On the Prog Path (12)

Seit dem 17. Lebensjahr bin ich Konzert-Pilger. Nein, keiner von den „Kunden“, die mit immergleicher Clique der immergleichen Band hinterher trampen um das immergleiche Programm zu hören und sich dabei volllaufen zu lassen… Naja, klingt eventuell einen Tick zu verächtlich, denn… eigentlich wär‘ ich schon phasenweise gern einer von denen gewesen. Aber immerhin hab ich alle gesehen, die man im Alten Osten gesehen haben sollte. Lediglich für Renft war ich zu spät dran.

Nach dem Mauerfall waren in den ersten Jahren zunächst die Aufholkäufe in Sachen Vinyl und/oder Silberling wichtiger. Als die dringendsten Fälle abgearbeitet waren, kam jedoch auch die Frage auf: Welche der alten Heroen lohnen sich noch im Konzert?

Das blödsinnig-deplatzierte „The Wall“ Spektakel von 1990 auf dem Potsdamer Platz, mit Roger Waters und allerhand unpassenden Trittbrettfahrern, verleidete einem spontan die angestaute Pink Floyd Neugier.

Deep Purple stellten damals professionelle Lustlosigkeit zur Schau, berichtete mein Langzeitkumpel Udo nach einem Konzert in Weißenfels; und selber bemerkte man all die herunter gedudelten 90er Live-Versionen ihrer Songkadaver auf Samplern und im Radio. Das schien sich gründlich erledigt zu haben! Dann stieg endlich dieser Blackmore aus und mit „Perpendicular“ rissen sie das Ruder gerade  herum, als sich auch wieder YES-News herumsprachen.

Zum Yes-Konzert? Mit 38? Deine Helden sind nu‘ um die 50!

All die altklugen Frotzeleien über alternde, Rollstuhl gebundene Rockstars aus Schulhofzeiten fielen mir schwer auf die Füße.

YES — jetzt noch? Die hatten sich vor 97/98 mit allerlei Wirrwarr um ihren guten Ruf gebracht. Die dümmste Entscheidung dürfte wohl jene Bandspaltung in Ost-YES(England bzw. US-Ostküste; Anderson, Bruford, Wakeman & Howe) und West-YES(Westküste; Squire, White und ein paar No-Names) gewesen sein. Die ersteren machten die bessere Musik, durften sich nach Gerichtsurteil aber nicht mehr YES nennen, während sich die anderen zwar YES nannten, aber wie Journey für Arme anhörten.

1997 war eben dieser Zustand nun vorbei. Wiedervereinigung in Altbesetzung (Anderson, Howe, Wakeman, Squire, White) nebst Verlautbarung, man habe wieder zu alter Lust gefunden und gedenke nun das neue Album „Open your eyes“ voller „knackig kurzer Stücke“ per World-Tour zu promoten. Hm. Dumm nur, dass es sich dabei um eins von zwei Alben handelte, die zeitgleich von unterschiedlichen Firmen herausgebracht wurden und das andere, das der Tour NICHT den Namen gab, war das eindeutig bessere. Ach was – haushoch überlegen sogar! Wieso also gehen die für die Graupe auf Tour? Das ließ nichts Gutes ahnen.

„Open your eyes“ war schon auf den ersten Hör in jeder Hinsicht ein Rohrkrepierer.

„Keys to Ascension 2“ dagegen zeigte auf Disc 1 herrliche 90er Liveaufnahmen alter Stücke und auf Disc 2 neue Studio-Tracks gemäß ganz alter Schule. „Keys to Ascension 1“ war vorher vermutlich ähnlich gut, aber komplett totgeschwiegen worden. Was also tun?

Ich war gewillt, mein musikalisches Mauerzeit-Manko aufzuholen. Pink Floyd zeigten mit „Pulse“, dass sie, auch ohne Waters, noch voll und ganz in der Lage waren, live ihre Erfolgs-LPs zu imitieren. Genesis verabschiedeten sich via „I can’t dance“ gerade als Kasper-Combo aus dem Geschäft, Gentle Giant gab‘s nicht mehr – aber YES? Was würde das werden, wenn man da im ICC hockt, die „neuen knackigen Tracks“ um die Ohren geprügelt bekommt und an all die Heldengeschichten denkt, die man in den 70ern so erzählt bekam bzw. auch selber gern weiterverbreitete?

