Winnetou reloaded (Karl May IV)

Eigentlich wollte ich gar nicht zu jedem Teil was schreiben, aber: Es ist einfach zu großartig!

Zunächst jedoch sei dies vorausgeschickt: Ein May-Western ist kein „Der mit dem Wolf tanzt II“. Es geht hier nicht um Völkerkunde oder Echtheit. Allerdings geht es auch nicht nur um Abenteuer für die ganze Familie. Ein May-Western sollte aufgreifen, dass im imperialen Größenwahn der vorletzten Jahrhundertwende mit all seinem Überlegenheitsdünkel ein Schriftsteller erfolgreich Menschlichkeit propagieren konnte. Betonung auf erfolgreich! May konnte das und die neue Verfilmung – auch.

Werkstreue ist ihr wurscht. Der zweite Teil kommt in zeittypischem schlechten Deutsch daher:

„Winnetou – das Geheimnis vom Silbersee“. Ächz! Genitiv verrecke! Klingt fast so schlimm, wie das ständige „An Weihnachten…(kommt Winnetou ins Fernsehen)“. Aber damit hat sich‘s auch schon in Sachen Kritik. Der ganze Rest ist nur zu loben.

Berger und Rümelin schrieben das Drehbuch. Stölzl hatte die Regieeinfälle. Ein Feuerwerk der Zitate geht ab. Youngsters von heute kriegen das nicht mehr mit. Gottlob bin ich alt – und Ossi.

Wessis kennen die ostdeutsche Indianerliteratur nicht. Ihnen entgeht ungefähr die Hälfte der Einfälle:

Start: Winnetou und Old Shatterhand fangen Mustangs. Winnetou fix, Shatterhand braucht länger. Die Kamera hat somit Zeit, die Erinnerung an das Intro von „Spur des Falken“ (DEFA 1968) aufzubauen. Das war einst der spannendste der DDR – Western. Super Einstieg!

Die Helden kehren ins Indianerlager zurück. Plötzlich fällt mir die geschickt gemachte auffällig unauffällige Färbung der Zelte auf: Von oben nach unten schwarz-rot-gold! Alle! Wenn das kein Lacher ist! Ein Hinweis auf einen deutschen Western! Jetzt macht es automatisch auch Sinn, wenn Winnetous Schwester, sich wie eine emanzipierte Häuptlingin gibt. Bei den Indianern eine Medizinmännin? Ganz bestimmt nicht! Deutschland allerdings kennt das.

Nscho-tschi möchte Shatterhand indianisch ehelichen, dieser lehnt ehrerbietig ab, da er glaubt, kein Apache werden zu können. Eine ähnliche Szene gibt es in den „Söhnen der Großen Bärin“ als Toka-ihtos Schwester dem Indianer-Scout Tobias ihre Zuneigung zeigt und ebenfalls abblitzt.

Shatterhand kehrt kurzzeitig in die Welt der Weißen zurück, erfährt aber, dass seine indianischen Freunde in Not geraten sind und eilt unter Mitnahme des Henrystutzens ihnen zu Hilfe.

Allerdings spielt das Gewehr im weiteren Verlauf des Films ebenso wenig eine Rolle, wie Chingachgooks schickes Silberbüchsenplagiat 1967 im gleichnamigen DEFA-Film.

Dann kommen die Bösewichte ins Spiel; und die nächste Überraschung: Der Oberschurke ist kein „roter Cornel“, sondern ein mexikanischer Strolch mit Knarre und Gitarre, der obendrein aussieht wie Andreas Bourani und El Loco heißt. Er bekommt ausreichend Spielraum, um wirken zu können und macht deshalb eine deutlich bessere Figur als die beiden Bösewichte im 1. Teil.

Seine stümperhafte Musikalität bringt die Erinnerung an Harry Hurry aus „Chingachgook – die Große Schlange (DEFA 1967)“ auf, der sich dort in einer Szene auf den Tisch in der „Biberburg“ schmeißt und „Wer reitet so spät nach Littlefield“ anstimmt. Andererseits könnte man auch an Fonda oder Bronson denken: Hey, Bourani! Spiel mir das Lied vom Tod!

Noch deutlicher wird der Bezug zum Überwestern vom Harmonica Frank, wenn Sam Hawkens als wichtige Nebenfigur die sparsame Prostituierte Peggy besucht, der noch ein paar Dollar fehlen um einen Gemischtwarenladen zu eröffnen. Er gibt ihr das fehlende Geld und kehrt später in ihren tatsächlich eröffneten Laden zurück, wie Cheyenne(Jason Robards) zu Jill (Claudia Cardinale).

Während dort jedoch Jill als unberührbare Erotica die Leinwand beherrscht und Cheyenne (von ihr verschmäht) letztlich angeschossen stirbt, kommt hier ein Happyend zwischen den beiden ramponierten Wildwest-Zeitzeugen zustande.

Der Clou aber ist die Art, wie der Schatz einst in den See kam und auch wie er nun gefunden wird.

Winnetou und Old Shatterhand sind in Gefangenschaft von El Locos Bande und müssen für die Mexikaner tauchen. Da ihr Luftvorrat nicht reicht, konstruiert Ingenieur Karl May eine Taucherglocke aus einem großen Fass und einer Seilwinde. Die Idee stammt 1:1 aus – dem MOSAIK; Heft 172-174 und 192. Damals eine Hegen/Dräger Reminiszenz an den 1973 immer noch offiziell verpönten „Schundliteraten“ aus Radebeul. Also auch in diesem Teil der Neuverfilmung schließt sich da ein Kreis, diesmal indem zwei ostdeutsche Kulte miteinander verwoben werden.

Allerdings wird im Film trotz dieser hilfreichen Maschine noch kein Schatz gefunden. Denn noch eine Anspielung will verwoben sein: Der Zugang zur Schatzhöhle liegt unter Wasser. Ganz so wie der aus der Schloß Rodriganda-Saga, den dort Dr. Sternau findet.

Als Winnetou, Shatterhand und Nscho-Tschi aus der Höhle fliehen, kommt es zu einer Schießerei zwischen den Helden und der Bande. Winnetou erbeutet hier die Silberbüchse, die einem der Verbrecher gehörte. Dieser erwähnte kurz zuvor: Jeder Silbernagel steht für einen toten Gegner. Ganz so, wie Sans Ear in Winnetou III für jeden Erschossenen eine Kerbe in seinen Gewehrkolben schnitzt.

Schließlich sind alle Strolche tot, die Helden frei und Shatterhand wird Winnetous Schwager.

Klare Steigerung gegenüber Teil 1.

Wird’s ein Hattrick? Oder ist die Schatzkiste der Zitate nun leer?

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3 Gedanken zu “Winnetou reloaded (Karl May IV)

  1. Oho, da spoilert aber jemand ganz gewaltig, eine Warnung vorab wäre nicht ganz verkehrt 🙂

    Nachdem ich die ganze Chose bisher verpasst habe musste ich irgendwann aufhören zu lesen, um mir nicht die ´Vorfreude zu nehmen. Normalerweise hätte mich eine RTL Produktion der alten May-Schmonzetten nicht die Bohne interessiert (was eher an RTL als an Karl May liegt), aber nach Deinem ersten Beitrag stand fest, die muss ich wohl doch sehen. Mal sehen ob ich am Wochenende genug Zeit finde für Charly und seinen Blutsbruder.
    Ist die neue Nscho-tschi wenigstens ähnlich hübsch wie Marie Versini? *g*

    Gefällt 1 Person

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