On the Prog Path (8)

Achtung! Das Folgende soll ausrücklich nicht als Aufforderung zu Gewalt oder Anstiftung zu Straftaten verstanden werden. Es ist lediglich als ein Rückblick auf ein Kulturphänomen der 60er und 70er in Verbindung mit gesellschaftlichen Fehlentwicklungen jener Zeit gedacht.

Da war diese Schule im England der 60er Jahre. Mit Internat. Und ein paar kleine 13jährige Sensibelchen wurden dorthin entsorgt „zum hart und erfolgreich werden“. Sie waren zu unsportlich, um Eindruck zu schinden und zu kraftlos um sich durchzusetzen. Aber sie hatten schon vor der Einweisung Klavierunterricht aufgezwungen bekommen – und nun trug diese ungeliebte Kunstfertigkeit Früchte. Das Klavier im Aufenthaltsraum der Schule gehorchte den Teenagerfingern und so entstand etwas, was fehlende familiäre Idylle ersetzen konnte: Musik!

Peter Gabriel und Tony Banks fanden über das Klavierspielen zueinander.

Rutherford und Anthony Philips, die „härteren Typen“ wollten den Banks in der Band. Gabriel spielte zu schlecht. Banks legte ein Wort für ihn ein; mehrere Worte. Die anderen wollten „DEN“ nicht. Das Weichei. Mit der großen Schnauze… die die Schwäche kaschieren sollte.

Gabriel litt. Viel. Nicht für voll genommen werden – das kannte er schon von zu Hause. Hier setzte sich das fort. Aber die Internatshackordnung war zusätzlich erniedrigend. Und die Lehrer? Die machten einfach mit. Die Masse hatten sie so hinter sich und einer ist eben immer der Loser. Der Sonderling. Mit den Amokfantasien. Und wenn er die versuchen würde umzusetzen – wäre er dran. Dann wär man ihn los. Relegiert. Versager eben! Aber intelligente Versager wissen das eben auch. Auch sie denken bisweilen rational. Sie warten die Zeit ab und trösten sich. Mit – Musik.

„Johnny and the Hurricans „Red River Rock“ ist so ein Langzeitfav von mir. Da wird so herrlich die Orgel zweckentfremdet.“ (P.Gabriel)

Sowas fällt dir nur als zu absoluter Bravheit dressierter Internatszögling auf, der zwischen all den Quälattacken auch noch regelmäßig beten geschickt wird. Gibt es Gott? Wenn alles so schön schief gehen kann, wie gehabt?

Was wäre, wenn – der Kantor da, statt Psalm 304 plötzlich den Red River Rock spielte? DAS wär ergreifend! Das macht der nie! ICH müsste es mir schon selber trauen!

Every christian lionhearted man will show you … was auch immer! Die Bee Gees sind Heroes!

New York Mining Desaster! Von so was singen die Beatles nicht! Massachusetts! Der Bombast! So muss man spielen! Wieso findet die Weiterentwicklung der Kultur gerade unter Ausschluss der Elitenzöglinge statt? Eher Reeperbahn als Eton oder eben Charterhouse School (Surrey) … there is a job to do…

Die erste LP wird schließlich auch so klingen – und floppen.

Die Jungs wurden älter, der Abschluss stand bevor und Gabriel stieß auf ein Plattencover, das ihn ANSCHRIE! Er musste die Platte kaufen! Als er sie auflegt, ist er vorübergehend erledigt. Geplättet. Erdrückt. DIESE Wucht ist neu. DIE haben es weitergebracht, als alles, was man aus dem Radio so kannte. Diese Melotron- und Orgelwucht! Diese heidnisch geerdete Kirchenmusik: the return of the fire witch… Epitaph….und vor allem dieser atonale Wahnsinn vom kommenden schizophrenen 21. Jahrhundertmann! SEIN Thema! Alle krank! Emotionale Krüppel! Dank der Erziehung an Schulen wie seiner! Da war noch soviel unerledigter Hass!

So muss Progressive Rock klingen!

Also üben! Schließlich gehört man nicht zu den „I love you, I want you“ – Lallern aus irgend so einer versoffenen Schlosserjacken-Combo! Man hasst Charterhouse – aber man kommt nun mal „von oben“ herab: Visions of Angels (you know?)– mit Flammenschwertern!

