Zeitgeistpostille

Am 12. März wäre Werner Klemke 100 geworden. Wer das ist? Der Erfinder des Magazin-Katers, der Illustrator von Grimms Hausmärchen aus den 60ern und der Illustrator von “Hirsch Heinrich“ ,einem der ganz großen Bilderbucherfolge der DDR der 60er Jahre.007

Des Katers wegen gilt er als einer der ganz Großen der Zunft. Denn das Magazin war von Beginn an ein Selbstläufer an den Kiosken. Ein Abonnement konnte man bestenfalls erben. Pure Bücke-Ware. Sammlerobjekt. Quasi das MOSAIK der Erwachsenen.

Es erblickte das Licht der Welt zur selben Zeit wie Hannes Hegens 3 Kobolde: Während des NEUEN KURSES nach dem 17. Juni‘ 53; in jener liberalisierten Phase, in der Kollektivierer der Landwirtschaft zurückgepfiffen wurden, Parteiwerbung moderater wurde und Aktfotografie nicht automatisch als pfui-pfui-pfui galt. Französische Spielfilme fluteten das Zonenkino. Gerard Phillip wurde der Schwarm aller Studentinnen, Brigitte Bardot durfte man offiziell im Osten kennen. 006Elvis allerdings blieb „Heulboje des Kapitalismus“. Auch das Magazin hielt sich daran, ihn als eben diese zu präsentieren. Wohl wissend, dass die Leser die Bilder haben wollten und auf den Begleittext pfiffen.

Das Magazin erschien im handlichen Heftformat Din A 5 für 1.- Ostmark. Den Namen hatte es von einer Postille aus den 20ern. Den inhaltlichen Wundertüten-Charakter vom TIME-Magazin: Bissl Politik & Mode, bissl was aus aller Herren Länder, humoristische Gedichte, Karikaturen, Rezensionen zu diesem oder jenem Kulturereignis und Werbung wie in „guter alter Zeit“. Im Magazin zu blättern erzeugt Feierabendstimmung. Besonders für männliche Leser, denn ein bissl war‘s auch Playboy-Ersatz: 1-bis 2 Aktfotos plus 2 oder 3 sexy Faces…

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Es lag bei uns von Beginn an im Zeitungsständer. Bis 10 suchte ich die „Witzbilder“ beim Durchblättern; ab 11 etwa dann die -ähem- „anderen“. Der Lesestoff war eher unerheblich. Erst mit den Jahren ging mir auf, welche Zeitgeistkapsel das Heft eigentlich war.

Als Vater die Sammlung mitte der 90er per Papiertonne entsorgen wollte, griff ich zu und rettete die 50er, sowie einige wenige ausgesuchte 60er Hefte. In den 60ern verschwand schleichend der altbackene Stil der Werbe-Annoncen, die Mädels wurden mager. 005Jedoch nach der Elvisbeschimpfung war ein 4seitiges Loblied auf die Beatles 1964 z.B. ein Sensatiönchen. „Volkstümliche Sänger der Arbeiterstadt Liverpool“, „proletarische Volkskunst“… so-so. Aber 1965 zerlegten Westberliner Rowdys die Waldbühne beim Stones-Konzert und so kam das Kahlschlagsplenum der SED in Fahrt und brachte die poststalinistische Welt wieder in Ordnung: „… mit diesem Je-je-je und wie das alles heißt, ja – sollte man doch Schluss machen!“ Der alte Walter U. sehnte sich nach Aufmärschen von Jungkommunisten, die ergriffen das Lied von der Roten Fahne schmettern, wie zu seiner Zeit. Und er hatte leider auch die Macht, dies für ein paar Jahre zu erzwingen. „Beatverbot“ von 1965 bis 71.

 

Die Honecker-Ära brach an und brachte im Magazin so dann und wann illustrativen Comic-Style, wenn es um Bands ging, relativ umfangreiche Berichte zu Krisenerscheinungen des Kapitalismus, wie zum Beispiel über das Massaker, welches die Manson-Family in Hollywood anrichtete oder aber gar nicht prüde Sexualberatung über die erogenen Zonen beiderlei Geschlechts. Siehste!

