On the Prog Path (10)

Die 80er waren streng genommen KEINE Prog-Epoche. Mir fiel’s nicht auf, denn ich holte die 70er nach. Nach der Fahne tobte die NDW, dieser bitterböse Anarcho-Tsunami aus Westberlin, der wie ein Flächenbrand um sich griff, die Fenster rundrum einstieß und sowohl den ostdeutsch-lyrischen Weltall-Erde-Mensch-Rock als auch die ranzig werdenden Pseikedellik-Nebel-Phrasen des westdeutschen Krautrock hinwegfegte: Interzone, Einstürzende Neubauten, Ideal und Witt setzten Zeitzeichen!

„Als ich den goldenen Reiter schrieb, war mit jener Nervenklinik am Rande der Stadt eigentlich meine Bundeswehrkaserne gemeint.“ (Witt)

Danke Achim! Danke-danke-danke! Der also auch!

Ich graste meine zu Asche-Zeiten geknüpften Beziehungen ab, kaufte, tauschte, borgte Platten, Platten, nochmals Platten. Im Studentenwohnheim kamen nach jeder Messe-bedingten Umzugswelle neue Zimmernachbarn dazu. Paradiesische Zeit! Die Bestände waren in den frühen 80ern vorrangig die Weltklasse-Werke der 70er von YES, Who, Zappa; was eben so in den diversen Westpaketen, der Bekannten „rüberkam“.

Eins der ganz großen Highlights auf dieser Schiene war jedoch, dass ich nun auch die beiden Renft-LPs „heranbekam“. Ich nahm sie auf; gab das Band weiter, grölte von Stund an die Songs mit, wie alle. Hey! Studienort Leipzig! Renft — Leipziger! Seit 1975 verboten, aber nicht vergessen! Renftens Cäsar zog mit einer Leipziger Truppe durch die Lande, die sich den auf den ersten Blick hohlen Namen Karussell verpasst hatte. Aber der Begriff steht auch für „im Kreis drehen“/„nicht weiter kommen“. Mit denen spielte er live Oldies „seiner ersten Band“! Das heikle Erbe wurde also gepflegt. Kostprobe?

Wir wurden zu viert zu mitternächtlicher Stunde mal wieder aus dem Schönefelder „Anker“ gefegt. Ringsrum waren die Stühle bereits hochgestellt worden, was uns entgangen war, so heftig hatten wir „diskutiert“; da umwehte eine frische Brise Nachtluft unsere alkoholisch umwölkten Hirne. Zum Wohnheim war‘s ein Katzensprung. Spontan beginne ich für den Heimweg schon mal „Arbeitszeit schreit die Sirene…“ zu intonieren, in der Hoffnung auf Chorgesangsunterstützung der anderen drei in den nächsten Sekunden, als mich einer meiner erwarteten Backing-Sänger am Arm festhält und auf einen ebenso berauschten Hippie auf der anderen Straßenseite verweist, der gerade aus dem „Sächsischen Hof“ nach Hause schlingerte und die Straße lauthals beschallte mit

„Irgendwann will jeder Mann raus aus seiner Hau-ut! Irgendwann denkt er dann, wenn auch nicht laut!“

Wir kichern uns eins. Renft lebt! Einfach überall! Ob der Staat da nun ein Mitglied nach dem anderen „aus der Staatsbürgerschaft der DDR in den Westen entlässt“ oder nicht.

Ein Kommilitone besaß jene AMIGA-Hallo-Sampler aus den frühen 70ern, auf denen verstreut noch einige Non-LP-Tracks dieser DDR-Rock-Päpste zu erbeuten waren, vor allem „Zwischen Liebe und Zorn“ (Der Link führt zu einer seltenen unzensierten Live-Version)!

Renft, Yes, Who, Dylan, Hunter, Young, Danzer, Kunze, Hagen … i tutti quanti … !

Aufnehmen;  Ost-Band-Konzerte besuchen, an Diskussionsforen mit-/ Gastvorlesungen von Mitarbeitern der AMIGA teilnehmen; die ereignisreichen Jahre 81- 85, von denen musikalisch besonders die ersten beiden ertragreich waren, ließen das Archiv wachsen. Rock goes on!

