„Helden“

Dies ist die Geschichte von Manfred und dem Wolf. Ä, nee… vom Hilmar, vom Manne und vom Wölfchen… oooch nich….vom Ländchen und vom Sänger mit dem Händchen…hach, da fehlt dann der Manne wieder…

Ach, lest selbst!

Im holden Jahr’76 war’s, da sendete man „den Druskat“, ein televisionistisches Großereignis in 5 Teilen und kaum war der 5.Teil gelaufen und der Film noch in aller Munde, da trieb man einen aus dem Land, von dem sehr viele gar nicht wussten, dass es ihn gab. So auch ich. Obwohl „der Wolf“ und „der Druskat“ nichts miteinander zu tun haben, verbindet sie doch so allerhand. Hä?

Über den einen sprach man von nun an alle Jahre wieder und über den anderen nicht. Eigentlich wäre es vorher genau andersrum gekommen.

„Was verboten ist, das macht uns gerade scharf“(Biermann) – das galt auch für mich. Hinter derlei Geheimnisse will man doch prompt kommen! Aber im Falle Biermann blieb ich immun.

Zum einen kam ich mit dem Namen erst in Berührung, als er schon auf dem Weg nach Köln war, ein paar Tage vor dem Rausschmiss fragte mich mein Kumpel Christian, ob ich „diesen Biermann“ kenne. Ich verneinte und hörte prompt am Abend auf HR3 „Du, wenn deine Tochter mit dem geht…“ einen ersten Song; verbunden mit einem erstaunten Lob des Moderators an die DDR-Führung, dass diese nun so einen kritischen Geist endlich von jahrelangem Auftrittsverbot befreit und sogar in den Westen reisen lässt – zwecks Tournee! Dann wurden noch so drei-vier Heldengeschichten erzählt und in mir türmten sich Fragezeichen über Fragezeichen auf: Das passt doch alles nicht zusammen!

Und weil das Buhei nach’76 nicht aufhörte, wurden es immer mehr:

Der nimmt’ne Platte auf- in einer Wohnung, von der er wusste, dass sie verwanzt war „ach ich fühl mich so verbunden mit den ganzen Stasihunden…“ und kommt nicht in Haft? Die Platte erscheint beim Klassenfeind im Großkonzern und er kommt wieder nicht in Haft? Vorgeladen wird er schon, aber: Diese Termine überstehe er mit „unbeugsamem Witz“ und weil er „den Marxismus besser kennt, als seine Schergen“. Und davon lässt Stasi sich beeindrucken? “

Dat glaubse nur, wennste im Westn wohns…

Beim Sichten der alten Magazine stieß ich auf das hier (1962):

wolf

Warum Krug den Biermann mochte, wird einigermaßen klar, wenn man den kompletten Magazinartikel liest: Gerry Wolf, Manfred Krug, Wolf Biermann werden hier gepriesen als Angehörige  derselben Künstlerschublade: eine neue Art DDR-Chansonier-Gegenschlag gegen westliche Trends: Schlager goes Prolet-Kult via Arbeiterkampflied. (Naja.) Somit lernten die sich kennen, stammten ja alle 3e aus dem Westen, hatten nun Umgang mit den gleichen Lektoren, Textern, Arrangeuren — und DEFA-Zugang…

Stars waren dort jedoch nur die älteren beiden: Gerry Wolf ein bisschen und Krug ein bisschen sehr.

Der schien wahllos jede Rolle anzunehmen und glänzte von „Emilia Galotti“ bis „Mir nach, Kanaillen!“ in jedem Genre. Als Jungstar hatte er 1968 eine relativ wichtige Nebenrolle in einem der ersten „Fernsehromane“ der DDR ergattert: „Wege übers Land“. Dort spielt er einen Widerstandskämpfer im II.Weltkrieg und LPG-Vorsitzenden der ersten Stunde (in den frühen50ern), der der Hauptfigur, einer alleinerziehenden Bäuerin nach dem Krieg wieder auf die Beine hilft. Jene wird gespielt von Ursula Karusseit. Sie macht im Film einen Bewusstseinswandel durch, wie das so Brauch war im Osten vor’89. Von der stupiden Magd und Ehefrau eines ebenso stupiden Knechts, der Großbauer im besetzten Polen 1940 werden will zur Mutter zweier angenommener Kinder, deren Schicksale das bestialische Gesicht des NS-Rassenwahns anschaulich plausibel machen. Jedoch läuft das in diesem Film nicht gar so holzhämmerig ab wie sonst in Einteilern. In 5 Teilen kann man ja mehr gestalten. Und genau das war hier gelungen. Das Epos wurde alle Jahre wieder wiederholt. Also sind am Film-Ende die Karusseit und der Krug zwei Vertreter des „Neuen Menschenbildes“, aber KEIN Paar.