Die 70er zerfielen jedoch in die Aufbruchsstimmungsjahre am Anfang und die sich bereits anschleichende Stagnation der hinteren Hälfte. Der graue Alltag erreichte auch das Heft. Aus den 80ern bleibt nix Bewahrenswertes in Erinnerung. Deshalb erinnern wir uns hier lieber an die 50er:

Was blieb, war jener Kater als running Gag auf jedem Titelbild seit den späten 50ern.

Nun – er ist Kult. Mir gefiel diese Art der Illustration weder im Magazin noch im Kinderbuch. Sie spricht keinerlei Emotion an. Kalte Schemen. Brrrr. Die Titelseiten des ersten Jahrganges haben da mehr Atmosphäre.

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11 Gedanken zu “Zeitgeistpostille

  1. Diese Postille kenne ich nur aus den Artikeln in den Zeitungen über Klemke, aber ich sammele alle Bücher, derer ich habhaft werden kann mit seinen Illustrationen und Ferdinand der Stier ist mein unübertroffener Liebling. Die FAZ hat ihm vor vielen Jahren mal ein ganzes Magazin gewidmet, er war ja auch ein grosser Bibliophiler. Zu DDR-Zeiten waren seine Kinderbücher geliebte Geschenke an mich Erwachsene meiner in Thüringen beheimateten Verwandtschaft.
    Mit herzlichem Wochenendgruss, Karin

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    • Ja, so isses mit den Geschmäkern. Ich mochte „Hirsch Heinrich“ auch sehr. Wegen der Geschichte. Sie passt ja zu meinen Troll-Befreiungstagträumen und zu „4 Pferde gehen fort“. Kinderbücher mit schönen Illustrationen, die mir zu jeder Zeit gefielen waren aber eher „Ameise Ferdinand“, „Kater Schnurz“, „Osterhase Hyazinth“ oder die klassische „Häschenschule“. Darüberhinaus mochte ich „echte“ Bilder allweil lieber. Realistisch anmutende Zeichenstile wie z.B. im Bessy-Heft oder altertümliche Atmosphäre verbreitende Zeichnungen dieser „Kupferstich“- Art wie in antiquarischen Jugendbüchern der Kaiserzeit. Klemke war so ein „Dazwischen-Ding“, weder-noch…

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  2. Werner Klemke ist ein ganz Großer. Bekannt geworden, wie du sagst, über seinen Magazinkater.

    Selber habe ich nur noch einige frühe Hefte, ein Teil ist verloren gegangen. Meine Großeltern hatten das Magazin im Bad liegen, später hat das Abo mein Vater gehabt. Bei seinem Tod hat meine Mutter es gekündigt. Unvorstellbar! Einen kleinen Schatz hat meine private „Bibliothek“- das Decameron mit Klemkeillustrationen.
    Ein feiner Artikel, Dankeschön.

    Gefällt 3 Personen

  3. So hat jedes Land seine eigenen Sitten 🙂
    Den Stern durfte ich lesen, den Spiegel als oberlinkes Kampfblatt (so mein Vater, Bundeswehroffizier) nicht…es sei denn ich machte plausibel das ich ihn unbedingt für den Geschichtsleistungskurs brauchte…und dann gab es da ja noch jenes Blatt einmal im Monat was meine Mutter und mein Vater…kurzum , ich stand kurz vorm rausschmiss…dabei waren die Artikel durchaus lesenswert und brachten mir so einige amerikanische Klassiker nahe (Bukowski Z.B) …aber klar, die dazwischen gestreuten Bildstrecken …ähem…waren recht interessant, aus rein fotografischer Perspektive versteht sich…so gab es dann bei uns im Haus also die ZEIT, damals eher betuliche FDP Postille und für mich als Spiegel Leser Feindesblatt…mit einem unschlagbarem Vorteil…sie hatte eine solche Heftgrösse das sich der Playboy unerkannt durchs heimische Dorf ins Jugendzimmer bringen lies 🙂
    Beste Grüsse von Jürgen

    Gefällt 1 Person

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