„Open your eyes“ ertragen müssen und an „YESSONGS“ denken? Unvorstellbar!

Da kannste ooch zu Genesis pilgern und während all der albernen Spätwerknummern mit gewässerter Pupille und blutenden Ohren um die verpassten „Trespass“-  oder „…and then there were three…“-Zeiten trauern!

Ooch nee!

Oder doch?

Die Live-Stücke auf der „Keys to …“ sind gediegen! Ein paar von denen würden doch zu erwarten sein, nicht wahr?! Später einmal den Enkeln am Kamin erzählen können: Opa hat noch „the heart of the sunrise“ live erlebt.

Zicke-zacke-zicke-zacke- … zauder-zauder … Ach! Wenn’s schief geht, fluch ich Stereo mit Udo um die Wette! Er über Deep Purple und ich über YES! Ich fuhr hin. In die frisch wiedergewordene Hauptstadt, die sich gerade damit herumschlug, ob Erichs Lampenladen (Biermanns Palazzo Prozzi) nu weg soll oder nicht. Asbestnotwendigkeit oder Siegerjustiz? Sonst Wallfahrtsort Volkskammer für Altkader? Was soll’s.

Ich hatte mich mit einem Freund aus alten Tagen verabredet, der ebenfalls durch höhere Schicksalsmächte zum Exil-Saaletaler geworden war und in etwa meinen Musikgeschmack hatte.

Drum also nun Bekanntschaft mit dem ICC Westberlins – das ist der Palast der Republik in hässlich. Wieso wird DAS eigentlich nicht auch abgerissen? Moderne Architektur ist mir ja eh ein Graus, aber diese betönerne Mischung aus Hangar für Kampfstern Galaktica und überdimensioniertem Führerbunker toppt alles. Übrigens zur selben Zeit erbaut, wie im Osten der Palast – und ganz ohne Asbest? Wohl kaum!

Aber ich war ja nicht deswegen angereist; nun rein da, ins Gestühl gefläzt und – überraschen lassen.

YESYES taten genau das: 95% des Konzertes waren 70er Jahre Stuff. Gott sei Dank! Alles fein in „Keys…“ -Manier gespielt. Das Nostalgieren fiel leicht. Anderson moderierte gut gelaunt und verriet so ganz nebenbei, wie die „wonderous stories“ einst entstanden waren: Schuld an diesem Song sind – Schweizer Kuhglocken! Montereux-Aufenthalt ’77; während der Einspielung des „Going for the one“ Albums; eines Morgens in Hotelnähe Alm-Auftrieb von Kühen; und schon hatte Anderson seine Inspiration. Während nun besagtes musikalisches Kleinod erklingt, entsteht vor meinem inneren Auge einmal mehr das 3fach-Cover jener LP. Vorderfront der nackte Mensch vor Wolkenkratzern, die wie Gitterstäbe wirken. Innen jener einzelne Baum im Überschwemmungsgebiet. Grau in grau fotografiert. Diese Musik und diese Bebilderung! Der Mensch de-naturiert seine Umwelt und schafft sich seinen Käfig selbst. Awaken! Das war damals in den frühen 80ern gaaaaanz tief reingegangen, als ich die Platte bei ihrem Besitzer in einem schwarz bewohnten Abbruchhaus in Leipzig kennenlernte. Der Eindruck ist geblieben und sollte Folgen haben.

1999 kaufte ich einen Spiegelreflex-Fotoapparat. 2000 zu Ostern war mal wieder Flut im Rhinluch. Da bemerkte ich jene Weide im Wasser, die da oben seit gut 2 Jahren meine Visitenkarte ist. YES!

