chicago Died auch immer noch nicht. 😀

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    • Jau, obwohl im Osten von älteren Jahrgängen immernoch gern gewitzelt wird: Wenn der Warschauer Pakt am Wochenende angegriffen hätte, wäre Europa heute sozialistisch, denn die Bundeswehr ist ja eine 5 Tage Armee – beschlich mich schon immer, der gesunde Instinkt/Verdacht, dass der Kack der Gleiche ist. Oder doch sehr ähnlich. Siehe Reinhard Mey „Alle Soldaten wolln nach Haus“.
      Musikalisch gesehen jedoch:
      1. Das ist gut für die Bauch – irgendein Blödelbarde
      2. Reach out – Gloria Gaynor
      3. Caroline – Status Quo
      4. Jelous mind – Alvin Stardust
      5. The night Chicago died – Paper Lace
      6. Rocket – Mud (ausgeblendete Kurzversion)
      7. Angel face – Glitterband
      8. I shot the sheriff – Clapton (aus Versehen)
      9. Oh yes say Carneby street (bugady,bugady) – Interpret unbekannt
      10. I’m a Man – Chicago (unvollständig, weil Kassette voll)
      So sah die A-Seite meiner allerersten Kassette aus. 🙂 Ostern’75. Mensch war das gemütlich! Das Alter, das Alter (Jugendweihezeit.) Kung fu fightimg hatte ich auf Kassette 4 oder 5 hinter trampled under foot von den Plant-Burschen….

      Watt dem eehn sin Uhl is dem annern sin Nachtigall.

      Und sogar meine Altersgruppe freut sich, dasse noch in den 70ern in den Musikozean geraten ist und nicht erst mit der Bohlenseuche mitte der 80er. 🙂

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  3. Clapton aus Versehen find ich gut 😀

    Bei Nummer 9 dürfte es sich übrigens um Ray Stevens – The Streak handeln. In den 70ern konnte man ja noch ein paar Nummern hören ohne abzudrehen – und die 80er waren auch nicht soooo schlimm wie man immer denkt, jedenfalls wenn man die 90er und das was danach kam mal näher beleuchtet.

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    • Oh daaaaanke für den Ray Stevens Tipp. Nu hab ich ne Spur.
      Ja das mit Clapton, also den hab ich bis ich 40 war doch für den größten Schnarchsack vor dem HERRN gehalten. Das ein oder andere Stück „Promises“ oder „Watch out for Lucy“ konnte unter „ferner liefen“ zwar auf Bändern bleiben, aber sonst? CREAM hin oder her: Clapton solo – das war Gääääähn – sowohl zu Slade- , als auch zu Clash-Zeiten. 🙂

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  4. Ein unglaublich dichter Text, der eine mir gänzlich fremde Materie behandelt … kann nicht verstehn, wie das ein junger Mensch, der ja noch dünnhäutig ist und Gefühle hat, unter anderem auch sowas wie Schamgefühl, überhaupt aushalten und ertragen kann ! Allein schon diese demütigenden Bezeichnungen von den Ausbildungsstufen, meine Güte! Mein Vater sagte immer, wenn ein junger Kerl nicht so ganz „funktionierte“, “ der soll nur erst mal zum Barras, da wird er geschliffen“ … , und das war irgendwie besonders männlich, wenn einer ein ganz arger „Schleifer“ war.
    Alles, was ich jemals von Männern hörte, die beim Barras waren, drehte sich um Saufen, Saufen, noch mehr Saufen und Kotzen und Langeweile.
    Es läßt mich alles ratlos zurück. Ich trau mich gar nicht, Dich zu fragen, was Du aus dieser Zeit mitgenommen hast für Dein weiteres Leben und was diese Erfahrungen aus Deinem Ur-Grundvertrauen in der Begegnung Mensch zu Mensch gemacht haben.

    Lieber Bludgy, gut, daß diese Zeit vorbei ist, und morgen ist Weihnachten, ich wünsch dir Freude und Kerzenschimmer … Thank God, it´s Christmas!

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    • Tja, was ich aus der Zeit mitgenommen habe: „I call it Realism“ bezüglich der Menschheit. Illusion perdu, sozusagen. Es war ja sogar nützlich, muss ich kleinlaut zugeben. Der Spruch deines Vaters stimmt – leider. Man lernt ertragen…hassen…abwägen…durchschauen…und die Zeit danach, wie auch immer sie ausfällt zu genießen.

      Oops! Fast hätte ich hier wieder vergessen: Alle Guten Wünsche für 2018 drunterzusetzen. Damn! Frohe Weihnachten!

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      • Nützlich? Für was genau? Da muß ich Dich nochmal fragen nach den Heiligen Tagen … jetzt reimt sich das auch noch …jetzt aber los und rein ins Getümmel!
        Liebe Grüße

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  5. Auch von mir einen herzlichen Gruß zum Wehnachtsfest, wenngleich die despektierliche Anmerkung zu CREAM („Fortget the message, forget the lyrics, just play !“) ja ganz und gar nicht geht ! Das hat sich der Nikolaus für das nächste Jahr gemerkt, das sag ich Dir gleich !!!

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    • Oooch schmoll! Den Spruch in der Klammer hab ich doch gar nicht gesagt! Fake-News! 🙂 Cream sind okay (naja abzüglich „I’m so tired“ und 3 oder 4 anderer uninspirierter Bluesnummern…) Clapton Solo war das Grauen. Der muss das falsche Zeug geschluckt haben. Irgendwann kurz nach Derek and the Dominoes. Aber man wird selber ja auch älter. Inzwischen stehen hier 4 oder 5 Clapton CDs. Und die laufen sogar – dann und wann. 😉 Dir auch Frohes Fest, ebensolche Feiertage und the good Rutsch.

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      • Jetzt wollt ich grad noch schnell zu „despektierlich“ und so, was sagen, weil der Riffmaster so eine gute Vorlage geliefert hat … aber grad les ich, daß inzwischen 4, 5 Scheiben von einem meiner Hausgötter herumstehen und Du sie Dir zumindest dann und wann anhörst … aber irgendwie werd ich das Gefühl nicht los, daß wir über den Erich C. nochmal reden sollten, auch zu C. Solo, oder bist Du da unerbittlich wie bei einem gewissen Franzosen? Das wär ne schöne Bescherung!

        Vorerst: laßt uns fröhlich sein und herumhopsen, herzen und küssen, noch leben wir, nicht wahr!

        Servus

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      • Schon gut, schon gut: Clapton hat ja so seine Nummern: Bluespower, Tulsa Time, the Core, watch out for Lucy und lay down Sally, fathers eyes usw Aber eben auch dieses ganze Herumgebluese du-dupn-dupttiduptidupp, du-dupm-duptiduptidup fast nie unter 7 Minuten; oder so Sandmännchenlieder: Let it grow let it grow… yes-(gääääähn) you are wonderful (einschlaf/aufschreck) tonight…
        Der besagte Franzose hat niiiiiichts zu bieten. da ist Clapton im Vorteil.

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