Krasser Cut bei Studienende: Ab an die polnische Grenze, Absolventenverbannung, 3 Jahre Arbeitsplatzbindung nordöstlich von Bautzen. Zwangsentwestlichung? West-TV nur bei Überreichweiten, RIAS nur wenn der NVA-Stützpunkt Weißwasser seine Störgeräusche abgeschaltet hatte, keine Gleichaltrigen mit ähnlichen Interessen im ersten Jahr; im zweiten wurde uns ein weiteres Pärchen nachgeschickt; uff! Die hatten Albert Hammonds LP von der „Free Electric Band“ und Yes’ns „Tales from topographic Ocean“ im Gepäck, die mir bisher noch fehlten und freuten sich tierisch über meine beiden Jackson Browne LPs. Es ging also doch wieder weiter, wenn auch dosierter als zuvor. In den Urläuben wurden Stippvisiten auf dem Plattenschwarzmarkt in Plauen/Vogtland schöne ertragreiche Tradition. Mögen andere für Bulgarien-Reisen sparen! Ich sparte für Plauen.

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6 Gedanken zu “On the Prog Path (10)

    • Dieses „Alles von einem Label Sammeln“ war mir bis neulich ein Rätsel. Aber seit ich den Riffmaster-Blog lese, geht mir das Licht auf, wie sehr man dadurch Kuriositäten sampeln kann.

      Übrigens apropos „alles von Amiga“:

      Ich hab einen absolut amusischen Kollegen, dessen Vater Tanz-und Unterhaltungsmusiker in irgend so einem Umtata-Orchester war; musikbesessener Schlagzeuger. Dieser Kollege merkte, wie sehr ich Musicjunkie bin und sprach:
      „Was? Du bist och so’n Plattenhai? Da falln mir prompt alle meine Maryla Rodowicz Alpträume ein. Magst du die etwa ooch?!“
      Ich konnte Entwarnung geben und erfuhr, dass jener Vater in ihr wohl seine Traumfrau gefunden hatte und bei jeder Familienfeier jahrein-jahraus sein Schlagzeug aufbaute um sozusagen Karaoke zu M.R.- Platten zu trommeln, während die andern tanzen sollten.

      „Ein sympathischer Typ“, grinste ich.
      Er knurrte: „Ich ahne ooch, ihr hättet euch gemocht.“

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  1. Sparen für Plauen 🙂 das ist toll geschrieben und ich kann als Wessie sogar mitreden, war 2013 da (s. Blogbeitrag 20.3.2013) und unten sah es so aus wie Duisburg und oben…gaaanz grosse Platte und noch grössere Autogaragen…kannte ich nicht, war fasziniert und der eine Typ der dort am Importierten Uraltgolf werkelte sagte voller Stolz sie hätten den ersten Platz für die schönste Garagensiedlung Im Vogtland erreicht….ich habs natürlich geglaubt ….ansonsten war ich eher der Cassettentyp…850 Stück Metall und Chromdioxid und nächtelang Sendungen mitgeschnitten mit 2 TapeDecks und jede Liebe bekam ein eigenes Mixtape, sogar mit Mikro von mir anmoderiert…ob ich deswegen sowenig Freundinnen hatte ? 🙂
    Beste Grüsse , Jürgen

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  2. Tja…jedenfalls nicht Phil Collins (mit einer Ausnahme und natürlich die alten Genesis…das war ok) Eher sowas wie Steve Winwood…und später dann Nick Drake und noch später dann Sisters of Mercy und danach…Techno…ähem, ganz ohne Text…lief etwas besser mit den Mädchen :-)… ok, gebe zu , in der Nachschau ein etwas verwirrender Musikgeschmack…aber du bist wie die Leute um dich herum sind…etwas später dann Chat Baker und Working Week..und dann in Hamburg wieder (ganz schlimm: Hamburger Techno..) jetzt muss ich doch glatt überlegen welche Kassetten ich demnächst vor meinem Sohn verstecken muss damit mein Image als Ideavater keine schwerwiegenden Kratzer bekommt 🙂

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    • Geile Katastrophenmischung . Von Chet Baker bis Techno, oweh. naja,bei mir reichts von Bert Kaempfert bis Tödliche Doris, wer im Glashaus sitzt…. psst. Bin ja schon ruhig.
      Aber working week … wow! Dass die mal noch jemand erwähnt! Kennst du die Vorinkarnation davon Weekend? Das waren die Dame und einer von den Herren, die anschließend Working Week gründeten. „Drumbeat for baby“ und „end of the affair“ so von 84 herum? Zwei Superstücke dieses früh80er Popjazz-Trends, leider ist der Rest der CD relativ Murks.

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