1975 wirft ein neuerliches Großereignis seine Schatten voraus: „Daniel Druskat“ wird gedreht. Es soll wiederum ein Mehrteiler werden, „auf dem Stand der neuen Zeit“. Es geht offiziell darum, den Wandel in der Landwirtschaft realistisch darzustellen: Von bäuerlichen Privatbetrieben zur LPG und industriellen Tierhaltung. Klingt nicht nach Reißer, wenn man das so liest. Die TV-Romane jedoch waren immer mehr als das: „Der Leutnant vom Schwanenkietz“ im Jahr zuvor war auch nicht lediglich ein Filmdenkmal für die Arbeit „unserer Abschnittsbevollmächtigten“, sondern eine brauchbare Darstellung des Assi-Problems in Ostberlin: Die Hauptstadtbevölkerung schwenkte eben nicht nur Fahnen und grüßte die Vertreter von Partei und Regierung auf der Tribüne, wenn es wiedermal Zeit war, sondern es gab auch jene Spezies, die soff, stahl, log und nicht auf Arbeit ging. Sozialistische Filmkunst bekam nach dem Kahlschlag von 1965 nun also langsam wieder Mut, etwas mehr Alltag zu zeigen, anstatt lediglich Stabü-Unterrichtsinhalte zu bebildern.

Deshalb war erwartbar, dass der „Druskat“ die kritische Sicht der Dinge noch zuspitzen könnte. Und er tat es tatsächlich: Der Film beginnt mit einer Stasi-Verhaftung! Heute ist das inflationäres Klischee. Und Mut gehört auch keiner mehr dazu, sowas zu drehen. 1976 im Ostfernsehen? Sensation! Verhaftet wird nicht etwa ein „negatives Subjekt“, sondern ein linientreuer, langjähriger LPG-Vorsitzender; eben jener Daniel Druskat, gespielt von Hilmar Thate. Seine fast erwachsene Tochter versteht die Welt nicht mehr und radelt los, die Bekannten ihrer Familie nach bisher unerzählten Bestandteilen der Familiengeschichte zu befragen. Erstaunt nimmt sie zur Kenntnis, dass ihr 300%er Vater ein Ritterkreuzträger sei. Dies wiederum erzählt Ihr Horst Stephan(Manfred Krug), der Rivale von der besser situierten Nachbar-LPG, dessen Vater wiederum früher der Ortsbauernführer gewesen ist, so dass sich eh alle Welt wunderte, wie das zuging, dass sein Sohn damals zwar als letzter in die LPG eintrat, aber gleich LPG-Vorsitzender werden konnte…

P druskatEs geht also im engeren Sinne um idealistische Träumer („Daniel in der Löwengrube“), die in Zwänge geraten, die sie scheitern lassen, und um Schlitzohren, die in jedem System mit dem „Arsch an die Wand“ kommen. Letzteres eine Paraderolle für Krug! Und eine fein versteckte Interpretationsmöglichkeit für Kenner: Der „Druskat“ ist die kritische Ergänzung der „Wege übers Land“; der Film in deutlicherer Variante als das Buch. Krug spielt nicht(mehr) den Linientreuen, sondern dessen Widersacher; ausgerechnet die Karusseit spielt seine Frau; eine verhärmte abgestumpfte bäuerliche Hausfrau an der Seite des „großen Machers“. Die Sozialistische Landwirtschaft wird bräsig. Die Teerung der Dorfstraße ist wichtig, die Einrichtung einer Badestelle im Naturschutzgebiet gegen geltendes Recht aber mit „allerhöchster Genehmigung“, nicht die Unterstützung der schwer ringenden Nachbar-LPG. Sozialistisches Miteinander hätte einst anders aussehen sollen. Privatwirtschaftliches Denken scheint unausrottbar. Am Ende kommt es zwar zum halbwegs glaubhaften Happyend, aber das ist gar nicht mehr wichtig oder interessant. Zuviel steckte in den gezeigten 5 Teilen, was Diskussionsstoff hätte werden können in Parteilehrjahren, Belegschaftsvollversammlungen, Weiterbildungsveranstaltungen aller Branchen… Ein Film im Sinne Gorbatschows…10 Jahre früher.