Looking for someone! Ich sollte das endlich tun! Die Angst vorm Schwarzen Mann von früher….. Die zieht nicht mehr! Ich komme zurück und ihr werdet wissen, wer ich bin! Niemand wird mich vorstellen müssen! Ich bin einfach da! Cut !!!!!   (Gnade euch Gott!)

Trespass! Der Fehltritt! Der Hausfriedensbruch! Die Abrechnung!

„Erzähl mir, mein Leben liegt angeblich vor mir

erzähl mir was von Heldentum

Überlass MIR deine brutalen Träume

Stähle dich in Wut!

In dieser hässlichen Welt ist es an der Zeit

All das Schlechte endlich auszumerzen!

Wenn ich den Befehl gebe

Schlagen wir los

Für die Freiheit!

Steht auf und kämpft!

Das Recht ist unser!

Wir rotten sie aus, die Lügen, die sich breit machen

in unseren Hirnen wie schleichende Pest!

Bald haben wir die Macht! Und die Waffen können wieder schweigen!

Und die große Fairness wird sich ausbreiten

Unter all denen, die unsere Liebe auch verdienen.

Nun ja, ein paar von euch werden sterben müssen

Aber sie werden Märtyrer sein

Für die Freiheit, die ich euch hiermit verspreche!

Ich gebe euch die Namen all derer

Die ihr töten müsst samt ihrer Familien!

Bringt ihre Köpfe in den Palast des Alten!

Hängt sie hoch und lasst das Blut fließen!

In dieser hässlichen Welt sprengen wir nun die Ketten!

Unser Kreuzzug hat begonnen

für ein Land das seiner Helden würdig ist!

JETZT!

Alles was wir wollen ist: Frei sein! Frei sein! Frei sein!

Wir haben gewonnen.

Einige von euch mussten sterben

Als Märtyrer für die Freiheit, die ich verkünde(n) wollte…!

(the knife/Genesis 1970)

Er ächzt den letzten Vers in den Schlussakkord. Aber jener Rädelsführer ist allein. Alles was er hat, ist ein Taschenmesser. „The Knife“ heißt der Song.  Nichts da mit Kreuzzug und Aufbegehren. Das Messer steckt auf der Coverillustration in — einem Gemälde. Mach kaputt, was dich kaputt macht! Dieser Tipp wird Nachahmer finden. „Alte Meister“ der Malerei haben mit Bildung zu tun. Und Bildung nervt. Weil Lehrer schikanieren. Klassenkameraderie gibt es nicht. Höchstens Bandenbildung! Unterdrückungshierarchien. Die frühen 70er erleben Anschläge auf Kunstwerke, fast überall in Westeuropa…niemand versteht die Täter… nur der kleine Peter da aus dem Schulinternat…der sich nun in der Gestalt eines jungen großen Erwachsenen mit Wallemähne versteckt… Es gibt sehr viel Elend da draußen, was die Schule so ins Leben kippt!

Der Song ist ein Rockmonster von der ersten wirklichen Genesis-LP 1970; „for those that trespass against us“. Der Aufschrei eines 20jährigen.

Mitgefühl mit dem Underdog. Wer als Außenseiter die Internatsjahre überstanden hat, der weiß, warum ihm solche Verse aus der Feder fließen und der singt sie selbst – mit Inbrunst. Sein Kompanion schuf die galoppierende Soundwand, die plötzlich steht, an der die Worte splittern.

Und wer mit 21 seine NVA-Zeit endlich rum hat und zu Hause DIESE Platte hört – versteht ihn!

015

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10 Gedanken zu “On the Prog Path (8)

  1. Mann, Mann, schon wieder so ein Waaaahnsinnstext, ich könnt mich reinlegen…! Muß dringendst wieder Peter Gabriel hören…dringendst!
    Komm, bitte schreib weiter!
    Ich möcht mehr davon,
    MEHR!

    Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

  2. „red river rock“ von johnny & the hurricanes, ein instrumental! hatte ich auf einem knallgelben 20 greatest rock’n roll hits von bellaphon. es gab damals an den wochenenden feten in einem riesigen leerstehenden brauerei-gebäude an der schützenstraße, das war 1973/74 rum, wir waren 13, eigentlich waren ja t.rex und gary glitter chef im ring, aber wenn die alte „red river rock“-nummer aus den 50ern lief, sprang alles auf und tanzte wilden rock’n roll, durch die beine gezogen, entengang, der ganze heisse mist. und scheisse, ja, die wände waren feucht.

    Gefällt 1 Person

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