Das Konzert war großartig, aber irgendwann musste es ja mal sein: „The next song is a track from our new album. It’s called …“ (Vergessen!) Tapfer sein! Zähne zusammenbeißen! Ahhhh, es ging ja ganz schnell vorbei. Das ist der Vorteil bei „knackigen kurzen Stücken“, die irgendwie zu Intros mutieren, wenn gleich hinterher mit „close to the edge“ oder „heart of the sunrise“ getröstet wird.

Da sitzt du so und steigst den Zeitpfad rückwärts hinab in die Äonen, da du von der Asche erlöst einen Großteil der Studienzeit mit Konzert-Pilgerei, Plattenhandel und antiquarisch-literarischer Goldstaubsuche verbrachtest. „Sie sind die Kader von morgen, die den Sozialismus entwickeln werden und den Kommunismus noch erleben!“ hieß es in der EOS immer mal wieder, während wir zu Hause Punk hörten. Nun aber, angekommen in dem Alter, in dem unser „Kader-Sein“ in voller Blüte hätte stehen sollen, sitzen wir in einem Bau-Gau des Klassenfeindes, glücklich für den Moment, weil’s unsere musikalischen Götter noch draufhaben und eine Weile verdrängen helfen, was auch im anderen System wieder Scheiße ist…

Auf der Magnification-Tour ein paar Jahre später war ich wieder da. Wieder ICC. Anderer Begleiter. YES hatten aus dem eingetretenen Voll-Flop der „Open your eyes“ gelernt und bewarben die Tour mit dem Hinweis, dass sie erstmalig überhaupt „The Gates of Delirium“ von 1973 aufführen würden und dass sie ein ganzes Orchester dabeihätten. Letzteres war zu jener Zeit nun wieder sowas wie eine Seuche: Metallica, Doro Pesch, Kiss, YES, Stern Combo Meißen, Deep Purples „Concerto for Group and Orchestra (Neueinspielung)“ – irgendwie schworen Anfang der Nuller Jahre alle auf Streicherunterstützung. War gar nicht nötig, denn live hörte man jene Klassik-Sektion eh nicht. Man sah sie nur fleißig und vergeblich an ihren Instrumenten sägen – aber Bass und Schlagzeug reichten aus, um all ihre Töne ungeschehen zu machen.

Das Konzert selber war wiederum toll. Und gerade noch rechtzeitig. Bald darauf ging Anderson. Immer neue Hudeleien mit Firmen, mit Neueinstellungen, mit Veröffentlichungsterminen, wegen früher mal verworfener Stücke, die nun aber doch für wertvoll gehalten wurden – und abgesagten Konzerten zehrten den Ruf auf. 2016 starb Squire. Der Gründer. Künstlerisch längst beerbt von Glass Hammer – einer amerikanischen Band mit hörbaren YES-Wurzeln.

Der dürre 9.Klassler von 1976 aber, der damals über dieses dumpfe Zeug auf seinen beiden Kassetten staunte, und es sich erfolgreich „schön gehört“ hatte, der später die „Going for the one“ und die „Tormato“ abfeierte, als sie ihm endlich aufs Band gelangten, erwischte nach dem Mauerfall doch noch gerade so zwei Fetzchen von der laaaangen Schärpe der Rockgeschichte: YES live und in Form!

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6 Gedanken zu “On the Prog Path (12)

  1. Yes kenne ich leider nur von Vinyl…mein erstes Konzert war eigentlich eine Theateraufführung : THE WALL und zwar in der Dortmunder Westfalenhalle…da passte der eine Gigantismus gut zum Anderen…und was ich behalten habe war das die Polizei irgendwann kapitulierte und die Leute einfach die 4 spurrige B1 als Parkplatz nutzen und alles Kreuz und Quer rannte und Eltern ihre Sprösslinge suchten und die ihre Eltern und über allem kreisste der Polizeihubschrauber…schwer zu sagen ob das Spektakel in der Halle grösser war oder doch eher das da draussen…kurz darauf allerdings Musik mal ganz anders und ohne Theater…Besuch bei den DireStraits und wenn der Herr Knopfler zum Gitarrensolo ansetzte wurde es sehr still in der kleinen Halle…und leider stimmt es..zu Genesis wäre ich gerne noch gegangen aber das wollte ich mir nicht antuen…angesichts der zu erwartenden aktuellen Hitsongs …aber dafür war das Konzert von Peter dem einzigen Gabriel eine Wucht….
    Beste Grüsse vom vor sich hin summenden Jürgen….