Kaum war der letzte Teil gesendet, geschah jenes Köln-Konzert mit prompter „Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der DDR“. Krug initiierte eine Protestresolution, die von lauter Staatskünstlern der 1.Reihe unterschrieben wurde und sogar im „ND“ erschien. Aber schon wenige Tage später erschien auch der großangelegte Rückzieher der Mehrheit dieser Unterzeichner. Die wenigen, die standhaft blieben, gerieten unter nicht ausgesprochenes Berufsverbot. Sie sollten vergessen werden. Da sich darunter Krug, Thate, Angelika Domröse und Armin Müller-Stahl befanden, brachte sich die DDR schlagartig um gut 50% ihrer bisherigen Filmerfolge.

„Druskat“ wanderte von der Uraufführung somit gleich in den Giftschrank inclusive des Vorgängerwerkes „Wege übers Land“. Kulturpolitischer Unfug, wie so vieles in der ehemaligen Täterätätä.

In der Folgezeit gingen immer mehr Schauspieler, Musiker, Maler… Die gingen nicht wegen Biermann, sondern eher wegen der Schlussakte von Helsinki und der dort verbürgten „freien Wahl des Wohnortes“ bzw. wegen erlebter Gängelung und Nichtzustandekommen ihrer künstlerischen Verwirklichung. Ihrem zurückgelassenen Schaffen erging es wie dem „Druskat“… Es begann sich zu läppern. Die kulturelle Stagnation der DDR hatte begonnen.

Und „Druskat“ war das 1.Opfer.

Nach der Wende wird „Das Leben der Anderen“ dem kulturellen Notstand der (späten) 70er ein Denkmal setzen. Ulrich Plenzdorf, Heiner Müller, Franz Fühmann tauchen dort unter anderem Namen, aber wiedererkennbar, auf. Biermann nicht. Mir gefällt’s.

2001 erschien ein unscheinbares Büchlein eines glücklosen FDJ-Liedermachers der „Ehemaligen“. Reinhold Andert hatte anfang der 90er die Honeckers mehrfach besucht und war mit Interna belohnt worden, die seinem Buch zunächst niemand glauben wollte. „Nach dem Sturz“ wurde wüst verrissen.

Biermann als Freund aus Kindertagen der Margot Honecker (geb. Feist)?

Niemals! Die alte Eisenfresserin will doch bloß die Heldenlegende eines Unbeirrbaren zerstören! Der Rausschmiss sei kalkuliert und abgesprochen erfolgt? Unmöglich! Ganz und gar unmöglich!

2007 erschien Ed Stuhlers Margot Honecker Biografie und siehe da: Seriös erhärtet sich, was Andert bereits schrieb. Nun klammheimlich totgeschwiegen. Ohne Buhei unter den Teppich gefegt. Wer tut sich schon einen Margot-Wälzer an!

2016  Wölfchens eigenes Werk. Auch wenn er versucht die Drähte zwischen den Familien Feist(Halle) und Biermann(Hamburg) auf ein Minimum herunterzuspielen: All die komischen DDR-Mysterien des rätselhaft schnellen Aufstiegs eines mittellosen Teenies aus dem Westen über sofortigen Zugang zum raren DDR-Abitur; und über Brecht-Ensemble-Volontariat zum Dauerprovokateur ohne Einkommen und ohne Haft – waren nun erklärbar. Als geduldeter Hofnarr m.b.H. der eisernen Lady(Ost) riskierte er weit weniger, als mancher, der ihn lediglich zitierte oder für ihn Protestresolutionen unterschrieb.

Mich schützte mit 16 meine damals schon vorhandene Aversion gegen diesen penetranten Vortragsstil vieler Liedermacher. Nee-nee, Reinhard Mey; Reichel oder Danzer… die sangen wie die Kumpels von nebenan, wie nette große Brüder; Biermann sang nicht, er dozierte. Selbstherrlichkeit pur. Der Vortrag beschädigte die Inhalte.

Den „Druskat“ dagegen kann man sich heute noch ansehen. Der Giftschrank existiert bekanntlich nicht mehr.

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5 Gedanken zu “„Helden“

  1. „Daniel Druskat“ habe ich vor ein paar Wochen mal gesehen. Krug hat mit Abstand das Beste aus seiner Rolle gemacht. Thate musste laut Drehbuch manchmal ganz schön dozieren. Ähnliches tat er auch schon in „Der geteilte Himmel“.
    Krug stand in dem Film für einen sympathischen wie befremdlichen sozialistischen Hedonismus im Hier und Jetzt. Thate für eine ebenso sympathische wie befremdliche der Zukunft zugewandte Askese. Hätten beide an Walter Michels Marshmallow-Test teilgenommen, hätte die von Krug gespielte Figur wohl sofort zugegriffen, während die von Thate gespielte geduldig aufs zweite Stück hätte warten können und wohl bis ans Lebensende aufs zweite Stück gewartet hätte – der Kommunismus als Godot.

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