Eine Blogger-Tour

Looking for someone

I guess I‘m doing that (…)

Nobody needs to discover me

I’m back! Again! (Genesis)

Nun ist es eine Woche her, dass ich „fremde Leute“ durch mein Jugendidyll geführt und gefahren habe.

Mitten in meiner Progrock-Revival-Phase veranstaltete ich ein Bloggertreffen.

In den letzten anderthalb Jahren des Bloggens kamen mir immer mal wieder Zweifel, ob „Memoiren eines Unbekannten“ überhaupt irgendjemand interessieren könnten. Nachdem dies der Fall zu sein schien, kam der nächste Schritt: Guck doch mal, wie diese virtuellen Bekanntschaften live und in Farbe auf dich wirken. Überraschung inclusive: Auf Grund einer nachvollziehbaren Verkettung von Umständen kamen letztlich nur 2 von 4 Zusagern. Was zunächst nach halber Katastrophe aussah, entpuppte sich als hilfreicher Zufall: Weniger ist mehr. Je kleiner der Kreis umso gehaltvoller die Gespräche.

Am Freitag gab‘s als Vorprogramm erstmal die Neuenburg an der Unstrut von außen. Sodann zurück in Naumburg den Dom von innen, nebst Stadtführung a la Bludgeon.

Am Samstagvormittag die Rudelsburg inclusive sämtlicher wiederauferstandener Denkmale, deren Reste zu Ostzeiten den Bestaunern manche Rätselnuss zu knacken gaben: Wieso steht da ein weißer Obelisk in der Landschaft mit der Inschrift „Pfingsten 1890“ und sonst nichts? Was war da? (Kein Hinweis auf Kaiser Wilhelm I. Nirgends.) dsc03351burgenlandWas soll der steinerne Löwe dort an der Felswand? Die Pylonen mit den Widmungstafeln – verschollen.

1951 wurden alle Gedenktafeln beseitigt, sowie das komplette Bismarckdenkmal, bis auf die rätselhaft „verkehrt herum stehende“ Steinbank.dsc03314burgenland

Der Glanzpunkt von kleinen Mannes Gegenwehr gegen die verordnete Kulturrevolution aber ist – Dienst nach Vorschrift: Jenes „reaktionäre Gedankengut“ sollte weg. Die Tafeln verschwanden befehlsgemäß, nicht aber die steinernen Menetekel von 1872, 1890, 1896 und 1926, die zu Legenden wurden. „Doas sinn Krichor-Denkmälor jewäsn von de Gorbschdudendn!“ wussten die diversen Wirte der Burg im Laufe der Jahrzehnte mal geradeso noch mitzuteilen.

Wir fuhren noch auf die andere Bergseite zum „Himmelreich“, um das Burgenpanorama von Rudelsburg und Saaleck auf einen Blick zu genießen. Schließlich rollten wir buchstäblich den Prog Path hinab, stilecht mit passendem Sound (Genesis „Afterglow“); auf dem Weg zurück in die St.Wakeman-Kathedral, to hear some YES.

Böse Zungen behaupten, die Kirche hieße St.Wenzel und die Stücke stammten von Bach (sen.) und Bach (jr.). Psaw!

Anschließend Mittagessen und Kaffee auf der Schönburg, die so aussieht, wie sie heißt. dsc03412burgenlandSo können Kitas aussehen! 1965. Es war nicht alles schlecht…

Abschließend dann ein Zufallstreffer der ganz besonderen Art: Nach Abreise von Arabella und Mann versuchten wir beiden verbliebenen Spurensucher unser Glück spontan in der „Kleinen Bühne“, dem kleinsten Theater Deutschlands, das sich trotz widriger Umstände in der Stadt seit Vorwendezeiten halten konnte. Wir hatten absolutes Glück: Von den 80 Plätzen erwischten wir die letzten beiden Karten und erlebten eine Aufführung von Yasmina Reza’s „Kunst“, die auch sofort deutlich werden ließ, weshalb diese 80 Plätze fast ständig ausverkauft sind: Es war viehisch gut!

Bludgeon verblüfft zwischendurch zur Leserin: „Die werten da gerade unsern Tag aus.“

Leserin ebenso erstaunt zu Bludgeon: „Das ist kein Provinztheater. Das hat richtig Niveau!“

Dank an Leserin, Arabella und Gärtnergatte für eine perfekte Zeit.

Alle Fotos stammen von meiner Recherche-Tour im August. Die Herbstvarianten finden sich hier.

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12 Gedanken zu “Eine Blogger-Tour

  1. Ankommen am Bahnhof einer Stadt mit deutschem Namen im gefühlten Ausland.
    Erwartet werden. Ein offener Geist und ein warmes Herz. Der Idealfall.
    Chauffiert werden durch die Weinberge einer lieblichen, überraschend fränkisch anmutenden Landschaft. Die zweite Annäherung an eine unbekannte Stadt und an einen unbekannten Menschen. Beim Überqueren der Saale sinnlich spürbar die Kraft des Ortes.

    Der Naumburger Dom. Schönheit, die sich entfaltet in Klarheit, Kraft und Einhüllung. Durch einen Lettner buchstäblich zweigeteilt in eine spätromanische und eine frühgotische Hälfte: steingewordenes Zeugnis von Übergang, Entwicklung, Zeitenwende. Geführt von einem Geschichts- und Ortskundigen, in dem noch die Bilder seiner Kinderaugen leben. Der nächste Idealfall.
    Die Stadt eine schlafende Schöne. Man wünscht ihr irgendwie, dass ein Prinz käme und sie wach küsste. Sie irgendwie „in die Zeit nähme“ und von einer Vergangenheit in eine Zukunft führte.

    Am nächsten Tag die Bekanntschaft einer Bloggerin, deren Blog vergleichsweise am Rand meines Bloguniversums liegt: Arabella, mit ihrem netten Mann und einem hausgemachten, köstlichen Tröpfchen von allein schon berauschender Farbe. Ein angenehmer und bereichernder Tag zwischen alten Mauern und Bäumen, der Welt (ehemals) schönster Kita, Ausblicken auf das Postkartenidyll Saaletal, gutem Essen, anregenden Gesprächen und einem erlesenen Orgelkonzert.

    Am Abend „Kultur“. In einer winzigen Stadt, in einem winzigen Etablissement großes Theater.
    Spätestens da war es endgültig magic.

    Danke, Bludgeon

    Gefällt 3 Personen

    • Jau, deinen Beitrag damals hatte ich ja gelesen und ihm staunend entnommen, dass die Wiederauferstehung der Denkmale an der Rudelsburg wohl abgeschlossen ist. Ich war, abgesehen von neulich (im August) vorher auch lange nicht dort oben.

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  2. Pingback: Mattotaupa fährt heim | toka-ihto-tales

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