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    • So ein ähnliches Chaos hab ich 2x in Leipzig miterleben müssen: 2010 bei Kiss und 2013 bei Springsteen; weiß nicht, warum die das nicht hinkriegen – das Organisieren mein ich. Springsteen war auch akustisch dann der Tiefpunkt. UN!ER!TRÄG!LICH! Im Nachhinein hab ich herausbekommen, dass Leipzig so dämlich war, ihm irgendeine Sondergenehmigung für’s Landen außerhalb irgendwelcher Flugverbotszeiten in Schkeuditz oder Abfliegen nach dem Konzert zu verweigern. Der hat vor dem Konzert die Anlage einjustiert und die Techniker schon weiter geschickt zum nächsten Gig-Ort. Das Konzert in Leipzig lief dann ohne jede Schallnachbesserung über die Bühne. 90 Euro und 300km Anfahrtsweg für den GAU meiner Konzertliste. Mies, Mieser, Springsteen.
      Kiss waren auch recht rumplig, akustisch betrachtet; und hatten Konditionsprobleme – nach jedem Song kam erst mal die „Say Yeahr! Louder! Can’t hear you!“ Nummer zum Luft schnappen., aber es blieb anhörbar.

      In welcher Phase hast du denn den Gabriel erwischt? Als er noch Leitern auf der Bühne hatte, wie im Rockpalast oder als er schon Fahrrad in der Plastekugel fuhr?

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  2. Gabriel habe ich im Rockpalast gesehen, das war quasi bei mir um die Ecke…und da konnte man mit geschlossenen Augen noch davon träumen das gerade Genesis vor einem standen 🙂 Dann zogen wir ins Münsterland in ein Dorf…ein Megagau für mich Ruhrgebietler …mehr Kühe als Menschen und ne kleine Dorfdisco…aber die hatte es in sich..so ein spät 30er Vollaussteiger mit riesiger Plattensammlung…ich habe meine Kassettendecks in einen Bollerwagen geladen und bin dann zu ihm hin, er wohnte noch bei seinen Eltern auf dem Bauernhof…und habe tagelang Bänder aufgenommen..u.a. 25 Platten von Brian Eno…aber der Superhit war : kurz vor 22.00 musste die Disco zumachen und als letztes Stück lief immer SEBASTIAN von Cockney Rebel…da konnte man den ganzen Weltschmerz rausbrüllen und dann glückselig durch die Nacht nach Hause radeln….

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  3. Watt haste gegen Gabriel in der Plastikkugel? *g* Der war Live schon immer Theaterdarsteller, auch zu Genesiszeiten. Die Secret World Live find ich jedenfalls saustark, die hätte ich gerne nicht nur auf Silberling gesehen (obwohl man das Theater echt besser auf nem TV sieht).

    Was „alte Helden“ angeht hast Du es bedauerlicherweise sehr viel schwerer gehabt als wir Westler, ich konnte die meisten „alten“ Helden noch sehen als sie jung waren, nur Pink Floyd hab ich nie geschafft. War aber auch nicht immer eine Offenbarung und so einige haben ihren Heldenstatus damals schon verspielt.
    Die größte Gefahr bei Konzerten von alten Helden heutzutage ist doch nur, dass sie neue Songs spielen könnten die keiner hören will. Glücklicherweise scheinen das die meisten zu wissen *g*

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    • Hab gar nichts gegen die Plastekugel. Wollte bloß die Phase zuorden können. Künstlerisch gesehen fand ich ihn fast immer Spitze; abgesehen von der nervigen „SO“ LP und dieser mMn völlig daneben gegangenen „Scratch my back“-Hitschredderei.

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