On the Prog Path (6)

Adaptionen war ich verfallen. Sie schienen mir anfangs eine Brücke zu sein zwischen den Hörgewohnheiten der Eltern: Verdi und Puccini rauf und runter – und der postpresleyanischen Ära, in der ich aufwuchs. Mit dem Philly-Sound ging es mir – der Geigen wegen – ähnlich. Allerdings hat das nie funktioniert. Zu einem gemeinsamen Musikgenuss mit den Eltern ist es nie gekommen. Eine Fraktion hätte sich immer sehr verleugnen müssen. Der zweite Aspekt war, dass man als Teil der ausgesiebten Schülerschaft der „höheren Schule“ trotzdem nicht hundertprozentig mit dem musikalischen Erbe „der Väter“ brechen wollte, obwohl klassische Arien aller Tonlagen eindeutig nervten. Instrumental aber konnte man klassische Elemente in die Rockmusik retten und sich niveauvoll und irgendwie bürgerlich fühlen, mitten im Proletarier-Kult der DDR.

The Nice waren die Auslöser, gefolgt von Ekseptions „a la turka“. Diese Nummer fand ihren Weg in die Bestände mehrerer „Schallplattenunterhalter“ der Zeit und war ebenfalls eins der Stücke, die einst über den grünen Bürgergarten-Hang dröhnten. Mit Mozarts musikalischer Hoppelei hatte ich es in der Folgezeit allerdings nicht so. Ekseption bauten mir eher eine Brücke zu Bach und Beethoven, weil die D-Moll-Fuge und „the 5th“ zeitgleich mit dem Unterrichtsstoff nun verrockt im Rundfunk auftauchten. Unser Musiklehrer hatte 2 Söhne etwa in unserem Alter und somit etwas Kontakt zum Zeitgeschmack. Er spielte die originale Bach-Fuge von Platte und sprach:

„Klingt wie Deep Purple, is’aber Bach. Hatter doch gut geklaut; damals; 1703.“

Beethovens 5. wurde uns so erklärt:beethoven

„Di-di-di-taaah! Das Leitmotiv der Schicksalssinfonie. Da hört man das Schicksal anklopfen, bevor es die Tür eintritt. Heute würde Beethoven, stocktaub, wie er war, dafür E-Gitarren nehmen. Damals hatte er eben nur Geigen. Klingt doch aber auch schön, oder?“

Eine Oldiessendung brachte dann an den Tag, dass Nice mitnichten die Erfinder von Adaptionen waren, sondern dass Mr. B. Bumble and the Stingers schon 1964 mit dem „Nutrocker“ einen Hit landeten, der eigentlich aus Tschaikowskis Nussknacker-Suite stammte. Hinter dem eigenartigen Pseudonym verbarg sich Floyd Kramer, der zuvor schon mit Klavierinstrumentals erfolgreich war und in den 60ern der Hauspianist von Elvis wurde, bevor er in den 70ern die Erkennungsmelodie der „Dallas“-Serie komponierte und ausgesorgt hatte.

Electra brachten 1976 ihre 2. LP heraus und traten damit in die Fußstapfen von Emerson Lake & Palmer, indem auch sie nun eine Platte draußen hatten, die ausschließlich aus Adaptionen bestand. Mit von der Partie waren „Bourée“ und „a la turka“. Zwei Melodaien, die daraufhin etwas totgesendet wurden, mal als Westoriginale, mal in der electra-Fassung. Glanzstück der Platte wurde eh die 13minütige Borodin-Suite, die niemand sonst im Programm hatte.

Und da war noch so eine Ostkomposition, die erst im Westen auffallen musste, bevor sie im Ostrock zu Ehren kommen konnte: Aram Chatchaturian (Armenier/Sowjetunion) hatte in den 40ern eine Ballettmusik komponiert, deren einer Bestandteil der kurdische „Säbeltanz“ war. Ein Dauerbrenner für adaptierwillige Bands: Love sculpture (Dave Edmunds erste Band) spülten ihre Variante 1969 in westliche Hitparaden, die Puhdys coverten diese Fassung um’73 herum und electra nahmen wieder Gitarren raus und packten Keyboards rein, damit sie stilsicher zu ihren anderen Adaptionen passt. Außerdem will mir scheinen, dass auch Nazareth den Säbeltanz gehört haben müssen, kurz bevor sie den Titelsong ihres Expect no mercy Albums komponierten.orgelwerke

Christian schleppte mich eines Tages in die große dustere Stadtkirche zum Orgelkonzert. Dort bekam ich vollends den Wakeman-Hack! Obwohl die Kantorin äußerlich überhaupt keine Ähnlichkeiten mit ihm hatte! –  Aber diese monströse Sintflut aus Orgelwellen hallte in mir lange nach und machte mich prompt zum Stammgast bei allen weiteren Konzertterminen dort. Christian war längst wieder anderswo zu Gange. Ich musste immer wieder hin: Was – Reger, Schütz und Bach? Für mich waren das allzeit YES-Ersatzkonzerte, schon bevor ich überhaupt einen Ton von denen kannte. Die magere Wakeman-Erfahrung machte es möglich. Die anheimelnd düstere Kirche tat ein Übriges. Leider wurde sie nach der Wende sehr hell renoviert.

Die schönste Stadt der Welt unternahm nur ein einziges Mal den Versuch, sich in die Annalen der Rockgeschichte einmeißeln zu wollen. Ab 1978 machten Passion von sich reden. Eine weitere Artrock-Band hatte das werden sollen. Mit anspruchsvollem Programm bestehend aus Gentle Giant- und Orlando di Lasso-Bauteilen. Westdeutsche Sporenelemente von „Ougenweide“ klangen ebenfalls an. Es hätte gut in die Domstadt gepasst, nicht aber in die Zeit. Sie kamen 5 Jahre zu spät. Draußen lobhudelt man The Police und Talking Heads und drinnen tut man so, als wären die artrockigen frühen 70er immer noch nicht tot – das ging leider nicht mehr auf.

Auf einer Newcomer-LP der Kleeblatt-Reihe von Amiga durften sie um 1980 herum 3 hörenswerte Titel verewigen: Kerzenlicht, Apfellied, Herzallerliebstes Mädel – das war’s! Leider.

sabeltanzVor 2 oder 3 Jahren flatterte mir dann eine CD namens „SäbelTANZ!“ ins Archiv.  Sie beginnt hart mit dem Säbeltanz der Puhdys und endet filigran verspielt mit derselben Nummer im Fusionjazzgewand von electra. Von deren 8 „Adaptionen“ von 1976 tummeln sich hier insgesamt 5.

Man entfernte „Bourée“ und „a la turka“, sowie die 1976 schon leicht missglückte Nummer „Bach‘75“ und füllte dann das LP-Rudiment mit lauter Adaptions-Raritäten anderer Bands auf. Eine davon: Passion – „Herzallerliebstes Mädel“!

Und wenn ich sie höre, sind plötzlich wieder späte 70er. Ich sitze im „Chrosn Gino“ im Konzert von electra oder Passion; höre zu und weiß, — was kommt.

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4 Gedanken zu “On the Prog Path (6)

  1. Herrlich. Wenn ich hier in meinen Gefilden weit zurückgehe, dann fällt mir als erstes die aus der Stuttgarter Region kommende Badn ‚Anyone’s Daughter‘ ein. Mann, wie hieß denn die Platte…. ‚Pictors Verwandlung‘ meine ich. Die hatten schon Potential, aber das wars dann auch.
    Interessanter Titel: ‚On the Prog Path‘, da hab ich auch meinen eigenen Spezialweg, wenn ich so drüber nachdenke.

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